04.07.1956

WÜRZBURGScharf, aber beschränkt

Noch am Ende seiner Amtszeit muß sich der Rektor der Universität Würzburg, der Professor Richard Dietzel, mit einem Brief herumplagen, den ihm das von August Rucker geleitete bayrische Kultusministerium ins Haus geschickt hatte. Der Brief stellt den Rektor vor die undankbare Aufgabe sich darüber Gedanken zu machen, was Professoren außerhalb der Universität gesagt haben, was sie sagen dürfen und ob es Sache des Rektors ist, auf die Weisung des Ministeriums deswegen Ermittlungen anzustellen. Das Kultusministerium möchte vom Rektor Dietzel wissen, was es mit zwei Reden auf sich hat, die der Ordinarius, für Staatswissenschaften,Professor Dr. Franz Paul Schneider, und der Romanist Professor Dr. Franz Rauhut gehalten haben sollen.
In dem vertraulichen Brief hieß es: "Das Staatsministerium des Innern hat folgendes mitgeteilt: Die Professoren Rauhut und Schneider hätten nach einer Veröffentlichung in der Tageszeitung ,Bayerisches
Volks-Echo' am Sonntag, dem 4. März 1956, vor einer großen Zuhörerschaft in einer öffentlichen Diskussion' bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für Politik und Kultur in scharfer Form gegen die Wiederaufrüstung Stellung genommen. Dabei soll Dr. Rauhut unter anderem erklärt haben: Aufrüsten heißt den Krieg vorbereiten. Den Krieg vorbereiten heißt aber, ihn auch führen!' Professor Dr. Schneider habe den Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer mit dem spanischen König Philipp II. verglichen, mit dem er den scharfen, aber beschränkten Verstand gemeinsam habe."
Ministerialdirektor Dr. Bachl vom bayrischen Kultusministerium, der diesen Brief an den Rektor diktiert hatte, schloß: "Ich bitte die Professoren Dr. Rauhut und Dr. Schneider hierzu verantwortlich zu hören und ihre Äußerungen zusammen mit einer Stellungnahme des Rektorats dem Ministerium vorzulegen." Der Rektor übergab den Betroffenen eine Abschrift dieses Briefes und bat sie, "sich zunächst schriftlich zu dieser Darstellung zu äußern".
Die Erkundungsaktion des Münchner Ministeriums hat dem höheren Orts schon mehrfach geäußerten Mißfallen gegen die oppositionelle Haltung beamteter Würzburger Hochschullehrer offiziellen Anstrich gegeben. Tatsächlich hatten einige Professoren noch vor den auf Mitte März festgesetzten bayrischen Kommunalwahlen in Würzburg eine politische Aktivität entfaltet, deren Ziele mit denen des Kanzlers Adenauer kaum übereinstimmten.
Auf Plakaten, die vierzehn Tage lang an allen Litfaßsäulen Würzburgs hingen und die unter anderem auch von den Professoren Rauhut und Schneider unterzeichnet waren, wurden als Zeugen gegen die offizielle Bonner Politik wahrhaftig unverdächtige Prominente zitiert. Papst Leo XIII. kam mit dem Satz zu Wort: "Die Wehrpflicht ist ein Attentat auf die Selbstbestimmung der sittlichen Persönlichkeit." Ein anderes Zitat hieß: "Ich habe mich wiederholt
gegen die Aufrüstung ausgesprochen, weil ich vor allem dem tiefen Friedenswillen des deutschen Volkes und der Jugend Ausdruck geben wollte, die einen tiefen Abscheu vor Uniformen, vor Waffen und vor dem Krieg hatten." Dieses Kernwort stammte aus einer Rede, die Konrad Adenauer im Jahre 1950 gehalten hat.
In einer öffentlichen Diskussion, die am 4. März 1955 von der Würzburger "Gesellschaft für Kultur und Politik" im Studentenhaus abgehalten wurde, waren dann die Äußerungen gefallen, die dem bayrischen Staatsministerium des Innern so mißfielen.
Nach dem Stenogramm eines Zuhörers sagte bei dieser Versammlung der Staatswissenschaftler Schneider: "Nur der Bundeskanzler beschäftigt sich mit der ihm eigenen Verbissenheit weiterhin mit der Quadratur des Zirkels. Darin ist er sehr ähnlich dem spanischen König Philipp II., mit dem er nicht nur den scharfen, aber beschränkten Verstand, sondern noch mehr gemeinsam hat." Nämlich: "Philipp war überzeugt, daß Gottes Zorn den Protestantismus hinwegfegen würde. Für Konrad Adenauer hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren, wenn sich das kommunistische System halten würde."
Nachtigallen oder Unteroffiziere?
