25.07.1956

DAS URTEIL IM MÜLLER-PROZESS

Der Angeklagte ist mit dem Tode seiner Frau in Verbindung zu bringen. Er ist schuld an ihrem Tode, aber Mord, von langer Hand geplant, scheidet aus. Was hat sich abgespielt in diesen 25 bis 30 Minuten, von denen wir nicht wissen, was dort geschah? Eine Viertelstunde vorher wurde der Angeklagte mit seiner Frau - lebend - vor den Leithöfen gesehen, im Abfahren, und eine Viertelstunde später hatte er die Begegnung mit dem Zeugen Martin - eine kurze Spanne Zeit. Aber reicht diese Spanne Zeit nicht aus, um eine derartige strafbare Handlung gegen das Leben zu begehen und außerdem noch einen Brand zu legen? Das Gericht sagt: ja...
Das Gericht kann im einzelnen nicht mit solcher Genauigkeit feststellen, was sich In diesen 20 bis 30 Minuten abgespielt hat. Ich kann aber wohl feststellen, daß diese 25 Minuten ausgereicht haben, daß zwischen den Eheleuten ein Streit entstand - daß dieser Streit vielleicht um das Verhältnis entstand, das der Angeklagte mit seiner ehemaligen Sprechstundenhilfe lange Zeit gehabt hat. Es mag sein, daß im Verlauf des Streites die Ehefrau dem Angeklagten den Ring, den Schmuckring, den sie von ihm zum Weihnachtsfest des Jahres 1953 als Geschenk erhalten hat, vor die Füße geworfen hat, in einem ausbrechenden Streit um das scheinheilige Verhalten bei der ihr versprochenen Auflösung des Verhältnisses mit seiner ehemaligen Sprechstundenhilfe, mit der er aber weiter korrespondierte.
Es mag sein, daß die Ehefrau den Ring auf die Straße hinausgeworfen hat, es mag auch sein, daß der Angeklagte den Ring mit hinausgetragen hat. Sicher ist, daß dieser Ring eine Rolle gespielt haben muß; denn es steht fest: Der Angeklagte hat gewußt, daß sich der Ring nicht mehr an der Leiche, am toten Körper seiner Frau, befand. Sonst hätte er nachher nicht die Geschichte von dem Ring erzählen können. Er wußte, daß der Ring seiner Frau in Irgendeiner Weise abhanden gekommen war. Aber auch das mag dahingestellt bleiben.
Es ist sicher, daß der Angeklagte In diesen 25 bis 30 Minuten, während eines ausgebrochenen Streites, seiner Frau derartig zusetzte; und dann bleibt immer noch genügend Zeit, um Manipulationen vorzunehmen, die aber nicht so geschickt angelegt wurden, daß sie den Angeklagten nicht in diese Lage gebracht hätten.
Nun, wir wissen nicht, ob der Angeklagte eine vorsätzliche Tötung seiner Frau begangen hat, ob er bei diesem Streit von vornherein mit dem Willen gehandelt hat, die Frau umzubringen. Es mag sein. Es würde sich dann seine Tat als ein Totschlag darstellen können, der durch die spätere Verbrennung der noch lebenden Frau - und sie hat ja noch gelebt - in den endgültigen Erfolg umgesetzt worden wäre. Aber auch hier bleiben soviel Zweifel, daß das Gericht geglaubt hat, eine vorsätzliche Tötung ohne Mordabsichten, oder auch eine vorsätzliche Tötung, die etwa grausam geschehen sein könnte, nicht annehmen zu sollen.
Das Gericht ist davon ausgegangen: Die Frau war schwer bewußtlos. Und das ist nicht grausam im Sinne des Mordparagraphen ... Nicht jede Tötung ist gleich ein Mord; denn nur das, was grausam ist bei der Tötung eines Menschen, ist gleichzeitig Mord. Vielleicht wußte der Angeklagte nicht einmal, daß seine Frau noch lebte. Aus diesem Grunde scheidet Mord wiederum aus, der denkbar wäre, wenn er die Verbrennung an der noch lebenden Frau begangen hätte, und eine vorhergegangene Straftat - nämlich eine lebensgefährliche Körperverletzung, eine gefährliche Körperverletzung, eine das Leben gefährdende Handlung - begangen haben sollte. Und das wissen wir nicht mit der Gewißheit, die das Gericht haben sollte, um zu einem gerechten Urteil zu kommen.
Aber er muß eine Körperverletzung seiner Ehefrau in solch schwerwiegender Art, daß sie als Körperverletzung ihr Leben gefährdete, begangen haben, die sich damit als eine sogenannte gefährliche Körperverletzung im Sinne des Paragraphen 223a des Strafgesetzbuches darstellt. Es hat nach Überzeugung des Gerichtes der Angeklagte - das Mindeste können wir ihm nur zur Last legen - eine fahrlässige Tötung begangen, weil er seine Frau lebend verbrannt hat, ohne - wir können es nicht nachweisen - dieses Leben zu erkennen.
Aber davon ist das Gericht fest überzeugt: Der Angeklagte hätte bei der geringsten Sorgfalt - und beim Verbrennen eines menschlichen Körpers kann, glaube ich, keine Sorgfalt groß genug sein - erkennen müssen, daß seine Frau noch nicht tot war, daß sie noch atmete und daß sie deshalb noch lebte.
Das ist das, was das Gericht feststellen kann, als einen Sachverhalt, der sich mindestens ereignet haben muß. ... (Der Angeklagte) war deshalb zu verurteilen wegen zweier Vergehen in Tatmehrheit: der gefährlichen Körperverletzung, und eines weiteren Vergehens, der fahrlässigen Tötung.

DER SPIEGEL 30/1956
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