18.07.1956

KRANKENHAUSSterne im Baedeker

Allwöchentlich empfängt Rudolf Heiland, der Bürgermeister des kleinen Städtchens Marl (65 000 Einwohner), in seinem Rathaus Reisende aus dem In- und Ausland. Das Stadtoberhaupt fährt dann jedesmal mit den Herren hinaus zu der Stelle, wo sich inmitten einer 38 000 Quadratmeter großen Grünfläche ein achtstöckiger, lichtdurchfluteter Hochbau aus Stahlbeton reckt. Denn die Besucher - Architekten, Stadtbaumeister, Kommunalbeamte und vor allem Ärzte - sind gekommen, um in dem
kleinen westdeutschen Städtchen zwischen Emscher und Lippe zu besichtigen, was ihnen keine Metropole des Kontinents zu bieten vermag: das "modernste Krankenhaus Europas".
Noch stehen nicht alle Flügel des Krankenhochhauses. Der vierte und letzte Bauabschnitt wird erst Mitte des nächsten Jahres bewältigt sein. Aber schon jetzt gilt der Bau, den die Marler Stadtväter "Paracelsus-Klinik" getauft haben, als Musterbeispiel und Studienobjekt modernster Krankenhaus-Architektur. Vier Fachärzte haben den Entwurf der Architekten durchgeknetet. Achtmal wurden die Baupläne geändert. Der Bürgermeister reiste mit den Architekten nach Schweden, in die Schweiz, nach Frankreich und fuhr sogar in die Vereinigten Staaten, um die Errungenschaften modernster Krankenhausbauten zu inspizieren.
Daß den Bemühungen der Architekten, der beratenden Ärzte und des Bürgermeisters Erfolg beschieden war, bestätigte kürzlich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem knappen Lob. "Der Neubau wird ohne Zweifel Sensation machen", schrieb das Blatt, als der dritte Bauabschnitt beendet war.
Der Bürgermeister nahm den Beifall mit Genugtuung entgegen. Ihm geht es dabei
auch um die Familienehre: Als sein Vater in den zwanziger Jahren die Geschicke Marls als Bürgermeister lenkte, kam ein projektierter Krankenhausbau nicht über das Kellergeschoß hinaus, weil sich Gemeinderat und katholische Kirchengemeinde über die Zusammensetzung des Krankenhauskuratoriums nicht einigen konnten.
Bürgermeister Heiland junior aber, Fisch - und Feinkosthändler sowie Bundestagsabgeordneter der SPD, boxte das Krankenhaus-Projekt (Kosten: rund 14,5 Millionen Mark) gegen alle Schwierigkeiten und gegen den Widerstand der CDU-Opposition durch. Im Jahre 1950 wurden neun Architekten aufgefordert, sich an dem Wettbewerb für den Entwurf des Baues zu beteiligen, der 450 Patienten Raum bieten sollte.
Gemäß den Bestimmungen der Bauordnung verlangten die Wettbewerbsbedingungen ein dreistöckiges Gebäude. Aber als die Bauherren sich zu der Ansicht bekehrt hatten, "daß Bedenken gegen die Erscheinung einer hohen Silhouette in der Industrielandschaft nicht bestehen", entschieden sie sich für den einzigen Entwurf, der die Wettbewerbsbestimmungen ignorierte: für den Plan der Architekten Werner Hebebrand und Walter Schlempp, die ein Hochhaus mit einem Grundriß von T-Form konzipiert hatten, um die "Verkehrswege" zu verkürzen.
Bei der niedrigen Pavillonbauweise - nach der in Deutschland viele Krankenhäuser errichtet wurden - sind die Krankenstationen, die Behandlungs- und Operationsräume in verschiedenen Gebäudetrakten untergebracht; die Patienten müssen über lange, ungeschützte Wege an- und abtransportiert werden. Auch die Ärzte und Schwestern verlieren viel Zeit auf dem Wege von der einen zur anderen Krankenstation.
Im Krankenhaus von Marl sind dagegen alle Wege kurz. Die Klinik ist ein in sich geschlossener Baukörper mit einem achtgeschossigen "Bettenhaus", von dem sich der siebenstöckige "Behandlungsbau" abzweigt. Ein niedriger Querflügel enthält
Ambulanz, Archiv, Ärztebereitschaft, Aufenthalts- und Speiseräume für Ärzte, Schwestern und das Personal.
Professor Hebebrand, der während seiner 36jährigen Tätigkeit als Architekt sechs große Krankenhäuser in Deutschland und Rußland gebaut hat, ging bei den Entwürfen für das Marler Krankenhaus von der Überlegung aus, daß die Liegedauer der Krankenhauspatienten in Deutschland heute noch viel zu lang ist. Ihm war bei intensivem Studium amerikanischer Verhältnisse aufgefallen, daß die durchschnittliche Liegezeit eines Krankenhauspatienten in den USA neun bis zwölf Tage, in Deutschland aber rund drei Wochen beträgt.
