25.07.1956

ARBEITSMARKT / FLIESENLEGERStreit um den kleinen Otto

Fliesenlegermeister Artur Jahns Gesellen
Rudolf Mundorf und Karl Winzösch gingen auf den Baustellen Nombericher Schule und Wohnungsneubau Stolze zu Duisburg-Meiderich ihrem Gewerbe nach, als in ihrer Nähe ein Volkswagen stoppte. Dem Automobil entstiegen zwei Männer, von denen sich einer als der Gewerkschaftler Richter vorstellte. Richter spendierte Zigaretten, und nach einem kleinen Plausch rückte er mit dem Vorschlag heraus, Mundorf und Winzösch sollten doch der Fachgruppe Fliesenleger der Industriegewerkschaft Bau - Steine - Erden beitreten. Das gereiche ihnen zum Vorteil.
Sie könnten dann allerdings nicht mehr beim Meister Jahn arbeiten. Aber bei der großen Nachfrage nach Gesellen ihres Handwerks sei es eine Kleinigkeit, sie in einer anderen Firma unterzubringen. Mundorf und Winzösch lehnten das Anerbieten dankend ab. Die Volkswagenfahrer verließen daraufhin die Baustelle.
Die Aktivität der Gewerkschaftler, die auf diesem ungewöhnlichen Wege versuchten, dem Artur Jahn seine Gesellen abspenstig zu machen, konnte den Meister nicht mehr erschüttern. Seit er den Knaben Wilfried Otto, 14, als Fliesenlegerlehrling eingestellt hat, ist er an derartigen Ärger mit Gewerkschaftsinstanzen gewöhnt.
Meister Jahns Ärger entspringt dem Umstand, daß sich die Gesellen der außerordentlich straff organisierten Fachgruppe der Fliesenleger seit langem das Recht ausbedungen haben, bei der Einstellung von Lehrlingen ein Wort mitzureden. Das erklärt der Gewerkschaftssekretär Peter Kühlborn
so: "Der Geselle ist es, der laut Akkordtarifvertrag für jede Akkordstunde, an der ein Lehrling teilnimmt, diesem ein Zweihundertstel der Ausbildungsbeihilfe zahlt. Wenn dem so ist, dann ergibt sich daraus auch, daß der Geselle in gewissem Sinne teilhaben muß an der Art der Ausbildung." Mit anderen Worten: Die Gesellen wollen mitbestimmen, welche und wie viele Lehrlinge der Unternehmer einstellt.
Der Lohn der Fliesenleger ist selbst für bundesrepublikanische Verhältnisse außerordentlich gut. Schon ein gerade ausgelernter Fliesenleger verdient nach den Angaben Meister Jahns nahezu 800 Mark im Monat. Für einen achtzehnjährigen Jung-Gesellen nennt Jahn einen Monatslohn von über 1100 Mark und für einen Gesellen über 1300 Mark. Diese Angaben bestätigt der Geschäftsführer der Baugewerks-Innung, Johannes Scholten: "Die Herrschaften verdienen im Schnitt über 1000 Mark. Was sie tun, um in ihrem Beruf die Arbeitnehmerschaft zahlenmäßig kleinzuhalten, ist gewissermaßen Vetternwirtschaft."
Seit dem Krach um den Lehrling Wilfried Otto wollen sich die Fliesenlegermeister in Duisburg nun nicht mehr von den Gesellen bei der Lehrlingseinstellung Vorschriften machen lassen.
Wilfried, Sohn einer 51jährigen Flüchtlingswitwe, die sich als Putzfrau durchs Leben schlägt, hatte am 3. April als Lehrling bei der Fliesenleger-Firma Christian Schilling & Söhne in Duisburg-Hochfeld, Heerstraße 127, angefangen, ohne daß die gewerkschaftlich organisierten Fliesenleger oder die Gewerkschaft vorher von der Firma gefragt worden waren. Chef Fritz Schilling kannte den kleinen Wilfried als Schulkameraden seines Sohnes. Er hatte Verständnis für die Bitten seiner Mutter, deren Mann auf der Flucht vor den Russen gestorben ist.
