18.07.1956

OFFIZIERSWERBUNGDie Schulen der Nation

Am Montag, dem 25. Juni, pünktlich acht Uhr morgens, erschienen die Bundeswehr-Obersten Fritz Übelhack, Chef des Stabes im Wehrbereich VI, Bayern, und Erich Rathmann, Leiter der Annahmestelle für Freiwillige in Bayern, im bayrischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus am Salvatorplatz in München und wünschten den Kultusminister, Professor August Rucker, oder seinen Stellvertreter, Staatssekretär Hans Meinzolt, zu sprechen.
Staatssekretär Meinzolt erwartete die Herren schon seit einer halben Stunde. Ihm war von seinem Minister mitgeteilt worden, das Kultusministerium müsse einer Werbeaktion für die Bundeswehr in
Bayerns höheren Schulen die Wege ebnen. Bayrische Bedenken gegen eine solche Aktion waren in einem Gespräch ausgeräumt worden, das kurz zuvor Bundesverteidigungsminister Blank mit dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Bundesrat, dem bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Wilhelm Hoegner (SPD), gehabt hatte.
Blank und Hoegner hatten verabredet, Bayerns Primaner sollten als erste von Offizieren der Bundeswehr über die Vorteile einer Offizierskarriere im gespaltenen Deutschland unterrichtet werden. Sozialdemokrat Hoegner hatte dann auch im bayrischen Kabinett für die Aktionsfreiheit der Blankschen Werbe-Offiziere plädiert und seinen Ministern zu verstehen gegeben: "Nachdem wir diese Wehrmacht haben, wird nichts anderes übrigbleiben, als sie mal zu Wort kommen zu lassen."
Die beiden Obersten Übelhack und Rathmann, die morgens ins bayrische Kultusministerium gekommen waren, wollten nun die Einzelheiten vereinbaren.
Die Verhandlungen begannen mit der Bemerkung der Obersten, nach Bonner Anweisung müßten sie spätestens bis mittags 12 Uhr die Richtlinien für die Offizierswerbung erhalten haben, die das bayrische
Kultusministerium für die rund 160 höheren Knabenschulen des Landes aufzustellen gedenke. Noch am selben Tage, so bedeutete Oberst Übelhack dem Staatssekretär Meinzolt, sollten 62 Bundeswehroffiziere vom Obersten bis hinab zum Hauptmann in alle bayrischen Schulorte eilen.
Staatssekretär Meinzolt hingegen empfahl, die ganze Aktion amtlich als "Berufsberatung" zu deklarieren. Die Berufsberatung aber, betonte er, stehe an den höheren Schulen den Arbeitsämtern zu.
Es bestand jedoch die grundsätzliche Schwierigkeit, daß die Abiturienten ihre schriftlichen Arbeiten bereits erledigt hatten und vor den mündlichen Prüfungen standen; so schnell aber, wie es nötig gewesen wäre, um die Primaner noch vor ihrem Schulabgang im Rahmen der Berufsberatung über den Beruf eines Bundeswehroffiziers aufzuklären, konnte der Apparat der Arbeitsämter nicht in Bewegung gesetzt werden.
So wurde rasch die Entschließung verfaßt, die sämtlichen Direktoren der höheren Knabenlehranstalten Bayerns unter dem 25. Juni zuging:
"Das Bundesministerium für Verteidigung beabsichtigt, noch in dieser Woche in allen in Frage kommenden höheren Schulen, an denen Reifeprüfungen abgelegt werden. Aufklärungsvorträge über die Berufslaufbahn des aktiven Offiziers durchzuführen ... Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus ist damit einverstanden, daß die Schüler der achten und neunten Klasse an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Die Teilnahme ist freiwillig."
Schon am nächsten Tage meldeten sich bei 31 Direktoren bayrischer höherer Lehranstalten 62 Offiziere mit den Broschüren
"Vom künftigen deutschen Soldaten", "Vom künftigen deutschen Offizier" und den "Laufbahnvorschriften". In Vorträgen vor den Primanern - die im Münchner Max -Gymnasium dem Major Jeseler einen Totenschädel mit Papierhelm auf das Rednerpult stellten - erläuterten die Offiziere, das neue deutsche Bundesheer lehne Männer ab, die nur eine Versorgung suchen. Viel Geld sei nicht zu verdienen. Die Bundeswehr maße sich nicht an, eine "Schule der Nation" werden zu wollen (vergleiche Seiten 29 bis 31).
