18.07.1956

TOUR DE FRANCEKein Geld, keine Landsknechte

Aus purem Egoismus hat sich der Favorit der 43. Tour de France (5. bis 28. Juli), der luxemburgische Radrennfahrer Charly Gaul, 24, möglicherweise um die Chance gebracht, Einzelsieger der Tour (4509 Kilometer) zu werden.
Charly Gaul gedachte die ihm etwa zufallenden Geldpreise für den Einzelsieg (zwei Millionen Francs = 23 838 Mark) und für besondere Zwischenleistungen* für sich zu behalten und nicht mit seinen Mannschaftskameraden zu teilen, ohne deren Hilfe er jedoch schwerlich siegen kann.
Die Tour ist noch nie von einem Einzelgänger gewonnen worden. Wer siegen will, darf sich von den auf Etappensieg oder
Spurtprämie bedachten Fahrern nicht verwirren und hetzen lassen, sondern muß sein auf den Gesamtsieg ausgerichtetes Tempo selber bestimmen können.
Deshalb benötigt der Star eine Mannschaft von Helfern, die ihn vor Angriffen schützen, indem sie jeden plötzlich vorprellenden "Ausreißer" zwecks Überwachung verfolgen. Die Helfer stellen ihrem Chef, falls er eine Panne hat, ihr Rad zur Verfügung und fahren ihn "frei", damit er ungehindert an einer Gruppe vorbeiziehen kann, sobald er aufholen oder einen Vorsprung herausfahren will.
Diese Hilfe, die notfalls bis zur Aufopferung geleistet wird, ist nur in festgefügten Mannschaften möglich - am ehesten noch in Nationalmannschaften. Doch muß der Spitzenmann, für den
sich die anderen einsetzen sollen, ihre Dienste belohnen.
Als erster hatte der italienische Tour -Sieger 1949 und 1952, Fausto Coppi, mit den Fahrern seiner Mannschaft einen regelrechten Beteiligungsvertrag geschlossen. Der Franzose Louison Bobet (Tour -Sieger 1953, 1954 und 1955) ging noch weiter: Er verzichtete zugunsten seiner Hilfsfahrer auf alle Preise und Prämien und begnügte sich mit der Einnahme aus den Reklameverträgen, die ihm nach seinen Siegen zufielen.
Die Luxemburger nun konnten, wie schon so oft, auch in diesem Jahr keine ausschließlich aus Luxemburgern bestehende Nationalmannschaft stellen und mußten auf ausländische Fahrer zurückgreifen. "Luxembourg-Mixte" fährt mit sechs Luxemburgern, einem Engländer, einem Portugiesen und einem Italiener. Diese drei Ausländer - von der französischen Presse "Luxemburgs Fremdenlegion" getauft - hatten keinen Grund, sich ohne Geld für Luxemburg und Meister Gaul aufzuopfern.
Im Vollgefühl seiner Kräfte und im Vertrauen darauf, daß die Ehre, mit ihm ein Team zu bilden, seine Mitfahrer zu Höchstleistungen für ihn anstacheln würde, hatte Gaul ihnen keine Beteiligung eingeräumt und damit den Kampfwillen seiner Tourgenossen beträchtlich gedämpft.
Vom Start der Tour (Reims) bis zum Ziel der vierten Etappe (Caen) brauchte sich Charly Gaul noch keine Sorgen zu machen. Belgier, Holländer und Franzosen jagten einander die Minuten ab, während Gaul ohne überflüssigen Aufwand und ohne nennenswerte Zeitverluste gegenüber seinen Rivalen fürbaß radelte.
Gauls Mitfahrer griffen wacker an und Überwachten alle Vorstöße der Konkurrenten. Gaul, ein ausgemachter Berg -Fahrer, fuhr nach der erprobten Strategie der großen Tour-Veteranen, die den Sieg auf den Bergstrecken der Tour herausfuhren: Etwas Zurückhaltung, bis die Pyrenäen erreicht sind, dann alle Etappensiege in den Pyrenäen und in den Westalpen erradeln. Auf der Schlußstrecke nach Paris kann dann nichts mehr passieren.
Nach diesem Rezept waren Bartali, Coppi und Bobet gefahren. Sie pflegten mit zwanzig bis dreißig Minuten Zeitverlust gegenüber dem Ersten in der Gesamtwertung am Fuße der Pyrenäen einzutreffen, um dann alles in Grund und Boden zu fahren. Das möchte ihnen Gaul nachmachen.
Auf der fünften Etappe aber - von Caen nach St. Male - wurden Gauls Mitfahrer aufsässig. Sie fuhren ihm einfach davon, ohne seine schärfsten Rivalen zu behindern, ohne ihm freie Bahn zu schaffen, ohne ihn zu "ziehen" oder seine Verfolger abzudrängen.
Das Ergebnis war vernichtend: Gaul, der ruhig sein Pensum heruntergefahren hatte, obwohl das Tempo beträchtlich gestiegen war, kam 21:44 Minuten später als der Spitzenfahrer der Gesamtwertung im Etappenziel St. Malo an. Das war ein Zeitrückstand, wie ihn sich Coppi und Bobet erst rund 700 Kilometer weiter geleistet hatten.
Abends sagte Gaul zu Reportern: "Man sollte meinen, ich hätte keine Mannschaft." Am späten Abend drängte ihn sein Mannschaftsleiter Nicolas Frantz, mit seinen Hilfsfahrern den üblichen Vertrag abzuschließen. Am nächsten Morgen, vor dem Start in St. Malo, kritzelte Gaul seinen Namen unter das Dokument.
Kommentierte "Paris-Presse": "Gauls Kameraden machten Charly die Wahrheit des alten Sprichwortes klar: 'Kein Geld, keine Landsknechte'."
* An Preisen, Spezialpreisen und Prämien werden in diesem Jahr insgesamt 43,8 Millionen Francs (521 000 Mark) vergehen.
"Tour"-Favorit Charly Gaul
Zu spät am Fuße der Pyrenäen?

DER SPIEGEL 29/1956
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