Aber Meister Schillings Fürsorge nutzte dem Wilfried Otto nicht viel. Seine drei Gesellen waren mit Wilfrieds Einstellung als Lehrling nicht einverstanden und drohten mit Kündigung. Einer von ihnen, der seit 27 Jahren in Schillings Diensten stehende Altgeselle, beichtete seinem Chef, er könne "das Gerede der Fachgruppe" nicht mehr ertragen, und er müsse kündigen, wann Wilfried als Lehrling im Betrieb bleibe.
Meister Schilling wußte sich in dieser Lage nicht zu helfen und rief schließlich angesichts der drohenden Kündigungen beim Meisterkollegen Artur Jahn an, der Lehrlingswart der Baugewerks-Innung ist. Schilling klagte sein Leid. Jahn antwortete ihm: "Gut, der Junge fängt bei mir an!"
Am 7. Mai trat Lehrling Wilfried Otto von Meister Schilling zu Meister Jahn über, um seine Lehre fortzusetzen. Aber nun wollten auch Jahns drei Fliesenleger nicht mehr. Sie stellten ihn vor die Wahl: Entweder der Wilfried oder wir. Jahn entschied sich für Wilfried. Daraufhin kündigten die drei Gesellen Josef Scholzen, Werner Folgmann und Herbert Schmitz ihrem Chef.
Die Gewerkschaft bedauert
Meister Jahn war entschlossen, den Wilfried nicht gehen zu lassen. Er sagte: "Ich bleibe dabei, ich halte es auch so aus." Eine Woche lang stand er ohne Gesellen da. Dann hatte er wieder vier zusammen, allerdings gewerkschaftlich nicht organisierte Leute, unter ihnen die Gesellen Mundorf und Windösch, die dem Gewerkschaftler Richter die kalte Schulter gezeigt hatten.
Nichtorganisierte sind allerdings selten zu finden; daß sich bei der Rückendeckung durch die Gewerkschaft 115 von - nach Gewerkschaftler Kühlborns Rechnung - etwa 140 Duisburger Fliesenlegern der Fachgruppe in Duisburg-Hamborn angeschlossen haben, ist verständlich. Denn die Gewerkschaft sorgt dafür - wie der Fall Wilfried Otto zeigt -, daß ihr Gewerbe nicht überlaufen wird, so daß die Lohnhöhe der Dringlichkeit der Nachfrage entspricht.
Zwischen der Gewerkschaft, die das Verhalten ihrer Mitglieder in den Fällen Jahn und Schilling unterstützte, und der Baugewerks-Innung herrscht seither Kriegszustand. Gewerkschaftssekretär Kühlborn erinnert sich noch gern besserer Zeiten: "Wir hatten doch immer gut zusammengearbeitet." Die Anträge der stellensuchenden Lehrlinge seien von den Meistern vor der Entscheidung immer der Fachgruppe der Gewerkschaft vorgelegt worden, und stets seien etwa zwei Drittel der Vorschläge der Meister von der Fachgruppe akzeptiert worden.
Mit diesen Zeiten wird es nun wohl vorbei sein. Die streitbare Baugewerks -Innung hat Strafanzeige gegen die drei Gesellen Scholzen, Folgmann und Schmitz erstattet, die bei Meister Jahn wegen seiner Weigerung, den Lehrling Otto zu entlassen, gekündigt hatten.
Die Baugewerks-Innung sieht in diesem Vorgehen den Straftatbestand der Nötigung im Sinne des Paragraphen 240 des Strafgesetzbuches. Außerdem sei es ein Verstoß gegen Artikel 12 des Grundgesetzes, der allen Deutschen das Recht zugesteht, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.
Zur Zeit wartet die Baugewerks-Innung noch darauf, was der Oberstaatsanwalt beim Landgericht in Duisburg auf diese Strafanzeige hin wohl unternehmen wird.
Lehrjunge Otto
Die Gesellen versuchen ...
Lehrmeister Jahn
... den Berufsstand klein zu holten

DER SPIEGEL 30/1956
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