Politischen Fragen mußten die Herren auf Bonner Anweisung hin freundlich, aber bestimmt aus dem Wege gehen, "solange sie auf dem neutralen Boden der Schule standen". In mehreren Fällen gelang es aber der Eloquenz einiger Obersten, die lauschenden Primaner nach dem offiziellen Teil vom "neutralen Boden der Schule" wegzulocken und andernorts die Diskussion fortzusetzen.
Stets wurden die Offiziere gefragt, wie es um die Befehlsgewalt stehe, und stets hatten die Offiziere zu antworten, der Soldat sei ermächtigt, einen Befehl nicht auszuführen, wenn er an der Rechtmäßigkeit des Befohlenen zweifele. Selbstverständlich müsse der Soldat das Risiko, einen Befehl zu verweigern, selbst tragen.
Die Offiziere waren längst in ihre Standorte zurückgekehrt und saßen bereits über den Meldungen, die sie sofort an den Chef des Stabes im Wehrbereich VI weiterleiten mußten, da kam es im Münchner Stadtrat zu einer Debatte darüber, ob man solche Werbungen zulassen solle. Alle Stadträte waren sich einig darüber, daß gegen die Offizierswerbung bei den Primanern etwas unternommen werden müsse;
erschwert wurde diese Absicht dadurch, daß es kommunalen Abgeordneten nicht zusteht, in staatlichen höheren Schulen etv as nicht zuzulassen. Dafür ist nur das Kultusministerium zuständig.
Als dies klar war, überlegten die Stadträte, ob es geboten sei, dem neuen Bundeswehr-Stadtkommandanten, dem Oberstleutnant Waldemar Mayer, die Beschwerden mitzuteilen. Die Gelegenheit dazu war da Mayer hatte sich für den nächsten Tag zu einem Antrittsbesuch beim Bürgermeister von München, Adolf Hieber (Bayernpartei), angesagt. Aber auch dieser Weg schien den Münchner Räten schließlich nicht geeignet, grundsätzlich und für alle Zeiten Offiziere wenigstens aus städtischen Oberprimen fernzuhalten; so einigte man sich nach langem Hin und Her, dem Vorschlag des Stadtschulreferenten, Dr. Alfons Fingerle, zu folgen. Fingerle formulierte einen Beschluß, der dann einstimmig gutgeheißen wurde:
"Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat mit Entschließung vom 25. 6., VIII 48746, die männlichen höheren Schulen, darunter auch die Städtische Wirtschafts-Oberrealschule an der Schwanthaler Straße, direkt verständigt, daß es die Durchführung von Aufklärungsvorträgen durch Offiziere der Bundeswehr in den achten und neunten Klassen billige ...
"Der Stadtrat ersucht das Staatsministerium für Unterricht und Kultus dringend, in solchen und ähnlichen Fällen, die auch städtische Schulen betreffen, das Schulreferat der Stadt München einzuschalten und dem Stadtrat das Recht eigener Entscheidungen zu überlassen. Der Stadtrat hat vor allem den Wunsch, daß die Aufklärung über den Offiziersberuf in Zukunft im Rahmen der allgemeinen Berufsberatung und nicht durch Sonderaktionen vorgenommen wird. Er nimmt mit Befriedigung davon Kenntnis, daß eine entsprechende Verfügung durch Herrn Staatsminister Dr. Rucker nach seiner eigenen Mitteilung bereits erlassen worden ist."
Tatsächlich hatte der Kultusminister Rucker hastig eine Verfügung vorbereitet, die vorschrieb, daß die Aussichten im Offiziersberuf künftig nur noch durch Berufsberater erläutert werden dürfen. Verteidigt Oberstleutnant Walter Kopp vom Wehrbereich VI die militärische Sonderwerbung: "Und dabei ist das Ganze zur Unterstützung bayrischer Wünsche unternommen worden. Es handelte sich um das Problem der landsmannschaftlichen Gliederung, die vor allem in Bayern gewünscht wurde. Wir wollen in Bayern natürlich bayrische Offiziere haben und möglichst nicht den Überschuß aus anderen Ländern importieren müssen."
Von 7500 bayrischen Abiturienten haben sich nach den Werbevorträgen 54 einen Bewerbungs-Fragebogen aushändigen lassen. Die Abteilung IV C 7 (Freiwilligenwerbung) im Bonner Bundesverteidigungsministerium will nach den bayrischen Erfahrungen vorerst davon absehen, ähnliche Werbeaktionen in den Schulen anderer deutscher Länder zu unternehmen.
Münchner Gymnasium während der Bundeswehr-Werbung: Statt der Werbeoffiziere ...
Werbeoffizier Major Jeseler
... künftig nur noch Berufsberater

DER SPIEGEL 29/1956
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