18.04.1956

SPDDer neue Stil

Genau zehn Jahre waren seit dem Tag vergangen, an dem sich Berlins Sozialdemokraten in einer Urabstimmung mit 82 Prozent Nein-Stimmen der von Sowjet -Funktionären betriebenen Fusion ihrer Partei mit der KPD widersetzt hatten.
Dieses Votum des Berliner Landesverbandes hatte für die weitere Entwicklung der SPD, mithin für die Innenpolitik Gesamtdeutschlands historische Bedeutung: Unter Führung Kurt Schumachers wurde in den damaligen Westzonen das Drängen der Kommunisten nach einer sozialistischen Einheitspartei ebenfalls abgewiesen. Nur in der Sowjetzone kam es unter Einsatz aller Mittel der Besatzungsmacht zur Bildung jener Partei, die seither - stalinistisch gesteuert - konsequent zur Staatspartei der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik gemacht wurde.
Das Datum der Berliner Entscheidung gegen die KPD - es war der 7. April - bot der SPD eine willkommene Gelegenheit, wieder einmal ihrer stolzen Vergangenheit zu gedenken und der ob solcher Traditionsseligkeit etwas verdrossenen Öffentlichkeit gleich zweierlei vorzuführen: die unversöhnliche Feindschaft der Sozialdemokraten gegen den terroristischen Halbbruder zur Linken und den modernen Geist einer Partei, der es wie keiner anderen schwer fällt, sich ihres historischen Gepäcks zu entledigen.
So kam es, daß die Berliner SPD-Zentrale ihren Kultursekretär Hammer anwies, eine gleichermaßen würdige und fortschlittliche Feierstunde zu arrangieren.
Dieser Kultursekretär Konrad "Jule" Hammer, 29, Volkskunde-Student aus der Lutherstadt Wittenberg und Neffe des propagandatechnisch talentierten Seeteufels Graf Luckner, ist nämlich ein Mann, der sich nicht erst seit gestern eigene Gedanken über einen zeitgemäßen politischen Stil macht. Getreu seiner These, daß ein moderner Partei-Propagandist eine wohlabgewogene Mischung voll Willy Münzenberg (einfallsreicher Propaganda - Chef der KPD Anfang der dreißiger Jahre) und Peter Frankenfeld sein müsse, frischt er schon seit Jahren den konventionellen Berliner SPD-Betrieb mit kabarettistischen Gags auf.
Hammers "Neue Berliner Bühne" - eine parteieigene Agentur produzierte als Mitteldingi zwischen Piscators politischem Theater und Carows Lachbühne politisches Kabarett, bunte "Sonntagmorgen ohne Sorgen"-Matinees und "Sozialistische Jugend-Revuen" in denen sich prominente Sozialdemokraten friedlich vereint mit Catchern, Schönheitsköniginnen und amerikanischen Hill-Billy-Bands den Beifallspfiffen Berliner Halbstarker stellten
Kultursekretär Hammer ist es auch der allsommerlich 25 000 Ostberliner in die Waldbühne holt und mit einem viel- stündigen Mammutprogramm unterhält, in dem die deutsche Fußball-Nationalelf ihren Platz neben dem Bundespräsidenten Heuss und der Berliner SPD-Prominenz findet.
Die schönste Errungenschaft des Sekretärs Hammer: Zum ersten Male in Deutschland - veranstaltet er "Mach mit"-Programme für Taubstumme: Sogar versteinert traditionsgebundene SPD-Genossen ließen alle diese Dinge unbeanstandet passieren. Erst als Hammer den bundesdeutschen Jazz-Experten - Joachim Ernst Berendt nach. Berlin holte und vor dem "Sozialistischen Forum" - sprechen ließ, sträubten sich manchem alten Funktionär die Nackenhaare.
Für die Gedenkfeier am 7. April montierte Konrad Hammers Autoren-Kollektiv nun ebenfalls eine Show modernster Prägung: "Urabstimmung 46, eine oratorische Dokumentar-Revue in Songs und Berichten".
Darunter verstand das Hammer-Kollektiv eine Art von Hörspiel, das - umrahmt von Lichtbildern, Sprechern, Orchester und 120-Mann-Chor - auf offener Bühne vorgetragen wird. Diese Bühnen-Reportage sollte nach dem Willen ihrer Texter im neuen Konzertsaal der Westberliner Hochschule für Musik über die Bretter gehen, den die Berliner den Hindemith-Bahnhof nennen. Doch dieser städtische Konzertsaal ist normalerweise für nicht-künstlerische Veranstaltungen - wie Jazz-Sessions und Partei-Kundgebungen - tabu.
