04.04.1956

USAKeine Spur von Bridey

Soviel steht fest: wir wissen weniger als nichts über unseren Geist und unsere Seele. Ich jedenfalls wage nicht zu entscheiden, ob es eine Wiedergeburt nach dem Tode gibt oder nicht." Mit dieser vorsichtigen und dürftigen Formulierung zog sich vor kurzer Zeit ein Mann aus der Affäre, der ausgezogen war, um der Mitwelt einen handfesten Beweis für die Re-Inkarnation, die von Spiritisten immer wieder behauptete Wiedergeburt verstorbener Menschen in einer anderen Zeit und Umgebung, zu liefern.
William J. Barker, Reporter der in Denver (Colorado) erscheinenden Zeitung "Post", hatte ein sehr dringliches Interesse an diesem Beweis. Denn er war im Herbst 1954 als erster auf den "Fall Bridey Murphy" gestoßen, der inzwischen viele hunderttausend Amerikaner zu der erstaunlichen Überzeugung gebracht hat, daß sie vor ihrer Geburt schon einmal gelebt hätten.
In der Sonntagsbeilage seines Blattes hatte Barker damals in drei Fortsetzungen die seltsame Geschichte von dem rothaarigen Mädchen Bridey erzählt, das 1798 als Tochter des Rechtsanwaltes Dunean Murphy in der irischen Stadt Cork geboren wurde, 1864 als Gattin eines geacheten Lehrers der Rechtswissenschaft namens Brian MacCarthy in Belfast starb und 59 Jahre später, Anno 1923, im mittleren Westen der USA wiederum das Licht dieser Welt erblickte.
Bis 1952 hatte die vermeintliche Re-Inkarnation von Bridey MacCarthy, geborener Murphy, nach Reporter Barkers Bericht nichts von ihrem irischen Vorleben gewußt. Erst als Mrs. Virginia Tighe in Pueblo (80 000 Einwohner) in Colorado mit einem Geschäftsmann glücklich verheiratet und bereits Mutter von drei Kindern war, trat der Mann in ihr Leben, der ihre "Vergangenheit" durch seine hypnotischen Kräfte hervorlockte.
Dieser Mann war Morey Bernstein, ein Unternehmer aus Pueblo, der sich als Amateur mit Hypnose beschäftigt. Als er Mrs. Tighe eines Tages in hypnotischen Dämmerschlaf versetzt hatte und sie nach frühen Kindheitserlebnissen befragte, stellte er überrascht fest, daß sich diese Kindheit unmöglich im 20. Jahrhundert abgespielt haben könne.
Interessiert fragte er weiter. Sechsmal versetzte er die Dame mit der doppelten Kindheit in einen Trance-Zustapd, und jedesmal erfuhr Bernstein weitere Einzelheiten aus ihrem Vorleben im 19. Jahrhundert. Stockend, aber doch sehr detailreich berichtete Mrs. Tighe vom Irland der guten alten Zeit, von ihrem Lebensweg und sogar auch von ihrem Begräbnis, dem sie in "entmaterialisierter" Gestalt beigewohnt haben mußte.
Nachdem der Bericht des Reporters Barker erschienen war, wurde die Zeitung "Post" mit fast 10 000 Leserbriefen überschüttet. Allmählich dämmerte es nicht nur Barker, was für eine Dollarquelle er gefunden hatte. Auch der Amateur-Hypnotiseur Morey Bernstein witterte seine Chance. Er schrieb ein Buch über seine hypnotischen Sitzungen und reiste damit nach New York. Der zweite Verleger, bei dem er vorsprach, griff zu, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, daß es sich bei Mrs. Virginia Tighe, die sich im Buch hinter dem Pseudonym Ruth Simmons verbarg, um eine Dame von unbezweifelbarer Respektabilität handelt, die in ihrem amerikanischen Leben jedenfalls noch nie in Irland gewesen ist.
