04.04.1956

JOE LOUISGrunzt fürs Finanzamt

Hartgekochte Eier und Staudensellerie kauend, saß der frühere Boxweltmeister Joe Louis am 15. März in seinem Washingtoner Hotelzimmer amerikanischen Sportjournalisten gegenüber, die sich erstmals wieder für ihn interessierten, seit er 1951 von seinem Landsmann Rocky Marciano durch K.o. in den sportlichen Ruhestand versetzt worden war.
Was die Reporter zu dem "Braunen Bomber" geführt hatte, war sein für den folgenden Abend anberaumtes Come-back in den Ring - als Freistilringer.
"Meiner Steuerschulden wegen", begründete Joe Louis sein Debüt als "grunt and groaner" (Grunzer und Stöhner), wie die Akteure des pseudosportlichen Catchergewerbes in Amerika auch bezeichnet werden. Der ehemalige Schwergewichtschampion benötigt sehr viel Geld, das er als Catcher zu verdienen hofft.
In seinem ersten Catcher-Kampf am 16. März in Washington - 60 Minuten "Boxer kontra Ringer" - konnte er noch auf sein früheres Handwerk zurückgreifen. Der über zwei Zentner schwere Boxveteran schlug den nahezu drei Zentner schweren Ringer Don Lee aus Texas in der elften Minute durch einen rechten Haken K.o.
Mithin endete die Schlägerei so, wie es die Osloer Zeitung "Morgenbladet" prophezeit hatte: "Wir vermuten, daß Lee Anweisung hat, seinen Gegner siegen zu lassen, damit der in seinem neuen Beruf attraktiv wird."
Das scheint Joe Louis sehr nötig zu haben. Seinem Kampf gegen den "Cowboy" Don Lee wohnten nur 4100 Zuschauer bei. Bei derartig geringen Besucherzahlen hat der Ex-Weltmeister keine Aussicht, je aus dem Steuerdilemma herauszukommen, in dem er sich seit der Vorkriegszeit befindet.
Joe Louis hat in seinen zwölf fetten Boxerjahren (1937 bis 1948) zu wenig Steuern gezahlt. Gegenwärtig schuldet er dem Finanzamt - einschließlich Verzugszinsen - gut 1,2 Millionen Dollar (über fünf Millionen Mark).
Während seiner Glanzzeit erboxte er sich - nach seinen Angaben - insgesamt über 4,6 Millionen Dollar (19,32 Millionen Mark). Davon sei die Hälfte seinen zwei Managern zugefallen, die aus ihrem Anteil alle mit seinen Kämpfen verbundenen, Ausgaben bestreiten mußten.
Demnach blieb dem Braunen Bomber ein Reingewinn von 2,3 Millionen Dollar (9,7 Millionen Mark). Heute klagt er: "Wo mag mein Geld nur geblieben sein?" Eine Teil-Antwort darauf entnahmen seine Landsleute den in USA kursierenden Gerüchten:
- Sein Promoter Mike Jacobs habe Louis während dessen Soldatenzeit, um ihn fortan als Gläubiger in der Hand zu haben, hinterlistig Geld geliehen, das Joe später zurückzahlen mußte;
- seinem Weltmeister-Vorgänger Jim Braddock habe er einen Teil seiner künftigen Börsen dafür verpfändet, daß Braddock 1937 seinen Titel nicht gegen Max Schmeling, sondern gegen ihn, Joe Louis, verteidigte (der damals den Titel an sich brachte);
- er habe beim Golf mit Berufsgolfspielern beträchtliche Summen gewettet und verloren;
- er habe aus Gutmütigkeit enorme Gelder verschenkt.
Diese Gerüchte sind von Joe Louis mehr oder weniger vollständig dementiert worden: Wohl habe Mike Jacobs ihm Geld geliehen, aber ohne Hintergedanken, denn er, Louis, hätte ohnehin niemals für einen anderen als "Onkel Mike" geboxt.
An Titelverteidiger Jim Braddock habe er keinen einzigen Cent gezahlt: Mike Jacobs habe dem Braddock allerdings zehn
Prozent aller Promoteranteile an künftigen Louis-Kämpfen zugesagt, nachdem Braddock Schmeling als Herausforderer abgewimmelt und dafür Louis akzeptiert hatte.
Beim Golf hat Louis, wie er behauptet, je Spiel höchstens 100 Dollar (420 Mark) gewettet. Und da er ein annehmbarer Golfspieler sei, habe er "nicht jedesmal verlieren können".
Schließlich stellte der Ex-Champion die ihm nachgesagte Mildtätigkeit in Abrede. "Wenn ich so gutmütig-doof gewesen sein soll, wie man sagt, würde ich sechsmal mehr Schulden haben, und ich habe so schon Schulden genug." Das kann der frühere Großverdiener getrost behaupten.
Schon als er 1942 Soldat wurde, stand er beim Finanzamt mit 98 000 Dollar (411 600 Mark) in der Kreide. Da er ausschließlich an der Heimatfront Dienst tat, hinderte ihn nichts, die ihn selbstverständlich dünkende Pflicht zu erfüllen, auch als Soldat wie ein Weltmeister aufzutreten.