Deshalb mußte erst mit dem Hochschul -Direktor und Komponisten Boris Blacher über die nicht statutengemäße Hergabe des Saales verhandelt werden. Wenngleich nach dem Zeugnis der Autoren jener Dokumentar-Revue "die Musik lediglich eine dienende Funktion habe und die Knotenpunkte der Handlung mit Anführungsstrichen versehen solle", gab Blacher seinen Saal für das Experiment schließlich frei.
Die Sprecher der Revue - so hatte Kultursekretär Hammer es im Prolog ankündigen lassen - "werden große Haltungen einnehmen, nicht mehr durch die Rede als schallende Formel, sondern durch das Wort als Bezeichnung des Wirklichen". Nach dieser etwas krausen Formel vermischten Hammers Sprecher knappe, rational unterkühlte Berichte über die Manöver der "Gruppe Ulbricht" - mit Hilfe einiger SPD-Renegaten die Sozialdemokratie unter die kommunistische Fuchtel zu bringen - mit der rhythmischen Prosa eines "Kontrollchors", der das mahnende Gewissen des braven SPD-Kassierers kollektiv personifizierte.
Auf der vorhanglosen Breitwandbühne standen und saßen die einzelnen Sprecher hinter bunten Rednerpulten und markierten die Positionen der SPD und KPD im Kampf um die "Vereinigung" der beiden Parteien.
Für die oratorischen Einschübe hatte der Komponist Willy Lechler ein erstaunlich instrumentiertes Orchester gewählt: Drei Trompeten, drei Posaunen, ein Vibraphon, zwei Schlagzeuge und eine große Konzertorgel. Die Spannweite des Oratoriums reichte vom modernen Furioso des Songs "Zur Geschäftsordnung" bis zum Blues "An die Rotarmisten":
Ach Bruder, du bist so wie ich und der,
der neben mir geht: Wir sind alle gleich,
im Beutel arm, doch in der Sehnsucht reich.
Du hältst, wie wir es hielten, ein Gewehr.
Du denkst an Marfa, ich denk an Marie,
wir beide lieben unsre Fraun und die,
die mit uns über Tal und Hügel rollen,
die einmal Arzt und Lehrer werden wollen.
Komm, lieber Bruder, gib mir die Hand,
wir alle haben nur ein Vaterland.
Auf dem Höhepunkt der Revue betrat als historisch echter Hauptdarsteller der Berliner SPD-Boss Franz Neumann die Bühne. Dem energischen Kommando des damaligen Reinickendorfer SPD-Sekretärs Neumann und seiner bedingungslosen Folgsamkeit gegenüber dem Parteichef Kurt Schumacher war es im Frühjahr 1946 tatsächlich zu verdanken, daß Berlins SPD -Gefolgschaft ihre alte Sehnsucht nach einer "Einheits"-Partei der Arbeiter herunterschluckte.
Zeitgemäße Retusche
Am 7. April dieses Jahres wußten allerdings nicht wenige Genossen mit dem ihnen präsentierten neuen Stil einer Partei-Feier noch nichts Rechtes anzufangen. Während das Partei-Oratorium durch den Saal hallte, saßen etliche der gewohnheitsmäßigen Zahlabend-Besucher im Foyer und spielten Skat.
Der kräftige Schlußbeifall nach der Feier indes bestätigte den kulturellen Neueren der Berliner SPD die Richtigkeit ihrer Marschrichtung. Selbst Berlins CDU-Zeitung "Der Tag" zollte dem modernen Stilwillen des politischen Kontrahenten neidlos Beifall.
Eine Kleinigkeit aber übersah man in der allgemeinen Premierenfreude. In einem Punkt hatte die Berliner Parteizentrale das Ur-Manuskript einer kleinen unhistorischen Korrektur unterzogen: Ein Diapositiv, das den Zuschauern ins Gedächtnis rufen sollte, daß sich bei der Urabstimmung des Jahres 1946 zwar 82 Prozent der SPD-Mitglieder gegen den sofortigen Zusammenschluß mit der KPD, aber 62 Prozent für die Zusammenarbeit der beiden Parteien entschieden hatten, war dem Rotstift zum Opfer gefallen.
SPD-Orotorium auf Breitwandbühne: "Die Sprecher nehmen große Haltungen ein"
Revue-Autoren-Kollektiv*: Mittelding zwischen Piscator und Carow
* von Links nach rechts: Dirigent Kallipke, Komponist Willy Lechler, Regisseur Horst Braun, Tekter: Konrad Hammer.

DER SPIEGEL 16/1956
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