08.05.1972

AUFKLÄRUNGStört nicht mehr

Gesundheitsministerin Käte Strobel startet in dieser Woche die erste staatliche Aufklärungskampagne zur Empfängnisverhütung.
Käte Strobel, 64, will Westdeutschlands Jung- und Ehefrauen die Angst vor der Liebe nehmen -- mit Steuergeld und ministeriellem Rat.
Nachdem Justizminister Gerhard Jahn mit einer vorsichtigen Reform des Abtreibungsparagraphen 218 im Parlament zu scheitern droht -- er hatte mit seiner Novelle die Dunkelzahl der jährlich über 500 000 illegalen Aborte senken wollen -, springt nun die Kollegin aus dem Gesundheitsressort ein. Denn, so befand die Lebenshelferin: "Man geht im Intimbereich immer ungezwungener miteinander um. Die Folgen sind nur zu oft Muß-Ehen."
Mit ganzseitigen Anzeigen in Funk- und Frauenzeitschriften ab Mitte dieser Woche rät die Familienplanerin, deren Sexualkunde-Atlas wegen seiner lustlosen Tendenz auf wenig Gegenliebe stieß, ungeniert zur Anwendung von Pillen und Pessaren. von Schaumtabletten und Sprays. Auch empfängnisverhindernde Gelees fanden vor der Ministern Gnade.
"Viele Männer wissen Bescheid". so beginnt die Schlagzeile der amtlichen Aufklärungs-Annonce, "trotzdem müssen viele Paare heiraten. weil ein Kind unterwegs ist. Wie kommt das?"
Ausführlich wird alsdann aufgeklärt, daß "die Pille durch Wissenschaft und Erfahrung das sicherste Mittel unserer Zeit" sei. Auch Unsicheres findet Beachtung: "Man sollte sich auch über Zeitwahl (Knaus-Ogino) und Temperaturmessung genau informieren."
Weil "unsere Zielgruppe die Mittel und Unterschicht" ist. erläutert Strobel-Mitarbeiter Horst Thimm die eine Million Mark teure Kampagne, "mußten wir uns möglichst verständlich ausdrücken".
Den Verlegern der Bilder-Blätter "Frau im Spiegel" und "Gong" freilich war das freie Wort gar zu frei. Sie nahmen Anstoß an Kernsätzen wie: "Em Präservativ ist ein sehr fortschrittliches Verhütungsmittel. Neue Materialien und Herstellungsverfahren haben den Präservativ so verändert, daß er nicht mehr stört". und lehnten den Druck der Minister-Anzeige ab. Thimm wundert sich: "Obwohl wir über 50 000 Mark gezahlt hätten."
Unverdrossen setzt das Gesundheitsministerium dennoch auf den Erfolg seiner "Aktion Wunschkind". Zusätzlich zu dem Anzeigen-Appell ließ Käte Strobel von der Kölner Werbeagentur McCann farbige Broschüren mit einer Auflage von 700 000 Stück drucken. Gewissenhaft und detailliert beantworten darin Strobel-Beamte und -Zuarbeiter Fragen wie: "Kann ein Mann, der sich sterilisieren läßt, den Geschlechts verkehr ausüben?"
Auch in den Vertrieb der Aufklärungsheftchen (Titel: "Unsere Kinder sollen Wunschkinder sein"> schaltete die Ministerin Staatsstellen ein. Jeder, der seine Sex-Sorgen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln anvertraut, bekommt das Verhütungs-Brevier kostenlos zugeschickt. Die unverfängliche Adresse sichert der mit einem Grußwort von Käte Strobel verzierten Sexual-Fibel nach Ansicht der Gesundheitsbeamten das Interesse auch jener Wißbegierigen, die sich bislang an aufklärungsbeflissene Versandhäuser nicht wenden mochten.
"Post vom Gesundheitsminister zu bekommen", so mutmaßt Aufklärer Thimm, "ist sicher für viele weniger verfänglich als etwa von Beate Uhse." Auch für das nächste Jahr haben sich Frau Strobel und ihr Thimm viel vorgenommen: 1973 soll in den Großstädten ein Telephon-Ansagedienst mit Tips zur Empfängnisverhütung organisiert werden.
Widerruf
Wir widerrufen hiermit die in der Nummer 33 vom 10. 8. 1970 aufgestellte Behauptung, der Bayerische Ministerpräsident lade den Passauer Zeitungsverleger Dr. Hans Kapfinger nur unter der Vorbedingung zu Veranstaltungen ein, daß von der Einladung kein Gebrauch gemacht wird.

DER SPIEGEL 20/1972
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