04.07.1956

POLEN / AUFSTANDUns heilt kein Balsam

Es scheint", hieß es am 1. April in einem Vortrag im Warschauer Rundfunk, "als stünden wir in einem ungeheuren Durchzug. Der Hut ist uns vom Kopf geweht. Die Haare sind uns in den Mund gekommen."
Der Vortrag beschrieb die ersten gefühlsmäßigen Reaktionen der polnischen Öffentlichkeit auf die Zertrümmerung des Stalin-Mythos, die Chruschtschew mit dreister Hand auf dem 20. Parteikongreß der KPdSU im Februar in Moskau vorgenommen hatte.
"Ich fühle mich verloren und betrogen", schrieb wenige Tage später ein Hörer an
den Warschauer Rundfunk, und der Rundfunk zitierte ihn in seiner Sendung "Antworten der Welle 49".
"Ich glaubte", klagte der Einsender weiter, "so viele Jahre an Stalin. Ich glaubte, daß wir hier in Polen wirklich die Sache des Sozialismus verwirklichen. Jede freie Minute widmete ich der Betrachtung der neuen Bauten und freute mich. Jetzt freue ich mich nicht mehr. Ich bin verzweifelt, denn man hat aus uns Idioten und Marionetten gemacht. Es hat sich herausgestellt, daß alles, was bisher geschah, Lüge und Falschheit war."
Chruschtschews Enthüllungen befreiten eine bis dahin dumpfe und unartikulierte Gemütsbewegung des polnischen Volkes aus den Fesseln einer nahezu zwanzigjährigen Unterdrückung jeder freien Äußerung - aber auch aus der Disziplin einer großen Hoffnung. Alles wurde fragwürdig und ungewiß.
Anfang April schrieb Irena Krzywicka, eine schon vor dem Kriege in Polen bekannte Publizistin: "Es ist noch zu früh, um die Reaktion unserer Bevölkerung auf die sensationellen Enthüllungen und Thesen des 20. Parteikongresses bis zu Ende zu
studieren. Jedenfalls haben sie eine große Bewegung ausgelöst, seit langem die erste."
Am Donnerstag der letzten Woche schäumte die von Chruschtschew ausgelöste Bewegung über die waffenstarrenden Dämme der kommunistischen Gesellschaftsordnung: Arbeiter der Posener Lokomotivfabrik "J. W. Stalin" riefen den Generalstreik aus.
Tausende von ausländischen Besuchern der eben jetzt in Posen stattfindenden 25. Internationalen polnischen Messe - darunter die Betreuer der Stände von 78 westdeutschen Firmen - wurden Zeugen einer beklemmenden Demonstration der Macht und der Schwäche des kommunistischen Funktionär-Regimes.
Den letzten Anstoß zu dem Aufstand hatte das Scheitern der Verhandlungen gegeben, die zwischen einer Delegation der Posener Lokomotiv-Arbeiter und der Warschauer Regierung über eine Verbesserung
des Lebensstandards der Bevölkerung geführt worden waren. Am Mittwochabend sei - so erzählte man sich am Donnerstag in Posen - die Delegation praktisch ohne Ergebnis aus Warschau zurückgekehrt.
Daraufhin rotteten sich am Donnerstag die Arbeiter des Lokomotivwerks zusammen und zogen vor das Rathaus. Bald griff die Revoltestimmung auf die Straßenbahner und auf die Arbeiter anderer Betriebe über. Es kam zu ersten Zwischenfällen. Kommunistische Funktionäre wurden aus ihren Wohnungen geholt. Uniformierte Staatssicherheitsbeamte wurden belästigt.
Gegen 14 Uhr setzte die Regierung auf dem Marktplatz Panzer, aufgesessene Infanterie und Flak ein. Doch auch die Demonstranten hatten Waffen. Vor Polizeikasernen, in der Nähe des Hauptbahnhofes und auf dem Marktplatz kam es zu Kämpfen, die am Freitagabend noch andauerten.
Angesichts der ausländischen Zeugen des Debakels blieb den polnischen Behörden nichts anderes übrig, als zuzugeben, was nicht zu verheimlichen war, im übrigen aber um so unverdrossener zu flunkern.
"Imperialistische Agenten und Handlanger fremder Mächte" hätten, so keifte am Donnerstagabend die polnische Presseagentur PAP, die Posener "Revolte des Pöbels und der Halbstarken" angezettelt.
Es war nicht allein der Augenschein der Demonstrationen, der gegen diese offiziöse These sprach. Der Posener Aufstand war offenkundig der spontane Reflex einer tiefgreifenden Erschütterung, deren Ursachen und Wirkungen tief in alle Bereiche des öffentlichen Lebens hineinreichen.
