18.07.1956

DICHTUNG / BENNKein Idyll

Kann man nicht manches auch schnattern nennen, was sich als Gemeinsamkeit gibt?", schrieb vor einigen Jahren der Lyriker Gottfried Benn an einen österreichischen Schriftsteller, der ihm mangelnden Sinn für die menschliche Gemeinschaft vorgeworfen hatte.
Der Berliner Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Benn, der im Jahre 1912 zum erstenmal mit einem Versbogen unter dem Titel "Morgue" - zu deutsch: "Leichenschauhaus" - vorgetreten war und von da an mit seinen aus dem medizinischen Fachjargon in die Lyrik übernommenen Vokabular im Literaturbetrieb Sensation gemacht hatte, hat zeit seines Lebens die Spezies Mensch mit äußerster Skepsis beobachtet.
Das berühmte Wort des griechischen Philosophen Aristoteles, der Mensch sei ein "Zoon politikon", ein geselliges Lebewesen, nannte er "eine Balkanidee". Benn fand, das Leben sei in der Pflanze eigentlich ganz gut untergebracht gewesen: "Warum es also in Bewegung setzen und auf Nahrungssuche schicken?" Von dem Menschen als "Krone der Schöpfung" wollte er schon gar nichts wissen - "Der Schöpfungskrone gehn die Zinken aus" -, und am Ende bekannte er sich zu den Idealen des amerikanischen Politikers Monroe, des Initiators jener "Monroe-Doktrin", derzufolge sich die Vereinigten Staaten nicht in Übersee, sondern nur im eigenen Lande engagieren sollten. Benn: "Ich bin Isolationist, mein Name ist Monroe."
Daß dennoch fast jeder deutsche Schriftsteller, Rundfunk-Kommentator und Journalist, der in diesen Tagen auf den am vorletzten Sonnabend gestorbenen Dichter einen Nachruf verfaßte, sich auf einen Besuch, einen Brief, ein Telephongespräch mit Benn berufen konnte, liegt an einer genialen Technik, mit der Benn in den vergangenen Jahren des steigenden Ruhms seine Publicity-Pflichten absolvierte. Er pflegte auf jeden Brief sofort zu antworten - zumeist mit einer ebenso entwaffnend herzlichen wie unverbindlichen Bemerkung, die er mit seiner sehr lesbaren Handschrift auf Visitenkarten oder Rezeptformulare schrieb. Nahezu jeder unbekannte Lyriker zum Beispiel, der dem Dichter Benn seine Produktion zur Lektüre anbot, erhielt ein solches Rezept mit Bemerkungen wie: "Es ist mir leider unmöglich, auch nur einen einzigen Blick in Ihr Manuskript zu werfen. Besten Dank! Ihr ergebener Benn."
Die Manager der öffentlichen Meinung fertigte Benn auf eine andere Art ab. Er lud die Wallfahrer, die das Monument Benn zu besichtigen kamen, scheinheilig zu sich - "Kommen Sie pünktlich und bleiben Sie nicht zu lange" - und setzte sie durch übertriebene Gastfreundschaft außer Gefecht. Assistiert von seiner dritten Frau, einer jungen und attraktiven
Zahnärztin aus der Nachbarschaft, die er nach dem Kriege geheiratet hatte, fuhr er Kaffee, Torte, Schlagsahne und Bowle auf und zwang seine Besucher unausgesetzt, das Dargebotene in solchen Mengen zu sich zu nehmen, bis sie sich, mit zum Bersten gefüllten Mägen, beklommen verabschiedeten.
Gespräche über Literatur und Geist mied er bei solchen Gelegenheiten strikte. Kam ein Besucher auf den unglücklichen Gedanken, den Gastgeber über Beethoven zu befragen, dann antwortete Benn, er höre lieber den Schlager "Im Hafen von Adano". Dem Berichterstatter der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte er, als die Rede auf ein Buch kam: Was ihn angehe, so lese er lieber die gerade herausgekommenen Adlon-Memoiren, also die Klatsch-und-Tratsch-Erinnerungen eines Hoteliers. Außerdem rate er Kreuzworträtsel, von Silbenrätseln dagegen halte er nicht viel.
