18.07.1956

KRIEGSVERBRECHER / PROZESSEGanz Appenweier belastet

Die Kaserne von Reuilly ist ein farbloser Steinkasten in dem verrußten Pariser Vorstadtviertel um den Lyoner Bahnhof. Sie beherbergt das Militärgericht des Wehrbezirkes Seine. In einem alten Lehrsaal verhandeln die Militärrichter über die Delinquenten der Armee und über Zivilpersonen, die sich gegen die Armee vergangen haben.
Am Abend des 5. Juli sprachen in der Kaserne von Reuilly die Richter des Militärtribunals ihr Urteil in einem der überaus seltenen Kriegsverbrecherprozesse gegen französische Soldaten. Sie waren angeklagt worden, im Kriege mit Deutschland und während der Dauer des Kriegszustandes Kriegsverbrechen an Deutschen verübt zu haben.
Über elf Jahre nach ihren Gewalttaten im besetzten Deutschland wurden die sechs angeklagten ehemaligen französischen Soldaten - ein Oberleutnant, ein Feldwebel, zwei Unteroffiziere, ein Obergefreiter und ein Soldat - von ihren Richtern endgültig in ihr bürgerliches Dasein entlassen. Sie hatten im Mai 1945 ohne zwingende Gründe, ohne Standgerichtsverfahren und unter Mißachtung der Anweisungen des französischen Oberkommandos sowie aller Kriegs- und Völkerrechtsregeln drei unbewaffnete deutsche Zivilisten kurzerhand erschossen, die sie für "gefährliche Nazis" und für "mögliche Angreifer" gehalten hatten.
Ermittlungen und Voruntersuchung dauerten fünf Jahre. Während dieser Zeit waren alle sechs Angeklagten ständig auf freiem Fuß. In dem Gerichtsverfahren gaben sie schließlich, einer nach dem anderen zu, daß sie die Deutschen nicht, wie sie vorher behauptet hatten, "auf der Flucht" erschossen hatten, sondern daß die Erschießungen reine Willkürakte gewesen waren. Der Offizier, Oberleutnant Maurice Collet, hatte sie befohlen.
Die Militärrichter sprachen fünf der sechs Angeklagten frei und verurteilten
den Oberleutnant Collet zu einem Jahr Gefangnis, obgleich die Mindeststrafe für Totschlag fünf Jahre Zwangsarbeit beträgt. Die Gefängnisstrafe fällt unter die Amnestie von 1953, so daß das Gericht in der glücklichen Lage war, ein Grundsatzurteil fällen zu können, ohne den Verurteilten zu treffen.
Die französischen Richter brachen durch ihr Urteil mit der gesamten alliierten Kriegsrechtsprechung seit 1945. Sie billigten den Unteroffizieren und den Soldaten des Oberleutnants Collet einen Strafausschließungsgrund zu, den alle alliierten Militärgerichte den deutschen Soldaten und Beamten stets verweigert hatten: die Befreiung von der strafrechtlichen Verantwortung, wenn der Angeklagte nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern einen Befehl ausgeführt hat
Den Nürnberger Urteilen, die zur Grundlage der alliierten Rechtsprechung über deutsche und japanische Kriegsverbrecher wurde, lag das Prinzip zugrunde, daß die persönliche Verantwortung des einzelnen durch Befehle ihm übergeordneter Autoritäten keinesfalls gemindert werde. Hätten die französischen Richter die Maßstäbe angelegt, die sie gegenüber den deutschen Soldaten anwandten, dann hätten nicht nur Oberleutnant Collet und seine fünf Untergebenen, sondern alle Angehörigen der Kompanie, die Collet zur Zeit der Erschießungen befehligte, vor Gericht gestellt werden müssen. Denn einer der besonderen Rechtsgrundsätze, den die französische Justiz für die Aburteilung von Kriegsverbrechen Deutscher entwickelte, ist der von der "kollektiven Verantwortlichkeit" aller Angehörigen einer Einheit oder Organisation, die Kriegsverbrechen verübt hat.
Im Falle der Soldaten Collets kehrten die französischen Militärrichter jedoch weise zu den allgemein anerkannten, klassischen Strafrechtsregeln zurück - was für die Erledigung der Strafvollstreckung gegen 21 Deutsche, die noch als Kriegsverurteilte in französischer Haft sind,
grundsätzliche Bedeutung haben müßte. Unter ihnen befinden sich acht rechtskräftig zum Tode Verurteilte, von denen mindestens einer nach der festen Überzeugung des zuständigen deutschen Konsuls an der Botschaft der Bundesrepublik in Paris nichts mit der ihm zur Last gelegten Straftat zu tun hat.
