04.04.1956

WIRTSCHAFTSBLOCKADEDer Bumerang

Mister O'Connor, Vizepräsident der in Texas beheimateten Ölgesellschaft "Dresser Industries", teilte noch vor wenigen Monaten die amerikanische Überzeugung, daß der industrielle und technische Fortschritt der Vereinigten Staaten dem aller anderen Nationen weit überlegen sei.
Er hielt es deshalb auch für absolut richtig, daß die Regierung in Washington sämtliche Ausrüstungsgegenstände und Werkzeuge, die für die Gewinnung von Öl benötigt werden, auf jene schwarzen Listen setzte, die den Export nach der Sowjet-Union mit einem ehernen Verbot belegen.
Das Ausfuhrverbot - so hofften mit J. B. O'Connor die amerikanischen Ölindustriellen - sollte der sowjetischen Ölgewinnung um so größere Schwierigkeiten bereiten, als die Amerikaner fest daran glaubten, die Sowjet-Union leide ohnehin schon unter einem argen Rohölmangel.
Doch inzwischen hat ein harter Schlag das patriotische Selbstgefühl des Mr. O'Connor getroffen. Die Statistiker der "Dresser Industries" rechneten aus, daß die sowjetische Ölproduktion in den letzten fünf Jahren um 65 Prozent (von 42,4 Millionen Tonnen im Jahre 1951 auf 70 Millionen im Jahre 1955) gestiegen war, während die amerikanische Produktion sich nur um 16,1 Prozent (1951: 308 Millionen, 1955: 357 Millionen Tonnen) vermehrt hatte.
O'Connor machte sich über die sowjetische Leistungssteigerung seine Gedanken und entdeckte schließlich, daß es den roten Ölsuchern gelungen war, eine von Turbinen angetriebene Bohrmaschine zu entwickeln, die zehnmal mehr leistet als alle amerikanischen Ölbohrer.
Der sowjetische Turbo-Drillbohrer ist eine Erfindung des russischen Ingenieurs Dr. Georgi Lubimow, der das Forschungsinstitut für Drillbohrer in Moskau leitet.
Bereits seit Jahren hatte Lubimows revolutionäre Erfindung, wie die "Moscow News" triumphierend schrieb, "die amerikanischen Bohrmethoden erfolgreich ersetzt". Schnell war O'Connors Entschluß gefaßt, den sowjetischen Ölbohrer für seine Firma zu erwerben.
Zwar konnte er mit der Moskauer Regierung einen Kontrakt über die Lieferung der roten Bohrer abschließen, aber das amerikanische Handelsministerium sträubte sich bisher, die Einfuhr der Maschinen zu genehmigen. Mithin rennt Ölmagnat O'Connor gegen die gleiche Mauer an, die einst zum Schutz Amerikas zwischen der westlichen und sowjetischen Wirtschaftswelt errichtet worden war. Jetzt schlägt der Bumerang zurück, den Amerika im Kampfeseifer des kalten Krieges gegen den Ostblock geschleudert hatte.
Der entrüstete O'Connor mobilisierte die amerikanische Presse gegen den Widersinn der amerikanischen Embargo-Politik, und wenige Tage später schrieben die beiden Kommentatoren-Brüder Alsop: "Einst hatte man große Anstrengungen gemacht, die Sowjets daran zu hindern, sich in den Besitz der technischen Kenntnisse des Westens zu setzen. Aber jetzt stellt sich plötzlich heraus - wenn O'Connor recht hat -, daß die Sowjets die Leute mit den überlegenen technischen Kenntnissen sind."
Der Fall des Ölmagnaten J. B. O'Connor war nicht der einzige, der die für Amerika peinliche Kehrseite der Embargo-Medaille offenbarte.
Jahrelang hatte Amerika fast alle Stahlgüter auf die Embargolisten gesetzt in der
gläubigen Hoffnung, die westliche Stahlerzeugung sei auch qualitativ der des sowjetischenOstens überlegen. Kürzlich mußte jedoch eine Kommission britischer Stahlexperten auf einer Studienfahrt durch die Sowjet-Union entdecken, daß die sowjetischen Stahlkombinate "in Wirklichkeit viel leistungsfähiger als drei Viertel der Stahlwerke in Großbritannien sind".
Der Leiter der Kommission und Exekutivdirektor des Britischen Eisen- und Stahl-Ausschusses, Sir Robert Shone, verfaßte ein Memorandum über die sowjetische Stahlindustrie. Er stellte fest, den sowjetischen Fabriken fehle es keineswegs an den modernsten Werkzeugmaschinen, und der Sowjetarbeiter leiste technisch das gleiche wie sein britischer Kollege.
Sir Roberts Memorandum veranlaßte den amerikanischen Finanzminister Humphrey, in Washington Alarm zu schlagen. Er ließ sich von seinen Embargo-Experten Denkschriften über die Frage ausarbeiten, wieweit der jahrelange amerikanische Wirtschaftsboykott gegen den Ostblock die sowjetische Industrie-Entwicklung gehemmt habe. Das Urteil der Experten: überhaupt nicht.
In der dritten Märzwoche zog die "New York Herald Tribune" das Fazit der amerikanischen Embargo-Politik: "Die sowjetische Wirtschaft ist sehr erheblich gewachsen, und die sowjetische Technik hat sich seit Kriegsende sehr schnell entwickelt. Deshalb beginnt sich nun das berühmte Embargo selbst ad absurdum zu führen. Das Embargo bereitet heute weniger den Sowjets als den amerikanischen Politikern Ungelegenheiten."
Italiens KP-Chef Togliatti: "Das sowjetische Volk hot einen Schock notig!"

DER SPIEGEL 14/1956
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