Die polnischen KP-Führer hatten zunächst versucht, dieser Erschütterung Herr zu werden, indem sie sich an die Spitze der von Chruschtschew ausgelösten Liberalisierungsbewegung stellten. Ministerpräsident Josef Cyrankiewicz etikettierte Mitte März die nun schon deutlich alle Merkmale einer Explosion tragende Entwicklung als "eine große Welle des schöpferischen Gedankens".
Das war der Versuch, der Explosion durch Luftlassen und Raumgeben ihre gefährliche Wirkung zu nehmen. Presse und Rundfunk erhielten Anweisung, dem "schöpferischen Gedanken"-praktisch: der Kritik-großzugig Platz zum Austoben zu lassen. Die lang zurückgestauten Kräfte drängten ungestüm in die Lücke. "Schaut auf die Straßen", hieß es in einer Rundfunk-Reportage, "ihr werdet die sonderbarsten Schlangen sehen. Die Leute stehen nicht nach Fleisch oder Eiern an. Sie reißen sich das gedruckte Wort aus der Hand. Sie stehen nach Zeitungen an, nach Zeitungen, die noch vor kurzer Zeit überhaupt nicht zu lesen waren."
Die Hoffnung, daß die Revolte-Stimmung abklingen würde, erfüllte sich nicht. Bereits am 5. April nannte der Erste Sekretär der Vereinigten Arbeiterpartei Polens, Edward Ochab, die Welle des schöpferischen Gedankens "hysterisch, verantwortungslos und anarchistisch".
Aber alle Versuche, die einmal zugelassene Bewegung wieder einzufangen und zurückzudrängen, erwiesen sich als vergeblich. Die Regierung versuchte daher, die öffentliche Meinung auf die Frage hinzusteuern, was denn werden solle, wenn man mit dem Stalinismus auch gleich alle Errungenschaften des Kommunismus verdamme.
Die Publizistin Irena Krzywicka fragte im Warschauer Rundfunk: "Wenn es heute bewiesen ist, daß unsere Gesellschaftsordnung nicht nur Opferblut getrunken hat, sondern darüber hinaus noch mehr, nämlich Gehirn und Gefühl - wenn es bewiesen ist, daß diese Ordnung eine Verkrümmung der Wirbelsäule zeigt, daß sie jenen nicht entfernten Blinddarm der Lüge und der Hochstapelei in sich trug -, so hört doch diese historische Wahrheit trotz all ihres aufregenden Inhalts schließlich einmal auf, aufregend zu sein. Und es entsteht dann die Frage: Gut, aber was wird morgen sein?"
Die Frage, was an einem Morgen ohne Ordnung - und sei es die Ordnung des Kommunismus - eigentlich geschehen solle, war beklemmend genug. Es genüge doch nicht, meinte die Krzywicka, zu sagen: "Oh, ja, das Leben beginnt wieder!" Man müsse doch irgendeinen Punkt finden, an dem die schonungslose Kritik Halt zu machen habe.
Doch solche taktischen Überlegungen erwiesen sich weitgehend als unzulänglich. Das demonstrierten vor allem literarische, künstlerische und studentische Zeitschriften, die in den letzten Wochen die Spitze der Bewegung des "schöpferischen Gedankens" übernahmen und reißenden, immer gewaltiger anschwellenden Absatz fanden.
In einem dieser Blätter - "Nowa Kultura" mit Namen - beschrieb einer der bekanntesten lyrischen Dichter des neuen Polens, Adam Wazyk, die Tragik des Kommunisten:
Sie lebten dem Morgenrot
Und säten Dämmerung
Sie lebten der Idee
Und sagten sich los von den Menschen.
Sie lebten dem Traum
Und Lüge ward ihr täglich Brot.
Ein anderes Gedicht Wazyks - ebenfalls von "Nowa Kultura" publiziert - spiegelt die Enttäuschung des Arbeiterdichters über das kommunistische Regime wider:
Eine nicht alte Frau,
Eine alte Kommunistin,
Streckt die Arme aus und ruft:
Nehmt mir die Lumpen der Dogmen vom Leibe,
Gebt mir einen einfachen Mantel.
Sie erwachte bedeckt mit Wunden
Wie eine Stigmatisierte
Das Blut der in den Gefängnissen
Der Bürokratie Gemordeten
Perlt ihr von der Stirn
Die Haltung der intellektuellen Elite des polnischen Kommunismus deutet auf eine tiefe Verwirrung. "Uns heilt kein Balsam",
heißt es in einem der jüngsten Gedichte Wazyks. Am Ende der letzten Woche jedoch erklärte ein amtlicher Sprecher der Warschauer Regierung offiziell: "In der Stadt Posen sind seit Freitag morgen Ruhe und Ordnung wiederhergestellt."
Panzer im Posener Aufstand: "O ja, dos Leben beginnt wieder!"
Polens Ministerpräsident Cyrankiewicz
Nehmt die Lumpen der Dogmen von uns
Posener Regierungsgebäude noch der Plünderung: Sie säten Dämmerung

DER SPIEGEL 27/1956
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