In dem angesehenen Verlagshaus Doubleday. und Co. erschien "Die Suche nach Bridey Murphy", 256 Seiten stark, am 5. Januar dieses Jahres in der bescheidenen Auflage von 8000 Exemplaren. Selten hatte sich ein Verlag mehr verrechnet. Gut zwei Monate später lieferte Doubleday freudestrahlend das 171 Tausend des Buches aus und durfte damit rechnen. daß "Bridey" auch noch weiterhin den ersten Platz auf der Bestseller-Liste der Sparte "non-fiction", also der Tatsachen-Literatur, behaupten würde.
Von der Langspielplatte, die Morey Bernstein nach vorsorglich angefertigten Tonaufnahmen von seinen "Séancen" pressen ließ, wurden binnen weniger Wochen 30 000 Stück verkauft. 42 Zeitungen druckten das Buch ganz oder auszugsweise nach. Eine Hollywooder Firma sicherte sich für 50 000 Dollar die Filmrechte an dem zugkräftigen Stoff. Und landauf, landab erklingen in Nachtklubs und Drugstores die populären Melodien von "The Love of Bridey Murphy" und "The Ballad of Bridey Murphy", mit denen sich fleißige Schlagerschmiede an den Erfolg des Buches anhängten. In New York schickt sich Schlager-Star Perry Como soeben an, den neuesten Song dieses Genres "Did Anyone Ever Tell You, Mrs. Murphy?" -. "Hat Ihnen jemand je erzählt, Mrs. Murphy?" - für eine Schallplattenfirma zu verewigen.
Mit den kletternden Auflagezahlen der Suche nach Bridey Murphy" begaben sich immer mehr Amerikaner auf die Suche nach ihrem eigenen Vorleben. Eine Art von Besessenheit erfaßte die für solche okkulten Sensationen anfällige Schicht der US-Bürger. Korrespondent Norbert Mühlen berichtete der "Weltwoche": "Gestern fuhr ich zweimal im Taxi, und beide Fahrer wollten von mir wissen, was ich über ein neuerschienenes Buch ("Die Suche nach Bridey Murphy") denke, auch legten sie mir ihre eigenen Ansichten dazu dar, bis wir an mein Ziel gekommen waren. Als ich Freunden von diesem mir sensationell scheinenden Erlebnis erzählte, versicherten sie, ihnen sei es genau so ergangen."
In Kalifornien machte sich ein Hypnotiseur in großen Zeitungsinseraten erbötig, jedem Kunden Kenntnis von seiner früheren Daseinsform zu verschaffen. Preis pro Vorleben: 25 Dollar. Zwischen New York und San Franzisko gingen fortschrittliche Gesellschaftsdamen dazu über, "Come as you were" ("Kommen Sie als das, was Sie gewesen sind")-Parties zu veranstalten, bei denen es Pflicht ist, im Kostüm seiner früheren Existenzform zu erscheinen.
In Nachtklubs, Studentenheimen, Millionärsvillen und Militärkantinen finden unzählbare "Séancen" statt, bei denen bis dahin scheinbar normale Amerikaner entdecken, daß sie im 16. Jahrhundert in Bayern Kühe gemolken haben oder daß sie eine Wiedergeburt ihres eigenen Großvaters sind.
In Los Angeles bekannte eine Dame im Trance-Zustand, sie sei um 1800 ein Pferd gewesen, und in Shreveport in Louisiana hypnotisierte ein 17jähriger Oberschüler eine junge Frau um eine Rekordstrecke von 10 000 Jahren zurück. Die Zuschauer bei diesen hypnotischen Parforce-Ritten schlürfen dabei den von einem findigen Barmixer in Houston entwickelten "Re-Inkarnations-Cocktail"*.
Psychiater und Psychologen warnen inzwischen die Öffentlichkeit in verzweifelten Aufsätzen vor den schädlichen Folgen, die eine von Amateuren unsachgemäß ausgeübte Hypnose haben kann. Die Welle des okkulten Wahns hat inzwischen ihre ersten Opfer gefordert und zum Beispiel den Tod des 19 jährigen Zeitungsjungen Richard Swink aus Shawne in Oklahoma verschuldet. Richard schrieb auf einen Zettel: "Ich bin so neugierig, ob die Bridey-Murphy-Story tatsächlich stimmt, daß ich die Theorie jetzt persönlich nachprüfen werde." Darauf ergriff er ein Gewehr und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.