Die zweite Überraschung des Prozesses waren die Aussagen der deutschen Zeugen, die für die Richtigkeit des Churchill -Wortes sprechen, daß die Deutschen, wenn sie machtlos sind, den Mächtigen die Stiefel lecken.
Einhellig und übereinstimmend mit den französischen Angeklagten sagten die deutschen Belastungszeugen aus, daß die drei Erschossenen ohne die Denunziationen ihrer deutschen Mitbürger zweifellos nicht Opfer der französischen Willkür geworden wären. Mit auf der Anklagebank saß, für alle Anwesenden im Gerichtssaal in ihrer Kläglichkeit deutlich sichtbar, die ganze kleinbürgerliche Kanaille der Denunzianten und Kollaborateure von Appenweier, dem badischen Nest mit etwa 2200 Einwohnern, in dem sich die makabre Geschichte zugetragen hatte.
Die schwarze Liste
Die Gemeinde Appenweier, zwischen Offenburg und Baden-Baden an der Bahnstrecke Frankfurt-Basel gelegen, wurde am 15. April 1945 von den Franzosen besetzt. Platzkommandant wurde der 24jährige Oberleutnant Maurice Collet.
Collet hatte in den letzten Kriegsjahren, wie er jetzt vor Gericht zu seiner Entschuldigung sagte, "wie ein gehetztes Tier im Macquis gelebt" und war nach eigenem Eingeständnis mit Haß, Wut und Rachedurst gegen die Deutschen erfüllt. Aber bei der Besetzung Appenweiers - weiter war der Oberleutnant Collet in Deutschland nicht gekommen - hatte er keine Gelegenheit gehabt, seine aufgestauten Gefühle abzureagieren, denn alles war ohne Widerstand und Schwierigkeiten gegangen, und es gab im Badischen weder Werwölfe, noch war die Bevölkerung feindselig.
Im Gegenteil, Collet fand überall nur zu willige Helfer, und fast alle Leute waren begierig, den Franzosen zu zeigen, wie sehr sie die Nazis haßten, den Krieg verurteilten und schon immer dagegen gewesen waren. Wie überall in Deutschland die alliierten Truppen, so richtete sich in Appenweier die Kompanie des Oberleutnants Collet häuslich ein. Häuser, Wohnungen, Kraftfahrzeuge wurden beschlagnahmt, Jagdwaffen eingesammelt, Verhöre angestellt und versteckte Nazis gesucht. Die Nazi-Größen Appenweiers, darunter der Ortsgruppenleiter Beil, wurden festgenommen und in ein Behelfs-KZ der Besatzungsmacht gebracht.
Willfährige Bürger stellten eine schwarze Liste" von "Nazis und Feinden der Besatzungsmacht" zusammen und übergaben sie den Franzosen. Als Collet sie verschlampte, nahmen die guten Deutschen Appenweiers das nicht als ein Zeichen des Himmels, sondern fertigten eine zweite Liste an, die nach Aussagen Collets von der ersten erheblich abwich. Diese zweite Liste enthielt etwa 30 Namen, darunter die des Oberlehrers Walter, des Apothekers Zimmermann - eines angeblich notorischen Nazis, der die Leute aus der Apotheke schickte, wenn sie statt "Heil Hitler" nur "Grüß Gott" oder "Guten Tag" sagten - und des Krankenpflegers Goldmann.
Über den Apotheker Zimmermann hörte Collet, daß er "Giftstoffe an die Konzentrationslager geliefert" habe, über den Krankenpfleger Goldmann, daß er "Russen
im Lager mißhandelt und gefoltert" habe, über den Oberlehrer Walter, daß er ein SS-Agent sei. Alle drei Behauptungen waren falsch, und obendrein widersprachen sich die verschiedenen Denunzianten.
Warum Collet dennoch drei oder vier Wochen nach Schluß der Kämpfe in seinem Gebiet und trotz vollkommener Ruhe und allgemeiner Hilfswilligkeit der Einwohner Appenweiers seinen Sergeanten und einem Soldaten befahl, Zimmermann und Walter zu erschießen, nachdem er beide verhört hatte, kann er heute selbst nicht mehr schlüssig erklären. Er sagte vor Gericht: "Ich hatte für die Sicherheit meiner Truppe zu sorgen, und die Genannten waren mir von ihren Mitbürgern als gefährliche Nazis genannt worden."
