25.07.1956

SCHLÄGERAuch in Zivil im Dienst

Es war am Himmelfahrtstag des letzten Jahres. Der Polizeimeister Wilhelm Iffland aus Köln nutzte den dienstfreien Tag, um mit Frau und Sohn eine Spritztour rheinaufwärts zu unternehmen. Meister Iffland trug Zivil - ein bequemer Umstand, der ihn dazu verleitet haben mag, ein polizeiwidriges Verkehrsmanöver zu wagen: Auf der Köln-Straße in Bonn setzte er mit seinem roten Vorkriegs-DKW zum Überholen eines Tempo-Lieferwagens an, obschon Verbotsschilder dies als unziemlich anzeigten.
Meister Ifflands beamtenfremder Übermut führte alsbald zu einer ebenso jähen wie folgenreichen Unterbrechung der feiertäglichen Familientour. Denn der Fahrer des Tempo-Wagens, der Bonner Gemüsehändler Richard Schwanefeldt, zeigte sich durchaus nicht geneigt, die Mißachtung der Straßenverkehrsordnung zu dulden. Er hatte gerade im Krankenhaus die Folgen eines Verkehrsunfalls auskuriert und fühlte sich deshalb vorzugsweise berufen, dem Überholverbot auf der Bonner Köln-Straße Respekt zu verschaffen. Unterstützt wurde er dabei von seinem Mitfahrer, dem Josef Meuser, der - ehe er zum Bezirksleiter einer Versicherung avancierte - gleich dem Meister Iffland Polizeibeamter gewesen war. Gemüsehändler Schwanefeldt schaltete den Winker wechselweise links und rechts heraus und fuhr in Schlangenlinie vor dem vorwitzigen Polizisten Iffland daher, keineswegs gesonnen, den Iffland -DKW passieren zu lassen.
Polizeimeister Iffland resignierte bald, zumal aus einer Nebenstraße ein Borgward in die Köln-Straße einbog, der sich zwischen den Tempo-Wagen und Ifflands DKW setzte und seinerseits Anstalten traf, den Lieferwagen des Schwanefeldt zu überholen.
Gemüsehändler Schwanefeldt jedoch drängte den Borgward an die linke Straßenseite und stieg aus, um dem Borgward-Fahrer eine gehörige Standpauke zu halten.
Das war für den Polizeimeister Iffland, der bei dem Zickzackfahrer Schwanefeldt fälschlicherweise eine Vatertags-Alkoholfahne vermutete, ein willkommener Anlaß, sich vor seiner Familie sozusagen amtlich in Positur zu setzen. Ifflands, Vater und Sohn, stürzten aus ihrem DKW, der Junior, um weisungsgemäß die Nummer des Lieferwagens zu notieren, der Senior, um sich den Streitenden selbstbewußt zu präsentieren: "Ich bin Polizist und habe alles gesehen!"
Wer schlug zuerst zu?
Aus dem Wortwechsel zwischen der Polizistenfamilie einerseits und dem Tempo -Fahrern Schwanefeldt und Meuser andererseits entwickelte sich prompt eine handfeste Keilerei. Als eine Viertelstunde später das Überfallkommando sirenenheulend ankam, lag Tempo-Beifahrer Meuser krankenhausreif auf der Straße, während Vater Iffland aus einer Wunde am Auge blutete; die Nase des Gemüsehändlers Schwanefeldt war rot geschwollen, Sohn Iffland war nur etwas außer Atem.
Welche der beiden Parteien nun zuerst beleidigt und welche zuerst geschlagen hatte - darüber gehen die Meinungen heute noch auseinander. Tempo-Beifahrer Meuser und Polizeimeister Iffland erstatteten gegeneinander Strafanzeige. Ex-Polizist Meuser, der wegen einer Gehirnerschütterung drei Wochen im Krankenhaus liegen und anschließend einen Erholungsurlaub antreten mußte, präsentierte eine Schadenersatzforderung von 3580 Mark, während umgekehrt der Kölner Polizeipräsident als fürsorglicher Dienstherr für seinen Untergebenen Iffland 14,75 Mark an Reinigungskosten "betreffend Ifflands Kleidung" zu kassieren gedachte.
Der Polizeipräsident schrieb: "Der (Kölner) Polizeibeamte Iffland war ... zum Einschreiten (in Bonn) - auch in Zivilkleidung - verpflichtet."
Das Bonner Schöffengericht schloß sich der Meinung des Polizeipräsidenten freilich nicht an. Die Schöffen verurteilten den Polizeimeister Iffland, "der eine rohe Gesinnung schwerer Art offenbart" habe, wegen schwerer Körperverletzung "im Amt" zu einem Monat Gefängnis ohne Bewährung. Das Berufungsgericht, das am Donnerstag vorletzter Woche tagte, hob das Urteil auf und bestrafte Iffland wegen fahrlässiger Körperverletzung - nicht im Amt - mit einem Monat Gefängnis. Es gewährte ihm Bewährung; außerdem muß Iffland eine 300-Mark-Buße an das Deutsche Rote Kreuz zahlen.
Das Berufungsgericht billigte dem Meister Iffland immerhin Notwehr zu, aber nicht für den letzten Akt der Schlägerei. Polizist Iffland hatte dem Tempo-Beifahrer Meuser auch dann noch ins Gesicht geboxt, als Meuser bereits kampfunfähig auf der Straße lag und von Sohn Iffland niedergehalten wurde.
Boxer Iffland, der bewies, daß ein Polizist auch in Zivil nicht außer Dienst ist, avancierte in der Zwischenzeit zum Polizeiobermeister.

DER SPIEGEL 30/1956
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