Der Professor sah den Grund für diesen Unterschied keineswegs etwa in einer robusteren Gesundheit der Amerikaner: "Die deutschen Krankenhäuser sind so weitläufig und die einzelnen Spezialabteilungen so weit voneinander entfernt, daß der Patient tagelang von einer Spezialstation in eine andere expediert wird, bevor überhaupt die Diagnose gestellt werden kann."
In der Marler "Paracelsus-Klinik" befinden sich dagegen alle Untersuchungsräume in demselben Bauwerk. Der Kranke kann durch Fahrstühle bequem an- und abtransportiert werden; das in der modernen Medizin immer komplizierter werdende Diagnoseverfahren läßt sich schnell abwickeln.
Um den Ärzten die Arbeit und Übersicht über ihre Abteilungen zu erleichtern, sind die zusammengehörenden Krankenstationen und -zimmer im selben Stockwerk untergebracht. So befinden sich beispielsweise im vierten Obergeschoß nicht nur die Betten der Frauenstationen, sondern zugleich auch die gynäkologische Operationsabteilung, der Kreißsaal und - abgetrennt davon - die Stationen für Säuglinge und Frühgeburten.
Der Leiter der Frauenstation kann also alle Patientinnen auf kürzestem Wege erreichen. Da der Kreißsaal in der Nähe des
Operationssaales liegt, können bei der Geburt notwendige Operationen in kürzester Frist ausgeführt werden. Säuglingsstation und Wöchnerinnen-Abteilung sind voneinander getrennt, so daß die Wöchnerinnen - vor allem nachts - nicht mehr durch Kindergeschrei gestört werden können. Aus dem gleichen Grund wurden auch Entbindungsraum und Wöchnerinnen-Station voneinander abgegrenzt.
In der "Paracelsus-Klinik" gibt es keine Krankensäle, sondern - trotz geringerer Rentabilität - nur noch Zimmer mit drei oder zwei Betten (und wenige Einzelräume für schwere Fälle). "Für den Kassenpatienten bedeutet das eine eminenteßevolution", urteilte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Er sieht sich gegen die übliche Kollektiv-Unterbringung geschützt." Das Blatt fand, die Krankenzimmer seien "schlechterdings schön zu nennen. Angenehm in den Proportionen, farbig differenziert, schalldicht, mit nüchterner Anmut möbliert und sämtlich nach Süden gelegen. Das Funktionelle zeigt sich human bewältigt."
In der Tat sind die Krankenzimmer das Glanzstück der Marler Krankenhaus-Architektur. Als der Rohbau fertig war, richteten Baumeister und Ärzte drei Versuchszimmer ein und untersuchten sie wieder und wieder auf ihre Vollkommenheit.
Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist ein Raum mit Einbauschränken und einem Waschbecken, hinter dessen Spiegel sich ein Wandschränkchen für die Toilettensachen verbirgt. Die Stirnseite des Raumes besteht aus riesigen Glasfenstern, die Wände sind mit einer abwaschbaren Speziallösung aus Kunststoff gestrichen. Die Heizkörper, berüchtigte Staubfänger, sind durch Heizschlangen in der Zimmerdecke ersetzt. Die alte Kopftafel mit der Fieberkurve und den - oft indiskreten - Eintragungen ist verschwunden.
Während die Zimmerbeleuchtung in den Krankenhäusern normalerweise in der Mitte der Decke angebracht ist und den im Bett liegenden Patienten blendet, wird das Marler Krankenzimmer von einer
breiten Neon-Lichtleiste erhellt, die sich blendungsfrei über dein Kopfteil der Betten an der Wand entlang zieht. An der Zimmertür fehlt die Klinke. Die Schwester, die ein Tablett trägt, kann die Tür mit einem leichten Druck des Ellbogens öffnen; sie schließt sich dann geräuschlos von selbst.
Die Betten, die dreimal so viel kosten wie normale Krankenhausbetten, sind inzwischen auch im Ausland als "Marler Krankenbetten" bekanntgeworden. Bürgermeister Heiland hatte den Bettenbauern die Erkenntnisse seiner Informationsreisen so hartnäckig vorgetragen, daß sie endlich nachgaben und das Marler Krankenhaus mit Super-Liegestätten belieferten, die acht Forderungen erfüllen. Unter anderem hatte der Bürgermeister verlangt:
- das Bett muß fahrbar sein;
- der bettlägerige Kranke muß die Rückenlehne selbst verstellen können;
- die gesamte Liegefläche muß um die Querachse schwenkbar sein;
- das Fußteil des Bettes muß so konstruiert sein, daß zur Platzersparnis ein Stuhl oder Schemel untergeschoben werden kann;
- der Bügel und das Brett am Fußende müssen unabhängig voneinander abgenommen werden können, um Platz für die Zuggewichte bei der Behandlung gewisser Knochenbrüche zu schaffen.
