20.06.1956

EISENHOWERDie Crohnsche Krankheit

Ist der Pressechef des Weißen Hauses am Freitag der vorletzten Woche die Reporter zusammenrief, um ihnen das Bulletin über Eisenhowers Beschwerden zu verlesen, wurde die Weltöffentlichkeit zum erstenmal mit einer Krankheit bekannt gemacht, die bis dahin nur den Fachärzten ein Begriff war: mit der Ileitis.
Die Ileitis, eine Entzündung im unteren Teil des Dünndarms (Ileum), ist von dem New-Yorker Darmspezialisten Dr. Burrill Crohn erst vor 25 Jahren entdeckt worden. Auf einem amerikanischen Ärztekongreß sprach er über seine Erkenntnisse, und
seitdem wird die Ileitis auch als "Crohnsche Krankheit" bezeichnet.
Immer mehr Menschen scheinen an ihr zu leiden, aber nicht immer wird die Krankheit erkannt. Die Diagnose wird dadurch erschwert, daß die Ursachen der Ileitis bis heute noch ungeklärt sind. Am Morgen nach der Veröffentlichung des Bulletins suchten denn auch die amerikanischen Zeitungen in spaltenlangen Spekulationen zu ergründen, wie Eisenhowers Darmentzündung entstanden sein könnte. Die ersten Anzeichen der Krankheit glichen merkwürdigerweise den Symptomen, die auch am Morgen des 24. September 1955 kurz vor Eisenhowers Herzanfall - aufgetreten waren.
Auch damals hatte der Präsident mitten in der Nacht über Magenschmerzen geklagt, nachdem er am Vortage gegen die Diätverordnungen verstoßen hatte: Er hatte zum Mittagessen einige dicke Zwiebelscheiben verspeist, die ihm Beschwerden machten. Ebenso hatte er sich am Donnerstag der vorletzten Woche - bei einem Festsouper - nicht streng an den ärztlich vorgeschriebenen Speiseplan gehalten, der ihm nur den Verzehr von 1800 Kalorien täglich zubilligte.
Wie damals mußte sich Mamie Eisenhower mitten in der Nacht mit dem Leibarzt ihres Mannes verbinden lassen: Ike habe Magenschmerzen. Dr. Snyder verordnete telephonisch etwas Magnesia. Erst als Mamie Eisenhower 35 Minuten später noch einmal anrief, mußte der Doktor befürchten, daß eine ebenso gefährliche Situation entstanden war, wie in der Nacht des Herzanfalls. Dr. Snyder begab sich ins Weiße Haus und verbrachte den Rest der Nacht am Bett Eisenhowers, dessen Beschwerden sich verstärkten. Mehrmals mußte er sich erbrechen.
Aus den Walter-Reed-Hospital rief Dr. Snyder den Dr. Francis Pruitt zur Unterstützung herbei. Obwohl Eisenhowers Krankheits-Symptome ein Dutzend anderer Diagnosen zugelassen hätten, einigten sich die beiden Mediziner auf den Befund: Ileitis. Snyder hätte sich ohne Röntgenuntersuchung nicht festlegen können, wenn er nicht Eisenhowers Krankengeschichte genau gekannt hätte. Viele Ärzte vermuten, daß die Ileitis durch Ruhrbazillen ausgelöst wird. In den dreißiger
Jahren hatte Eisenhower, das wußte Dr. Snyder, einmal an der Ruhr gelitten.
Natürlich tauchte auch sofort der Verdacht auf, daß die neue Krankheit mit Eisenhowers Herzinfarkt vom 24. September 1955 zusammenhängen könne, der durch eine Thrombose - den Verschluß der Kranzgefäße des Herzens durch einen Blutpfropf - ausgelöst worden war. Thrombosen können bei den dazu disponierten Menschen auch in der Mesenterial -Arterie - die die Eingeweide durchzieht auftreten und die Blutzufuhr zum Darm unterbinden. Dadurch werden ähnliche Beschwerden ausgelöst.
Nur eine sorgfältige Untersuchung in einem Krankenhaus konnte die Ileitis-Diagnose sichern. Dr. Snyder ordnete deswegen am Freitagmittag die Überführung des Präsidenten in das Walter-Reed-Hospital an, wo inzwischen alles für eine sorgfältige Durchleuchtung vorbereitet war. Die Röntgenbilder bestätigten nicht nur Snyders Auffassung - sie machten auch etwas anderes sichtbar.
Eine Darmentzündung dauert meistens nur wenige Tage und kann mit antibiotischen Medikamenten (Streptomycin, Areomycin, Terramycin) unter Kontrolle gehalten werden. Bei Eisenhower aber hatte die Darmentzündung - wie sich auf dem Röntgenbild erkennen ließ - infolge von Schwellungen und Verhärtungen des betroffenen Dünndarmabschnittes zu einer Komplikation geführt: einer Verengung des Darmschlauches.
Deutlich war auf der Röntgenaufnahme eine "teilweise Verstopfung im unteren Teil des Dünndarms" zu sehen. Offensichtlich stand ein Darmverschluß bevor, eine gefährliche Erkrankung. Bei einem völligen Verschluß des Darms, bei dem sich der Speisebrei im Dünndarm staut, wird normalerweise sofort operiert.