Angesichts der Berge von Leserbriefen hielt es die "Post" für angebracht, ihren Reporter William Barker von Denver nach Irland zu schicken, um die Bridey-Murphy-Story nach Möglichkeit noch im Diesseits nachzuprüfen. Auch die Zeitung "Daily News", Chicago, und die Illustrierte "Life" entsandten Sonderberichterstatter an Ort und Stelle.
Das Ergebnis war mager. Reporter Barker grub sich bienenemsig durch alte Folianten, Adreßbücher und Kirchenarchive, aber nirgendwo fand er eine der Personen verzeichnet, die in Brideys Leben eine Rolle gespielt hatten, geschweige denn Spuren von Bridey Murphy selbst.
Wie Brideys amerikanische Re-Inkarnation, die Hausfrau Virginia Tighe, berichtet hatte, lebte Bridey 1804 in Cork in einem Holzhaus und schlief in einem Metallbett. Barker mußte enttäuscht feststellen, daß es in Irland damals fast nur Steinhäuser gab, nachweislich wurde auch das erste eiserne Bettgestell nicht vor 1850 auf der grünen Insel aufgeschlagen.
In Belfast, wo Brideys Gatte Brian Mac-Carthy Lehrer der Rechte an der "Queen's University" gewesen sein sollte, wies man dem amerikanischen Zeitungsmann schadenfroh nach, daß damals dort keinerlei Rechtsschule existiert hatte. Das 1845 gegründete "Queen's College" hinwiederum wurde erst 1909 zur "Queen's University" befördert. Ebenso stimmten die meisten Straßennamen und sonstigen Örtlichkeiten aus Brideys Bericht nicht mit der historischen Wirklichkeit überein.
Mißtrauisch geworden, klopfte Barker den Trance-Bericht von Mrs. Virginia Tighe nunmehr philologisch und phonetisch ab. Virginia hatte in der Hypnose angeblich das schönste Irisch gesprochen, ein Idiom, das ihr Im Wach-Zustand fremd ist. Wie sich nun herausstellte, hatte sie dabei die irischen Wörter oft falsch ausgesprochen und überdies auch zahlreiche Amerikanismen eingeflochten, die bis heute noch nicht in Irland benutzt werden.
Als William Barker nach drei anstrengenden Wochen von der transatlantischen Suche nach Bridey Murphy zurückkam, hatte er wenig mehr als einige landschaftliche Besonderheiten, lokale Slangworte und altehrwürdige irische Sitten und Sagen gefunden, die Brideys Wiedergeburt Virginia Tighe korrekt wiedergegeben hatte. Dennoch wollte er sich nicht entschließen, den Stab über Mrs. Tighe zu brechen. Immerhin meinte er in seinem Abschlußbericht: "Morey Bernstein sollte unbedingt noch eine weitere Sitzung veranstalten, aber dabei jemanden hinzuziehen, der daran gewöhnt ist, andere Leute zu interviewen, und der außerdem auch etwas von Irland kennt. Ich melde mich freiwillig." Bisher ist der Amateur Bernstein nicht auf dieses Angebot eingegangen.
Einige wissenschaftliche Psychiater der Vereinigten Staaten 'sind sich inzwischen darüber einig geworden, daß Mrs. Virginia Tighe in der Hypnose nicht aus ihrem Vorleben, sondern aus ihrem Unterbewußtsein geplaudert hat. Da ihre Eltern beide irischer Herkunft waren, könnte sie sehr wohl aus Erzählungen und Gesprächen am Kinderbett ein Bild von Irland geformt haben, das in der Hypnose wieder zu Tage trat. Auch ein längst vergessener Roman, den Virginia Tighe möglicherweise in ihrer Jungmädchenzeit gelesen hat, könnte dabei eine Rolle spielen.
* Rezept: Zwei Teile Wodka, ein Teil Maraschino, mit etwas Zitronensaft und Eis gut schütteln, eine Tasse Rum darübergießen und anzünden.
Hypnotiseur Bernstein (Mitte) mit Mrs. Tighe und Assistenten: Vor 92 Jahren gestorben

DER SPIEGEL 14/1956
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