18.07.1956

SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHEWGespött der Ausländer

Am Mittwoch der letzten Woche trat in Moskau das Parlament der Sowjet -Union zusammen, der Oberste Sowjet. Bei der Eröffnung fehlte Nikita Chruschtschew, der nach allgemeiner Ansicht zur Zeit mächtigste Mann in Sowjet-Rußlands kollektiver Führung.
Die Nachricht von Chruschtschews Fehlen in der Sitzung des Obersten Sowjets löste - wie nicht anders zu erwarten - bei offiziellen Stellen des Westens sofort eine Welle von Spekulationen über die Zukunft des sowjetischen Parteichefs aus. Bereits am gleichen Tage schlug sich die gespannte Aufmerksamkeit amtlicher Stellen des Westens in alarmierenden Pressemeldungen nieder. So berichtete die konservative Londoner Tageszeitung "Daily Mail" aus angeblich verläßlicher Quelle, Chruschtschews Tage an der Spitze des sowjetischen Führer-Kollektivs seien gezählt.
Kurz darauf jedoch erschien Chruschtschew in der feierlichen Sitzung des Obersten Sowjets, an der auch das in Moskau weilende persische Kaiserpaar teilnahm. Das war ein offizielles Dementi der westlichen Vermutungen.
Immerhin zeigte das plötzliche Aufflammen von Spekulationen über Chruschtschews Zukunft, wie befremdet die westliche Diplomatie über das eigenartige Auftreten des cholerischen Parteichefs seit langem ist. Offenkundig sind westliche Politiker, die mit Chruschtschew in Berührung kamen, der Ansicht, daß ein Mann von dem Auftreten Chruschtschews sich nicht lange an der Spitze der sowjetischen Führung halten kann. Unzweifelhaft ist, daß selbst solche westliche Politiker, die als Sozialisten der sowjetischen Ideologie keineswegs fernstehen, Chruschtschews Chancen als Sowjet-Führer von Anfang an skeptisch beurteilt haben.
Bezeichnend dafür ist das Urteil, das der linke Flügelmann der britischen Labour Party, Aneurin Bevan, vor zwei Jahren nach einem Besuch in Moskau über Chruschtschew fällte: "Obgleich er der Kräftigste unter den sowjetischen Politikern ist, beeindruckte er uns nicht so, daß wir ihn für den Fähigsten hielten."
Bevan weiter: "Ihm mangelt Feinheit, und bei ein oder zwei Gelegenheiten schien er nicht in der Lage, den Argumenten zu folgen. Er redete sehr viel und predigte uns weit unverblümter als die anderen. Er erklärte uns das ganz offenherzig damit, daß sein Amt nichts mit der Regierung zu tun habe."
Nach dem Sturze Malenkows Anfang 1955 wandte sich Chruschtschew in wachsendem Maße der Außenpolitik zu. Die pittoreske, aus Jovialität, Lebenslust und Alkohollaune gemischte Art seines Umganges mit fremden Staatsmännern zeigte sich zum erstenmal, als er im Sommer vorigen Jahres zusammen mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin zur Wiederversöhnung mit Tito nach Belgrad fuhr. Chruschtschew zu Journalisten: "Kommt doch alle nach Moskau. Alle, alle sollen kommen!"
Bei einem Dinner im Ballsaal des Weißen Schlosses in Belgrad fragte Chruschtschew
- den belgischen Gesandten Delcoigne treuherzig: "Ist Ihr Land eigentlich frei und unabhängig?" Als der Belgier etwas gequält bejahte, winkte der rote Parteichef lässig ab: "Ach, das sagen Sie ja nur, weil der amerikanische Botschafter eben verschwunden ist!"
Als der kanadische Außenminister Pearson den sowjetischen Parteichef bei einem Besuch in der UdSSR darauf hinwies, die Sowjet-Union verfüge in den kommunistischen Parteien außerhalb Rußlands über starke Stützpunkte in allen Ländern, grinste Chruschtschew den Außenminister an: "Ja, warum werden denn die kommunistischen Parteien im Westen dann nicht einfach liquidiert und ihre Mitglieder in Konzentrationslager gesteckt?"
Während des tumultösen Indien-Besuchs der sowjetischen Zwillings-FührerEnde 1955 behauptete Chruschtschew, England habe die Völker Indiens und Burmas "bis auf die letzte Brotrinde beraubt". Sofort sprang der indische Ministerpräsident Nehru auf und hielt eine beinahe pathetische Rede auf das zivilisatorische Werk der ehemaligen britischen Kolonialherren in Indien. Nach den aufreibenden rhetorischen Eskapaden Chruschtschews schrieb Nehru in einem Memorandum für die Mitglieder des indischen Kabinetts, "gewisse Reden" Chruschtschews hätten ihn - Nehru - in Verlegenheit versetzt, doch sei es leider unmöglich gewesen, sie zu verhindern.
Nach einem Festbankett in Moskaus amerikanischer Botschaft mußte Premier Bulganin die Wirkung der allzu offenherzigen Worte seines Kollegen über die beherrschende Stärke der Sowjet-Union
dämpfen "Nun, wir haben bei Ihnen eine ganze Menge gesprochen", meinte er nicht ohne Ironie zu einem amerikanischen Diplomaten. "Vielleicht haben wir zu offen gesprochen, aber ich glaube, so sollten wir immer sprechen."
