25.07.1956

MAROKKANERMord am Breisacher Friedhof

Welche speziellen Schwierigkeiten es macht, die Disziplin bei jenen französischen Truppenteilen in Deutschland aufrechtzuerhalten, in denen Marokkaner dienen, hat jüngst die Bevölkerung der badischen Stadt Breisach erlebt. Es war nicht zuletzt Sorge um die Disziplin, die bisher verhinderte, daß ein Mord aufgeklärt wird, dem ein Deutscher zum Opfer fiel.
Am 3. Juni, einem Sonntag, hatten spielende Kinder auf einer Wiese in der Nähe des Friedhofs von Breisach den 26jährigen Bauarbeiter August Giller tot aufgefunden, mit Würgmalen und zahlreichen Verletzungen am ganzen Körper. Der Tote war nur mit einem Unterhemd, einer kurzen Hose und einem Paar Socken bekleidet. Nicht weit von dem toten Giller lag ein dolchartiges Messer.
Die Ermittlungen der deutschen Polizei ergaben bald, daß der Bauarbeiter nicht gut beleumdet war: Er hatte sich sehr viel mit den Marokkanern umhergetrieben, die seit April dieses Jahres in Breisach stationiert sind.
Schon am Montag, dem Tag nach dem Mord, beantragte die deutsche Polizei bei den Franzosen ein Verhör der Marokkaner. Der Antrag wurde genehmigt, und gemeinsam mit französischen Kollegen durften deutsche Polizisten die braunen Soldaten ausfragen. Indes, diese ersten Untersuchungen blieben ergebnislos. Daraufhin offerierte die Freiburger Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 500 Mark für zweckdienliche Aussagen. Sogleich meldete sich nun eine Anzahl Breisacher Bürger - darunter auch einige Frauen -, die den ermordeten Giller in seiner letzten Nacht noch in Begleitung von Marokkanern gesehen haben wollten.
Der Freiburger Polizeikommissar Guth beantragte nun bei den französischen Militärbehörden, man möge ihm eine Gegenüberstellung seiner Zeugen mit den Breisacher Marokkanern ermöglichen.
Nach einigem Hin und Her genehmigten die französischen Behörden eine Gegenüberstellung, und am Donnerstag nach dem Mordsonntag zog Kommissar Guth mit seinen Zeugen zur Breisacher Marokkaner -Kaserne. Als die Marokkaner zum Essenempfang anmarschiert kamen, stellte Guth seine Zeugen hinter einem Fenster auf. Als die hungrigen Marokkaner aber an den Breisachern vorbeidefilieren sollten, gerieten sie außer Rand und Band. Offenbar von einem der Ihren aufgestachelt, gestikulierten sie vor den Breisacher Zeugen mit Händen und Füßen. Besonders deutlich wiederholten sie immer wieder die Geste des Halsabschneidens, als sie an Kommissar Guth und seinen Leuten vorbeizogen.
Die Zeugen ließen sich durch dieses Gebärdenspiel derart einschüchtern, daß sie zu Aussagen nicht mehr bereit waren. Trotzdem waren Kommissar Guth und der Oberstaatsanwalt Freiherr von Schowingen bis dahin schon zu einem Ergebnis gekommen: Nach der Prüfung aller Verdachtsmomente sei der Mörder "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" in der marokkanischen Garnison zu suchen.
So war der Stand der Dinge am Freitag nach dem Mord, und deshalb wurden die Ermittlungsergebnisse dem französischen Major Honta übergeben, der nun die Untersuchungen weiterführen sollte.
Dem Major Honta wurde von den Deutschen noch mitgeteilt, daß man schon einen bestimmten Verdacht hege: Ein namentlich bekannter Marokkaner sei am meisten tatverdächtig.
Seit Major Honta den Fall übernahm, seit mehr als einem Monat also, ist die Suche nach dem Mörder des August Giller ins Stocken geraten. Die deutsche Polizei ist überzeugt von der Täterschaft des von ihr ermittelten Soldaten. Aber sie glaubt, daß der Major Honta und die französische Militärjustiz aus ganz bestimmten Gründen in diesem Fall nicht weiterkommen.
Die Breisacher Marokkaner-Garnison besteht nur aus Altgedienten, über die selbst die weißen Offiziere keine rechte Gewalt mehr haben. Angesichts der unruhigen Lage in Marokko genügt ein zündender Funke - wie etwa die Verhaftung eines ihrer Kameraden -, um jeden Rest von Disziplin zu zerstören, wenn nicht gar eine offene Revolte hervorzurufen. Die meisten Marokkaner sind Unteroffiziere oder Feldwebel - kaum ein einfacher Soldat ist unter ihnen - und scheren sich schon heute wenig um Zapfenstreich oder Alkoholverbot.
Der französische Untersuchungsrichter Major Honta bietet der deutschen Staatsanwaltschaft von Zeit zu Zeit neue Hinweise, mit denen sich die Deutschen beschäftigen sollen, damit sie wegen der Erfolglosigkeit der französischen Tätersuche nicht ungeduldig werden. Zuerst wurde behauptet, das neben dem Toten gefundene Messer sei ein HJ-Fahrtenmesser und deute deshalb auf einen deutschen Täter. Nun können sich Kommissar Guth und Oberstaatsanwalt von Schowingen noch sehr genau erinnern, wie HJ-Messer ausgesehen haben und daß man bei dem aufgefundenen Dolch nicht einmal von einer Ähnlichkeit mit einem solchen Fahrtenmesser sprechen kann. Dann wieder nannte Untersuchungsrichter Honta andere Tatverdächtige, und schließlich drehte er den Spieß um: Schuld an der Ergebnislosigkeit der Ermittlungen sei eigentlich der Kommissar Guth selbst.
Guth hätte, so sagt Honta, die Marokkaner bei der Gegenüberstellung auf keinen Fall an den Deutschen vorbeidefiliern lassen dürfen. Die ganze Geschichte wäre sicher anders ausgegangen, wenn statt dessen die deutschen Zeugen an der marokkanischen Einheit, die im "Stillgestanden" hätte verharren müssen, vorbeimarschiert wären. Dann, so sagt Honta, hätten die Marokkaner die Zeugen nicht durch ihr Gebärdenspiel verängstigen können.
Breisacher Mordmesser: Gebärden des Halsabschneidens

DER SPIEGEL 30/1956
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