18.04.1956

Lieber Spiegelleser

Die Titelbilder im SPIEGEL waren neulich Gegenstand einer Sendung des Hessischen Rundfunks, die "Das ausgelieferte Gesicht" hieß. Benno Reifenberg, Herausgeber der "Gegenwart", gestand da, er lege die Hefte des SPIEGEL gern auf den Rücken (wo er die gute Eckstein sieht), denn "das Gesicht vorn stört mich, ja es macht mich mißmutig" Reifenberg bemängelt besonders die Aufnahme-Technik unseres Photo-Aktivisten Max Ehlert. "So nah gesehen, können sich nur Zahnärzte für Zähne interessieren und Optiker für die Augen. Jede Pore öffnet sich vor mir..."
Solche Photographien: meint Reifenberg, entstünden dadurch, "daß der Dargestellte aufgefordert wird, das Objektiv der Kamera zu fixieren". Hier zeigt sich, daß Benno Reifenberg, 63, in seiner langen und erfolgreichen Laufbahn nie mit aktuellen Bildern gearbeitet hat, sonst wüßte er, daß "die Titelbilder des SPIEGEL Sicht
zustande kämen, wollte man den Dargestellten auffordern, "das Objektiv zu fixieren".
So hat man zu Kaiser Wilhelms Zeiten photographiert, ich aber scheue mich nicht zu behaupten, daß etliche SPIEGEL-Titel allerbestes, modernes Handwerk sind.
Freilich, "wenn der Photographierte etwa überrascht wurde und einen hilflosen Ausdruck zur Schau trägt", so ist es Reifenberg auch wieder nicht recht. Wie aber soll ein charakteristisches Bild zustande kommen, wenn der Dargestellte nicht überrascht wird? Zwar, er weiß, daß er "auf Titel" photographiert werden soll, aber er vergißt es während des Gesprächs wieder, weil der unauffällig im Hintergrund sitzende Photograph den Verschluß bis an die 60 mal öffnet. Wie dabei eine "sichtliche Bedrängnis", wie ein "hilfloser Ausdruck" herauskommen soll, ist mir nicht recht klar im Gegenteil, der Photograph vermittelt dem ihm "ausgelieferten" Gesicht die Hilfe der Unbefangenheit. Schließlich photographieren wir für keinen Kunst-Almanach, wir wollen nicht das "schöne"' sondern das "charakteristische" Bild. Max Ehlert wird den Benno Reifenberg gern einmal mitnehmen, damit der sieht, wie heutzutage Titelbilder gemacht werden.
Freilich, es scheint als sei Reifenberg ein Feind des Titel-Porträts überhaupt. Ihn stört, daß "der Dargestellte mit uns konfrontiert wird: "Wir sind gezwungen, einander in die Augen zu schauen. Einander ins Auge zu sehen, das bedeutet eine der intimsten Begegnungen, die zwischen Menschen vollzogen werden können. Die Lyrik der ganzen Weltliteratur umkreist diesen Vorgang. Man vergißt die Zeilen nie, mit denen der junge Goethe, das Schicksal anredete: ,Warum gabst du uns die tiefen Blicke, unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun...'" Mir scheint, der Dichter-Fürst ist hier etwas zu handfest-gegenständlich aufgefaßt worden. Die Blicke, mit denen wir die Zukunft schauen, werden von dieser unberechenbaren Dame wohl schwerlich erwidert werden: Und ich gestehe frei, daß auch Max Ehlert dies "Aug' in Aug'" nicht auf die Platte bannen kann. Muß es denn immer gleich der Pegasus Goethe sein, der angeschirrt wird, wenn es doch nur ein Holterdiepolter übers Stoppelfeld gilt?
"Ohne des anderen Einverständnis ihn im Auge zu behalten", sagt Benno Reifenberg, "gilt als höchste Zudringlichkeit
Angestarrt zu werden, das kommt beinahe einer Freiheitsberaubung gleich." Ach, wenn Herr Reifenberg wüßte, wie viele potentielle Kandidaten sich danach drängen, auf satiniertem Papier angestarrt und solcherart der Freiheit beraubt zu werden! Es wird ja niemand porträtiert, der nicht einverstanden ist. Vielen Dank, Benno Reifenberg, für das amüsante Geplauder!
