02.05.1956

WALFANG / ONASSISAn die Kette gelegt

Die norwegische Regierung ließ in den
vergangenen Wochen keine Gelegenheit ungenutzt, um in der ganzen Welt Sturm gegen eine internationale Größe der Seefahrt zu laufen, gegen den Tankerkönig Aristoteles Onassis, den das Seefahrervolk der Norweger seit Jahren als schlimmste Konkurrenz betrachtet.
Erst vor kurzem intervenierten die Norweger offiziell beim Bonner Außenministerium: Die Bundesregierung möge dafür Sorge tragen, daß die 600 deutschen Seeleute, die bis vor wenigen Tagen im Dienst der Walfanggesellschaft des Onassis standen, sich nicht mehr als "Seeräuber" betätigen. Dazu gaben norwegische Zeitungen folgenden Kommentar:
"In der internationalen Poker-Gesellschaft, die millionenfach höhere Einsätze riskiert als selbst die mutigsten Berufsspieler, ist Onassis seit langer Zeit der durchtriebenste und rücksichtsloseste... Die Mannschaft seiner Walfangflotte besteht vorwiegend aus Deutschen. Die jetzige deutsche Regierung wird es kaum gern sehen, daß deutsche Seeleute sich an einer neuen Art von Seeräuberei beteiligen. Vor dem Krieg war Deutschland Mitglied der internationalen Walfang-Organisation und beachtete seine Verpflichtungen genau wie die anderen Nationen. Die jetzigen deutschen Regierungsstellen haben also eine Tradition aufrechtzuerhalten und müssen - wenn auch nicht gerade Aristoteles Onassis - so doch ihre eigenen Bürger davon überzeugen, daß eine Handlungsweise, wie sie der norwegische Walfängerverband enthüllte, nicht fortgesetzt werden darf."
Noch deutlicher wurden zwei Abgesandte der norwegischen Seeleute-Gewerkschaft, die nach Hamburg reisten, um in der Landesleitung der westdeutschen Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) an die internationale Gewerkschaftssolidarität zu appellieren. ÖTV -Vorsitzender Kummernuß sollte schnellstens - so verlangten die Norweger - die 600 deutschen Onassis-Matrosen veranlassen, ihren gutbezahlten Job aufzugeben.
Kummernuß und seine Assistenten sahen die kecken Norweger etwas verdutzt an, denn die sonst so streitbare ÖTV hatte bisher noch keinen Anlaß gefunden, sich mit Onassis anzulegen. Im Gegenteil: Die Beauftragten des Tankerkönigs hatten sich als sehr zugängliche Sozialpartner entpuppt und im vergangenen Jahr den von der ÖTV geforderten hohen Sondertarif akzeptiert.
Daß die 600 westdeutschen Seeleute dennoch vor zwei Wochen die Planken der Walfangflotte verließen, lag nicht an Bonn und auch nicht an den Gewerkschaften. Onassis hatte in aller Stille die Flotte für 35,7 Millionen Mark an die japanische Fanggesellschaft Kyokuyo verkauft. Dem agilen Großunternehmer, der in den arabischen Erdölländern neuen Plänen nachjagt, war offenbar - nach einem Hexensabbat internationaler Verwicklungen und hartnäckigen Nachstellungen durch die Norweger - die Lust an dem für ihn ohnehin nicht sehr lukrativen Walfanggeschäft vergangen.
Die 1950 schnell zusammengeschusterte Flotte, die zum Teil aus umgebauten alten Marinefahrzeugen besteht, arbeitete nicht mehr rentabel genug. Die klappernden Maschinen schluckten zuviel Heizöl, und die Reparaturkosten nach jeder Fangexpedition waren recht hoch. Onassis konnte nur dann Gewinne einstreichen, wenn jede Expedition mehr als 75 000 Faß Walöl einbrachte. Dagegen schnitten die neun norwegischen Fangflotten weitaus besser ab, denn ihre Unkosten waren bereits bei einer Ausbeute von 50 000 bis 60 000 Faß Walöl gedeckt.
Daraus ergab sich, daß die Onassis-Walfänger - um ihr hohes Soll zu erfüllen - bei der Auswahl ihrer Jagdbeute nicht immer sehr wählerisch verfuhren. Der norwegische Walfangverband versandte inzwischen Photokopien von Originaldokumenten der Onassis-Fangleitung in alle Welt, aus denen hervorgeht, wie viele Wale, die nach den internationalen Schutzbestimmungen eigentlich heute noch den Atlantik und den Pazifik durchfurchen sollten, von Harpunenschützen der Onassis -Flotte erlegt wurden (SPIEGEL Nr. 7/56). Die Norweger, die immer darauf pochen, die größte Walfangnation der Welt* zu sein, haben errechnet, daß ihren Fangflotten durch die Seeräuberei des Onassis etwa eine Fangausbeute im Werte von 4,5 Millionen Mark entgangen ist.
Der Präsident des norwegischen Walfangverbandes verrät allerdings nicht, auf welche obskure Weise die Unterlagen und Informationen in seine Hände gelangt sind. Man hatte zunächst angenommen, daß norwegische Harpunenschützen sich einen Judaslohn verdient hatten, aber inzwischen wurde bekannt, wo die Verräter zu suchen sind. Sie sind dem Fischereiattache des norwegischen Generalkonsuls in Hamburg, F. J. Grahl, näher bekannt.
