25.07.1956

ENGLAND / UNTERWELTMüde Messerstecher

An einem Nachmittag im Juni betrat die
betagte Prinzessin Marie-Louise, eine Enkelin der im Jahre 1901 verstorbenen Königin Victoria, das feudale Londoner Apartmenthaus Hyde Park Mansions. Ihr Besuch galt einer alten lieben Freundin.
Mehr als für den Tee bei der Freundin interessierte sich die würdige Prinzessin jedoch für das Fenster zum Hof. Durch ein Opernglas, das sie zu diesem Zweck mitgebracht hatte, spähte die alte Dame in einen Wohnraum am anderen Flügel des großen Gebäudes. Sie sah eine schöne dunkelhaarige Frau, die einem kleinen Mädchen gerade Milch über einen Teller Cornflakes goß.
Diese Frau war Rita Comer, die Gattin des Londoner Gangsterchefs Jack "Spot" Comer, der vier Wochen lang wegen einer schweren Messerstecherei in Untersuchungshaft saß und am Mittwoch letzter Woche von einem Londoner Gericht freigesprochen wurde. Seine Ehefrau, die schöne Rita, ist zur Zeit eine der populärsten Frauen Londons. Sie hat als Gattin eines berühmt-berüchtigten Londoner Bandenführers das eherne Gesetz der Londoner Unterwelt gebrochen: daß nämlich über alle Fehden der Gangster untereinander bei der Polizei und vor Gericht geschwiegen wird.
Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres packte Rita Comer vor Scotland Yard aus und belegte den vernehmenden Kommissaren mit stichhaltigen Argumenten ihre Theorie, daß die Konkurrenzbande eines gewissen Billy Hill - und nicht der pure Zufall immer wieder ihren armen Jack auf offener Straße mit Rasiermessern traktiert.
Scotland Yard hielt es deshalb für angebracht, Frau Comer ständig durch zwei Polizeibenamte bewachen zu lassen. Denn daß die Billy-Hill-Leute in diesen Dingen keinen Spaß verstehen, haben sie schon einmal bewiesen, als sie im November vorigen Jahres nach einer ähnlichen Aussage
Frau Comers die ganze Familie des Gangsterchefs in die Flucht nach Irland trieben.
Der offene Krieg zwischen den verfeindeten Gangs Jack Spots und Billy Hills erreichte seinen Höhepunkt am Abend des 25. Juni, als drei Billy-Hill-Leute einen zur Jack-Spot-Bande übergewechselten Mann namens Thomas Smithson in einer Wohnung durch zwei Revolverschüsse töteten. Es war der erste Londoner Gangstermord seit 15 Jahren.
Der Ermordete war ein Buchmacher, also ein Angehöriger jenes Gewerbes, das für das breite Publikum Rennwetten annimmt und erledigt. Die Turfwetten sind im Pferdesport-begeisterten England eine noch viel stärkere Leidenschaft als etwa der Fußballtoto in Deutschland.
Das Buchmachergewerbe ist in England staatlich lizenziert, aber der Mord an dem Buchmacher Thomas Smithson enthüllte, daß zwischen den Wettbüros und den Banden des Londoner Verbrecherviertels Soho merkwürdige Zusammenhänge bestehen.
Im Laufe der langen rennsportlichen Tradition hat sich nämlich die Unsitte herausgebildet, daß die Inhaber der lizenzierten Wettbüros regelmäßige Beträge an gewisse Banden abführen. Die Gangster garantieren dafür, daß die Buchmacher von Konkurrenz verschont bleiben.
Seit kurz vor dem ersten Weltkrieg eine Gangsterhorde recht anschaulich demonstrierte, wie gefährlich so ein Buchmachergeschäft sein kann, indem sie den Buchmachern die Stände umwarf und das Geld raubte, kultivierten nachfolgende Gangstergenerationen diese Methode bis zur Perfektion. Es gibt heute in ganz England kaum einen Buchmacher, der nicht wöchentlich ein "Schutzgeld" an eine Gangsterbande zahlt, damit sein Stand von ähnlichen Demonstrationen verschont bleibt.
Ehrgeizigere Gangster, denen die Einnahmen aus den "Schutzhonoraren" zu wenig waren, machten recht bald außerdem dunkle Geschäfte mit Rennstallbesitzern und Jockeis. Ein Außenseiter wurde vorher zum Sieger bestimmt, und die ganze Bande wettete auf dieses Pferd.
Eine weitere Verdienstquelle dieser Banden sind die illegalen Buchmacher, die ihr Unwesen in den Vorstadtkneipen der Großstädte treiben. Die illegalen Buchmacher zahlen ihre Steuern statt an den Staat, der ihnen die Lizenz verweigert, an die Gangsterchefs, die wiederum sicherstellen, daß in den Geschäftsrevieren ihrer Klienten kein "unlauterer Wettbewerb" entsteht. