04.04.1956

SCHIFFAHRTMit Atom-Kraft

Mit dem Gesichtsausdruck von Schulbuben, die ihre erste Mathematikstunde über sich ergehen lassen, saßen die Wirtschaftsminister der Bundesländer Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein im Hamburger Rathaus. Sie lauschten einem Vortrag des Hamburger Kernphysikers Professor Dr. Erich Bagge, in dem unter anderem von "Atomgewichten", "Bremssubstanzen für Neutronen" und "angereichertem Uran" die Rede war. Die Wirtschaftsminister Paul. Luigs (Hamburg), Hermann Wolters (Bremen), Hermann Ahrens (Niedersachsen) und Hermann Böhrnsen (Schleswig-Holstein) verstanden nicht allzuviel davon.
Immerhin konnten sie den eindringlichen Worten des Physik-Professors entnehmen, daß ihre Länder auf dem Gebiet der Atomforschung gegenüber anderen Bundesländern kläglich ins Hintertreffen geraten werden, falls sie sich nicht zu raschem Handeln entschließen. Die Mahnung des Gelehrten mobilisierte die Vertreter der vier Küstenländer zu einer gemeinsamen Tat: Sie gründeten sogleich einen Arbeitsausschuß, der in den USA einen Atom-Meiler kaufen soll.
Nach den Plänen der vier Länder wird dieser Reaktor zunächst Experimenten mit einem ehrgeizigen Ziel dienen: deutsche Handelsschiffe mit Atomkraft über die Meere zu treiben.
Atomphysiker und Vertreter großer deutscher Schiffswerften und Maschinenfabriken* haben sich kürzlich auf Drängen des Physikers Dr. Kurt Diebner, der während des Krieges die Abteilung für Atomphysik beim Heereswaffenamt geleitet hatte, zu einer "Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie" zusammengeschlossen. Sie möchten verhindern, daß andere europäische Seefahrer-Nationen einen gefährlich großen Vorsprung gewinnen, denn es ist kein Geheimnis, daß Physiker und Ingenieure in England, Frankreich und Norwegen schon seit längerem an der Konstruktion eines Atom-Motors für Handelsschiffe arbeiten.
Die Vereinigten Staaten, die über die meisten Erfahrungen auf diesem Gebiet verfügen, haben sogar schon Pläne für ein atomgetriebenes Frachtschiff bekanntgegeben. Die Schiffahrtsabteilung im amerikanischen Handelsministerium hat die Konstruktion eines 36 000-BRT-Tankers mit Atom-Antrieb ausgeschrieben und 25 Firmen aufgefordert, Angebote einzureichen. Das Schiff soll spätestens bis zum Juli 1959 fertiggestellt sein.
Auch sowjetische Schiffbauer haben die Vorarbeiten zur Herstellung eines Atom-Schiffes so weit vorangetrieben, daß sie im vergangenen Monat in Moskau das Modell eines ersten Atom-Eisbrechers zeigen konnten. Er soll "in wenigen Jahren" in Dienst gestellt werden.
Im Prinzip sind die Probleme des Atomschiffsmotors längst gelöst. Die Erprobungsfahrten des ersten amerikanischen Atom-U-Bootes "Nautilus", des ersten atomgetriebenen Schiffes der Welt, demonstrierten eindrucksvoll, daß sich die neue Antriebsart auch in der Praxis bewährt. Seit das walfischförmige Boot am 17. Januar des vergangenen Jahres unter dem
Dröhnen der Schiffssirenen in der kleinen amerikanischen Hafenstadt Groton (Connecticut) losmachte und nach dem Ablegemanöver meldete: "Sind mit Atomkraft in Fahrt", hat es 25 000 Seemeilen (rund 46 000 Kilometer) ohne Brennstoffergänzung zurückgelegt. Die wenigen Kilogramm Uran, die bei der Fertigstellung des U-Bootes als Brennstoff in den Atom-Ofen eingebettet wurden, trieben die "Nautilus" über eine Entfernung, die größer ist als der Umfang der Erde.
Inzwischen haben die Amerikaner ein zweites Atom-Unterseeboot, die "Albacore", in Dienst gestellt; ein drittes, die "Sea Wolf", ist vom Stapel gelaufen. Konstruktionspläne für fünf weitere sind bereits fertiggestellt, und die erfolgreichen Erprobungsfahrten der "Nautilus" haben die Marine sogar bewogen, Pläne für einen 85 000 Tonnen großen Flugzeugträger auszuarbeiten, der ebenfalls mit Atomkraft angetrieben werden soll.
Die Antriebsanlagen für die Handelsschiffe sollen nach dem gleichen Prinzip gebaut werden, wie die Atom-Motoren der amerikanischen Kriegsschiffe. Kernstück der Anlage ist ein Atom-Ofen, der gewissermaßen eine schwelende" Atombombe ist, weil in seinem Brennstoff (Uran 235) die Kettenreaktion nur langsam fortglimmt. Die dabei entstehende Hitze wird zur Erzeugung von Wasserdampf verwandt, der die Schaufelräder einer normalen Schiffsturbine antreibt.
