24.01.1972

PHILIPPINENRache der Ratten

Auf der Philippinen-Insel Mindanao wütet ein Religionskrieg zwischen Christen und Moslems.
Neben ausgebrannten Hütten bleiben -Reisfelder unbestellt. Aus den Städten flüchten die Menschen. Verstümmelte Leichen verwesen auf den Straßen: Auf Mindanao, der zweitgrößten Philippinen-Insel, wütet ein Religionskrieg zwischen Christen und Moslems.
Mindanao" einst "Land der Verheißung" genannt, wurde von Söldnern der Christen, den "Ratten", und Moslemkriegern, den "Schwarzhemden" und "Barrakudas", in eine Hölle verwandelt.
"Geistliche Führer wurden getötet und zerstückelt. Ihre Organe wurden ihnen in den Mund gesteckt", klagte der philippinische Moslem-Gelehrte Professor Ibrahim Ismael.
"Schwangeren Frauen wurden die Bäuche aufgeschlitzt. Kindern wurden Arme, Beine und Ohren abgetrennt, damit die zukünftige Moslemgeneration aus Monstren besteht."
Tausende fielen der religiösen Raserei im fernöstlichen Inselreich schon zum Opfer. Die Verfassung der Philippinen sieht weder eine Staatsreligion vor noch bevorzugt sie eine Religionsgemeinschaft. Aber mit 90 Prozent der 38 Millionen Filipinos stellen die Christen die übergroße Mehrheit. Auf Mindanao lebten vor fünfzig Jahren noch doppelt so viele Moslems wie Christen. Heute aber sind 60 Prozent der Inselbewohner Christen, nur noch 40 Prozent Mohammedaner.
Die Regierung hatte nach Erringung der Unabhängigkeit vor 25 Jahren den meist christlichen Landarbeitern und Wanderarbeitern aus dem Norden der Philippinen eigenes Ackerland auf der fruchtbaren Moslem-Insel im Süden versprochen. Die Moslems versuchten diese Siedlungspolitik ebenso zu verhindern wie den Landerwerb von reichen christlichen Filipinos aus Manila -- erfolglos. Schließlich riefen sie zum "Heiligen Krieg" gegen die andersgläubigen Eindringlinge. Die Armee stellte sich auf die Seite der Christen -- sie ist fast ausschließlich christlich. Moslem-Offiziere gibt es ebenso wenige wie hohe Moslem-Beamte.
Organisierte Christen-Banden rächten sich mit Ferne-Morden an den Moslems. Augusto Encarnación, ein Einsatzleiter der Kriminalpolizei, gab zu, daß Beamte in Mindanao Banditen für den Moslem-Mord engagiert haben. Sie nannten sich Ratten. "Wir wurden nach der Zahl von Ohren und Augen der von uns getöteten Moslems bezahlt", gestand die abgesprungene "Ratte" Devoroh Ampaso.
Zunächst versuchen die "Ratten", Moslems zum Christentum zu bekehren. Weigerung bedeutet Tod. Moslemische Ferne-Krieger schlugen zurück. Unterdessen wagen sich auf Mindanao weder Moslems noch Christen auf die Straßen. Feldzüge der Ratten wechseln mit Vergeltungsaktionen der Moslems, denen arabische Staaten Geld für Waffen schickten.
Die Schuld an dem Gemetzel steht für den christlichen Bürgermeister Cabili von Iligan fest: "Die Moslems begannen die Kämpfe. Sie sind dumm und primitiv. Sie respektieren die philippinischen Gesetze nicht. Daher müssen wir sie vertreiben."
Die Moslems kontern: "Wenn wir für die Kämpfe verantwortlich sind, warum brannten dann 300 Moscheen und keine einzige christliche Kirche ab?" fragte der Moslem-Abgeordnete Pendatun.
Der Vize-Präsident und Multimillionär López schlug die Errichtung von Moslem-Reservaten vor -- "in denen uns die Ratten dann jederzeit greifen können", kommentierte Pendatun.
Die Moslems wollen weiter für ein unabhängiges Mindanao kämpfen. "Mindanao ist unsere letzte Zuflucht". klagte der Moslem-Abgeordnete Dimaporo: "Wir haben keine andere Wahl."

DER SPIEGEL 5/1972
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