04.04.1956

FRANCOISE SAGANSie lauern am Kreuzweg

In einer Pariser Buchhandlung drängten sich vor einiger Zeit die Verehrer einer zierlichen jungen Dame, die einen tintenblauen Rollpullover trug und seit zwei Jahren von dem Nimbus lebt, das verworfenste Genie-Früchtchen der französischen Literatur zu sein. Die umschwärmte junge Dame war die inzwischen zwanzig gewordene Verfasserin von "Bonjour tristesse", Francoise Sagan - von dem noch immer moralisch entrüsteten Nobelpreisträger Francois Mauriac auch "le petit monstre", "das kleine Ungeheuer" genannt.
Nach Pariser Literaten-Manier verteilte die Sagan in ihrer Stamm-Buchhandlung anläßlich des Erscheinens ihres zweiten Romans, "Un certain sourire"* ("Ein gewisses Lächeln"}, Autogramme. Zwei Stunden lang beschriftete sie einige hundert Exemplare ihres neuen Romans mit Widmung und Namenszug. Galante Hände füllten ihr des öfteren das für sie obligate Whisky-Glas, und durch den süßlichen Dunst amerikanischer Zigaretten, die sie pausenlos rauchte, musterte die frivole junge Dame sybillinisch lächelnd die an ihrem Tisch vorbeidefilierende Kohorte der Autogrammjäger.
Mit komischer Leidensmiene nennt Francoise Sagan solche für Erfolgsautoren unerläßlichen Schaustellungen des Pariser Literatur-Marktes "die schlagenden Wetter des Ruhmes". Die Farce der Publicity ist für sie nicht mehr neu. "Bonjour tristesse" brachte der damals Achtzehnjährigen unter dem Etikett ihres jugendlichen "Immoralismus" einen Welterfolg, auf den der geschäftstüchtige Pariser Verleger Julliard trotz der eifrig von ihm in der Presse geschürten "Früchtchen-Problematik" nie zu hoffen gewagt hatte. Der Roman wurde in vierzehn Sprachen übersetzt, und die Autorin verdiente an ihrem Werk rund 60 Millionen Francs, etwa 720 000 Mark.
"Liebe muß vergeßlich sein"
Auf diesen Erfolg hin schickte die vom Gesellschaftsklatsch und Edelkitsch lebende Frauenzeitung "Elle" die Autorin Sagan auf eine Italienreise. Die in "Elle" veröffentlichten Reiseberichte Francoise Sagans waren so schludrig und belanglos, daß sich sogar die kaum verwöhnten "Elle"-Leserinnen fragten, ob man sie nicht vielleicht geblufft habe.
Die Autorin besah sich noch den Vorderen Orient, kaufte sich einen englischen Jaguar-Sportwagen, einen Leopardenfell-Mantel und vervollständigte ihre Jazzplatten-Sammlung. Mit ihrer Busenfreundin Florence Malraux; der Tochter des Schriftstellers Andre Malraux, unternahm sie im vorigen Jahr eine Reise nach Key West in Florida, wohin sie der amerikanische Bühnenautor Tennessee Williams eingeladen hatte.
Bereitwillig versprach Francoise Sagan den sie glossierenden Kritikern, die sich vom Genie-Rummel um "Bonjour tristesse" allmählich erholt hatten, einen zweiten Roman, "der besser sein wird, als der erste". Zu Reportern äußerte sie sich allerdings sehr viel pessimistischer: "Ich mache mir keine Illusionen. Alle jene, die mein Loblied sangen, werden morgen am Kreuzweg mit Knüppeln auf mich lauern."
Diese klägliche Vision ihrer literarischen Beerdigung scheint den Kritikern nach der Lektüre des zweiten Sagan-Romans jedoch verfrüht. "Ich wäre gewiß erbost gewesen", versicherte der Kritiker Andre Rousseaux, der jungen Dame im "Figaro littéraire", "wenn das zweite Buch der Autorin die große Hoffnung, die ,Bonjour tristesse' erweckt hatte, widerlegt haben würde. Aber ich darf sagen, daß 'Un certain sourire' mich nicht enttäuscht hat. Das Talent Francoise Sagans ist über jeden Zweifel erhaben."
Dieses schmeichelhafte Lob schränkte Rousseaux in einem boshaften Nachsatz allerdings sogleich wieder ein: "Francoise Sagan muß in der Tat Talent besitzen, wenn sie es fertigbringt, über ein so mittelmäßiges Thema ein Buch zu schreiben."
Die zynische Beschreibung mittelmäßiger Gefühle und die freche Problemlosigkeit der Romanheldin hatten die Kritiker
allerdings schon an dem Buch "Bonjour tristesse" bemängelt. Die aus der Klosterschule entlaufene 17jährige Sagan-Heldin Cécile lebte in "Bonjour tristesse" nach der Maxime: "Die Liebe muß stürmisch, rastlos und vergeßlich sein."
Die Geschichte der Sorbonne-Studentin Dominique, die Francoise Sagan in ihrem neuen Roman erzählt, spielt in dem gleichen Klima einer "natürlichen Melancholie", für die ihre erste Heldin am Ende ihrer ärgerniserregenden Roman-Existenz romantisch schwärmt - wobei ihre "Tristesse" nur die literarische Tünche für die Dürftigkeit Ihrer Gefühle war. Im neuen Sagan-Roman sind Melancholie und Lebenslangeweile bereits durchaus normale Seelenzustände geworden: Die Abtötung "wirklicher Empfindungen" gilt als stillschweigende Voraussetzung für die Züchtung einer stoisch lächelnden Melancholie, die an nichts glaubt und auch nach keinem Glauben verlangt.
