04.04.1956

ITALIEN / SAISONARBEITERMusterung in Mailand

In Mailands ältester Kaserne an der Piazza Sant Ambrogio, dem "Centro di Emigrazione" ("Auswanderungszentrum"), hat der für eine Sondermission ausersehene Arbeitsamtsdirektor von Heidelberg, Oberregierungsrat Dr. Löchner, mit zwei Dutzend Beamten, Ärzten und Sekretärinnen sechs nach Karbol riechende Stuben belegt.
Durch das Eisentor des düsteren weitläufigen Kasernengebäudes, das noch aus der Zeit der Habsburger - Herrschaft in Oberitalien stammt, ziehen nun jeden Tag
Hunderte von Italienern mit abgeschabten Koffern und Pappkartons, darunter zahlreiche Landarbeiter, die schon während der NS-Zeit in der deutschen Landwirtschaft beschäftigt waren.
Nach einer Vereinbarung, die Bonn im Dezember mit der italienischen Regierung abschloß, sollen zunächst 13 000 Landarbeiter, später aber auch Hilfskräfte für die Bauindustrie und die Steinbruchbetriebe, angeworben werden.
"Wir wollen endlich die wilde Anwerbung unterbinden", so kommentiert Dr. Löchner seinen Auftrag. Denn während des vergangenen Jahres, als in Westdeutschland die Arbeitskräfte in verschiedenen Berufen knapp wurden, schickten einzelne Betriebe und Wirtschaftsverbände - darunter der baden-württembergische Bauernverband - Werber über den Brenner, die dann auf eigene Faust italienische Arbeiter rekrutierten, worüber sich die westdeutschen Gewerkschaften empörten, weil sie befürchteten, daß die Italiener als Lohndrücker auftreten würden. Zur Zeit sind etwa 8000 "wild angeworbene" Italiener in der westdeutschen Wirtschaft beschäftigt, darunter auch einige hundert im Steinkohlenbergbau.
Diese angelernten Bergleute stammen allerdings aus dem deutschsprachigen Gebiet Südtirols, so daß sie die Unfallverhütungsvorschriften lesen können. Im deutschen Bergbau gilt streng die Vorschrift, daß Ausländer, die der deutschen Sprache nicht kundig sind, keineswegs unter Tage beschäftigt werden dürfen. Deshalb mußten die Personalbüros der Ruhrzechen in den vergangenen Wochen die italienischen Bergarbeiter abweisen, die in Scharen über die belgische Grenze strömten. Sie hatten wegen der vielen Unfälle in den belgischen Gruben ihre Arbeitsplätze verlassen und hofften vergeblich, im Ruhrbergbau unterschlüpfen zu können.
Die hohe Zahl der verunglückten italienischen Arbeiter hat die belgische Montanindustrie in den schlechten Ruf gebracht, sie rekrutiere aus Kalabresen und Sizilianern unterirdische "Himmelfahrtskommandos". Italiens Regierung reagierte jüngst auf die Empörung der Bergarbeiterwitwen und untersagte die Anwerbung von Arbeitskräften für den belgischen Bergbau.
In wenigen Wochen werden nun die ersten 3500 von der bundesamtlichen Kommission angeworbenen italienischen Landarbeiter in Westdeutschland eintreffen. Jeder von ihnen wurde nach drei Gesichtspunkten getestet:
- fachliche Eignung,
- Gesundheitszustand,
- polizeiliche und politische Unbedenklichkeit.
Häufig stellen Löchners Assistenten den verdutzten Italienern simple Rechenaufgaben, denn Anhang 1 der deutsch-italienischen Vereinbarung bestimmt ausdrücklich: "Wenn der Arbeiter nicht in der Lage ist, ein Schulzeugnis vorzulegen, so ist festzustellen, ob er unter anderem Kenntnis der vier Rechenarten, entsprechend der angegebenen beruflichen Fähigkeit, besitzt."
Bei der Gesundheitskontrolle können die deutschen Ärzte auf die Erfahrungen einer französischen Anwerbekommission zurückgreifen, die seit zehn Jahren in derselben Mailänder Kaserne residiert und über 100 000 Italiener nach Frankreich schleuste. Die Gesundheitskontrolle wird so gründlich wie bei einer militärischen Musterung vorgenommen, weil die Krankenkassen des Gastlandes die italienischen Wanderarbeiter gegebenenfalls versorgen müssen. Die Ärzte achten ganz besonders darauf, daß keine Arbeiter mit durchschlüpfen, die an der sogenannten "ägyptischen Krankheit"* leiden - einer Seuche, von der etwa 500 000 Italiener befallen sind.