Diese Begründung war nach Lage der Dinge in Appenweier völlig unsinnig, denn niemand bedrohte die Franzosen und ganz Baden war vollkommen ruhig, der Krieg war zu Ende und die alliierte Militärregierung saß überall fest im Sattel.
Wie dem auch sei, am 6. Mai herrschte in Appenweier jenes Regime, das der französische Militärgouverneur von Offenburg als "Anarchie" bezeichnete und in dem außer dem jungen unreifen Kriegsoffizier noch einige Personen mehr oder minder große Rollen spielten, die für diese erste Besatzungszeit typisch sind und unter anderen Namen in fast allen deutschen Orten auftraten.
Zunächst gab es da einen Elsässer namens Willi Strauch, der amtlicher Dolmetscher war, aber selbstherrlich Verhöre durchführte, Haussuchungen und Beschlagnahmen vornahm und den französischen Soldaten Befehle erteilte. Dann eine Jugoslawin, die von Gott-weiß-woher gekommen war, im Ort nur unter dem Namen "Loulou" bekannt war und den Franzosen unter anderem auch als Dolmetscherin diente. Schließlich war da auch die Österreicherin Franziska Luft aus Klagenfurt, die während des Krieges in Frankreich Spitzeldienste für die Deutschen geleistet hatte und in jenen Tagen auf der französischen Seite des Rheins gesucht wurde, während sie in Appenweier ihr Metier im Dienste Frankreichs ausübte.
Collets deutscher Helfer war der Burgermeister Kupferer, der die beschlagnahmten Häuser verwaltete, Familien auswies, andere in Wohnungen einwies und den Franzosen die Arbeit machte, die sie ihm auftrugen, ohne dabei aber ganz auf eigene Initiative bei der Maßregelung der Nazis und bei der Wiedergutmachung des nationalsozialistischen Unrechts an Appenweiers Bürgern zu verzichten. Er hatte unter anderem auch die Familie Goldmann in das Haus des verhafteten Ortsgruppenleiters Bell eingewiesen.
Diese Auszeichnung war Goldmann widerfahren, weil er Jude war. Irgendwie hatte er es fertiggebracht, die Hitler -Behörden zu täuschen und sich als Arier auszugeben. Er hatte in den Jahren des Krieges in der deutschen Kriegsmarine gedient und später als Krankenpfleger in einem Lager russischer Zwangsarbeiter Kriegsdienst getan. Im Mai war er nach Appenweier gekommmen, wo seine Frau zu Hause war, und hatte sich als Krankenpfleger gemeldet. Da er erst 1942 geheiratet hatte, war er im Orte nicht bekannt.
Am frühen Nachmittag des 7. Mai 1945 kam nun Dolmetscher Strauch mit zwei Soldaten in die Wohnung der Goldmanns. Was sich nach seiner Ankunft begab, schilderte Frau Goldmann in Paris vor Gericht so: "Sie kamen ins Haus und verhafteten meinen Mann. Dann stießen sie ihn in den Hof und jagten uns alle (Goldmanns hatten zwei Kinder, ein und zwei Jahre alt) weg. Durch das offene Fenster hörte ich, wie Strauch vier Fragen an meinen Mann stellte:
'Waren Sie PG?'
Antwort: 'Nein.'
'Sind Sie Deutscher oder Franzose?'
Antwort: 'Deutscher.'
'Sind Sie Jude?'
Antwort: 'Ja.'
'Haben Sie sich als Arzt ausgegeben?'
Antwort: 'Nein.'
"Dann schlugen sie ihn. Ich hörte das Klatschen der Schläge und das Weinen meines Mannes. Strauch wiederholte seine vier Fragen, und mein Mann gab dieselben Antworten. Dann klatschte es wieder. Dann sah ich, wie er mit erhobenen Händen, aus Mund und Nase blutend, abgeführt wurde. Strauch kam zu mir und sagte: 'Halten Sie sich von Ihrem Mann entfernt, sonst werden Sie auch erschossen.' Dann ging er zum Wagen, und sie fuhren davon."
Später am Nachmittag kam Strauch mit einem geschlossenen Wagen zurück und sagte zu Frau Goldmann: "Ich habe hier die Leiche, Ihr Mann hat sich vor einem französischen Offizier erschossen."
