25.07.1956

STAATSBESUCHEEs ist immer dasselbe

Der Wandel der Zeit mag Ursache sein, daß Bonn in der vorletzten Woche den indischen Ministerpräsidenten Nehru bei sich zu Gast sah.
Vor einem Jahr noch, um dieselbe Zeit, zu der Nehru jetzt nach Bonn kam, hatte der Kanzler sich in respektloser Manier über den indischen Regierungschef mokiert. Im Juli vergangenen Jahres, als er den indischen Maharadscha von Patiala zu einer 40minütigen Audienz empfing, hatte Konrad Adenauer gefragt: "Sagen Sie, Hoheit, warum reist Herr Nehru eigentlich immer in allen möglichen Ländern herum? Er hat doch auch zu Hause noch so viel zu tun?"
Nun, da der Neutralismus, zu dessen Vorkämpfern Nehru zu rechnen ist, nicht mehr in so zweifelhaftem Ruf steht, war der Besuch des indischen Staatsmannes in Bonn willkommen.
Nehru und seine Begleiter, die auf wirtschaftliche Zusagen gehofft haben mochten, gelangten jedoch bald zu der enttäuschenden Erkenntnis, daß man keine handfesten Hilfsangebote parat hielt. Die Inder waren sich zwar sehr schnell mit den Spitzenvertretern der westdeutschen Wirtschaft einig - vor allem mit Krupp und Schacht -, mit denen sie auf einem Galaempfang zusammentrafen. Doch wurde ihnen immer wieder bedeutet, daß die deutsche Industrie ohne langfristige Kredite bundesamtlicher Instanzen die gewünschte Hilfe nicht gewähren könne. Diese finanziellen Zusagen aber blieben aus, so sehr auch die Inder bohrten. So blieb der Besuch wirtschaftlich ohne rechtes Ergebnis.
Politisch war von vornherein klar, daß der Koexistentialist Nehru nicht für die Bonner Konzeption zu gewinnen war. Dennoch versuchte Konrad Adenauer in etwas plumper Weise, seinen Gast politisch festzunageln. Noch während eines Empfanges am ersten Besuchsabend dankte er dem Inder vor geladenen Gästen dafür, daß "Sie Pankow nicht anerkannt haben".
Der indische Ministerpräsident zog sich aus dieser Schlinge und erteilte dem Programm des Kanzlers später Punkt für Punkt eine Abfuhr:
- Er akzeptierte nicht die These, daß Bonn die einzige legitimierte deutsche Regierung sei.
- Er lehnte das Ansinnen ab, auch für
die Zukunft die Nichtanerkennung der Sowjetzonenreglerung zu garantieren.
- Er widersprach der Auffassung, daß die deutsche Frage ein Prüfstein für die Ehrlichkeit der sowjetischen Entspannungspolitik sei.
Nehru empfahl etwas sehr allgemein, in diesen Fragen nach der "Pantscha Sila" zu verfahren, den "Fünf Grundprinzipien", die für internationale Beziehungen gelten und im übertragenen Sinne auch der Wiedervereinigung dienen könnten:
- Gegenseitige Achtung vor der Freiheit
des anderen Volkes.
- Territoriale Unabhängigkeit und Souveränität.
- Nichteinmischung in die gegenseitigen
inneren und äußeren Angelegenheiten.
- Keine Aggression.
- Friedliche Koexistenz.
Als Jawaharlal Nehru Bonn verließ, erwies es sich als schier unmöglich, die konträren Ansichten der beiden Seiten in ein gemeinsames Abschlußkommuniqué zu zwängen. Erst einen Tag später vermochte man sich auf die unverbindliche Formulierung zu einigen, der indische Ministerpräsident habe "sein Einverständnis und seine Sympathie für den Wunsch des deutschen Volkes nach friedlicher Herstellung seiner nationalen Einheit zum Ausdruck" gebracht.
Sobald der Gast das Land verlassen hatte, kam die einst gegenüber dem Maharadscha zur Schau getragene Geringschätzigkeit wieder zum Durchbruch. Höhnte die dem Kanzler nahestehende Wochenzeitschrift "Rheinischer Merkur": " ... Wie viele Räucherkerzen wurden vor dem Wunschbild des Erzvaters des Neutralismus abgebrannt, wie viele intellektuelle Yogaübungen zelebriert ... Jetzt haben sie die Bescherung ... Wie konnte man aber auch von Nehru ein Bekenntnis zu freien Wahlen in der deutschen Sowjetzone erwarten, wo er doch diese zu Hause den Bewohnern Kaschmirs vorenthält."
Staatsbesucher Nehru in Bonn: Kritik noch der Abreise

DER SPIEGEL 30/1956
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