18.07.1956

TODESSTRAFEKoestler gegen Galgen

Arthur Koestler tanzt auf dem Grabe der Todesstrafe", kommentierte beifällig die britische Wochenschrift "Spectator" das neueste Buch des abenteuernden anglo ungarischen Autors, in dem Arthur Koestler - bekannt durch seine radikal antikommunistischen Bücher "Sonnenfinsternis" und "Der Yogi und der Kommissar" mit allen Mitteln seines journalistisch brillanten Stils gegen die Todesstrafe plädiert.
"England", so beginnt Koestler seine "Betrachtungen über das Henken"*, "ist jenes seltsame europäische Land, wo die Leute auf der linken Straßenseite fahren, Entfernungen in Zoll und Elle messen und Menschen am Halse aufhängen, bis sie tot sind. Den meisten Engländern fällt es niemals ein, daß an diesem Brauche etwas Sonderbares sein könnte."
Während die Gegner der Todesstrafe ein Buch nach dem anderen schreiben und ihre Argumente mit den Mitteln der Philosophie, der Soziologie und mit Beispielen aus der Praxis erhärten, ist in England seit hundert Jahren kein Buch zur Verteidigung der Todesstrafe erschienen, stellte Koestler fest. Er erklärt das so:
"Jedes Volk betrachtet seine Traditionen als Selbstverständlichkeit, und das Henken
gehört genauso zur englischen Tradition wie das Rechnen mit Shilling und Pence. Viele Generationen von Kindern haben bei dem Erscheinen der Henkers-Puppe im Marionettentheater vor Begeisterung gequietscht."
Der hartnäckige Eifer, mit dem Koestler Argumente gegen die Todesstrafe sammelt und deren Verteidiger beschuldigt, geht auf ein persönliches Mißgeschick zurück, das dem in der Welt herumvagabundierenden Journalisten und Schriftsteller während des spanischen Bürgerkrieges zustieß. Koestler, damals noch eingeschriebener Kommunist, fiel den Falangisten in die Hände, wurde zum Tode verurteilt und mußte - bevor er endlich durch die Intervention von Freunden gerettet werden konnte-mit ansehen, wie zahlreiche seiner Mitgefangenen zur Hinrichtung weggeführt wurden.
In jenen Tagen brach er nicht nur mit dem Kommunismus, sondern wurde auch zu einem militanten Gegner der Todesstrafe. "Jedesmal", schreibt er, "wenn im friedlichen England einem Mann oder einer Frau der Hals gebrochen wird, beginnt die Erinnerung zu schwären wie eine schlecht geheilte Wunde."
Hingerichtete Kinder
Koestler betrachtet sein Buch als Teilstück eines großen Feldzugs, den er zusammen mit dem Verleger Victor Gollancz und Gleichgesinnten für die Abschaffung der Todesstrafe in England führt und dessen erste Erfolge inzwischen sichtbar wurden: Das Unterhaus beauftragte im Februar dieses Jahres mit einer Mehrheit von 31 Stimmen die Regierung, ein Gesetz vorzulegen, das die Todesstrafe verbietet.
Daß dies bisher trotz aller Anläufe noch nicht geschehen ist, schreibt Koestler den "Fossilien in Perücken" zu, den englischen Richtern, die er der "Blutrünstigkeit" beschuldigt.
Schon als zehnjähriger Knabe, weiß Koestler zu berichten, habe der derzeitige Oberste Lordrichter, Rayner Goddard, seine Mitschüler durch seine Leidenschaft für Hinrichtungen erschreckt. Sie erinnern sich noch heute, daß er ihnen schon damals immer wieder die Formel aufgesagt habe, die englische Richter bei der Verurteilung eines Angeklagten zum Tode auszusprechen pflegen: "Sie werden von hier zur Hinrichtungsstätte geschafft und am Halse aufgehängt werden, bis Sie tot sind. Möge Gott Ihrer Seele gnädig sein!"
Koestler weist den "Fossilien in Perücke" nach, daß sie schon in vergangenen Jahrhunderten eine sonderbare Begeisterung für Hinrichtungen an den Tag gelegt hätten und im 18. Jahrhundert nach feierlicher Beratung zu dem Schluß gekommen seien, daß auch straffällige Kinder gehenkt werden müßten. Wirklich wurde daraufhin im Jahre 1808 ein siebenjähriges Mädchen in Lynn öffentlich hingerichtet.
Da also schon früher Kinder hingerichtet wurden, blieb Lordrichter Lord Goddard
der Tradition treu, "als er sich in der Oberhaus-Debatte von 1948 dagegen wehrte, das Mindestalter, bei dem die Todesstrafe Anwendung findet, von 18 auf 21 Jahre hinaufzusetzen. Nach englischem Recht ist eine Person unter 21 Jahren nicht genügend verantwortlich, um einen rechtlich gültigen Vertrag zu unterzeichnen oder ein Testament zu machen, aber sie ist genügend verantwortlich, um gehenkt zu werden, ohne ihr Testament unterzeichnet zu haben."
Die paradoxe Situation, daß sich die Richter in dem sonst so gesitteten und disziplinierten England mit solcher Inbrunst an die Todesstrafe klammern, erklärt Koestler einleuchtend mit gewissen Eigenheiten des englischen Rechtswesens.
