18.07.1956

WIEDERGEBURTTräume von Chicago

Die von einigen hunderttausend Amerikanern mit Leidenschaft verfolgte Suche nach Bridey Murphy ist zu Ende: Bridey Murphy ist endlich gefunden. Die Jagd war ausgelöst worden durch die Enthüllungen des Amateur-Hypnotiseurs Morey Bernstein in seinem Buch "Suche nach Bridey Murphy".
Unter Bernsteins hypnotisch-einschläfernden Händen hatte sich eine Hausfrau - Virginia Tighe aus Pueblo im Staate Colorado - erinnert, bereits im vergangenen Jahrhundert gelebt zu haben, als Bridey Murphy. Im Trance-Zustand sprach Hausfrau Tighe fließend Irisch, liebte einen Herrn namens Sean und erinnerte sich an ihr eigenes Begräbnis - 1864 im irischen Belfast (SPIEGEL 14/1956).
Bernsteins Re-Inkarnations-Buch wurde zum Bestseller. Schallplatten mit Aufnahmen der Bernsteinschen "Seancen" fanden reißenden Absatz. Der sektiererische Glaube an die Re-Inkarnation, an eine Wiedergeburt nach dem Tode, bekam in Amerika modischen Auftrieb.
Während dieses Phänomen nach den Gesetzen der Massenhysterie noch eine Zeitlang anhalten dürfte, ist das Schicksal des Bucherfolges wie des Schallplattengeschäfts besiegelt. Die Suche nach Bridey Murphy kann eingestellt, die Restauflage des Bernstein-Berichts über das Medium Virginia Tighe eingestampft werden. Bridey Murphy hat nicht vor hundert Jahren in Irland gelebt, sondern lebt noch heute in Chicago: Es ist die 59jährige Mrs. Corkell, geborene Bridie Murphy, Großmutter einer stattlichen Enkelschar.
Sieger in der staatenweiten Suche nach Bridey Murphy wurde der Pastor Wally White aus Chicago. Er grub in der Vergangenheit jener Virginia Tighe nach, die im Trance-Zustand vorgab, eine wiedergeborene Bridey Murphy zu sein. Dabei fand er heraus, daß Viginia Tighe in ihrer Chicagoer Kindheit mit Kindern der Familie Corkell gespielt hatte, deren Mutter, eben jene geborene Bridie Murphy, ihnen und ihren Gespielen mit Vorliebe aus ihrer irischen Heimat erzählte.
Klein-Virginia gehörte offenbar zu Mutter Corkells aufmerksamsten Zuhörern. Pastor White entdeckte, daß Virginia häufig irische Rezitationen und Tänze vorgeführt und hierfür sogar auf der Straße Penny-Stücke eingesammelt hatte.
Aus dieser Zeit stammen auch die Erinnerungen des Mediums Virginia Tighe an "Sean" (irisch für "John"). Großmutter Corkell erinnerte sich, daß Virginia, die Spielgefährtin ihrer Kinder und eifrige Konsumentin ihrer irischen Geschichten, als zehnjähriges Mädchen eine heftige Kinderliebe zu dem "Sean" genannten Sohn des Hauses John durchgemacht hatte.
Die Erzählungen des Mediums Virginia Tighe im Trance-Zustand waren nichts anderes als Träume von Chicago, Kindheitserinnerungen, die durch Hypnose wachgerufen wurden. Genau das aber hatten wissenschaftliche Begutachter des Falles von Anfang an vermutet.
Erinnerung war auch, was eine alte Spielkameradin des Mädchens Virginia heute zu dem Fall Bridey Murphy beizusteuern weiß: "Virginia hatte so viel Phantasie. Ich dachte schon immer, sie würde einmal ein Buch schreiben."
Großmutter Bridie Murphy
Nicht Wiedergeburt, sondern Jugendliebe

DER SPIEGEL 29/1956
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