25.07.1956

MILLIARDEN-KREDITUnternehmen Wehrpflicht

Fast wäre es auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld wie bei einer volksdemokratischen Familienfeier zugegangen. Knapp hundert Leute - SED-Prominenz, Satelliten-Diplomaten, vier dickliche Volksarmee-Generale und einige auffallend elegant gekleidete Damen - starrten auf die kleine Sondermaschine mit dem Kennzeichen DM SBS, die Pankows Spitzenfunktionäre aus Moskau heimbrachte.
Als die Ost-Lufthansa-Gangway an die Luke geschoben wurde, präsentierte die Ehrenkompanie der "Nationalen Volksarmee" - in steingrauer Montur und Knobelbechern - mit weißen Handschuhen Karabiner sowjetischer Bauart. Die Heimkehrer aus Moskau winkten mit russischen Einheits-Buketts aus roten Nelken, roten Rosen und weißen Lilien. In leichtem Sächsisch meldete Volksarmee-Hauptmann Habicht seine Kompanie und die Lösung: "Unverbrüchliche Freundschaft mit der Sowjet-Union."
Die Hoboisten der Volksarmee schmetterten den preußischen Paradeaufstellungs-Marsch, den "Marsch des Yorckschen Korps von 1813", und DDR-Ministerpräsident Grotewohl schritt die Front ab. Er salutierte vor der schwarz-rot-goldenen Regimentsfahne und den Offizieren durch Heben der rechten Hand - vier Finger lang, Daumen abgespreizt - bis in halbe Brusthöhe.
Das äußere Bild des Empfangs trug unverkennbar Züge eines neuen nachstalinistischen Stils. Nur Ostberlins Oberbürgermeister Ebert war mit Ballonmütze erschienen. Grotewohl trug einen eleganten hellgrauen Einreiher mit dezent abgestimmtem blauem Hemd, Vize-Ministerpräsident Nuschke einen flotten Maß -Ulster und Parteisekretär Ulbricht einen Gabardine-Mantel mit wattierten Schultern und einen weißen Panama-Strohhut.
Es war Ulbricht, der mit einer etwas angestrengt wirkenden Floskel der jugendlichen Frau Nuschke, die auf dem Flugplatz ihren greisen Gatten erwartet hatte, den Schick ihres blau-grün-rot gemusterten Seidenkleides und ihrer Cocktailkappe bestätigte: "Sie hätte ich fast nicht erkannt." Die füllige Gattin des "DDR"-Außenministers Bolz wurde trotz eines nicht weniger hübschen rosa Shantungkleides wegen ihrer noch ziemlich nachlässig rotblond gefärbten Haare um eine Etage tiefer eingestuft. Frau Grotewohl, auch in Volkschina-Seide, hielt sich schlichter etwas abseits. Nur Justizminister Hilde Benjamin stand wie ein Aschenputtel mit scheuen Seitenblicken in der spärlichen Gruppe der Zaungäste.
Selbmann muckte auf
Pankow war es im Schatten des Bonner Wehrpflicht-Streites gelungen, diese Moskau-Reise heimlich vorzubereiten. Keiner der Nachrichtendienste in Westberlin hatte vorher Wind von dem östlichen Coup bekommen. Erst nachträglich kombinierten Kreml-Astrologen an dem Umstand herum, daß die Abberufung des Sowjet-Botschafters Sorin aus Bonn und die Staatsaktion der "DDR" in Moskau in wenigen Stunden aufeinander gefolgt waren.
Diese beiden Ereignisse standen in keinem direkten Zusammenhang, wiewohl die Vorgeschichten beider Begebenheiten politisch einander ähneln.
Der Kreml hatte im Herbst vorigen Jahres einen Vertreter für Bonn ausgesucht, dessen Qualifikation weit über der politischen Bedeutung Bonns lag. Walerian Sorin galt in Moskau vor seiner Bonner Mission als einer der gewiegtesten Fachdiplomaten. Ihm hatte es in seiner Funktion als stellvertretender Außenminister obgelegen, die Westdiplomaten zu betreuen, während sein Kollege Wladimir Semjonow, einst politischer Berater aller Militärgouverneure in Mitteldeutschland, das diplomatische Fußvolk der Volksdemokraten mit weicher Hand gängelte.
