04.04.1956

FÜRSTENHOCHZEITOhne Pleister

Beinahe wären 240 000 nordwestdeutsche und Berliner Fernsehteilnehmer um das bevorstehende Vergnügen gekommen, auf dem Bildschirm ein prunkvolles und zugleich "aktuelles" Ereignis miterleben zu können, wie es das Fernsehen seit der Übertragung der englischen Krönungsfeierlichkeiten nicht mehr geboten hat: die Hochzeit des Fürsten Rainier von Monaco mit der Hollywood-Blondine Grace Kelly.
Seit das monegassische Fürstenhaus die Pläne für die dreitägigen Feierlichkeiten, die Ballettvorführungen, Fackelzüge und das Riesenfeuerwerk bekanntgegeben hatte, stand fest, daß sich den europäischen Fernsehsendern Mitte April in Monaco ein Spektakel bieten würde, gegen das jeder Bunte Abend, den das Fernsehen selbst arrangieren könnte, kläglich verblassen müßte. Alle Sender in den europäischen Fernsehländern trafen denn auch flugs Vorbereitungen, die Märchen-Hochzeit aus dem Operettenstaat zu übertragen. Auch den 360 000 registrierten Fernsehteilnehmern in der Bundesrepublik schien der Fernsehspaß gesichert.
Doch dann stellte das neugebildete Kuratorium des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbandes plötzlich bei der "Ständigen Fernseh-Programmkonferenz" der deutschen Fernsehsender den Antrag, die Hochzeitsfeierlichkeiten, die von dem Fernsehsender Monaco aufgenommen und über das europäische Sendenetz der "Eurovision" ausgestrahlt werden sollen, nicht über die deutschen Fernsehtürme gehen zu lassen.
Wäre diesem Antrag zugestimmt worden, so hätte das auch Folgen für die Fernseher in Berlin und Dänemark gehabt. Die Sendung muß nämlich über die Relais-Stationen des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbandes weitergeleitet werden.
Der Nord- und Westdeutsche Rundfunkverband (NWRV) besteht erst seit etwa acht Wochen, seit der NWDR in zwei
Sendebereiche, in den Hamburger NDR und den Kölner WDR, aufgeteilt wurde. Er betreibt das Fernsehen im nordwestdeutschen Raum; seine höchste Aufsichtsspitze ist ein achtköpfiges Kuratorium, das sich aus je vier Verwaltungsräten des NDR und des WDR zusammensetzt.
Offiziell bestand dieses Gremium noch nicht einmal, als es schon in einer der zahlreichen konstituierenden Sitzungen Mitte März zum Ausdruck brachte, daß die monegassischen Hochzeitsfeierlichkeiten aus Gründen des Geschmacks besser nicht übertragen würden.
Nach der bisherigen Übung treffen sich die Programmdirektoren der westdeutschen Fernsehsender allmonatlich, um das Programm des deutschen Fernsehens zu koordinieren. Vorsitzender dieser "Ständigen Fernseh-Programmkonferenz", die auf Grund des Fernsehvertrages zwischen den Rundfunkanstalten gebildet wurde, ist gegenwärtig der Programmdirektor des Hessischen Rundfunks, Dr. Hans Joachim Lange. Laut Paragraph 5 der Geschäftsordnung der Programmkonferenz muß er als Vorsitzender aus den Vorschlägen der Sender das deutsche Fernsehprogramm zusammenstellen.
So wurde dem Frankfurter Fernsehverantwortlichen Dr. Lange auch der Wunsch des neuerstandenen Kuratoriums des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbandes bekannt, die Hochzeitsfeierlichkeiten nicht in das Programm der deutschen Fernsehsender aufzunehmen. Maßgeblich beteiligt am Zustandekommen dieses Antrags - ein echter Beschluß konnte mangels einer Geschäftsordnung nicht gefaßt werden - war der Hamburger Fernseh-Intendant Dr. Werner Pleister. Der Hamburger Fernsehmann gehört zu jenen Fernsehdirektoren, die dem deutschen Fernsehen zu höchstem kulturellem Niveau verhelfen wollen.
Als nun die "Ständige Fernseh-Programmkonferenz" in der vergangenen Woche im Münchener Funkhaus zusammentrat, stand auf der Tagesordnung auch der Antrag des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbandes, die Hochzeitsfeierlichkeiten aus Monaco nicht zu übertragen.
Dr. Pleister war bei Beginn der Tagung noch nicht eingetroffen. Mag es Zufall oder Absicht gewesen sein: Ehe Pleister noch Widerspruch einlegen konnte, beschloß die Programmkonferenz, die Monaco-Sendung doch zu übernehmen.

DER SPIEGEL 14/1956
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