24.01.1972

SCHRIFTSTELLERDarum, darum

In drei gleichzeitig erschienenen neuen Büchern geben deutsche Schriftsteller Auskunft über sich selbst und ihr Werk.
Heinrich Böll braucht zum Schreiben "eigentlich nur einen Tisch, der nicht wackelt ... und in der Nähe eine Gelegenheit, mir die Hände zu waschen". Wolfgang Hildesheimer legt "zwanzig Patiencen, bevor ich anfange. einen Satz zu schreiben". Martin Walser schrieb einst, bevor er ein richtiger Schriftsteller wurde, für den Süddeutschen Rundfunk die "Nörgelecke der Hausfrau".
Nun weiß man's. Und noch viel mehr von solcher und auch anderer Art, etwa über Hans Erich Nossacks literarische Vorlieben ("Auf Camus fliege ich sozusagen") oder Wolfdietrich Schnurres politische ("Die Regierung gefällt mir"), Wissenswertes und auch anderes also über Deutschlands Dichter en masse -- denn gleich drei Bücher auf einmal sind in dieser Saison erschienen, die "Autoren über sich und ihr Werk" (so ein Untertitel) Auskunft geben lassen:
* "Protokoll zur Person" enthält Interviews, die der Stuttgarter Radioredakteur Ekkehart Rudolph mit Autoren -- von Bender bis Wohmann -- im Süddeutschen Rundfunk veranstaltet hat (List Verlag; 160 Seiten; 14,80 Mark).
* "Selbstanzeige", herausgegeben vom WDR-Redakteur Werner Koch, sammelt Zwiegespräche, die Kritiker und Schriftsteller mit Schriftstellern -- von Baumgart bis Rühmkorf -- im III. Programm des WDR-Fernsehens führten (Fischer Taschenbuch Verlag; 124 Seiten; 4,80 Mark). > "Motive", ediert vom Reutlinger Lyriker Richard Salis, vereinigt "Selbstdarstellungen deutscher Autoren", von Andersch bis Zwerenz (Erdmann Verlag; 392 Seiten; 24 Mark).
Aus diesen Neuerscheinungen ist also nun zu lernen, etwa, daß Wolfgang Koeppen sich selber "nicht für vergnüglich" hält, daß Böll kein Tagebuch führt oder daß es immer schon Dieter Lattmanns "Idee war, mit einer Schreibmaschine und einer gewissen Nachdenklichkeit meine Existenz zu bestreiten" -- dies eine der "Selbstdarstellungen" im "Motive"-Band.
Jene dickste der drei Sammlungen bietet Schriftsteller-Antworten auf die Umfrage des Herausgebers Salis: "Warum schreiben Sie?" -- solche Antworten auf diese wahre Ur-Frage zum Beispiel: "Weil ich sah, wie die Zeit Figuren und Handlungen in die Sprachlosigkeit reißt" (Peter Härtling); aber erfreulicherweise auch solche: "Darum, darum" (Hans Werner Richter).
Etwas ergiebiger als die "Motive"-Forschung sind da schon die beiden Interview-Anthologien.
Da äußert Elias Canetti Erhellendes zu Entstehung, Komposition und Bedeutung seiner Werke und erzählt außerdem, daß er seiner Mutter zuliebe Schriftsteller geworden sei: "Ich merkte, daß Dichter meiner Mutter die wichtigsten Menschen auf der Welt waren."
Da enthüllt Heinrich Böll, daß sein Roman "Ansichten eines Clowns" eine "Fortschreibung" der 1960/61 von ihm mit herausgegebenen, nach wenigen Nummern eingegangenen Zeitschrift "Labyrinth" gewesen sei, des Romans "mythischer "plot' die Sage vom Labyrinth ... Theseus als Clown, Ariadne als Marie und der politische und theologisch-gesellschaftliche Katholizismus im Nachkriegsdeutschland als vom Minotaurus beherrschtes Labyrinth".
Da bekennt Gisela Elsner -- zum hübsch spürbaren Erschrecken ihres Radio-Interviewers -- ihre Sympathie für den "Sozialismus, wie er beispielsweise in der DDR praktiziert wird". und sie bleibt dabei: "Gewisse Unannehmlichkeiten, die sich dort für den oder jenen Dichter ergeben. die sollte man nicht dermaßen in den Vordergrund rücken, denn die Dichter sind ein sehr geringer Teil der Gesellschaft." Häufiger sind freilich Auskünfte wie die, daß Günter Graß für die parlamentarische Demokratie eintritt oder daß für Jürgen Becker "das Problem Zeit ... eines der ganz großen Motive meiner Arbeit ist".
Auch nicht ganz überraschend, dafür aber wenigstens spaßig geriet der Beitrag Günter Eichs zu den "Selbstdarstellungen deutscher Autoren" -- Herausgeber Salis nahm den Absagebrief ins Buch auf: "Sehr geehrter Herr Saus", schrieb Eich, "herzlichen Dank für Ihren Brief. Aber ich kann nicht mittun. muß schon seit über 60 Jahren mit mir leben und habe kein Interesse für mich ..."
Demnächst erscheint bei Hanser ein neues Buch: "Jemand, der schreibt", Selbstdarstellungen deutscher Autoren.

DER SPIEGEL 5/1972
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