04.04.1956

ENGLAND / MASSEN-PSYCHOLOGIEDer Staat und die Liebe

Dieser Tage stimmte die angesehene Londoner Zeitschrift "Spectator" ein Klagelied über die sinkende Moral der britischen Öffentlichkeit an.
Die Zeitschrift beklagte, daß die breiten Massen sich weder für die Politik noch für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes interessieren. Eine andere konservative Zeitschrift - der "Intelligence Digest" - stimmte dem "Spectator" bei, indem sie meinte, die Vorstellungen der englischen Massen vom Leben glichen "einem flimmernden und vom Trieb beherrschten Sabbel (a glamorous, sex-infiltrated slobber)".
Zum Beweis zitierte die Zeitschrift die Ankündigung einer Artikelserie in dem Vier-Millionen-Boulevardblatt "Daily Mirror" (die später ein großer Publikumserfolg wurde): "Wie flirten Sie? Der 'Mirror' berichtet über die junge Liebe. Wir fanden, daß junge Liebe im Jahre 1956 stromlinienförmig ist. Sie ist schnell. Sie ist weitgespannt, weitherzig und lebendig."
Angesichts solcher Themen seien, so meinte der "Intelligence Digest", die englischen Massen kaum noch zu bewegen, sich mit ernsthaften Fragen und mit den öffentlichen Bürgerpflichten zu befassen.
Während so die konservative Presse über die fortschreitende Verdrängung des staatsbürgerlichen Ethos durch das Triebleben klagte, kam ausgerechnet die Luftwaffe Ihrer Majestät der Königin von England auf die pfiffige Idee, beides - Ethos und Trieb - auf eine höchst simple Art und Weise zum Nutzen des Staates miteinander zu koppeln.
Das Bomber-Hauptquartier in High Wycombe (Buckinghamshire) hat sich der
Dienste von sechs Tänzerinnen aus dem Londoner Windmill-Theatre versichert, um der in den letzten Jahren bedrohlichen Häufung von Flugzeugunfällen zu begegnen. Statistische Erhebungen ergeben, daß die hohe Unfallrate der RAF zu einem beträchtlichen Teil auf unzureichende Kenntnis der Vorschriften für die Flugsicherheit zurückzuführen ist.
Als auch beschwörende Hinweise auf die Bedeutung der Vorschriften die Bomberpiloten nicht zu sorgfältigerem Studium des Handbuchs veranlassen konnten, entschloß sich das RAF-Kommando, die Aufmerksamkeit der Piloten mit anderen Mitteln zu wecken.
"Warum sollten wir uns nicht den Grundsatz des amerikanischen Reklame-Genies Raymond Loewy - Schönheit verkauft sich besser - nutzbar machen?" erläuterte der Herausgeber des Handbuchs, Geschwader-Kommodore Colin MacGillivray. "Seit einigen Wochen jedenfalls erfreuen sich die Vorschriften für die Flugsicherheit reger Lektüre, sogar nach Dienstschluß." Die Bitte, ihnen ein Exemplar zur Einsicht auszuhändigen, mußte MacGillivray Londoner Reportern bekümmert abschlagen: "Die Sache ist geheim!"
Dennoch fiel es der Londoner Boulevardpresse nicht allzu schwer, sich die in dem RAF-Handbuch abgedruckten Photos zu beschaffen, auf denen die sechs Tänzerinnen kaum mehr als ihre vaterländische Gesinnung am Leibe tragen. Die Seite des Handbuchs, auf der von Vereisungsgefahr die Rede ist, wird von einem Photo der wasserstoffblonden Jill Turner verziert. Das Sonntagsblatt "The People" veröffentlichte das Bild zwar auf der Titelseite, retuschierte es aber an architektonisch sehenswürdigen Stellen. Dazu bemerkte die sonst über den Verdacht übertriebener Prüderie erhabene Zeitung. "Für unsere Leser ist dieses Photo wohl ein bißchen zu gewagt."
Das Photo hatte der Initiator der Aktion, Kommodore Colin MacGillivray, aus dem Album des Windmill-Theatres ausgewählt. Der erste wohlgefällige Blick des Kommodore war auf dem Konterfei der brünetten Vicki Darnell, 22, haftengeblieben. Er nahm es als Muster mit in das Hauptquartier, wo es nach gründlicher Begutachtung durch die Stabsoffiziere günstig beurteilt wurde. MacGillivray erhielt die Vollmacht, fünf weitere, den Geschmack der Piloten mutmaßlich treffende Photo-Modelle für die patriotische Aktion zu gewinnen.
Mit Freuden stellten sich Susan Denny, 21, Jillian Larraby, 20, und Jill Turner, 20, für die Lesefreude jener Piloten, die Blondinen bevorzugen, zur Verfügung. Den dunklen Typ repräsentieren neben Vicki Darnell noch Margot Holden, 21, und die pechschwarze Doreen Lord, 22, die ihre Tänzerinnen-Laufbahn einst in einem New Yorker Nachtklub begann, wo sie, in einem überdimensionierten Sektglas schwimmend, die Gäste vortrefflich zu unterhalten wußte.
Obwohl die Statistik ausweist, daß in letzter Zeit tatsächlich die Zahl der Unfälle von Bombenflugzeugen erheblich zurückgegangen ist, finden die pikanten Illustrationen der Sicherheitsvorschriften im RAF-Kommando keine ungeteilte Billigung. Ein hoher Offizier übte herbe Kritik: "Es ist ein Skandal, daß Unsummen für erotische Photos ausgegeben werden, statt den Piloten die Vorschriften in Sonderlehrgängen einzutrichtern."
Ein anderer Offizier fragte verdrossen: "Welchen Eindruck sollen eigentlich die neu eintretenden, 16jährigen Flugkadetten von der Königlichen Luftwaffe bekommen?"
Nachtklub-Tänzerin Vicki Darnell
Im Dienst der Königlichen Luftwaffe

DER SPIEGEL 14/1956
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Der Staat und die Liebe

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