Schwieriger ist die politische und polizeiliche Durchleuchtung. "Jeder Personalakt wird an das Innenministerium nach Bonn geschickt", erklärt Annahmekommissar Löchner die vierwöchige Dauer des Verfahrens. "Dort wird die fremdenpolizeiliche Prüfung vorgenommen. Ohne zusagenden Bescheid aus Bonn wird keinem der italienischen Bewerber die Einreisegenehmigung erteilt. Kriminelle oder asoziale Elemente werden abgelehnt." Ebenso unerwünscht sind Kommunisten.
Da sich keiner der Arbeitsrekruten bei der Musterung freimütig zur Kommunistischen Partei bekennt und die italienischen Arbeitsämter nicht daran interessiert sind, die ihnen vielleicht als Kommunisten bekannten Arbeitslosen den Ausländern zu denunzieren, fällt es Dr. Löchner einigermaßen schwer, die kommunistischen Bazillenträger herauszufinden.
Indes, seine französischen Kollegen trösteten ihn: Dieses Unvermögen sei nicht so tragisch zu nehmen; stramme Kommunisten unter den italienischen Proletariern würden erfahrungsgemäß im Ausland sehr bald zahm, wenn man ihnen gute Löhne zahle. Stärker als die Treue zum Parteibuch sei die Liebe zum Sparbuch. Deshalb hatte die unbedeutende Kommunistische Partei in der Schweiz, wo fast 100000 Italiener als Dauerarbeiter und 70 000 bis 80 000 italienische Wanderarbeiter beschäftigt sind, wenig Erfolg, als sie im vergangenen Herbst im Tessin die italienischen Arbeiter klassenkämpferisch aufzurütteln versuchte. Als die Schweizer Polizei fünf italienische Kommunisten auswies, erlosch der kleine Unruheherd sofort. Der Verkauf des italienischen Kommunisten-Blattes "L'Unità" in dem Zeitungskiosk vor dem Werk der Brown, Boveri & Cie AG in Baden (Schweiz), in dem 1200 Italiener arbeiten, sank von einem Tag auf den anderen von 50 auf zwei Exemplare. Kein italienischer Arbeiter wollte seinen gut bezahlten Arbeitsplatz leichtfertig aufs Spiel setzen.
Devisen durch Landarbeiter
Wegen der Liebe zum transferierbaren Sparkonto, das ihnen nach Ablauf der Saisonbeschäftigung einige sorgenfreie Monate in Italien sichert, prüfen die Wanderarbeiter vor ihrer Verdingung in der Mailänder Kaserne sehr sorgfältig die Angebote der Ausländer. Die deutsche Kommission, die zur Zeit nur Landarbeiter sucht, schneidet dabei nicht besonders gut ab. "Unsere Industrielöhne können sich wohl mit den entsprechenden Löhnen in der Schweiz, in Frankreich und Belgien messen", sagt Dr. Löchner, "aber die Löhne der westdeutschen Landwirtschaft liegen unter dem Niveau der meisten westeuropäischen Länder."
Viele westdeutsche Bauern, die bei den Arbeitsämtern italienische Landarbeiter angefordert hatten, zogen ihren Antrag sofort wieder zurück, als sie erfuhren, daß sie den Italienern, monatlich einen Nettolohn von 120 Mark und nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses, das für Saisonarbeiter neun Monate dauert, eine angemessene Treueprämie von 20 Mark je Monat zahlen sollen. Die französischen Bauern bieten den arbeitsamen Italienern dagegen monatlich 180 bis 200 Mark.
Die lukrativsten Löhne zahlt Frankreichs Zuckerrüben-Industrie, die alljährlich etwa 18 000 Italiener beschäftigt. Mit drei Mark Stundenlohn und 25 Prozent Überstundenzuschlag überbietet sie jede ausländische Konkurrenz. Im vergangenen Jahr zogen denn auch etwa 35 000 Italiener nach Frankreich, ein Teil blieb als Dauerarbeiter dort und holte die Familien nach.
Der Arbeitskraft-Export schlägt sich wohltuend in Italiens sonst recht schwacher Handelsbilanz nieder. Die italienischen Wanderarbeiter, die meistens anhängliche und treusorgende Familienväter sind, schickten zum Beispiel 1955 aus Frankreich je Kopf 250 Mark nach Hause. Italien kassiert durch seine Wanderarbeiter jährlich eine Deviseneinnahme von über 200 Millionen Mark, so daß der Arbeitskraft-Export neben dem Fremdenverkehr einer der größten Aktivposten in der italienischen Zahlungsbilanz ist.
* Trachom; schwere, äußerst ansteckende Erkrankung der Bindehaut des Auges, die zur Erblindung führen kann.

DER SPIEGEL 14/1956
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