Die Antriebsaggregate der amerikanischen Atomkriegsschiffe arbeiten jedoch noch mit so hohen Betriebskosten, daß sie für den Einbau in Handelsschiffe nicht geeignet wären. Die Atom-Physiker und -Techniker in den USA, in England, Frankreich und Norwegen versuchen nun,
eine Antriebsanlage zu entwickeln, die alle Vorbedingungen der Handelsschiffahrt erfüllt:
- Sie muß mühelos in jedes Frachtschiff eingebaut werden können.
- Die Wartung darf keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten; Reparaturen müssen mit Bordmitteln ausgeführt werden können, wenn das Atom-Schiff auf hoher See ist.
- Die Betriebssicherheit der Anlage muß noch größer sein als die eines Atom-Meilers auf dem Festland, um Schiff und Besatzung in Notfällen nicht zu gefährden.
Erst kürzlich meldete sich der Physikalische Arbeitsausschuß der "Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit" (OEEC) mit einer pessimistischen Erklärung: Das Gefahrenmoment bei Atomschiffen sei besonders groß. Sinke ein solches Schiff in einem großen --Hafen, so würde unübersehbarer Schaden durch radioaktive Verseuchung des Wassers und der Luft entstehen. Auch bei einem Zusammenstoß könnten schwerwiegende Folgen eintreten.
Aber der Hamburger Professor Bagge will diese Argumente nicht gelten lassen. Wenn ein Atomschiff sinkt, so meint er,; geschehe gar nichts, denn der Atom-Ofen würde sich bei jedem Unfall automatisch ausschalten und erkalten. Auch Beschädigungen bei Schiffszusammenstößen hält der Professor für unwahrscheinlich, weil "eine schier unmögliche Kette von Zufällen" eintreten müßte, wenn der verhältnismäßig kleine und dick in Beton eingepackte Atom-Ofen bei einer Kollision zertrümmert werden sollte.
So haben die Warnungen der OEEC den Optimismus der Atomschiff-Enthusiasten nicht dämpfen können. Sie können ihrerseits auf die vielen verlockenden Vorzüge eines Atom-Motors hinweisen; denn trotz der vermutlich hohen Kosten für den Uran-Brennstoff - der Preis für den Verkauf an private Unternehmen steht noch nicht fest - wäre ein Atomschiff den bisherigen Turbinendampfern und Motorschiffen überlegen. Ein 10 000-BRT-Turbinen-Frachtschiff mit einer Höchstgeschwindigkeit von 17 Knoten verbraucht im Durchschnitt monatlich 1500 Tonnen Heizöl. Die Treibstofftanks beanspruchen Teile des Schiffsraums und verkleinern entsprechend den Laderaum für die Fracht. Der Atom-Brennstoff dagegen - wenige Kilogramm Uran - nähme soviel Platz ein wie ein Stadtkoffer.
Die Bunkerzeiten, in denen die Schiffe mit Heizöl aufgetankt oder mit Kohlen beladen werden, erhöhen die Liegekosten der Schiffe, besonders in kleinen, veralteten Häfen. Der Kapitän des Atomschiffes brauchte sich jedoch schlimmstenfalls einmal im Jahr über den Brennstoff-Nachschub Gedanken zu machen: Mindestens zwölf Monate lang würde seine Uran-Batterie ihn mit Antriebsenergie versorgen.
Angesichts dieser Vorteile ist es wahrscheinlich, daß eine Atom-Handelsflotte die Frachtraten auf dem Weltmarkt sehr bald erheblich unterbieten könnte. Konservative Reedereien, die ihre Schiffe weiterhin mit Ölfeuerung über die Meere schicken würden, könnten dann kaum noch Geschäfte machen.
Aber nicht nur die Aussichten auf einträgliche Geschäfte veranlaßten die deutschen Küstenländer zu ihrem Entschluß, mit Versuchen zur Konstruktion eines Atomschiffsantriebs zu beginnen. Es war auch die Warnung des deutschen Atomwissenschaftlers Professor Paul Harteck, der gegenwärtig an der amerikanischen Universität Troy Probleme der Atomphysik bearbeitet. Als er vor wenigen Wochen zu einem Blitzbesuch in Hamburg war, verriet er dem Hamburger Bürgermeister Dr. Kurt Sieveking, daß die Vereinigten Staaten 28 befreundeten Nationen
einige Kilogramm des konzentrierten Atom-Brennstoffs Uran 235* für Forschungszwecke zur Verfügung stellen würden. Auch die Bundesrepublik solle sechs Kilogramm bekommen. "So schnell wird es dann aber nichts wieder geben", warnte Professor Harteck. "Wenn Sie für die Belange der Schiffahrt etwas abhaben wollen, müssen Sie sich beeilen."
