25.07.1956

NUMMERNSCHILDERSchwiegermutters Monopol

Wie schnell manche Privilegien im Zeitalter der modernen technischen Entwicklung plötzlich ihren Inhabern entgleiten können und eines Tages nicht mehr wert sind als ein altes ausrangiertes Nummernschild, das erfuhr in diesen Wochen die Schilderhändlerin Karoline Kaiser, 64, in Stuttgart. Sie konnte sich vier Jahre lang glücklich preisen - noch vor wenigen Wochen besaß sie in Stuttgart eine Art Verkaufsmonopol für Autoschilder.
Im allgemeinen gehört der Handel mit Kennzeichenschildern zum Geschäftsbereich der Kraftfahrzeugzubehör-, Stempel- und Schilderbranche. In manchen Städten ist der Kennzeichen-Verkauf so geregelt, daß jedes Fachgeschäft einen Monat lang den gesamten Schildervertrieb für neu zugelassene Kraftfahrzeuge übernimmt. In Stuttgart war dagegen eine recht merkwürdige Verkaufspraxis üblich.
Der Leiter der Zulassungsstelle, Stadtinspektor Wendelin Weinmann, 48, sorgte 1952 dafür, daß die Witwe Karoline Kaiser in der Halle der Zulassungsstelle Kraftfahrzeugschilder feilbieten durfte. Die Witwe Kaiser baute ihren Verkaufstisch in der Nähe des Abfertigungsschalters auf. Sobald eine neue Nummer aufgerufen wurde, pries die Witwe dem Kunden der Zulassungsstelle ein bereits fertig vorliegendes Schilderpaar mit der betreffenden Nummer an.
Da sie die Zahlengruppen, die vergeben werden sollten, vorher kannte, bestellte die Händlerin stets rechtzeitig die Kennzeichen bei einer Schilderfabrik. Das war für sie kein Risiko, denn fast ausnahmslos bedienten sich die Besitzer der neu zugelassenen Wagen der günstigen Kaufgelegenheit.
So mußte der Eindruck entstehen, daß die Aushändigung des Zulassungsscheines durch die Beamten des Wendelin Weinmann und der Schilderverkauf in der Schalterhalle ein zusammenhängender amtlicher Vorgang sei, worüber sich 1954 einige Stuttgarter Geschäftsleute beim Regierungspräsidenten und bei der Polizeidirektion beschwerten. Die günstige Placierung der Witwe Kaiser in der Schalterhalle, so argumentierten sie, sei nur damit zu erklären, daß die Witwe Kaiser "die Schwiegermutter von Inspektor Weinmann ist".
Um die Stuttgarter Schilderhändler -Branche zu beruhigen, verfügte die Polizeidirektion, daß Weinmanns Schwiegermutter künftig das Schildergeschäft nicht im Schalterraum, sondern vor der Tür betreiben solle. Sie zog mit ihrem Verkaufstisch ins Treppenhaus, und das Geschäft blühte weiter. Witwe Kaiser kaufte die Schilder für etwa drei Mark je Paar ein und verkaufte sie von März 1952 bis vor wenigen Tagen ohne jedes Risiko für sieben Mark weiter. Während dieser Zeit wurden in Stuttgart über 35 000 Kraftfahrzeuge zugelassen - nicht gezählt die Neuzulassungen gebrauchter Fahrzeuge.
Freilich hatten auch andere Interessenten theoretisch die Möglichkeit, Autoschilder zu verkaufen. Praktisch kamen sie aber kaum dazu, weil jeder Kunde der Zulassungsstelle auch weiterhin an dem Verkaufstisch der Witwe Kaiser vorbei mußte. Sie war ihres hundertprozentigen Erfolges so sicher, daß sie nicht nur die Kennzeichen im voraus bestellte, sondern schon vor dem Verkauf für jedes Schild eine Quittung ausfüllte.
Das Privileg der Witwe Kaiser geriet jedoch in Gefahr, als die chemische Industrie auf der Suche nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für Polyäthylen-Kunststoffe auf Kraftfahrzeug-Kennzeichen verfiel. Der Werkstoff "Astralon" der Dynamit -AG, vormals Alfred Nobel & Co. in Troisdorf, erwies sich für diesen Zweck als besonders geeignet. Die aus fast unzerstörbarem Material angefertigten Schilder sind rostfrei, schlag- und wetterfest und sie klappern nicht, wenn sich die Befestigungsschrauben einmal lockern. Eine Recklinghauser Firma entwickelte dazu eine Apparatur, die in wenigen Minuten aus den Troisdorfer Kunststoff-Folien Schilder stanzt und die Kennzeichen einprägt.
Der Inhaber einer Stuttgarter Stempelfirma, Walter Bofinger, schaffte sich eine solche Apparatur an, nachdem Bundesverkehrsminister Seebohm angeordnet hatte, daß die heute noch geltenden Kennzeichen gegen neue Schilder mit anderem Nummern- und Buchstabensystem auszuwechseln seien.
Schilderfabrikant Bofinger schlug der Schwiegermutter des Zulassungsinspektors Weinmann vor, das Geschäft im Hausflur der Zulassungsstelle mit ihm zu teilen. Aber die Witwe lehnte ab. Das war sehr unklug, denn bald darauf gelang es Bofinger, unmittelbar neben der Zulassungsstelle einen Laden zu mieten. Er stellte nun auf dem Hof des Ladengrundstücks ein großes Reklameschild auf, das über die Umfassungsmauer der Zulassungsstelle ragt und jeden Autobesitzer animiert, sich in wenigen Minuten ein dauerhaftes Kunststoff-Schild anfertigen zu lassen.
Bofingers Position erwies sich sehr schnell als bedeutend stärker. Im Handumdrehen kann Bofinger jede gewünschte Nummer und jeden Buchstaben in seine Kunststoff-Folien pressen. Die Witwe Kaiser dagegen muß die Kennzeichen bei ihrem westfälischen Lieferanten mehrere Tage vorher bestellen, und zwar gleich in kompletten Serien. Das war für sie bis zu Bofingers Auftauchen völlig risikolos gewesen, jetzt aber häufen sich bei ihr die unverkauften Schilder, weil zahlreiche Kraftfahrer Bofingers Kunststoffschilder vorziehen.
Der Witwe sonst so sicheres Verkaufssystem wurde in den letzten Tagen völlig durchlöchert, denn ab 1. Juli - als der von Minister Seebohm verfügte Schilderwechsel begann - erschienen außer Bofinger noch zwei weitere Plastikschilderhändler in der Nähe der Zulassungsstelle.
Die Schadenfreude der vier Jahre lang lahmgelegten Konkurrenz galt weniger der wehklagenden Witwe Kaiser als ihrem Schwiegersohn Wendelin Weinmann, der angesichts der unverkäuflichen Ware erklärt: "Man hat mir trotz einiger Überprüfungen nicht nachweisen können, daß ich dienstlich damit zu tun hatte."
Blechschilder-Händlerin Kaiser
Schlechtere Geschäfte ...
Kunststoff-Konkurrent Bofinger ... trotz Seebohms Schilderwechsel

DER SPIEGEL 30/1956
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