Als sich herausstellte, daß Kanzler Adenauer den Ärger über seine Moskauer Verhandlungs-Niederlage in eine politische Quarantäne für Sorin ummünzte, begann man im sowjetischen Außenamt, den West -Experten zu vermissen. Um den Spitzendiplomaten nicht hinter einem Cordon Sanitaire der Bonner Christdemokraten versauern zu lassen, entschloß man sich, ihn wieder in die Zentrale zurückzuholen und durch einen Mann von der Bedeutung des Bonner Moskau-Botschafters zu ersetzen.
Es traf sich gut, daß die längst fällige Rückberufung Sorins demonstrativ mit jener anderen Aktion der sowjetischen Deutschlandpolitik gekoppelt werden konnte: der Moskauer Staatsaktion mit Pankow. In diesem Fall lag die Initiative allerdings auf deutscher Seite. Ausgangspunkt war eine Geheimsitzung des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe", der obersten Planungsbehörde der integrierten Ost-Wirtschaft, die Mitte Mai in Ostberlin stattfand (SPIEGEL 23/1956).
Damals war der Wunsch der Sowjetzone, ihre Schaufenster gegenüber dem bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder reichlicher auszustatten, am Widerspruch Polens gescheitert. Die Abfuhr brachte Pankow auf einen neuen Gedanken.
Nach dem Rezept "Eigene nationale Wege des Sozialismus" beschloß man, die internationale Debatte um die westdeutsche Wehrpflicht durch einen Winkelzug zu eigenem Nutzen auszuschlachten. In internen Beratungen wurde die Devise ausgeheckt: Der Osten muß diesmal radikal anders als der Westen handeln. Wenn Bonn durch 500 000 Soldaten wirtschaftlich geschwächt werde, dann müsse die "DDR" zur selben Zeit wirtschaftlich so gestärkt werden, daß sie den westdeutschen Vorsprung ungefähr aufholen kann.
Der Kreml fand diesen eigenständigen Vorschlag aus Pankow nützlich. Im Juni begannen Geheimverhandlungen, die Anfang der letzten Woche mit einem - nicht mehr geheimen - 2000-Mann-Empfang in Moskau abgeschlossen wurden. Der erste Versuch der SED, von der titoistischen Formel besonderer nationaler Notwendigkeiten Gebrauch zu machen und spezielle mitteldeutsche Anliegen direkt bei den obersten Kreml-Instanzen vorzubringen, hatte mit einem Erfolg geendet.
Einen entscheidenden Beitrag zu diesem Erfolg lieferte der Altkommunist Selbmann, 56, Vorsitzender des Vorstandes der sowjetisch-deutschen "Wismuth AG", Vorsitzender der Regierungskommission für Industrie und Verkehr und stellvertretender Ministerpräsident der Sowjetzone.
In der Moskauer Sitzung unternahm Selbmann einen kühnen Vorstoß auf seinem Spezialgebiet, das seit 1945 die mitteldeutschen Gemüter und die Propagandisten des Kalten Krieges gleichermaßen erhitzt: Die deutschen Uranfelder im Erzgebirge und im Thüringer Wald waren von der Roten Armee als Kriegsbeute beschlagnahmt und als Regiebetrieb bewirtschaftet worden, bis sie vor drei Jahren einer gemischt sowjetisch-deutschen Gesellschaft anvertraut wurden, in der die Sowjets jedoch bislang das letzte Wort sprachen.
Selbmann appellierte deshalb an die Kreml-Größen: "Genossen, ihr könnt nicht gegen den Kolonialismus predigen und bei uns Kolonialmethoden beibehalten." Diese von SED-Funktionären bis dahin nicht vernommene Sprache wirkte. Die Sowjets fanden sich bereit, in Zukunft jede aus der Zone bezogene Tonne Uran zu Weltmarktpreisen zu bezahlen.