Ein anderes Prunkstück Marter Zweckmäßigkeit ist der Nachttisch, dessen Platte der Kranke zu sich über das Bett schwenken kann, um sie dort als stabile Unterlage zu benutzen. Ein Tablett ist in die Tischplatte eingelassen, die sich wiederum mit
einem Handgriff in ein Lesepult verwandeln läßt Wie die Platte, so kann auch die Schublade des Nachttisches ausgeschwenkt werden. Die Möglichkeit, sowohl das Bett als auch den Nachttisch selbst zu bedienen, soll dem Kranken weitgehend das Gefühl der Hilflosigkeit nehmen.
Ein Kopfkissen - Lautsprecher - eine runde Scheibe, aus der die im Hauptrundfunkgerät der Klinik eingestellte Sendung tönt - ermöglicht es ihm sogar, Rundfunkprogramme zu hören, ohne den nächsten Bettnachbarn zu stören.
Wenn er die Schwester bemühen will, betätigt der Kranke eine Lichtrufanlage, die mit einer Gegensprechanlage kombiniert ist. Die Schwester kann sich über die Sprechanlage nach den Wünschen des Patienten erkundigen und ohne unnötigen Hin- und Herweg gleich das Erforderliche veranlassen. Die 50 Uhren des Hauses sind mit sogenannten Personenruf-Feldern ausgestattet: Jeder der schwarzen Balken auf dem Zifferblatt ist einzelnen Ärzten, Oberschwestern, Pflegern, dem Verwalter oder dem Maschinenmeister zugeteilt. Wird zum Beispiel der Chefarzt gesucht, so leuchtet unter dem Balken 1 auf allen Uhren ein blaues Licht auf. Kommt der Chefarzt an
einer Uhr vorbei und sieht, daß seine Zahl erleuchtet ist, erkundigt er sich über das nächste Haustelephon bei der Zentrale, wo man ihn braucht.
Freilich haben die Marler ihr Krankenhaus nicht nur technisch durchkonstruiert. Ein Prozent der Bausumme - rund 150 000 Mark - wurde für die künstlerische Ausgestaltung des Baues ausgeworfen. Künstlerwettbewerbe wurden ausgeschrieben und Werkschulen zur Mitarbeit herangezogen. Der kunstfreudige Bürgermeister, der die Wirkung der Kunstwerke zunächst in seinem Amtszimmer zu erproben pflegte, hat dazu beigetragen, daß neben einer Kleinplastik aus Rodins Hauptwerk "Die Burger von Calais", neben Plastiken von Kathe Kollwitz, Bernhard Heiliger und Karl Hartung auch Zeichnungen, Holzschnitte, Graphiken und Bilder von Renoir, Marks, Hofer, Liebermann, Lehmbruck, Pechstein, Heckel, George Grosz und Bariach angebracht wurden. Bronzeplastiken zieren die Außenwand an der Portalseite, Buntglasfenster den Feierraum.
So sehr sich die Künstler der materiell meßbaren Kunstfreudigkeit der Krankenhausbauer erfreuten - der "Deutsche Medizinische Informationsdienst" maulte vernehmlich über den "verkannten Heilfaktor Kunst im Krankenhaus". Die Mediziner des Informationsdienstes fragten spitz, ob sich die Patienten - die ja den verschiedensten sozialen Schichten entstammen - an Hermann Breukkers zweifarbigem "abstraktem Drahtgespinst" im Warteraum des Laborgeschosses "seelisch aufrichten" könnten.
Die Marler aber wollen die Kranken nicht nur durch die Formen und Farben von Plastiken und Gemälden seelisch beeinflussen: Aus dem Marler Hochbau ist auch das uniforme Krankenhausweiß verbannt worden. Die Krankenräume, Flure, Dielen und Treppenhäuser leuchten in verschiedenen Pastellfarben. In den Krankenzimmern hat jede der Mehrzwecklampen, die der Patient sowohl als Wandleuchte wie auch als Nachttischlampe verwenden kann, eine andere Farbe. Mit dieser Buntheit wollten die Marler nicht nur das farbliche Einerlei durchbrechen: Der Farbton des Lampenschirms ist auch in die Handtücher der Patienten eingewebt, so daß Verwechslungen unmöglich sind.
Viele Besucher, die der Bürgermeister Rudolf Heiland stolz zu seiner "Paracelsus-Klinik" hinausführte, äußerten eine unerwartete Kritik: Der Bau sei in vieler Hinsicht so vollendet, daß er unter Hypochondern eine gewisse "Hospitalsucht" züchten könne.
Das bereitet freilich den Marlern noch keine Sorge. Vielmehr beschäftigt sie die Frage, mit wieviel Sternen ihr Neubau als erstes deutsches Krankenhaus im Baedeker erscheinen wird. Dr. Walther Baedeker aus dem Verlagshaus des berühmtesten Reiseführers hat die "Paracelsus-Klinik" schon besichtigt.
"Paracelsus-Klinik" in Marl: "Modernstes Krankenhaus Europas"
Marls Bürgermeister Heiland
Acht Forderungen an Bettenbauer
Klinik-Eingang: Ist Kunst ein Heilfaktor?
"Marler Krankenbett": Die Kopftafel wurde abgeschafft

DER SPIEGEL 29/1956
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