25.07.1956

STAATSBESUCHEPeinliche Lücken

Am Montag vergangener Woche passierte Australiens Ministerpräsident Robert Gordon Menzies die salutierenden Ehrenposten am Portal des Palais Schaumburg, um Konrad Adenauer seine Aufwartung zu machen. Nach dem Mißklang beim Nehru-Besuch traf der Kanzler nun auf einen ausländischen Politiker, der - bedingt durch die besondere politische Situation im asiatisch-pazifischen Raum nach wie vor als ein Verfechter des militanten Auftretens gegenüber dem Kommunismus gilt. Schon nach der ersten Stunde des politischen Tete-à-tete verkündete Adenauer: "Es ist selten vorgekommen, daß während eines so kurzen Gesprächs Übereinstimmung in der Behandlung wichtiger Probleme und in der Deutung der Weltlage erzielt worden ist."
Freilich ist Australiens Premier Menzies eine politisch weit weniger zugkräftige Figur als Indiens Nehru. Über dieses Manko versuchte die Kanzlerumgebung mit allen Raffinessen der Publicity hinwegzutäuschen. Der Chef vom Dienst im Bundespresseamt trommelte am Besuchstag die Bonner Korrespondenten per Telephon zusammen, mit der Maßgabe, der Herr Bundeskanzler lege großen Wert darauf, daß schon bei der Auffahrt des australischen Gastes vor dem Palais Schaumburg möglichst viele Zeitungsleute herumständen. Als die Prominenz sich schließlich den auf einer hinteren Terrasse geduldig ausharrenden Journalisten stellte, tat man ob der Zahl der Pressevertreter baß erstaunt. Bundesaußenminister von Brentano deutete kopfschüttelnd auf die mühsam zusammentelephonierten Korrespondenten und murmelte zu Menzies: "Es ist immer dasselbe."
Als anderntags am Nachmittag die für den hohen Gast im Bundespresseamt angesetzte Pressekonferenz infolge mangelnder Beteiligung eine Blamage zu werden drohte, ließ Pressechef Felix von Eckardt über Sprechfunk Sekretärinnen und Referenten seines Hauses wissen, sie möchten schleunigst kommen und die peinlichen Lücken im Konferenzsaal füllen.
Dem australischen Regierungschef blieben diese Hintergründe verborgen. Am dritten Tag fuhr er gen Rothenburg ob der Tauber. Denn Menzies hatte seine Deutschlandreise und den Besuch in Rothenburg schon von sich aus geplant, lange bevor ihn die Bonner mit einer offiziellen Einladung bedachten.

DER SPIEGEL 30/1956
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