Die Vorschriften für die Rechtsprechung sind nämlich in England auf weiten Gebieten nicht in Paragraphen gefaßt. Vielmehr stützen sich die Richter auf das Common Law, eine Art von ungeschriebenem Gewohnheitsrecht. Das bedeutet, daß die Richter - die Encyclopaedia Britannica nennt sie treffend "Lebende Orakel" - sich im wesentlichen an die sogenannten Präzedenzfälle halten, also nach ähnlich gelagerten Fällen in der Vergangenheit suchen, nach deren Beurteilung sie sich richten können.
Die Justizmorde
Weil nun ein solches Rechtssystem Präzedenzfälle zum Ausgangspunkt der modernen Rechtsfindung macht, habe es - meint Koestler - die Richter auch dazu verführt, ganz allgemein in die Vergangenheit zu blicken. Bei den Vorvätern galt die Todesstrafe. Da sie sich sonst an die
Rechtsprechung der Vorväter halten, wollen sich die englischen Richter nicht bequemen, auf dieses Strafmittel zu verzichten.
Natürlich kennt Koestler den schwächsten Punkt bei den Verteidigern der Todesstrafe und läßt sich die Gelegenheit nicht entgehen, diese Schwäche auszunutzen: Nach dem Vollzug der Hinrichtung kann ein möglicherweise später aufgeklärter Justizirrtum nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Daß solche "Justizmorde" den englischen Justizbehörden unterlaufen sind, ist amtlich bestätigt worden. Bereits im Jahre 1864 hatte der damalige Generalstaatsanwalt Sir Fitzroy Kelly vor einer Kommission zugeben müssen, daß zwischen 1802 und 1840 in England mindestens sieben Personen unschuldig hingerichtet wurden. Für die Gegenwart führt Koestler außer der Hinrichtung des Kraftfahrers Evans (SPIEGEL 8/1956) noch ein halbes Dutzend von vollzogenen Hinrichtungen an, über deren Rechtmäßigkeit sogar bei den Richtern nachträglich die schwersten Bedenken aufgetaucht sind.
Auf diese dubiosen Fälle einer irreparablen Urteilsvollstreckung wies auch der Bischof von Exeter hin, als in der vorigen Woche das Gesetz über die Abschaffung der Todesstrafe im Oberhaus abermals zur Abstimmung stand. Die Lords sprachen sich wiederum, wie schon im Jahre 1948, gegen das vorgesehene Gesetz aus, das den Henker brotlos machen würde.
Allerdings spiegelt das Abstimmungsergebnis im Vergleich zu 1948 deutlich den Meinungsumschwung in der englischen Öffentlichkeit gegenüber der Todesstrafe. Vor neun Jahren sprachen sich 181 Mitglieder des Oberhauses - gegen 28 - für die Beibehaltung der Todesstrafe aus. Diesmal, bei stärkerer Abstimmungsbeteiligung, wurde die Todesstrafe von 238 gegen immerhin 95 Stimmen verteidigt. Im Gegensatz zu 1948 stimmten diesmal auch - mit einer
Ausnahme - alle dem Oberhaus angehörenden Bischöfe der Anglikanischen Kirche gegen die Todesstrafe.
Das Veto des Oberhauses hat jedoch nur noch aufschiebende Wirkung. Es bedeutet nur, daß das Gesetz innerhalb eines Jahres noch einmal dem Unterhaus vorgelegt werden muß. Bei der letzten Unterhaus-Abstimmung sprachen sich gegenüber den 293 Gegnern des Galgens nicht weniger als 262 Unterhausabgeordnete für die Weiterbeschäftigung des Henkers aus.
Das Ergebnis der nächsten, entscheidenden Unterhausabstimmung wird davon abhängen, ob wiederum, wie damals, der Fraktionszwang für die konservativen Abgeordneten aufgehoben wird. In diesem Fall würde eine kleine Schar zumeist jüngerer konservativer Abgeordneter, die
bei der ersten Vorlage gegen ihre Regierungspartei stimmten, den Ausschlag geben.
Der Ausgang der sich nun schon über Jahre hinziehenden Parlamentsdebatte um die Todesstrafe ist also durchaus noch nicht gesichert. Riesengroß wie seit jeher ist der englische Respekt vor aller Tradition, zu der in England noch immer das Henken gehört. Koestler führt ein Beispiel für dieses Beharrungsvermögen der englischen Denkweise an.
Das 18. Jahrhundert, das infolge der Industrialisierung Englands mit vielen anderen soziologischen Novitäten auch die Zunahme der Verbrecher und der Verbrechen zeitigte, legte den Engländern die Frage vor, ob sie ihre Polizei bewaffnen sollten, um mit diesen Leuten fertig zu werden, oder ihnen lieber anderswie drohen sollten. Die freiheitsbewußten Engländer schauderten vor der Idee, ihre Polizei zu stark werden zu lassen.
"Vor die Wahl zwischen dem Polizisten und dem Henker gestellt, wählte England den Henker. Bis auf den heutigen Tag ist die Idee, Polizisten das Tragen eines Revolvers zu gestatten, für den Engländer schrecklicher als die Fortsetzung des Henkens."
* "Reflections on Hanging", Verlag Gollancz; 12 s 6 d.
Schriftsteller Koestler
"England wählte den Henker"

DER SPIEGEL 29/1956
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