25.07.1956

REEDERFlucht nach Panhonlibco

Siebenundvierzig Reeder aus 14 Ländern steuerten vor kurzem das große Bürohaus Bury Court 2 in der Londoner City an, um sich hinter ledergepolsterten Türen ihren Groll von der Seele zu schimpfen. Auch drei westdeutsche Schiffahrtssachverständige nahmen an diesem Konvent teil, zu dem der Vorsitzende der "International Chamber of Shipping" (Internationale Schiffahrtskammer), Sir Colin Anderson, eingeladen hatte. Er übte gleich zu Beginn der Sitzung harte Kritik an den Großverdienern der internationalen Schiffahrt:
"Unsere Unternehmen, die zum größten Teil auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken, werden in absehbarer Zeit der Konkurrenz jener Reedereien erliegen, die wegen des Steuervorteils ihre Schiffe nicht in ihren Heimatländern, sondern in Panama, Honduras, Liberia oder Costa Rica registrieren lassen. Dadurch ist es diesen Außenseitern möglich, die Frachtraten der übrigen Reedereien mühelos zu unterbieten."
Die zu dem Reeder-Thing geeilten Schiffsbesitzer diskutierten stundenlang über Möglichkeiten, gegen die vier anrüchigen Staaten "geschlossen vorzugehen und die Seuche der 'billigen Flaggen' auszumerzen". In Reederkreisen werden die Länder, auf die sich die Großverdiener des Frachtengeschäftes stützen, in einem Atemzug - nach den Anfangssilben - die "Panhonlibco"-Länder genannt. Was diese Länder in der Nachkriegszeit so attraktiv machte, waren nicht nur die außerordentlich geringen Steuersätze, sondern es war auch die Rückständigkeit der Sozialgesetzgebung.
In den Panhonlibco-Staaten gibt es weder Seemannsgewerkschaften noch feste Heuertarife. Die Panhonlibco-Regierungen verlangen nicht einmal, daß die Reedereien in ihren Ländern Niederlassungen gründen; es genügt, wenn der Reeder in dem Land, dessen Nationalflagge er sich bedienen will, eine Agentur unterhält oder ein Postfach belegt.
Die mannigfachen Vorteile lockten in wenigen Jahren so viele Reeder - besonders Amerikaner und Griechen - an, daß zur Zeit etwa zehn Prozent der Welthandelsflotte unter Panhonlibco-Flaggen fahren.
Der Run zu den billigen Flaggen begann 1948, nachdem eine Gruppe amerikanischer Reeder Verbindung mit dem Präsidenten der Negerrepublik Liberia, William V. S. Tubman, 60, aufgenommen hatte. Die Reeder hatten sich über die hohen Steuern in den USA und noch mehr über den ewigen Streit mit den amerikanischen Gewerkschaften geärgert und legten nun dem Präsidenten der Negerrepublik einen Vertragsentwurf vor, nach dem es ihnen gestattet sein sollte, ihre Schiffe unter der rot-weiß gestreiften Flagge Liberias schwimmen zu lassen.
Der Präsident unterschrieb diesen Vertrag anstandslos, als ihm die Amerikaner eine Registriergebühr von 10 Cents pro Nettoregistertonne Schiffsraum garantierten. Diese Gebühr, die inzwischen auch von Panama, Honduras und Costa Rica zur Einheitstaxe erklärt wurde, wird jährlich erhoben. Liberias Staatskasse erhält dadurch einen jährlichen Zuschuß von rund einer Million Mark.
Die kleine Negerrepublik an der westafrikanischen Pfeffer-Küste besaß 1948 kein einziges Handelsschiff für die Hochseefahrt. Jetzt steht das Land mit einer Flotte von vier Millionen Bruttoregistertonnen hinter den USA, Großbritannien und Norwegen an vierter Stelle in der Weltrangliste der Schiffahrtsländer. Die westdeutsche Bundesrepublik folgt mit 2,8 Millionen Bruttoregistertonnen erst auf dem zehnten Platz.
Die amerikanische Regierung duldete bisher stillschweigend die Massenflucht der Reeder zu den billigen Flaggen. Sir Colin Anderson, der Präsident der Internationalen Schiffahrtskammer, nannte diese Toleranz "das verblüffendste Phänomen im internationalen Reedereiwesen" und forderte während der Londoner Schiffahrtskonferenz die Justitiare der Kammer auf, eine Klageschrift gegen die Panhonlibco-Länder auszuarbeiten. Aber die Justitiare erklärten, daß es kein staats- und völkerrechtliches Mittel gebe, die zwischen den Außenseitern unter den Reedern und den Panhonlibco-Regierungen geschlossenen Verträge außer Kraft zu setzen.
Angesichts dieser aussichtslosen Situation ließen manche der Reeder durchblicken, daß sie keine Lust mehr haben, noch länger Solidarität zu üben - sie würden sich eines Flaggenwechsels auch nicht mehr schämen. Ein Direktor der Cunard Steam -Ship Company, der die Ozeanriesen "Queen Elizabeth" und "Queen Mary" gehören, schimpfte wütend: "Meine Gesellschaft hätte in vier Jahren 14 Millionen Pfund einsparen können, wenn sie unter einer der billigen Flaggen gefahren wäre."
Die westdeutschen Konferenzteilnehmer - Professor Dr. Rolf Stödter von der Hamburger Reederei John T. Essberger, Dr. Hans-Georg Röhreke vom Verband Deutscher Reeder und Direktor Richard Bertram vom Norddeutschen Lloyd - mußten sich derartiger Androhungen enthalten. Das Bundesverkehrsministerium hat den Besitzern der mit staatlicher Hilfe finanzierten westdeutschen Nachkriegshandelsschiffe den Flaggenwechsel ausdrücklich untersagt.
Liberias Staatspräsident Tubman
Hochseefahrt unter der billigen Flagge

DER SPIEGEL 30/1956
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