"Dann sprach er mir sein Beileid aus", setzte Frau Goldmann vor Gericht hinzu.
Die Soldaten Desvignes und Cousin - Cousin war immerhin Unteroffizier - behaupteten in der Verhandlung, daß nicht ihr Oberleutnant, sondern Strauch ihnen gesagt habe, Goldmann sei ein gefährlicher Nazi und müsse deshalb erschossen
werden. Obwohl sie keinen ausdrücklichen Befehl dazu hatten, taten die Soldaten, was Strauch ihnen sagte: Sie erschossen Goldmann.
Trotz dieser Aussage seiner ehemaligen Untergebenen nahm Collet vor Gericht die Verantwortung für die Erschießung Goldmanns auf sich, um seine Untergebenen zu entlasten. Die Richter akzeptierten diesen Schutz und billigten Cousin und Desvignes entgegen deren eigener Darstellung zu, einen Befehl ihres Dienstvorgesetzten ausgeführt zu haben, was sie in den Augen des Gerichts von ihrer strafrechtlichen Verantwortung für ihre Willkürtat befreite.
Die Witwe Goldmann war dagegen nicht der Meinung, daß Collet der Hauptschuldige am Tod ihres Mannes sei. Sie beschuldigte vor Gericht den inzwischen verstorbenen Strauch und den Bürgermeister Kupferer. Die Tötung ihres Mannes, sagte sie, sei auf eine Verabredung zwischen Kupferer und Strauch und anderen Deutschen hin erfolgt, und Strauch habe seinen Einfluß ausgenutzt, um die Franzosen als Werkzeuge zu mißbrauchen.
Als Frau Goldmann an dieser Stelle, ihrer Aussage angelangt war, lächelte der Gerichtsvorsitzende Drapier und sagte laut zu seinen Beisitzern: "Im Laufe der Voruntersuchung hat die Zeugin fast ganz Appenweier beschuldigt."
Einer der französischen Verteidiger ließ sich die gute Gelegenheit zu einer rhetorischen Frage nicht entgehen und erkundigte sich mit Pathos, warum denn in der Bundesrepublik keiner der Genannten und Nichtgenannten wegen Denunziation verfolgt worden sei. Der Präsident des Tribunals wollte offenbar jede Polemik unterbinden und ließ die Frage des Verteidigers nicht zu
Auf jeden Fall wußte Collet, daß Strauch den Goldmann umbringen lassen wollte. Die Witwe Goldmann erinnerte sich, daß etwa eine Stunde, nachdem Strauch ihr die Leiche ihres Mannes gebracht hatte, der Oberleutnant Collet bei ihr erschienen sei, um ihr sein Beileid auszusprechen. Dabei habe Collet gesagt: "Wenn ich gewußt hätte, daß Ihr Mann Jude war, dann wäre er nicht erschossen worden." Dann hätte er ihr, der Witwe, 80 Mark in die Hand gedrückt. Collet räumte vor Gericht ein, daß das durchaus so gewesen sein könne.
Fragen an den Filmobmann
Drastischer als der Fall Goldmann noch ist die Erschießung des Oberlehrers Fritz Walter, der zur Zeit der Besetzung Appenweiers durch die Franzosen im Städtchen Triberg Schulunterricht gab. Walter war Parteigenosse und NS-Filmobmann in Appenweier, aber auch ein gläubiger Katholik. Er hatte die meiste Zeit des Krieges als Reserveoffizier des Heeres in Rußland zugebracht.
Am 11. Mai besuchte er seine Familie in Appenweier, die inzwischen von Bürgermeister Kupferer aus ihrer Wohnung ausgewiesen worden war. Walter beschloß, nach Appenweier zurückzukehren, und nahm seine Tochter zum Packen nach Triberg mit. Am 16. Mai kehrten beide auf einem Lastkraftwagen mit ihrem Gepäck nach Appenweier zurück. Das war gegen zehn Uhr morgens. Kurze Zeit später kam ein Sergeant und holte Walter zu einer Befragung auf die Kommandantur.
Frau Walter, durch die mysteriöse Erschießung Goldmanns gewarnt, ging ihm nach. Sie traf ihren Mann bei Collet. Dolmetscher Strauch und zwei Soldaten waren im Zimmer. Auf dem Schreibtisch lagen dreizehn Photos des Oberlehrers Walter in der Uniform eines Hauptmanns des Heeres und ein Schreiben, das eine Altmetallsammlung im Jahre 1940 betraf.