Weil dazu weder sein Anfangssold als Schütze - monatlich 21 Dollar - noch seine späteren Bezüge als Stabsfeldwebel - 100 Dollar - ausreichten, lieh er sich von "Onkel Mike" 75 000 Dollar und von einem seiner Manager, John Roxborough, weitere 31 000 Dollar - zusammen 445 000 Mark, die er in seinen vier Soldatenjahren restlos verjubelte.
Als er 1946 ins Privatleben zurückkehrte, schuldete er seinem Promoter Jacobs, seinem Manager Roxborough und seinem Finanzamt insgesamt 204 000 Dollar (857 000 Mark).
Diese Schulden bezahlte der Weltmeister noch im selben Jahr, nachdem er seinen Titel gegen Billy Conn verteidigt und dafür die größte Börse seiner Laufbahn kassiert hatte: über 591 000 Dollar (2,5 Millionen Mark).
Aus dieser Börse - das hatte er mit seinen Managern vereinbart - sollten außer den Schulden auch die mutmaßlichen Steuern, die sie auf etwa 116 000 Dollar berechneten, vorausgezahlt werden. Die Manager mußten sich vorerst mit 140 500 Dollar begnügen.
Das Finanzamt warf diese Kalkulation 'jedoch über den Haufen, allerdings erst vier Jahre später - 1950 -, nachdem Joe Louis weiter gut verdient und seine Steuervorauszahlungen jeweils zu gering bemessen hatte. Außerdem hatte er die während seiner Soldatenzeit verjuxten Hunderttausende kurzerhand als "Repräsentationsausgaben" von seinem steuerpflichtigen Einkommen abgesetzt.
Für die 1946er Rekordbörse seines Kampfes gegen Billy Conn forderte das Finanzamt von Louis eine Nachzahlung von über 246 000 Dollar. Zuzüglich späterer Nachforderungen und sechs Prozent Zinsen durch mehrere Jahre stand das Steuerkonto des Ex-Meisters im letzten Monat auf minus 1 210 789 Dollar.
Die verkorksten Ehen des Braunen Bombers haben zu seiner Misere wesentlich beigetragen. 1946 ließ sich Gattin Marva Louis von ihm scheiden. Unter Verzicht auf sonstige Unterhaltsbeiträge wurde sie an Stelle eines ausgeschiedenen Louis-Managers zum zweiten Manager ihres Ex-Gatten bestellt. Honorar: 25 Prozent aller Louis-Börsen, mit der Auflage, davon die Hälfte für Louis-Tochter Jacqueline mündelsicher zurückzulegen.
Die geschiedene Marva profitierte lediglich von Louis erstem Nachkriegskampf (gegen Billy Conn), der ihr 66 000 Dollar einbrachte. Einen Monat später schlossen sie und Joe Louis zum zweitenmal die Ehe - aus der Joe Louis junior hervorging -, um sich 1949 zum zweitenmal scheiden zu lassen. Ex-Gattin Marva richtete dem Junior ebenfalls ein mündelsicheres Bankkonto ein.
Auf das für die Louis-Kinder deponierte Geld - insgesamt 64 000 Dollar - hat das Finanzamt inzwischen Anspruch erhoben. Bevor man seinen Kindern Geld reserviere, müsse man seine Steuern zahlen.
Was Louis seit seinem Titelverzicht 1948 verdiente, reichte dazu bei weitem nicht aus, zumal er sich weiterhin bemühte, so zu leben, "wie ich es meinem Renommee schuldig war.
Der frühere Meister versuchte sich als Geschäftsmann und setzte dabei viele zehntausend Dollar zu. Seine Automobilmechaniker-Schule für Kriegsveteranen mußte 1954 wegen Mangels an Kriegsveteranen schließen.
In der Hoffnung, nochmals schnell zu Geld und danach mit dem Finanzamt klarzukommen, kehrte Louis, damals 36, 1950 in den Boxring zurück. Schwergewichtstitelhalter Ezzard Charles siegte in 15 Runden nach Punkten. Ein Versuch sich 1951 abermals an Charles heranzuboxen, scheiterte an Rocky Marciano, dem heutigen Weltmeister.
Sein gegenwärtiges Einkommen gibt Joe Louis so an: Jährlich 20 000 Dollar als Direktor des amerikanischen "International Boxing Club"; wöchentlich 200 Dollar von einer Milchfirma dafür, daß sie seinen Namen führen darf ("Joe Louis Milk Company", Chicago); 350 Dollar (1470 Mark) pro Abend - "nahezu sooft ich es will" als Catcher-Schiedsrichter.
Schließlich ist der Ex-Champion noch, zusammen mit dem ehemaligen New-Yorker Polizeikommissar Billy Rowe, Teilhaber der "Joe Louis & Billy Rowe Unternehmen", einer Propagandafirma (Public Relations), zu deren Kunden die Jazzkapellmeister Louis Armstrong und Count Basie zählen.
Inzwischen sei ihm klargeworden, sagt Joe Louis heute, wie man einen erfolgreichen Berufsboxer vor Steuersorgen bewahren könne: Man müsse ihm die Steuer sofort nach jedem Kampf von der Börse abziehen, damit er die fraglichen Beträge gar nicht erst in die Tasche bekomme.
Louis vor seinem Catcher-Debüt: Hoffnung auf neue Dollars
Louis mit Steuererklärung: "Wo sind meine Dollars geblieben?"

DER SPIEGEL 14/1956
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