04.04.1956

KONRAD-ADENAUER-STIFTUNGJeder für jeden

Drei Jahre ist es her, daß Westdeutschlands Bundeskanzler am 31. März 1953 einen Appell "An alle Deutschen, die in der Freiheit leben", richtete.
Anlaß zu diesem ergreifenden Aufruf war damals die Gründung einer "Konrad-Adenauer-Stiftung" für Flüchtlinge.
Die Verwaltung der Kreditanstalt für Wiederaufbau hatte sie mit einer Spende von 100 000 Mark ins Leben gerufen; der Bundeskanzler - hieß es in einer amtlichen Verlautbarung - habe seine Zustimmung erteilt, der Stiftung seinen Namen zu geben.
In erster Linie sollten mit Hilfe der Stiftung Wohnungen und Arbeitsplätze für Vertriebene geschaffen werden. Der Kanzler rief daher seine Deutschen zu neuen Spenden auf:
"Die Welt schaut auf uns und ist bereit, uns zu helfen, wenn sie sieht, daß wir selber das Menschenmögliche tun... Helfen wollen wir: Jeder für jeden!"
Es schien, als hätte der große Rhöndorfer ein neues Ruhmesblatt seinem Lorbeerkranz hinzugefügt" Fast taktlos klang angesichts dieses Kanzler-Eifers für die ärmsten der Armen, einen Monat später der vorn SPD-Vorstandsmitglied und Pressechef Fritz Heine geäußerte Verdacht, die Konrad-Adenauer-Stiftung stelle in Wirklichkeit einen Versuch dar, ein halbes Jahr vor den Bundestagswahlen mit öffentlichen Geldern CDU-Wahlpropaganda zu betreiben.
"Ist es richtig", fragte Fritz Heine, "daß die Kreditanstalt für Wiederaufbau einen Betrag von 100 000 Mark ursprünglich gar nicht für eine Konrad-Adenauer-Stiftung, sondern für allgemeine Flüchtlingshilfe zur Verfügung stellte und nachträglich vom Bundeskanzleramt befragt wurde, ob diese Spende nicht für eine Stiftung unter dem Namen des Kanzlers abgezweigt werden könnte?"
Die anzügliche Frage wurde nie beantwortet, vermutlich deshalb, weil die Stiftung erst vier Monate später, am 20. August 1953, ihre Arbeit aufnahm.
Eine andere Anfrage, die ein Jahr später beantwortet wurde, brachte auch noch nicht sehr viel mehr Licht in das Dunkel der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Am 13. März 1954 veröffentlichte der Mitteilungs- und Informationsdienst für Vertriebenenfragen diese Meldung:
"Als Ergebnis einer Anfrage des Verbandes der Landsmannschaften über die Arbeit der im vergangenen Jahr ins Leben
gerufenen Konrad-Adenauer-Stiftung für Vertriebene wurde bekanntgegeben, daß der Stiftungsbeirat vom Bundeskanzler bis jetzt noch nicht berufen worden ist. Es ist lediglich bekannt, daß die Stiftung einen Geschäftsführer mit einem Monatsgehalt von 1000 Mark besitzt."
Zwar wurde damit offenbar, daß die Konrad-Adenauer-Stiftung an die Verwirklichung ihres Vorsatzes gegangen war, "Wohnungen und Arbeitsplätze" für Vertriebene zu schaffen, indem sie wenigstens dem Landesgerichtsrat zur Wiederverwendung Horst Nürnberg aus Stargard zu einem Geschäftsführerposten verhalf. Aber der Briefwechsel weniger glückhafter Flüchtlinge, die sich hilfesuchend an die Stiftung gewandt hatten, zeigt, daß dies wohl die einzige größere Leistung war, die von der Stiftung, bisher vollbracht wurde. Wenn nicht der Kanzler ein frivoles Spiel mit den Flüchtlingen getrieben hatte, so wurde hier offenbar ein frivoles Spiel mit dem Namen des Kanzlers getrieben.
Der Referent Dr. Schwanke vom Bundespresse- und Informationsamt erklärte im November 1953: "Nun ist damit begonnen worden, Mittel für diese Stiftung zu sammeln. Bis Ende November werden große Sammlungen bei den Banken und bei der Wirtschaft durchgeführt, die den Fonds der Stiftung begründen." Etwa zur gleichen Zeit versicherte der Staatssekretär im Vertriebenenministerium, Nahm, über den Rundfunk, neben jenen internen Sammlungen seien Straßensammlungen und große Werbeaktionen vorgesehen.
Es blieb unbekannt, welches Ergebnis diese Aktionen hatten. Bekannt wurde nur ein Schreiben, das vom Geschäftsführer Nürnberg am 31. Januar 1956 einem der Notleidenden geschickt worden war:
"Auf Ihre Anfrage vom 21. Januar 1956 bedauern wir außerordentlich, erneut mitteilen zu müssen, daß Ihr Antrag mangels Vergabe-Richtlinien noch nicht zur Entscheidung vorgelegt werden kann. Verhandlungen, die bereits seit längerer Zeit geführt werden, sind leider noch nicht abgeschlossen. Wir möchten Sie höflichst bitten, sich bis zum Abschluß der Verhandlungen noch zu gedulden."
Wann diese Verhandlungen abgeschlossen sein werden, ist nur zu Vermuten Berücksichtigt man den Gründungstermin der Konrad-Adenauer-Stiftung (ein halbes Jahr vor den Bundestagswahlen 1953), so können die Flüchtlinge hoffen, daß im nächsten Wahljahr - 1957 - vielleicht die Vergabe-Richtlinien der Stiftung mit ähnlichem Aufwand publik gemacht werden. Es sei denn, die Konrad-Adenauer-Stiftung werde bis dahin einen allzu großen Anteil ihrer Fonds im Eigenverbrauch verwenden oder einer der Antragsteller besinnt sich auf den Paragraphen 87 Absatz 1 des BGB:
"Ist die Erfüllung des Stiftungszwecks unmöglich geworden oder gefährdet sie das Gemeinwohl, so kann die zuständige Behörde der Stiftung eine andere Zweckbestimmung geben oder sie aufheben."
Die Welt
Unruhe und spätes Leid

DER SPIEGEL 14/1956
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