31.01.1972

FERNSEH-MAGAZINEUnten rütteln

Das kritischste Jugendmagazin des deutschen Fernsehens kommt vom ZDF. Mit einer Entschärfung von „Direkt“ wird allerdings gerechnet.
Millionärssöhnchen aus dem Internat Salem fordern: "Die Studenten sollen aus Arbeitern und Bauern mit praktischer Erfahrung gewählt werden": Lehrlinge agitieren gegen "Ausbeutung statt Ausbildung" -- das ZDF-Jugendmagazin "Direkt" ist so links wie sonst keine Sendung aus Mainz.
Einmal im Monat, samstags um 18.45 Uhr, machen 15- bis 25jährige, die dem ZDF nicht angehören, ihr eigenes 45-Minuten-Programm. Sie machen es, wie der Jugendredakteur Helmut Greulich, 44, sagt, "ohne den kleinen Zensor im Hirn, den unsereins bewußt oder unbewußt mit sich schleppt". Bis zur Endfassung am Schneidetisch bearbeiten und kontrollieren die Lehrlings- und Schülergruppen ihre eigenen Beiträge. meist Zehn-Minuten-Features -- das ZDF stellt für "Direkt" lediglich das technische Personal.
So konnte beispielsweise am Samstag letzter Woche die DGB-Jugendgruppe Lauterbach in Oberhessen mit harten Worten die miserablen Berufschancen der Landjugend beklagen. Protestsänger Dieter Süverkrüp hatte für das Lauterbacher Lamento ein Lied beigesteuert: "Ehe sich oben was rührt. muß man unten dran rütteln."
Ebenfalls am Samstag letzter Woche überreichte auf Schloß Tremsbüttel der rechtsgerichtete Bauer-Verlag ("TV Hören und Sehen") dem linken Jugendmagazin einen "Goldenen Bildschirm der Fernsehkritik". Beweggrund für die unabhängige Kritiker-Jury-. "Leuten, die es schwer haben in den Fernsehanstalten, muß man das Leben etwas leichter machen", so Jurymitglied Manfred Delling, "denn diese Sendung ist doch im ZDF ein Fremdkörper."
Das empfinden auch Stamm-Seher des ZDF: "Nun auch im ZDF solche Sendungen". protestierte Johannes Boerner aus Berlin. "armes Deutschland". Denn durch "das ganze Getue dieser auch so überforderten Jugend", ängstigte sich Walter Essebier aus Landau in der Pfalz, "wird unser Volk für den Kommunismus sturmreif gemacht".
Ähnliche Reaktionen hatten vordem nur ARD-Jugendsendungen ausgelöst
wenn auch nicht lange: Das Magazin "Bildstörung", für den Bayerischen Rundfunk von 18- bis 20jährigen Gymnasiasten produziert. wurde eingestellt. nachdem Franz Josef Strauß auch im Jugendfunk das "Gift der Hetze" entdeckt hatte. Ebenso erging es "Zoom" vom Südwestfunk und "Baff" vom Westdeutschen Rundfunk.
Radio Bremens "In" wird an kritischen Stellen verstümmelt; das "Tele-Skop" aus Berlin stellt Jugendgruppen nach Proporz vor; der "Jour fix" des Süddeutschen Rundfunks begnügt sich damit, für die Einrichtung behördenunabhängiger Diskussionszentren zu werben, und verzichtet darauf, selbst heiße Themen aufzugreifen.
Das tat "Direkt" in seiner ersten Folge gleich mit solcher Vehemenz, daß Programmdirektor Viehöver nach einer Vorbesichtigung den für April letzten Jahres vorgesehenen Start des Jugendmagazins zunächst einmal um drei Monate verschob und zwei Filme absetzen ließ: Münchner Lehrlinge hatten vor einem Lenin-Bildnis für eine neue Arbeiterbewegung geworben, ZDF-Autoren die ZDF-Western-Reihe "Big Valley" kritisch durchleuchtet. Viehöver wollte sich selber "nicht in den Arsch treten", sagt "Direkt"- Redakteur Peter Rüchel, 34.
Seit "Direkt" im Programm ist, sieht sich SPD-Mitglied Viehöver jede Folge des jungsozialistischen Magazins vor der Sendung an. Doch seltsamerweise fanden selbst katholische CDU-Mitglieder im Fernsehratsausschuß für Jugend. Bildung und Erziehung (Durchschnittsalter: 66 Jahre) lobende Worte für die jungen Linken und ihre flott gemachte Sendung. die mittlerweile von sechs Millionen Zuschauern betrachtet wird. Dieter Stolte. CDU-naher Chef-Planer und Vorsitzender der ZDF-Festival-Kommission, meldete die "Direkt"-Sendung vom 4. Dezember -- ehemalige Strafgefangene rekonstruierten ihre Hafterfahrung im Jugendgefängnis -- sogar für den Adolf -Grimme-Preis an. Das hat den Jugendlichen neuen Auftrieb gegeben: Mutiger und bewußter geworden, teilten beispielsweise Mitglieder der Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Jugend in der Neujahrssendung Tricks für die Herausgabe von Betriebszeitungen mit. Das Deutsche Industrieinstitut protestierte daraufhin gegen "eine Politisierung. die auch nach dem neuen Betriebsverfassungsgesetz verboten ist". Da die zehnte "Direkt"-Sendung, im März, dieses Gesetz -- rechtzeitig vor den Betriebsratswahlen Anfang April -- analysieren will, glaubt einer der "Direkt"-Produzenten. Bernd Schütze, 34: "Vorher geht der Ofen aus."
Ein Ofen-Putzer mit Erfahrung ist in Sicht: Als neuer Leiter des ZDF-Kinder- und Jugendprogramms empfahl sich Ernst Emrich, 41. Er behob schon die "Bildstörung" beim Bayerischen Rundfunk.

DER SPIEGEL 6/1972
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