Aber nun zur Sache: Reifenberg hat am Rande noch moniert, daß er die einzelnen Gesichter auf dem SPIEGEL nicht mehr recht auseinanderhalten könne. Das scheint mir ein ernstzunehmender Einwand. Jede Woche ein fast lebensgroßes, ins Auge "springendes" Gesicht - das könnte tatsächlich ermüden. Darum hin und wieder ein Farbtitel, auf dem das Auge ausruht; darum des öfteren ein Brust- oder Ganzbild, auf dem sich nicht "jede Pore öffnet" und auf dem man die Barthaare nicht zählen kann; darum zuweilen-symbolischer Hintergrund, darum, seit neuestem, auch einmal ein gezeichnetes Titelbild mit einem ebenfalls farbigen Hintergrund: damit Sie nicht ermüden, damit Sie Ihren SPIEGEL-Sammelband ohne Beklemmung durchblättern können.
Nicht jedes Antlitz eignet sich zur Schwarz-Weiß-Großaufnahme. Es war uns beispielsweise nicht gelungen, den Titelhelden dieser Nummer, den Bürgermeister von Florenz, La Pira, - so aufzunehmen, daß der eindrucksvolle Charakter dieses neuzeitlichen Hl. Franziskus im Photo spürbar würde. Wir machten einen Versuch, den Titel farbig zu stilisieren, und waren verblüfft: gleich das erste Muster schien uns druckreif. Wir druckten es. Freilich hatten wir uns auch ohne Umschweife an einen Ur-Vater gezeichneter Titel gewandt, an den in Amerika lebenden Russen Boris Artzybasheff. Er war es, der in der Zeitschrift "Time" die ersten symbolträchtigen Titelbilder kreiert hat, 1942 den SS-Führer Heydrich vor 22 Galgenschlingen in Schwarz-Weiß-Manier, 1943 den deutschen U-Boot-Chef Dönitz in Farbe, dessen Kopf fast surrealistisch aus einem Kommandoturm (oder war es ein kriegsmäßiger Hjalmar-Schacht-Kragen?) herauswuchs, eine Seeschlange neben anderen Schnorchel-Untieren.
Artzybasheff an erster Stelle hat jene Titel entwickelt, deren Manier Benno Reifenberg in ihrer "mechanisierten Zeichnung" zwar auch mißfällt, die aber gleichwohl das Entzücken zahlloser Laien und der Fachwelt hervorgerufen haben. Er hat das Lehrgeld bezahlt, das wir für den Anfang zu sparen gedachten.
Der 1899 geborene Boris hatte schon auf der Schule in St. Petersburg wegen seines Zeichentalents einen Freiplatz. In der von den Deutschen ausgerüsteten Armee des Ukrainer-Hetmans Skoropadski hatte der 19jährige Kombattant des ersten Weltkrieges die ehrenvolle Aufgabe, mit dem MG auf zurückgehende Landsleute zu schießen, um ihren Mut zu "befeuern". "Wir taten nichts dergleichen" sagt Boris, "wir rannten als erste." Über Ceylon wollte der 20jährige die zarentreue Armee des Generals Denikin erreichen, aber das Schiff fuhr infolge der Bürgerkriegswirren nicht nach Ceylon, sondern nach New York. Er wurde, was er war: ein Zeichner.
Er entwarf Damenwäsche, ein Russisches Restaurant, Theater-Einrichtungen, einen Nachtclub, und er illustrierte fünfzig Bücher. Aber das war nicht sein wahres Leben. Er liebte es, die Maschinen zu vermenschlichen, und er dichtete den Menschen als eine skurrile Maschine. Plötzlich hatte der Stahlwerksofen einen gierig blakenden Mund, die Gießpfanne bekam Glupschaugen, die Guß-Rinne Beine wie ein Bär und der Laufkran Menschen-Arme. Die zum Spaß erfundene Roboter-Lady trägt anstatt eines Busens eine Rechenmaschine ("Für Geschwindigkeit eher tauglich als für Genauigkeit, was das Einkaufen erleichtert").