Die in der seelischen Sezierkunst perfekte Autorin Sagan definiert die banale Liebesbeziehung der Studentin Dominique zu einem 40jährigen Bonvivant, der als der Typ des gelangweilten, eitlen Verführers beschrieben wird, mit den Worten: Nicht die Liebe gab in unserer Beziehung den Ton an, sondern etwas anderes, eine Art grausiger Mitschuld an der Müdigkeit der Komödien, der Müdigkeit der Worte, der Müdigkeit schlechthin."
Mit zehn Jahren Verspätung
Die Worte Leere, Langeweile, Müdigkeit und Überdruß überrieseln die Gestalten, die Francoise Sagan in ihrem neuen Roman zu einem dürftigen, in sinnlosen Gesten zerfließenden Leben erweckt, wie ein feiner grauer Aschenregen. Die Kritiker, die ihr vor zwei Jahren noch Zynismus und Frivolität vorgeworfen hatten, entdeckten jetzt bei dieser frühreifen Stilistin die trostlose Intelligenz einer Dekadenten. Der Kritiker Kleber Haedens, Verfasser einer zeitgenössischen Literatur-Geschichte, notierte verwundert, daß die Sagan-Heldin Dominique, die sich mit Gewalt zu langweilen versuche, mit zehnjähriger Verspätung Sartre bewundere und in den Kellern von St. Germain-des-Prés mit Hingebung Bebop tanze, doch eigentlich schon zu den "Gestrigen" gehöre.
In "Le Monde" stellte aber Emile Henriot, Mitglied der Académie Francaise, mit galanter Verbeugung fest: "Mademoiselle Sagan hat gewonnen - wir müssen vor ihrer Kunst die Waffen strecken." Und sogar der gestrengste unter den Pariser Kritikern, Robert Kemp, lobte den herben, dürftig-raffinierten Stil der Sagan. "Ich wäre allerdings erschüttert", dozierte Kemp, "wenn ich das Mädchen mit dem ,gewissen Lächeln' meine Tochter nennen müßte. Ich würde mir vorwerfen, daß ich das Labyrinth ihrer Verzweiflung nicht rechtzeitig aufgespürt habe."
Nun hat Francoise Sagan allerdings mehrfach versichert, daß sie nicht die geringste philosophische Ambition habe, und es besteht nach der Lektüre ihrer Bücher keinerlei Grund, an der Wahrheit dieses Eingeständnisses zu zweifeln. Francoise rechnet sich zur versnobten Zunft jener
Luxus-Nomaden, die mit den Intellektuellen aus der heroischen Epoche der sartrischen Philosophie nur das Zeremoniell der Horde gemeinsam haben.
Die Sagan entstammt einem reichen Bürger-Milieu, in dem Toleranz eine Form der Gleichgültigkeit war. Im "Club St. German-des-Präs", dem Zufluchtsort der jugendlichen Boheme der Neureichen, verkehrte sie mit eleganten backenbärtigen Jünglingen und Juliette-Greco-Typen in Modellkleidern. Hier wuchs die von blasierter Melancholie gezeichnete Generation heran, die den neuen Stil von St. Germaindes-Prés kreierte. Jazz und der Kult der Melancholie gehörten zu den "künstlerischen Paradiesen", in denen der Lebensüberdruß der neuen Herren von St. Germain-des-Prés Trost und Vergessen suchte.
Die Traurigkeit, die sich wie ein Schleier über die nüchterne Blöße ihrer Prosa legt, ist bei Francoise Sagan allerdings nicht nur ein anachronistisches Sentiment des Milieus von St. Germain-des-Prés. Das "Früchtchen" der französischen Literatur, das verzweifelt ein junges Mädchen spielt, ist eine Erwachsene, die niemals ungeniert jung sein konnte.
"Mit dreizehn, in einem Alter, in dem man sich am meisten für die Liebe interessiert, beobachtete ich in meinem Kreis das Liebesidyll von Menschen, die wie meine Eltern vierzig Jahre alt waren", analysiert sich die Autorin in einem Selbstporträt. "Ich sah nichts Ungewöhnliches darin. Immer fühlte ich mich zu Menschen hingezogen, die viel älter waren als ich."
Kritiker Rousseaux hat nun der melancholischen Sagan den Vorschlag gemacht, ihr Leben zu ändern. Er kam auf den frommen Gedanken, ihr als Klima statt der lärmenden Romantik der Jazz-Keller die besinnliche Stille einer Klosterzelle zu empfehlen, die ihrem "verhärmten Immoralismus" vielleicht näher sei, als die junge Dame glaube. Rousseaux: "Man wird kaum darüber erstaunt sein, wenn die Heldinnen Francoise Sagans, die vergeblich die Leere ihrer Existenz mit Whisky und Coucherien füllen, eines Tages im Kloster den Hafen der Gnade finden sollten."
* Francoise Sagan: "Un certain sourire"; Ed. Julliard, Paris; 189 Seiten: 500 Frs.
Autorin Francoise Sagan
"Ich wäre erschüttert ...
Kritiker Kemp
... wenn das Mädchen meine Tochter wäre"

DER SPIEGEL 14/1956
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