08.05.1972

BIERGroßer Schluckverbund

Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank erwarb die Mehrheit der Dortmunder Union-Brauerei und wurde damit Deutschlands größter Bieraktionär.
Mit "sensationellen Neuerwerbungen", so erzählte Anton Ernstberger, 61, Chef der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank. Ende März auf einer Pressekonferenz, sei künftig nicht mehr zu rechnen.
Vier Wochen später machte der bayrische Bankier, der seinen aggressiven Geschäftsdrang mit Verschmitztheit abdeckt, in Düsseldorf eine voluminöse Neuerwerbung. Im Parkhotel an der Königsallee wurde er Ende April mit einem Hamburger Konkurrenten um die Beherrschung der größten deutschen Brauerei handelseinig. Von Rudolf Schlenker, dem Manager des Hamburger Reemtsma-Konzerns, erwarb Ernstberger eine Schachtelbeteiligung (etwas mehr als 25 Prozent des Kapitals) an der Dortmunder Union-Brauerei AG (DUB).
"Fusionsvater Ernstberger" ("Börsenzeitung") konnte mit diesem Paket-Kauf das Ringen um die lukrative Braustätte für sich gewinnen und seinen DUB-Kapitalanteil auf 64 Prozent aufstocken. Anschließend reiste er mit seiner Frau Angela ans Mittelmeer.
Ernstbergers Griff nach dem "Dortmündigen" (DUB-Werbeslogan) beschert der Bayern-Hypo den ersten Rang unter Deutschlands Brau-Aktionären. Denn neben der DUB schäumen bereits Beteiligungen an der Münchner Löwenbräu AG, der Paulaner Bräu, der Berliner Schultheiss-Brauerei sowie einer Anzahl weiterer renommierter Sudstätten stattliche Dividenden in die Hypo-Kassen. Die Bierbank beherrscht derzeit etwa 18 Prozent des deutschen Markts.
Eine ähnliche Position hatte auch das Zigarettenhaus Reemtsma erstrebt. In den letzten Jahren stellten die Hamburger Manager mit den Gewinnen aus dem Zigarettengeschäft einen großen Genußverbund mit Bier her und erwarben Mehrheitsbeteiligungen an der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei, Hamburg, Brau AG, Nürnberg, Brauerei Moninger, Karlsruhe, und der Hannen Brauerei GmbH. Willich, sowie Schachtelbeteiligungen an der Henninger-Bräu KG, Frankfurt, und Lindener Gilde-Bräu AG, Hannover.
Bei seinen Bemühungen, der geplanten Holding Reemtsma Deutsche Brau AG auch noch die DUB einzuverleiben, kam dem Zigaretten-Verkäufer Schlenker der rundliche Geldmann Ernstberger in die Quere. Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank hatte 1970 die Bochumer Westfalenbank geschluckt und dabei 15 Prozent der DUB-Aktien übernommen, die der Westfalenbank gehört hatten.
In der Hauptversammlung am 29. Juni vergangenen Jahres gestand Ernstberger, seine Bank habe an dem DUB-Paket "mittlerweile so viel Freude", daß es der Konkurrenz schwerfallen werde, sie wieder hinauszukomplimentieren. Er bot den Hamburgern, die ein DUB-Paket von 25 Prozent an sich gebracht hatten, damit offen die Stirn.
Über stille Käufe an den Börsen und von Aktionärsgruppen füllte der Bayer seinen DUB-Anteil schluckweise weiter auf nahezu 38 Prozent des Aktienkapitals (75 Millionen Mark) auf. Der Kapitaldurst des Bierbankiers trieb den Börsenkurs vom 4. bis zum 15. Januar 1971 von 401 auf 480 Mark hinauf.
Unterderhand kaufte Ernstberger zudem einige kleinere Aktien-Anteile aus dem sogenannten Konsortium Brügman auf. Zu dieser Gruppe von DUB-Anteilseignern zählten zum Teil ehemalige Brauereibesitzer, deren Unternehmen von der DUB im Tausch gegen DUB-Aktien übernommen worden waren.
Um eine Überfremdung des Dortmunder Nationalheiligtums zu verhindern, hatte der ehemalige Vorstandsvorsitzende der DUB, Dr. Felix Eckhardt, 75, diese Gruppe um sich geschart. Doch mit steigenden Börsenkursen ging den standhaften Konsorten der Gemeinsinn verloren. Nach und nach gaben sie ihre Anteile an den drängenden Ernstberger und den nicht minder lockenden Schlenker ab.
"Kleinere Paketchen hingen überall herum", weiß Bernhard Müller, Vorstandsmitglied der Westfalenbank, zu berichten. Die Bayern und die Hamburger kamen auf diese Weise leicht zu ihren sich gegenseitig blockierenden Anteilen in Dortmund. DUB-Chef Eckhardt ("Wir haben keine Angst vor großen Tieren"), inzwischen auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden gehievt, konnte dem Gerangel um die Braustätte nur noch zusehen.
Vorher schon hatte die Bayern-Hypo auch noch nach der Berliner Schultheiss-Brauerei gegriffen. Mit einer Schachtelbeteiligung von gut 25 Prozent konnte Ernstberger auch am Berliner Biertisch mitreden, der schon seit 1969 durch einen Kooperationsvertrag mit der DUB kurzgeschlossen ist.
Wie nahe die beiden preußischen Großbrauereien noch zusammenrücken könnten, darüber werden gegenwärtig nur Vermutungen angestellt. Schultheiss-Generaldirektor Hans Sixtus: "In dieser Richtung haben wir bisher noch nichts vereinbart." Doch ist nicht ausgeschlossen, daß sich Schultheiss auch direkt an der Dortmunder Union beteiligt. Denn die Münchner Bank hat deutlich gemacht, daß sie nicht beabsichtigt, auf Dauer eine Mehrheit an der Union-Brauerei zu halten. Schultheiss aber, stets beteiligungswillig, hat einschließlich eines genehmigten Kapitals rund 50 Millionen Mark flüssig.
Würde Schultheiss sich mit der Dortmunder Union verbinden, entstünde ein Schluckverbund im Großformat. Der Schultheiss-Konzern stößt jährlich 4,3 Millionen Hektoliter Bier aus, die Dortmunder Union fast fünf Millionen. Damit hätte die Arbeitsgemeinschaft Dortmund-Berlin bei insgesamt 87 Millionen Hektoliter Bierausstoß in der Bundesrepublik einen Marktanteil von zehn Prozent. Schultheiss-General Sixtus bereitet sich auf harte Verhandlungen vor. "Wir müssen warten, bis der Spiritus rector (Ernstberger) der ganzen Geschichte wieder da ist", erklärte der Bier-Stratege in der vergangenen Woche. Und: "Ich werde mich inzwischen auch erst mal im Urlaub für die kommenden Gespräche stärken."

DER SPIEGEL 20/1972
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