In Wirklichkeit scheint jedoch der sowjetische Ministerpräsident keineswegs der Auffassung zu sein, Chruschtschew solle "immer so offen" sprechen. Das zeigte sich am deutlichsten bei dem berühmten Dinner der britischen Labour Party zu Ehren der England besuchenden sowjetischen Führer, bei dem Nikolai Bulganin immer wieder durch allerlei Gesten versuchte, seinen Parteichef an der Zerstörung diplomatischen Porzellans zu hindern.
Chruschtschew lehnte es dabei brüsk ab, sich eine von der Labour Party zusammengestellte Liste mit den Namen von 200 inhaftierten Sozialdemokraten Osteuropas aushändigen zu lassen. Als schließlich die Briten vorschlugen, einen Toast auf die nächste Zusammenkunft zwischen Labour -Führern und Sowjets auszubringen, sprang Chruschtschew auf und schrie in den Saal: "Ohne mich!"
Den nächsten Streich verabfolgte der sowjetische Parteichef fremden Staatsmännern im Kreml. Als der dänische Ministerpräsident Hansen in Moskau weilte und die sowjetische Regierung ihm ein Festbankett gab, brachte der bereits angeheiterte Chruschtschew einen Trinkspruch "auf das Wohl eines demokratischen Dänemark" aus, "das sich aus den Fesseln des Atlantikpaktes gelöst haben wird". Die
Dänen setzten darauf prompt ihre Gläser ab, bis Chruschtschew eilends einen Trinkspruch auf den dänischen König ausbrachte und so die peinliche Situation rettete.
Ebenso unangenehm war die gespenstische Szene, die sich im Mai während des Besuches der französischen Staatsmänner Mollet und Pineau im Kreml abspielte. Bei einem geselligen Zusammensein zwischen den Spitzen der sowjetischen Regierung und dem französischen Ministerpräsidenten Mollet klatschte sich Chruschtschew plötzlich auf die Schenkel und rief lustig, auf Mollet zeigend: "Sehen Sie mal, Monsieur Mollet, auf dem Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen, ist Berija von uns erschossen worden." Der Franzose sprang auf und starrte in die peinliche Stille.
Die "bisher unglaublichste Episode in der unglaublichen Laufbahn des Herrn Chruschtschew" -so Londons konservativer "Daily Telegraph" - ereignete sich jedoch in den letzten Junitagen, als der amerikanische Luftwaffen-Chef General Twining und der britische Luftfahrtminister Birch die Sowjet-Union besuchten.
Marschall Schukow gab am 24. Juni einen festlichen Empfang zu Ehren der hohen ausländischen Gäste, die zu der traditionellen sowjetischen Luftparade in die UdSSR gekommen waren. Auch Chruschtschew und Bulganin erschienen. Als der sowjetische Premier das Wort ergreifen wollte, sprang Chruschtschew dazwischen und hinderte Bulganin, seine Rede zu halten. Die Gäste bemerkten sofort, daß der sowjetische Parteichef recht betrunken war.
Chruschtschew brachte einen Toast auf Rotchina aus, das von den Vereinigten Staaten diplomatisch nicht anerkannt wird. Die amerikanischen Gäste blieben ostentativ sitzen. Obwohl Bulganin immer wieder versuchte, Chruschtschew am Weitersprechen zu hindern, frotzelte der Parteichef, der sich nur mühsam aufrecht halten konnte, die anwesenden Ausländer an.
"Nun, Herr Minister", grölte Chruschtschew den Engländer Birch an, "ich habe ja bei meinem Besuch in England nur die Canberra-Bomber zu Gesicht bekommen, aber vielleicht haben Sie in England nichts Besseres."
Auch die Amerikaner bekamen ihren Teil ab. Präsident Eisenhower sei zwar ein guter Mann, gurgelte Chruschtschew, "aber es gibt in Washington auch Leute, die mir sehr mißfallen".
Den General Twining fragte er, ob er denn nicht die sowjetischen Fernraketen sehen wolle. Als Twining bejahte, prustete Chruschtschew lachend: "Das können Sie, wenn Sie mir zuerst einmal Ihre neuesten Flugzeuge vorführen!" Twining kommentierte später in Washington: "Es war ein ziemlich unangenehmes Benehmen."
"Ich verstehe gar nicht", sinnierte der rote Parteichef weiter, "mit welchem Recht sich Frankreich eigentlich als Großmacht betrachtet. Die Franzosen haben doch weder Geld noch die Fähigkeit, eine Wasserstoffbombe herzustellen. Die UdSSR und die USA sind die einzigen Länder, die heute noch zählen."
Endlich gelang es den vereinten Bemühungen der anwesenden Sowjetfunktionäre, Chruschtschew zum Schweigen zu bringen. Marschall Schukow ging später von einem ausländischen Gast zum anderen, um sich für das Verhalten Chruschtschews zu entschuldigen.
"Wer Chruschtschews tägliches Treiben kennt", schrieb der britische "Daily Telegraph" in der letzten Woche, "fragt sich, wie lange ein Mensch einer solchen Trinkerei gewachsen ist. Man fragt sich auch, wie lange seine Kollegen, insbesondere aus der Armee, sich mit einem derartigen Benehmen abfinden, das massenhaft Feinde schafft und die sowjetischen Führer zum Gespött der Ausländer macht."
Parteichef Chruschtschew
Nach peinlichen Trinksprüchen ...
... dämpfende Gesten: Ministerpräsident Bulganin

DER SPIEGEL 29/1956
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