04.04.1956

KANZLER-URLAUBOhr an der Heizung

Bundespressekonferenz am Montag vor dem Osterfest zeichnete sich durch ungewöhnliche Heiterkeit aus. Das Thema, das soviel fröhlichen Widerhall fand, war des Kanzlers Urlaub.
Ein Regierungssprecher hatte die delikate Aufgabe, den Zeitungsleuten plausibel zu machen, warum Konrad Adenauer sein erstes Urlaubsdomizil, die Villa des Schweizer Ex-Faschisten Nino Rezzonico (SPIEGEL 11/1956), nun doch ganz plötzlich verlassen hatte, nachdem er genau 43 Stunden lang Rezzonicos Mieter gewesen war.
Mit der Erklärung dieses Auszugs war nun allerdings ein Mann betraut worden, der nicht unbedingt prädestiniert schien, gewitzten Fragestellern elegant in die Parade zu fahren. Da weder Bundespressechef "Mundi" Forschbach noch sein Stellvertreter greifbar war, mußte des Bundespresseamtes dritter Mann, der Leiter der Abteilung I ("Aktuelle Information"), Harald Oldag, der beruflichen Journalisten-Neugier standhalten. Ob seiner chronischen Unsicherheit und seines stets zur Schau getragenen hilflosen Lächelns wird dieser Harald Oldag, einst stellvertretender Chefredakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd), in der provisorischen Bundeshauptstadt am Rhein gemeinhin nur kurz "Das Bundeslächeln" genannt.
Auf die von den Korrespondenten am Montag letzter Woche vorgebrachten Fragen wußte Regierungssprecher Oldag in der Regel nur verlegen zu entgegnen: "Damit bin ich überfragt."
Je häufiger nun "Das Bundeslächeln" überfragt war, desto lauter wurde es im Saal. Hatte Oldag dagegen tatsächlich eine Antwort parat, so quittierten die wenig respektvollen Berichterstatter dies mit Applaus und Ah-Rufen.
Die Stimmung näherte sich ihrem Höhepunkt, als des Kanzlers Auszug aus der Faschisten-Villa Rezzonico zur Sprache kam.
Noch tags zuvor hatte Konrad Adenauer von der Villa Rezzonico aus an der Palmsonntagsmesse in der benachbarten St. Martinskirche teilgenommen. Kurz nach
elf Uhr verließ er das Gotteshaus und ging, umschwärmt von Pressephotographen, zurück zu seiner Urlaubs-Villa. Es schien, als sei der westdeutsche Regierungschef unbeugsam gewillt, ungeachtet aller Kritik in- und ausländischer Blätter, seinen vierwöchigen Urlaub an historischer Stätte zu verbringen.
Doch noch am Abend desselben Tages war der prominente Feriengast aus Porza verschwunden, um im nahen Ascona im international renommierten Hotel "Monte Verità" wieder aufzutauchen und Quartier zu nehmen.
Anderntags war es also Sache des Leiters der Abteilung "Aktuelle Information" im Bundespresseamt, Harald Oldag, den Bonner Journalisten glaubhaft zu machen, daß der überraschende Quartierwechsel des Bundeskanzlers nicht mit naheliegenden politischen Gründen zu motivieren sei.
So verbreitete denn Regierungssprecher Oldag die amtliche Version, Konrad Adenauer sei lediglich aus "Temperatur- und Klimagründen" aus der viel zitierten Villa des Altfaschisten Rezzonico ausgezogen. Die Heizungskapazität habe sich als unzureichend herausgestellt. Die Frage eines ungläubigen Zeitungsmannes, ob der für die Urlaubspläne verantwortliche und in der Villa Rezzonico schon Tage vor dem Kanzler eingetroffene persönliche Adennuer-Referent, Ministerialrat Kilb, "weniger kälteempfindlich" als der Herr Bundeskanzler sei, ging im Gelächter der Pressekollegen unter.
Allerdings, mit der Heizung in der Villa des inkriminierten Nachrichtenagenten Nino Rezzonico hat es tatsächlich eine besondere Bewandtnis: Sie kann zugleich als eine ideale Abhöreinrichtung dienen.
Die Villa Rezzonico wird mit Heißluft geheizt. Von der Kesselanlage im Keller des Hauses wird die gewärmte Luft durch Hauptkanal und Nebenkanäle in die einzelnen Räume geblasen. Da diese Kanäle zudem mit Blech verkleidet sind, geben sie einen, vorzüglichen Schalleiter ab. Mit einem Ohr am Hauptkanal kann man bequem hören, was irgendwo im Hause gesprochen wird.
Es steht auch fest, daß Nino Rezzonico im Jahre 1952 auffällig an der Bauart eines Spezialsenders interessiert war, der von einer deutschen Firma hergestellt wird. Dieser sogenannte Relais-Übertragungssender ist ein durch einen Batteriesatz gespeistes Kleinstgerät, das bis zu einer Entfernung von fünf Kilometern senden kann. Zusammen mit einem Mikrophon in einem der Heißluftschächte der Villa montiert, hätte dieses Gerät die in den Salons geführten Gespräche bequem auffangen und ausstrahlen können.
An nachrichtendienstlich interessanten Themen hätte es nicht gefehlt. Allein schon der zwischen dem Bundeskanzler und Professor Hahn am Urlaubsort vorgesehene Meinungsaustausch über die deutschen Atompläne wäre ein lohnendes Objekt gewesen.
Urlauber Adenauer, Tochter Ria, Begleiter: Klimawechsel

DER SPIEGEL 14/1956
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