Collet fragte Frau Walter: "Hat Ihr Mann gesammelt?" Sie antwortete: "Nein, er war im Osten."
Collet sagte: "Es ist gut, Sie können gehen." Auf ihre Frage, wann ihr Mann nach Hause gehen könne, antwortete Collet, er würde nachkommen, seine Ausweispapiere müßten in Ordnung gebracht werden.
Etwa anderthalb Stunden später sah Frau Walter ihren Mann in einer Limousine in Begleitung von drei französischen Soldaten in Richtung Kehl abfahren. Eine weitere halbe Stunde später fuhr ein Sanitätswagen vor der Walterschen Wohnung vor, und die Jugoslawin "Loulou", die Dolmetscherin bei Collet war, sagte zu Frau Walter: "Bitte, geben Sie mir doch eine Decke."
Mit der Decke ging sie in den Wagen zurück, und wenig später hob der französische Fahrer einen in die Decke gehüllten Körper aus dem Wagen. Es war die Leiche Walters. Das Gesicht war blutüberströmt, die Augen blutunterlaufen, und am Hinterkopf war eine Schlagwunde.
Etwas später erschien Platzkommandant Collet und sprach sein Beileid aus. Walter sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Der Wagen habe eine Panne auf offener Strecke gehabt, und Walter hätte versucht, sich zu befreien.
Ein Kunststück der Justiz
Der Arzt Dr. Steinwand ergänzte als Zeuge vor Gericht, daß er auf der Kommandantur dreimal aufgefordert worden sei, Walter "zu belasten". Frau Walter sagte, es sei möglich, daß Bürgermeister Kupferer ihren Mann denunziert habe, weil er 1939 auf eine Klage Walters hin verurteilt worden war. Die Agentin Franziska Luft sagte aus, daß die Denunziationen kollektiv durch die "schwarze Liste" erfolgt seien, die Kupferers Stellvertreter ihr gegeben und die sie dann kurze Zeit darauf an den Oberleutnant Collet weitergegeben hätte.
Der Apotheker Zimmermann - ein notorischer Hitler-Anhänger - wurde mit noch weniger Federlesen abgeholt, in ein Wäldchen gefahren und füsiliert.
Die Umstände der Erschießung Walters beweisen, ganz abgesehen von den Geständnissen Collets und seiner fünf Schergen, daß es sich bei der Liquidierung des Oberlehrers - wie auch im Falle Zimmermann - um vorsätzliche Handlungen handelte, die sorgfältig, wenn auch kurzfristig vorbereitet waren. Die Geständnisse der Angeklagten bestätigten die Tötungsabsicht. Angesichts dieser Tatsachen brachte das Gericht auf Empfehlung der französischen Verteidiger ein Kunststück fertig, das in der dramatischen Geschichte der französischen Strafjustiz wohl einmalig sein dürfte.
Schon der Ankläger klagte nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags an, obwohl Vorsatz und vorherige Überlegung der Tat ("prémédiation") erwiesen und zugegeben waren. Der Kläger forderte die Verurteilung der Angeklagten Collet, Desvignes und Cousin zu einer Zuchthausstrafe von mindestens fünf Jahren. Die Richter dagegen erachteten den Tötungsvorsatz als überhaupt nicht vorhanden. Collet hätte nur den Vorsatz zur Körperverletzung gehabt, und die Todesfolge sei dann letztlich ohne die Absicht der Urheber der abzuurteilenden Tat eingetreten.
Wenn die Gerichte Frankreichs sich dieses Urteil zum Vorbild nehmen würden, dann könnte in Zukunft jeder Verbrecher vor Gericht behaupten, er hätte nur den Vorsatz zur schweren Körperverletzung gehabt, als er schoß oder stach, aber keine Tötungsabsicht, der Tod sei dann unglücklicherweise von allein eingetreten - eine Behauptung, die ein von Polizisten verfolgter Verbrecher, ein entdeckter Dieb, der sich in fataler Lage durch Schüsse zu retten versucht, oder ein Lustmörder glaubhafter vorbringen können als der Oberleutnant Collet und seine Untergebenen.
Frühere französische Kommandantur Appenweier: Treffpunkt der Hilfswilligen
Witwe Goldmann mit Kindern
Der Mörder ...
Witwe Walter
... sprach sein Beileid aus
Ermordeter Goldmann
Der Mord blieb ...
Ermordeter Walter
... ohne Sühne

DER SPIEGEL 29/1956
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