Der Hamburger Bürgermeister alarmierte die Nachbarländer Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein und arrangierte bald darauf das Hamburger Treffen der vier Wirtschaftsminister. Bestürzt mußten die Minister der Küstenländer feststellen, daß Atom-Professoren in Süd- und Westdeutschland, die ebenfalls Atom-Meiler aufstellen wollen, die angekündigten sechs Kilogramm Uran im Geiste schon restlos unter sich verteilt hatten.
Angesichts des Wettrennens der Professoren um den Brennstoff hielten es Hamburgs Bürgermeister Kurt Sieveking und
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai Uwe von Hassel für angezeigt, nach Bonn zu fahren und dem Atom-Minister Franz-Josef Strauß in einer persönlichen Unterredung zu empfehlen, auf gar keinen Fall den Anspruch der Küstenländer auf Uran 235 zu vergessen. Strauß sicherte eine wohlwollende Unterstützung der norddeutschen Bestrebungen zu, aber es wird ihm nicht leicht fallen, die amerikanische Gabe zur Zufriedenheit aller zu verteilen. Denn die sechs Kilo Uran 235 reichen nicht einmal für die Hälfte der Projekte.
Lediglich ein in Karlsruhe geplanter Meiler, der aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg, der Industrie und der Bundeskasse finanziert werden soll, wird das Sechs-Kilo-Konto nicht belasten. Er soll so konstruiert werden, daß er auch mit natürlichem Uran, das in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht, betrieben werden kann.
Professor Erich Bagge und seine Mitarbeiter könnten dagegen mit einem Meiler nach Karlsruher Muster nicht viel anfangen. Denn Meiler, die mit natürlichem Uran arbeiten, sind so groß wie ein Wohnhaus und wiegen mindestens 300 Tonnen. Kleinere Meiler, die in ein Schiff eingebaut werden können, sind aber auf den konzentrierten Atom-Brennstoff Uran 235 angewiesen.
Die Amerikaner sind grundsätzlich bereit, später größere Mengen Uran 235 - gegen eine entsprechende Gebühr - zur Verfügung: zu stellen. Im vergangenen Monat verkündete Präsident Eisenhower, die Vereinigten Staaten würden rund 20 000 Kilogramm des kostbaren Materials im Werte von einer viertel Milliarde Dollar an befreundete, nicht-kommunistische Nationen vermieten oder verkaufen.
Schon heute aber betrachten die Forscher die Zeit, in der die Handelsschiffe mit gemietetem oder gekauftem amerikanischem Brennstoff fahren, als Zwischenphase. Ihr Optimismus stützt sich auf die Tatsache, daß bei dem Betrieb eines großen Meilers aus dem für kleine Meiler unbrauchbaren Uran 238 nach einigen Umwandlungsprozessen ein anderer hochwertiger Atom-Brennstoff - Plutonium - entsteht.
"Haben wir erst einmal eine größere Menge Plutonium auf, diese Weise hergestellt, so können wir sogenannte Brut-Meiler bauen, die bei ihrer Arbeit mehr Brennstoff erzeugen als sie verbrauchen", prophezeit Professor Bagge.
In diesem Meiler-Typ, von dem in den USA schon mehrere Modelle gebaut werden, würde neuer Atombrennstoff kostenlos, gewissermaßen als Nebenprodukt, entstehen: Der Kapitän eines Atomschiffes, das mit einem solchen Aggregat ausgerüstet ist, würde nach einer langen Reise seiner Reederei keine Rechnung über den verbrauchten Brennstoff präsentieren. Er würde im Gegenteil noch einige Kilo unterwegs erzeugten Brennstoffs mitbringen, von dem wiederum andere Schiffe über die Meere getrieben werden können. Sagt Professor Bagge: "Dann beginnt das wahrhaft goldene Atom-Zeitalter."
* Zum Beispiel: Dr. William Scholz, Generaldirektor der "Deutschen Werft", Direktor Wilhelm Schliephake von der Werft AG Weser" in Bremen, Professor Georg Sehnadel, Direktor des Germanischen Lloyd, Und Georg Blohm von der Werft Blohm & Voß.
* Das chemische Element Uran besteht aus drei Atom-Arten (Isotopen) mit den Atomgewichten 234, 235 und 238. Nur Uran 235, das im natürlichen Uran zu 0,7 Prozent enthalten ist, kann als konzentrierter Brennstoff für einen Atom-Meiler dienen. Um es aus dem natürlichen Uran zu gewinnen, sind komplizierte Trennungsanlagen erforderlich die für kleinere Staaten wegen Ihrer Kosten (rund 500 Millionen Dollar) praktisch unerschwinglich sind.
Atom-Minister Strauß
Wettlauf um sechs Kilo Uran
Hamburger Kernphysiker Bagge: Was geschieht, wenn ein Atomschiff sinkt?
Atom-U-Boot "Nautilus": Ohne Tanken um die Erde

DER SPIEGEL 14/1956
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