Die Ärzte unternahmen aber noch einen letzten Versuch, eine Operation zu vermeiden. Ein dünner Schlauch wurde durch Nase und Speiseröhre in den Magen eingeführt, um den angestauten, nur teilweise verdauten Speisebrei abzusaugen. Der Versuch mißlang jedoch; die Röntgenbilder zeigten, daß sich der entzündete Darmteil immer mehr zusammenschloß
Als die Ärzte durch ihre Stethoskope schließlich keine Darmgeräusche mehr hören konnten, war Eile geboten. Ein Schock oder ein Brand der Därme hätte rasch den Tod herbeiführen können.
Um Mitternacht versammelten sich die Ärzte zu einer Konferenz. Als um zwei Uhr morgens noch immer keine Anzeichen einer Lockerung der Darmblockade zu erkennen waren, entschieden sich die Doktoren einstimmig für die Operation.
Dr. Paul Dudley White, der Herzarzt des Präsidenten, und Dr. Thomas Mattingly, der Herzspezialist des Walter-Reed-Hospitals, den die Air Force mit einem Düsenjäger aus dem Urlaub geholt hatte, wurden konsultiert. Seit dem Auftreten des Herzinfarkts hatte Eisenhower ständig eine Droge eingenommen, die der Gerinnung des Blutes entgegenwirkte. Das Mittel sollte verhindern, daß sich weitere Blutpfröpfe in den Kranzarterien bilden und nochmals einen Infarkt auslösen. Eine solche Droge, deren Spuren noch immer in Eisenhowers Blutkreislauf zirkulieren, mußte gleichzeitig die Gefahr eines starken Blutverlustes bei einer Operation heraufbeschwören. Und noch eine Frage war zu klären: Würde Eisenhowers Herz den Anstrengungen eines schweren Eingriffs unter tiefer Narkose gewachsen sein? Die Herzspezialisten waren zuversichtlich. Nachdem dem Präsidenten ein Mittel, das die Wirkung der Anti-Blutpfropf -Droge aufheben sollte, eingespritzt worden war, trugen ihn die Krankenwärter auf einer Bahre in den Operationssaal, wo sich schon fünfzehn Ärzte und Schwestern versammelt hatten. Die Operation begann um 2.59 Uhr amerikanischer Zeit.
Kein Anzeichen für Krebs
Nachdem Chefchirurg Leonard Dudley Heaton auf der rechten Bauchseite unterhalb des Nabels einen 15 Zentimeter langen Schnitt angelegt hatte und Metallklammern die Wunde weit auseinanderspreizten, bestätigte sich nochmals die Diagnose des Dr. Snyder. Der Endteil des Dünndarms war auf einer Strecke von etwa 25 Zentimetern entzündet und geschwollen. Die Blockade war sehr weit fortgeschritten - bis auf einen winzigen Durchlaß vom Durchmesser einer Bleistiftmine war der Darm schon geschlossen.
Für den weiteren Fortgang der Operation gab es zwei Möglichkeiten:
- Das entzündete Stück wird entfernt.
Der gesunde Dünndarm wird an der alten Stelle direkt in den Dickdarm eingeführt.
- Das entzündete Stück bleibt im Körper. Dicht vor dem entzündeten Teil, wo Dickdarm und Dünndarm nebeneinander liegen, wird eine neue Verbindung geschaffen und der Speisebrei umgeleitet. Das entzündete Stück ist mithin stillgelegt und schrumpft allmählich ein.
Die Chirurgen entschieden sich für die zweite Möglichkeit. Sie schnitten in den Dünndarm und in den Dickdarm Löcher von je vier Zentimeter Durchmesser, legten die Öffnungen aufeinander und verbanden die Därme durch Stiche. Nach 113 Minuten war die Operation beendet.
Am frühen Nachmittag desselben Tages gab Chirurg Heaton vor den versammelten Journalisten, vor Film- und Fernsehkameras einen genauen Operationsbericht. Er zerstreute die Bedenken, die nach den ersten Bulletins von der Krankheit des Präsidenten aufgetaucht waren: daß wuchernde Krebsgeschwülste den Dünndarm zusammengedrückt haben könnten. Heaton sagte: "Wir haben bei der Operation keinerlei Anzeichen für bösartige Geschwülste gefunden ..." Der Präsident müsse noch 15 Tage im Hospital und anschließend einige Wochen in einem Ferienort ruhen, ehe er seine Regierungsgeschäfte wieder übernehmen könne.
Noch bevor Präsident Dwight D. Eisenhower Gelegenheit zu einer Stellungnahme, hatte, antwortete der Chirurg auch auf die wichtigste politische Frage, die ihm die Reporter gestellt hatten: Sollte der Präsident darauf verzichten, sich zur Wiederwahl zu stellen?
Während Eisenhower selbst noch erschöpft in tiefem Schlaf lag, gab der Arzt Heaton eine kurze, emphatische Antwort: "Keinesfalls."

DER SPIEGEL 25/1956
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