Der Berliner Korrespondent des Norddeutschen Rundfunks berichtet von ähnlichen Erlebnissen: "Großzügig verteilte er Widmungen, erkundigte sich bei Menschen, die ihm völlig gleichgültig waren, mit altfränkischer Ernsthaftigkeit nach dem Rheuma, den Kindern, der verehrten Gattin, dem Hunde."
Benn, nach dem Tode Thomas Manns zusammen mit Bertolt Brecht letzter international präsentabler Vertreter deutscher Dichtung und in diesem Jahre favorisierter Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis, lebte in einer altmodischen Praxis-Wohnung in der Nähe des Bayrischen Platzes, Berlin-Schöneberg. Dort, in seinem Ordinationszimmer mit Blick auf den Hinterhof, hatte er bis vor etwa zwei Jahren praktiziert: Er liebte es, sich darüber zu beschweren, daß ihm die Erfindung des Penicillins das Geschäft verdorben habe.
In seinem autobiographischen Buch "Doppelleben", das 1950 erschien, berichtete er aus der Zeit der Berliner Blockade -Misere: "Noch heute muß ich in dem Bezirk, in dem ich niedergelassen bin, Nachtdienst mitmachen. Nachtdienst heißt, von abends acht Uhr bis morgens sieben Uhr in einer Baracke zubringen, die sich schlecht heizt - Telephonanrufe etwa zwölf die Nacht, keine Straßenschilder, die Hausnummer nicht erkennbar - Hinterhöfe, Keller, Trümmerstätten, während der Blockade unbeleuchtet, in der linken Hand eine Kerze, in der rechten eine Injektionsspritze ... kurz: kein lyrisches Idyll."
Lyrische Idyllen sind allerdings auch Benns Werke nie gewesen, sondern - wie es die Dichterin Else Lasker-Schüler bereits vor dem ersten Weltkrieg formulierte - "jeder Satz ein Leopardenbiß". Benn übernahm das Vokabular der Seziersäle und Operationszimmer in seine Verse, Begriffe aus dem Sport und der Technik, Namen von Schauspielerinnen, Kurorten, Nachtlokalen und Getränken, den Jargon der Straße und den Jargon der Fachmänner: "Wir hängen an unseren Neurosen, sonst hätten wir gar nichts mehr." Ebenso scheinbar salopp, aber erbarmungslos genau war seine Prosa: "Ein Turnreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer - das ist der Vollgermane."
Von einer Zeitung ernsthaft über die "Wirkung des Schriftstellers" in dieser Zeit befragt, redete sich Benn heraus: Man höre "von Spezialisten, zum Beispiel von Hörspieldichtern, daß sie von einem Hörspiel von einer Stunde Dauer ein Jahr leben und sich sogar Straßenfahrzeuge mit Motorantrieb und Eigenheim beschaffen können. Auch das ist eine Wirkung ..."
"Physiognomie und Statur der Königin Viktoria, zeremoniöse Korrektheit des Auftretens, Gamaschen und Homburg, ein Denkerschädel, zu dem der weiche Mund in Kontrast steht, schwere, herabgelassene Augenlider, eine Ferne, die nicht feindselig wirkt" - so hat eine Zeitung Gottfried Benn beschrieben, im Juni dieses Jahres, als sein siebzigster Geburtstag mit festlichem Ehren-Aufwand gefeiert wurde: "Er steht an der Spitze unserer Literatur", hieß die Schlagzeile in einem anderen Blatt.
Nach diesen Festlichkeiten ist Benn krank geworden und hat sich nicht mehr erholt: Er starb, nach längerem Krankenhausaufenthalt, an einer Herzschwäche. Trotz seiner Devise - "Hinterlassungsfähige Gebilde schaffen!" - glaubte er: "Keiner auch der großen Lyriker unserer Zeit hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen. Die übrigen mögen interessant sein ..."
Dichter Benn
"Hinterlassungsfähige Gebilde schaffen"

DER SPIEGEL 29/1956
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