Bei ihm meldeten sich im vergangenen Jahr sechs deutsche Seeleute, die sehr geheimnisvoll taten und schließlich erklärten, daß sie Besatzungsmitglieder der "Olympic Challenger", des Mutterschiffes der Onassis-Walfangflotte, seien. Sie wollten "unter gewissen Voraussetzungen" über den Jagdfrevel ihrer Fang- und Expeditionsleitung auspacken. Attache Grahl reichte die offenbar auf gutes Honorar spekulierenden Seeleute an einen Walfangspezialisten weiter, der eilends aus der norwegischen Walfangzentrale Sandefjord anreiste und 20 000 Kronen (11 700 Mark) mitbrachte.
Wenige Wochen später bombardierte der norwegische Außenminister Lange die Regierung von Panama mit Protestnoten gegen den "Seeräuber" Onassis, dessen Walfangflotte unter Panamaflagge fuhr. Außerdem versuchte Norwegens Außenminister auch noch die Uno für den Fall zu interessieren. Als die Norweger merkten, daß ihre Proteste und politischen Demarchen nichts fruchteten, starteten sie überraschende Selbsthilfeaktionen.
Am Kai der Firma Hansamatex in Hamburg-Wilhelmsburg lag am 24. März der 18 790 Bruttoregistertonnen große Tanker "Olympic Sun" mit 9000 Tonnen Walöl (Wert 9,5 Millionen Mark). Späher des norwegischen Walfangverbandes hatten erfahren, daß dieses Öl von der Olympic Whaling Company des Onassis stammte. Sie schlichen sich in den Freihafen und warteten so lange, bis der größte Teil der Ladung in die Hansamatex-Tanks gelaufen war. Dann ließen sie dem Kapitän durch einen Gerichtsvollzieher die Beschlagnahmeverfügung überreichen, die der Justitiar des norwegischen Walfangverbandes, Dr. Werner Schön, inzwischen beim Hamburger Landgericht - gegen Hinterlegung einer Sicherheit von 500 000 Mark und Vorlage von beweiskräftigen Dokumenten - erwirkt hatte.
Dem überrumpelten und protestierenden Kapitän der "Olympic Sun" (die nicht zur Onassis-Flotte gehört) blieb nichts anderes übrig, als die Anker zu lichten und den Hamburger Hafen in Richtung Rotterdam zu verlassen, wo die restlichen 3000 Tonnen Walöl gelöscht wurden.
Aber bald wurden die Attacken der Norweger noch aufregender. Inzwischen war die ganze Walfang-Flotte des Onassis (das Kochereischiff "Olympic Challenger" mit 15 Fangbooten) in Rotterdam eingelaufen, um dort, vor der Übergabe an die Japaner, überholt zu werden. Diese Gelegenheit benutzten die norwegischen Walfangverteidiger, um beim Landgericht in Rotterdam eine Beschlagnahmeverfügung zu erwirken. Gerichtsvollzieher legten um den Mast der "Olympic Challenger" eine Kette mit Amtssiegel. Dieser symbolische Akt bedeutet nach internationalem Brauch, daß das Schiff den Hafen nicht ohne Genehmigung des Gerichts verlassen darf. Die norwegischen Antragsteller hatten dem Präsidenten der Rotterdamse Rechtbank (Landgericht) erklärt, daß Onassis ihnen wegen des rigorosen Vorgehens seiner Walfänger noch beträchtliche Ausfallsummen schulde.
Diesmal ließ der Gegenangriff nicht lange auf sich warten. Die Justitiare des Onassis schlugen überraschend zurück und erwirkten am 23. April - "zur Sicherung von Schadenersatzforderungen" - einen Arrestbefehl gegen die ebenfalls in Rotterdam, und zwar direkt neben dem Kochereischiff "Olympic Challenger" liegende größte norwegische Kocherei "Kosmos III" (18 460 Bruttoregistertonnen). Dieser Schlagwechsel stellte den Gerichtspräsidenten vor ungeahnte Probleme. Vorläufig liegen die Fabrikschiffe beider Kontrahenten in Ketten, weil die streitenden Parteien sich weigerten, für die Aufhebung der Beschlagnahme beider Schiffe eine Million Gulden Kaution zu stellen.
In England wurden die wütenden Maßnahmen der Norweger nur mit Ironie quittiert. Neutrale Walfangspezialisten wiesen darauf hin, daß in der nunmehr abgeschlossenen Fangsaison 1955/56 von den neunzehn in der Antarktis operierenden Expeditionen außer der "Olympic Challenger" fünf weitere Kochereien - zwei englische, zwei japanische und eine sowjetrussische - täglich je Kocherei über 2000 Faß Walöl hergestellt haben. Diese Ausbeute sei so unwahrscheinlich hoch, daß sie bei Einhaltung der Fangbestimmungen niemals hätte erzielt werden können.
* Norwegen steht mit neun schwimmenden Kochereien, 110 Fangbooten und sechs Landstationen an der Spitze jener 17 Nationen, die der 1946 gegründeten Internationalen Walfang-Konvention beigetreten sind.
"Olympic Challenger" mit Wal-Kadavern "Eine neue Art von Seeräuberei"

DER SPIEGEL 18/1956
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