Magengeschwüre - sie figurieren bei dem Mann mit dem Trotzki-Kneifer bedenklich oft - sind für "Artzy" kleine gierige Vögel, die ihr Inhaber in einer Art Känguruh-Bauch unter
Zuhilfenahme eines Kinderwagens spazierentragen und mit der Flasche ernähren muß. Und der Telephonhörer hat entweder die Gestalt eines raunzenden Generaldirektors, der seine Zigarrenasche in die Sprechmuschel stäubt ("Vollzugs - Telephon"), oder einer hingegossenen Schönen, mit einem Ohr-Muschel-Mund, so groß, rund und inhaltsreich wie eine Membrane ("Gesellschafts-Telephon").
Artzybasheff behauptet gleichwohl, kein Surrealist zu sein, und was läge daran, ihm nicht zu glauben? Jedenfalls war er der richtige Mann, Titel zu zeichnen, deren farbige, skurrile Symbolik über Wesen und Tätigkeit des Dargestellten kurzweilig Aufschluß gab. Er hat viele Titel berühmter Zeitgenossen aus Deutschland entworfen. Sein "Hitler", unter Zeitdruck gezeichnet nach dem makabren Aktschluß in der Reichskanzlei, wirkt heute reichlich kraß. Bei Konrad Adenauer und Kurt Schumacher, den beiden Nachlaßverwaltern des Hitlerschen Konkurses, wächst neben den schwarz-rot-goldenen Farben neues Leben aus den Ruinen. Artzybasheff war es auch, der als erster 1952 mit einer fast geheiligten "Time"-Tradition brach: Er verzichtete bei dem Titel über den deutschen Raketenforscher Wernher von Braun auf das Porträt und entwarf eine phantastische Mondlandschaft mit einem überdimensionalen Roboter-Konquistador, der das alte spielerische Ideal des Künstlers Artzybasheff auf ungeahnte Weise verkörpert: Mensch und Maschine zu einer neuen Einheit zu: verschmelzen.
Artzybasheff sieht sich seine Titel-Figuren sehr genau an. Er studiert Dutzende von Photos, wenn er nicht die Personen selbst sehen kann. Er studiert ihren Lebenslauf, ihre Umgebung und ihr Werk. Und obwohl seine Porträts den Photographien "ähnlich" sind, ähnlicher naturgemäß als das Bild eines Malers, versucht er jene Züge herauszuarbeiten, die ihm charakteristisch und bedeutsam erscheinen.
Bei Giorgio La Pira, dem Stadtoberhaupt von Florenz, scheint mir das Vorhaben gelungen. Das unscheinbare Gesicht ist von Sammlung und innerer, verhaltener Glut durchdrungen: Ein Führer der einfachen Leute, der "Unschuldigen", schreckt er auch vor der Gewaltsamkeit eines Savonarola nicht zurück, der vor dem Rathaus der gleichen Stadt Florenz im Jahre 1498 verbrannt worden ist, auf der Piazza della Signoria, die Boris Artzybasheff für seinen SPIEGEL-Titel als Hintergrund gewählt hat.
Wir betrachten diesen ersten gezeichneten Titel als ein Experiment, wenn auch als ein gelungenes. Wir werden keinesfalls auf den gezeichneten Titel umsatteln. Wir versuchen lediglich, unsere Ausdrucksmittel zu bereichern, damit auch kritische. Leser wie Benno Reifenberg unser Bemühen erkennen, Sie nicht zu, ermüden, sondern Sie anzuregen.
Herzlichst Ihr Rudolf Augstein
Boris Artzybashett
"Vollzugs-Telephon"
Heydrich (1942)
Dönitz (1943)
Hitler (1945)
"Gesellschafts-Telephon"
Schumacher (1952)
Wernher v. Braun (1952)
Adenauer (1954)
Das Stahlwerk
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 16/1956
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