25.07.1956

UNGARN / DEUTSCHTUMArbeiten und singen

In der Frage der deutschen Nationalitäten sind nach der Befreiung des Landes schwere Fehler gemacht worden", erklärte jüngst der Schuldirektor und kommunistische Funktionär Lajos Nagy aus Mecsknadasd in Ungarn. "Diese Fehler", so ergänzte er sein Eingeständnis, "müssen jetzt wiedergutgemacht werden."
Nach der amtlichen ungarischen Statistik gibt es in Ungarn nur noch rund 22 000 deutschsprachige Staatsbürger, aber sogar Beamte der Budapester Regierung schätzen, daß es in Wirklichkeit 220 000 bis 250 000 sind. Rund neun Zehntel der auf zahlreiche Sprachinseln verteilten Volksdeutschen haben es nach den Drangsalierungen von 1945 - in deren Verlauf rund eine Viertelmillion Deutschsprachige aus dem Lande gejagt und die Verbleibenden zum größten Teil enteignet wurden - offenbar vorgezogen, sich als Magyaren auszugeben.
In diesem Sommer nun sollen in zehn deutschsprachigen Dörfern Ungarns deutschsprachige Volksschulen eröffnet werden, und am 1. September wird - nach Auskünften der Budapester Behörden - in Fünfkirchen (Pécs) zum ersten Male seit Kriegsende wieder eine deutsche Lehrerbildungsanstalt eingerichtet werden.
Diese Ereignisse kennzeichnen eine Entwicklung, die schon im Jahre 1950 begann. Damals gründete der Siebenbürger Mittelschullehrer Dr. Friedrich Wild in Gyula, einem kleinen Ort nahe der Ostgrenze Ungarns, eine deutsche Kulturgruppe. Es war die erste seit den Tagen der Deutschenjagd. Überraschenderweise wurde Wild bei diesem Unterfangen bald von den kommunistischen Behörden lebhaft unterstützt, vor allem auf schulischem Gebiet.
Heute ist an 107 ungarischen Grundschulen von den untersten Klassen an Deutsch als Wahlfach zugelassen. In den zwei deutschen Dörfern der sogenannten "schwäbischen Türkei" (siehe Karte) namens Gara und Nemesnádudvar gibt es sogar seit längerer Zeit deutschsprachige Schulen. Weitere zehn Schulen kommen nun dazu. Ferner ist für die allernächste Zeit geplant, im südungarischen Städtchen Baja an der Donau eine deutsche Gymnasialklasse einzurichten.
Diese Erfolge sind weitgehend der Tätigkeit des Dr. Wild zu danken. Als vorläufig größten Erfolg seiner Volkstums-Arbeit konnte Wild im vorigen Jahr die Gründung des "Kulturverbandes der deutschen Werktätigen in Ungarn" verbuchen, einer Dachorganisation der langsam wiederauflebenden deutschen Vereine.
Allerdings stößt Wild bei seiner Organisationsarbeit vorläufig noch auf psychologische Schwierigkeiten. Nur zögernd entschließt sich die Mehrheit der "Schwaben" - so nennen die Ungarn ihre deutschsprachigen Landsleute -, aus der Deckung ihrer Schein-Magyarisierung herauszutreten.
Doch diese Demoralisierung reicht nicht allzu tief; denn zweifellos ist die Sympathie des kommunistischen Regimes in Ungarn für die Schwaben nicht zuletzt auf deren größtenteils ungebrochene Arbeitsmoral zurückzuführen.
An vielen Orten haben die enteigneten Schwaben mit dem ihnen eigenen Eifer begonnen, in den Kolchosen und Staatsgütern zu arbeiten. Sie geben damit den weit weniger willigen magyarischen Bauern ein Beispiel, das den kommunistischen Führern äußerst genehm ist.
In dem großen, vorwiegend deutschen Marktflecken Pilisvörösvár (Rothenburg am Pilisberg) zum Beispiel war die aus magyarischen Bauern gebildete landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (Kolchose) vor dem Zusammenbruch, als ein Schwabe namens Stefan Mannhertz mit deutschsprachigen Bauern eine Konkurrenz -Genossenschaft gründete. Das schwäbische Unternehmen gedieh so gut, daß es schon nach kurzer Zeit die magyarische Genossenschaft übernehmen konnte.
Ähnliches spielte sich in Nemesnádudvar ab. Dort machten die Schwaben aus dem kläglich dahinvegetierenden Staatsgut Sükösd bei Baja durch emsige Arbeit ein Musterunternehmen.
Die Regierung belohnt die deutsche Schaffenswut mit großzügigem Verhalten gegenüber dem deutschen Volkstum und der deutschen Volkskunst. Die ungarische Staatsdruckerei setzte jüngst ohne Einwände das alte deutsche Landsknechtslied "Wir zogen in das Feld ..." in ein deutschsprachiges Volksliederbuch.
Führer der Ungarndeutschen Wild
Schwaben in Kolchosen

DER SPIEGEL 30/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNGARN / DEUTSCHTUM:
Arbeiten und singen

  • Nordirland-Konflikt: Der zerbrechliche Frieden
  • Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"