Eine andere Konzession betrifft den Warenaustausch zwischen Moskau und Pankow. Als der Warenaustausch nach dem Kriege begann, hatte die Zonenwirtschaft vornehmlich hochveredelte Produkte - wie optische Geräte, Werkzeugmaschinen oder Elektroausrüstungen - zu liefern, bei denen der Rohstoffanteil relativ gering war. In den letzten Jahren hatte sich dieses Verhältnis zu Lasten der ohnehin äußerst knappen Rohstoffdecke der Sowjetzone verschlechtert.
Der Schwerpunkt der sowjetischen Bezüge verlagerte sich auf Schiffsbauten, Fabrikausrüstungen und Schwermaschinen, die hohe Aufwände an Energie und Erz erforderten und so dazu beitrugen, daß der Wiederaufbau Mitteldeutschlands auf dem westdeutschen Niveau des Jahres 1950 hängenblieb. Fabriken des in "Pläne" eingespannten Schwermaschinenbaus mußten pausieren, weil die Rohstofflieferungen aus dem Osten nur zögernd eintrafen, wodurch erhebliche Verluste entstanden.
Diese Mißstände will Pankow mit einem neuen Rahmen-Abkommen, dessen Einzelheiten noch festgelegt werden müssen, in absehbarer Zeit ändern. Langfristige Sowjet-Kredite sollen zusätzliche Lieferungen von Getreide, Kohle, Koks und Erzen aus der Sowjet-Union möglich machen. Für selbständige "DDR"-Einkäufe an Genuß- und Konsumwaren im westlichen Ausland will die Sowjet-Union bestimmte mitteldeutsche Waren bar in Dollar bezahlen. "Um 100 Prozent höher als bisher" bezifferte ein Pankower Minister die neuen Moskauer Rohstoff-Zusagen.
In Ostberlin gibt man sich siegessicher. Als Gesamtsumme der zusätzlichen sowjetischen Leistungen während des 1956 angelaufenen zweiten Fünfjahresplanes, mit dem Pankow die Bundesrepublik einholen will, werden siebeneinhalb Milliarden Mark genannt.
Als weitere Ursache ihrer Hoffnungen nannten Pankower Repräsentanten zwei Moskauer Nebenresultate: Außenminister Schepilow habe sich unter der Hand nachdrücklich nach der "Republikflucht" erkundigt, die von der SED lange Zeit vertuscht worden war. Schepilow fragte nach den Ursachen, die schnellstens behoben werden sollen.
Grotewohl konnte ferner einen juristischen Erfolg in Sachen Wiedervereinigung buchen. Die "Prawda" hatte einen Begrüßungs-Leitartikel für die "DDR"-Delegation veröffentlicht, in dem es hieß: "Die Wiedervereinigung Deutschlands kann nur durch eine Annäherung zwischen der DDR und der deutschen Bundesrepublik erreicht werden." Grotewohl fragte in der Geheimsitzung, ob die Sowjets sich denn der gemeinsam übernommenen Verantwortung der vier Besatzungsmächte für die Wiedervereinigung entziehen wollten. Das könne er sich kaum denken.
Bulganin akzeptierte dieses Argument, bestätigte eine Verantwortung der Sowjet -Union für die deutsche Einheit im Rahmen der alliierten Erklärungen und trug schließlich dafür Sorge, daß keine den "Prawda"-Sätzen entsprechende Formulierung in die gemeinsame Schlußerklärung aufgenommen wurde.
"Jetzt haben wir auch eine Marshall -Hilfe, wenn auch spät, aber immerhin - und wir kriegen von den Russen wieder einiges zurück", war die Pankower Bilanz des "Unternehmens Wehrpflicht",
Moskau-Rückkehrer Grotewohl: Parole "Freundschaft mit der Sowjet-Union"
"DDR"-Industrieplaner Selbmann
Eigene nationale Wege
"DDR"-Wehrminister Stoph, Parteisekretär Ulbricht: Pankow hat auch einen Marshallplan

DER SPIEGEL 30/1956
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