Am Ende schwang sich der Staatswissenschaftler Schneider zu der pathetischen Aufforderung an seine Zuhörer auf: "In dieser Stadt wollen wir allein den Schlag der Nachtigallen und die überirdischen Klänge Mozartscher Musik vernehmen und nicht das Gebrüll der Unteroffiziere ... Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem der Bundeskanzler mit dem ihm seelenverwandten Dulles am Strom der Zeit stehen wird, und die beiden seufzen: ,Wir verstehen diese Welt nicht mehr'!"
Dem Professor Schneider assistierte der Romanist Rauhut: "Soll unsere Jugend, die nicht weiß, was Krieg ist, Kanonenfutter werden?" fragte er. Die Aufstellung eines deutschen Nato-Kontingents erinnere an Ereignisse aus dem 18. Jahrhundert: "Damals haben deutsche Fürsten ihre Landeskinder ans Ausland verkauft."
Die beiden Professoren bestreiten keineswegs, Äußerungen solcher Art getan zu haben. Sie sehen aber in der Rückfrage des Kultusministeriums einen Angriff auf die In der Verfassung verbriefte Meinungsfreiheit, die jedem Bewohner Bayerns garantiert: "An diesem Recht darf ihn kein Arbeits- und Anstellungsvertrag hindern, und niemand darf ihn benachteiligen...
Die beiden Professoren wandten sich daher schutzsuchend an den Würgburger Bundestagsabgeordneten Hannsheinz Bauer (SPD), der auch sogleich wetterte: "Hier handelt es sich um einen eklatanten Eingriff in das Grundrecht der Meinungsfreiheit." Bauer schrieb an den bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Wilhelm Hoegner. Der bayrische Regierungschef stellte allerdings seine sozialdemokratischen Gefühle tapfer hintan und erklärte, sollten die Professoren tatsächlich solche Äußerungen gemacht haben, dann "können sie eine Beleidigung des Bundeskanzlers sein und sind wahrscheinlich auch eine solche". Beleidigungen aber würden durch das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht gedeckt.
Die Professoren entschlossen sich zunächst zum Gegenangriff und erklärten gemeinsam: "Dieser Brief des Kultusministeriums widerspricht allen Normen eines Rechtsstaats. Wir hoffen deshalb, daß die hierfür verantwortlichen Ministerialbeamten hierfür zur Rechenschaft gezogen werden."
Außerdem beriefen sie - zusammen mit einer Gruppe von Betriebsräten - für den vergangenen Dienstag in Würzburg eine neue Versammlung, ein, zu der sie sich aus Graz den katholischen Theologen Professor Dr. Johannes Ude zu Hilfe holten. Der Theologe Ude, ein wegen seiner Wortgewalt besonders gefürchteter Mann, nahm denn auch kein Blatt vor den Mund. "Ihr Parteien und Volksvertreter", rief er in den Saal, "habt kein Recht, die Wehrpflicht einzuführen! Wann und wo hat euch Christus dieses Recht gegeben?" Ude verteidigte das fünfte Gebot -"Du sollst nicht töten" - gegen "jede zweckbestimmte politische und moraltheologische Auslegung, die das Ziel verfolgt, es für den Kriegsfall zu suspendieren".
Auch die Professoren Rauhut und Schneider waren wieder dabei. "Wir können unser Vaterland nicht verteidigen, ohne es zugleich anzugreifen", erklärte Rauhut. "Deshalb ist die Verweigerung des Kriegsdienstes patriotische Pflicht." Professor Schneider ergänzte, "daß die Kapitulation der Bundeswehr, noch bevor sie eingesetzt würde, das vernünftigste wäre".
Diese Anmerkungen werden den Unmut
der bayrischen Ministerien über die oppositionellen Professoren kaum vermindert haben. Für Rektor Dietzel, dem seine übergeordnete Instanz eine "Stellungnahme des Rektorats" abverlangt, bleibt daher die Frage offen, ob es überhaupt Sache der Hochschule ist, die politischen Ansichten von Universitätsprofessoren zu kontrollieren, und ob es Professoren erlaubt ist, den Kanzler Adenauer mit Personen aus der Historie zu vergleichen. Erst der Ausgang dieser Affäre wird zeigen, ob sich der Optimismus des Professors Schneider bewahrheitet, mit dem er im März seine Attacken gegen die Bonner Politik eingeleitet hatte. Der Staatswissenschaftler Schneider sagte damals: "In der Bundesrepublik Deutschland verschweigen viele, was sie denken. Sie überschätzen das Risiko der freien Meinungsäußerung."
Staatswissenschaftler Schneider
"Die Deutschen überschätzen das Risiko ...
Romanist Rauhut
... der freien Meinungsäußerung"

DER SPIEGEL 27/1956
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