04.04.1956

STALIN-MYTHOSWie konnte das passieren?

Als am 17. März Chruschtschews bis dahin geheimgehaltener Angriff auf den Stalin-Mythos im Westen bekannt wurde, schrieb die "New York Times", es gehe den Nachfolgern Stalins offenkundig darum, dem Ausland "ein sanfteres Gesicht zu zeigen".
Mit der führenden Zeitung der westlichen Welt machten sich zahllose Politiker daran, an dem nun über Moskau schwebenden Rauchpilz der antistalinistischen Eruption jenes kaltblütige Raffinement wiederzuerkennen, das man seit jeher gewohnheitsmäßig für ein kennzeichnendes Merkmal aller sowjetischen Politik hält.
In dem festen Glauben, die als "eiskalte Taktiker" heimlich bewunderten Kreml-Größen seien in der Politik gegen alle Regungen des Herzens und des Gemüts gefeit, bemühte man sich nachzuweisen, daß Chruschtschews Zertrümmerung des Stalin-Idols nichts anderes als ein besonders pfiffig bedachter Schachzug des Kremls sei, der darauf abziele, den Westen und insbesondere die sozialistischen Parteien des Westens einzulullen.
Die politische Wirklichkeit hat dieser von Minderwertigkeitskomplexen diktierten These des Westens bisher nicht recht
gegeben. Das zeigte sich insbesondere in Italien, das die größte kommunistische Partei außerhalb des Ostblocks beherbergt.
Als Italiens KP-Chef Palmiro Togliatti Ende Februar in einem Salonwagen vom 20. Kongreß der sowjetischen Kommunistischen Partei zurückkehrte, begrüßte ihn an der österreichischen Grenze seine Lebensgefährtin Leonilde Jotti. Sie berichtete hinterher in Rom, daß Palmiro in düsterer Stimmung von Moskau Abschied genommen habe.
Diese Gemütsanwandlung des italienischen KP-Chefs läßt sich heute leicht erklären. Togliatti kannte zu diesem Zeitpunkt bereits die Chruschtschew-Rede und mag die Folgen vorausgeahnt haben, die dann kurz nach dem 17. März auch tatsächlich eintraten.
In einer außerordentlichen Sitzung der Parlamentsfraktion der Kommunistischen Partei erhob sich der Kammer-Abgeordnete Pietro Reali und stellte dem Parteiführer drei höchst peinliche Fragen:
- "Warum hat der Genosse Togliatti in seiner Eigenschaft als Mitglied des Internationalen Exekutivausschusses der kommunistischen Parteien nichts von Stalins Irrtümern und Fehlern erfahren?"
- "Wenn er (Togliatti) tatsächlich nichts
gewußthat,wie konnte es passieren, daß man ihn im unklaren ließ?"
- "Wenn er aber doch etwas erfahren hat, warum hat er dann nicht die führenden Funktionäre der KPI unterrichtet?"
Togliattis Antwort war ein heilloses Gestotter. Ohne es ausdrücklich zu sagen, gab er zu, von Stalins "Fehlern" gewußt zu haben, deutete aber gleichzeitig an, daß er
nicht der einzige führende Funktionär der KPI gewesen sei, der darum gewußt habe. Damit schirmte sich Togliatti gegen Revolte-Versuche seiner engsten Mitarbeiter ab.
Im übrigen berief er sich auf die gleiche General-Absolution, die auch Chruschtschew für sich in Anspruch genommen hatte. "Es war wirklich nicht leicht, mit Stalin zu reden", klagte Togliatti und erklärte damit, daß er einfach aus Angst um sein Leben gegenüber Stalin den Mund gehalten habe.
Offenkundig war dem Togliatti dieses Geständnis nicht leichtgefallen, und er machte in einer Rede vor den KP-Abgeordneten kein Hehl daraus, daß er es lieber gesehen hätte, wenn die menschliche Fragwürdigkeit der internationalen kommunistischen Elite vertuscht worden wäre.
Togliattis Bericht über die Vorgeschichte der Chruschtschew-Rede zeigte, daß alles andere, nur nicht außenpolitische Gründe den Kreml bewogen hatten, das Stalin-Idol zu zertrümmern, und daß es vielmehr innersowjetische Notwendigkeiten waren, die Chruschtschew zu seiner Rede vor dem 20. Parteitag zwangen.
"Sowohl ich als auch Thorez (der französische KP-Führer)" - so verriet Togliatti seinen Parteigenossen - "haben Chruschtschew gebeten, andere Methoden für die Aufklärung über Stalins Fehler zu wählen. Aber es wurde uns geantwortet, daß das sowjetische Volk einen solchen Schock nötig habe, um auf einen neuen Kurs einzuschwenken, und daß die Schwenkung in der klaren Erkenntnis beschlossen wurde, man werde dadurch den kommunistischen Parteien im Westen einen zumindest vorübergehenden Schaden zufügen."
Daily Express, London
Die wiedergewonnene Unschuld

DER SPIEGEL 14/1956
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