04.04.1956

EXPERIMENTEDas künstliche Herz

Auf dem Operationstisch lag ein Hund. Die Chirurgen machten vorsichtig die letzten Stiche an der Hauptschlagader des "Patienten" und traten dann zurück um den Herzspezialisten den Platz am Operationstisch zu überlassen. Das Herz des Tieres war sorgfältig herausoperiert worden. Es lag einige Meter entfernt in einer Schale.
Dennoch atmete der Hund. Sein Blut pulsierte in den Adern als läge das Herz nicht leblos in einem Gefäß.
Wenn einer der Ärzte auf den Tisch schlug oder in die Hände - klatschte, fuhr das Tier erschreckt zusammen. Zu stärkerer Reaktion war es noch nicht fähig, denn noch litt es unter den Nachwirkungen der abklingenden Narkose. In seiner Brust schlug ein künstliches Herz: ein 280 Gramm schweres, in vier Kammern eingeteiltes Gebilde aus durchsichtigem. Körperwarm gehaltenem Kunststoff. An einer kleinen, zylindrischen Kapsel des künstlichen Herzens war ein Motor - eine Art Pumpe - angeschlossen, den ein Kabel mit- einer Stromquelle verband.
Seit mehreren Jahren hatten Physiker, Chirurgen und Techniker unter dem Ingenieur René Dervaux in einem Forschungsinstitut am Stadtrand von Paris Versuche mit einem künstlichen Herz aus Kunststoff gemacht. Eine andere Art von künstlichen Herzen gibt es schon seit Jahren: Die sogenannten Herz-Lungen-Maschinen, die während einer Herzoperation auf kurze Zeit die Tätigkeit von Herz und Lunge übernehmen. Diese Geräte haben die Größe eines Teewagens. Der Blutkreislauf des Patienten wird an ihre Schläuche angeschlossen, und ein komplizierter Mechanismus sorgt dafür, daß das Blut weiter durch den Körper gepumpt und mit Sauerstoff angereichert wird (SPIEGEL 32/1955).
René Dervaux aber hatte sich von Anfang an ein ehrgeizigeres Ziel gesteckt: Er wollte ein kleines künstliches Herz schaffen, das leicht in den menschlichen Körper eingesetzt werden kann.
Amerikanische und russische Forschungsinstitute arbeiten seit langem mit beträchtlichem- Aufwand an der Herstellung solcher körpergerechten Kunstherzen. Obwohl diese Versuche geheimgehalten werden, glauben die französischen Spezialisten zu wissen, daß es bisher weder den Russen noch den Amerikanern gelungen ist, die Größe und das Gewicht ihrer Kunstherzen auf die Abmessungen des französischen Kunststoffherzens zu reduzieren, das zwischen 200 und 300 Gramm wiegt.
Das Dervauxsche Herz funktioniert so: Der Motor bewegt das aus plastischem Stoff gefertigte Vierkammer-Gefäß nach den Kommandos, die Stromstöße über eine Reihe von Relais geben und regulieren. Die Kammern des Kunstherzens, die durch Ventile getrennt sind, verrichten dieselbe Arbeit wie die Kammern im natürlichen Heizen. Das Kunstherz hat sechs Verbindungsschläuche: Sie führen zur Aorta, zur Lungenarterie und zu den Adern, die das Blut zum Herzen leiten.
Dervaux und seine Mitarbeiter glauben, daß sie auf dem richtigen Wege sind. Sie berichten, daß mehrere Hunde, denen sie ein Kunstherz einpflanzten, "eine gewisse Zeit" am Leben blieben. Der Hund, an dem der bisher letzte Versuch unternommen wurde, lebte länger als vier Stunden mit dem Kunststoffherz, dem Pumpmotor und dem Kabel in der offenen Brust.
"Unser Kunstherz ist nicht der endgültige Apparat, den wir an die Stelle des Herzens setzen wollen", sagt Dervaux. "Es wird jeweils gemäß den Ergebnissen unserer Forschungen verändert. Bevor wir unsere Forschungsergebnisse mitteilen, warten wir ab, bis mehrere Dutzend Hunde nach dem Einsetzen unserer Kunstherzen wieder laufen, sich einigermaßen frei bewegen und Zucker aus der Hand fressen können."
Um dieses Ziel zu erreichen, muß die Forschungsgruppe zwei Probleme lösen:
- Es muß ihr gelingen, die Hundebrust nach dem Einsetzen des Kunststoffherzens und des Kabels wieder zu schließen. (Diese Schwierigkeit ist nach Ansicht der beteiligten Chirurgen rein technischer Natur und verhältnismäßig schnell zu überwinden.)
- Sie muß es schaffen, die künstliche Herztätigkeit den Anforderungen des Körpers anzupassen. Das ist die kniffligste Aufgabe, denn die Anforderungen des Körpers an die Pumptätigkeit des Herzens wechseln - zum Beispiel wenn der Hund zu lauten anfängt.
Dagegen bietet der Kunststoff (dessen chemische Formel geheimgehalten wird) nicht mehr Schwierigkeiten, die oft bei der Verwendung von "körperfremden Elementen" auftreten. Denn das Blut gerinnt im Kunstherz ebensowenig wie in den künstlichen Adern, mit denen die Medizin schon lange arbeitet.
Der amerikanische Chirurg Lillehei aus Minneapolis erklärte kürzlich vor einem Ärztekongreß in Los Angeles: "Wir können jetzt kranke Herzen dadurch heilen, daß wir gewisse abgenützte Teile durch hinzugefügte künstliche Teile ersetzen. Ein ganzes menschliches Herz durch ein Kunstherz zu ersetzen ist nicht mehr als ein langer Schritt in derselben Richtung.
Rein technisch sind wir in der Lage, das menschliche Herz zu ersetzen. Aber wir können den Antagonismus des Körpers noch nicht kontrollieren, der sich gegen das neue Organ richtet und möglicherweise Reaktionen auslöst, die die Wirkungsweise des künstlichen Organs beeinträchtigen ..."
Der Franzose Dervaux hat mit seinem neuen Kunststoff-Herz den "langen Schritt"
möglicherweise erheblich verkürzt. Wenn sich seine Hoffnungen auf gehfähige, zuckerschleckende Hunde mit dem Kunstherz erfüllen, wird er das kritische Experimentierstadium erreichen, in dem er sich über die praktischen Anwendungsmöglichkeiten seiner Ersatzherzen klarwerden muß.
Aber schon heute äußert sich Dervaux über die Anwendung seiner Forschungsarbeit auf die menschliche Medizin wesentlich vorsichtiger als der amerikanische Chirurg Lillehei: "Was auch immer die Bedeutung unserer ersten Arbeitsergebnisse mit Hunden sein mag, es ist verfrüht, eine Anwendung auf den Menschen in Aussicht zu nehmen."
Dervaux will erst einmal die bisher erzielten Resultate in einem farbigen Kurzfilm zusammenfassend darstellen. Dann soll der Farbfilm von den künstlichen Hundeherzen einem erlesenen Mediziner-Gremium zur Beurteilung der Forschungsergebnisse vorgeführt werden.

DER SPIEGEL 14/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EXPERIMENTE:
Das künstliche Herz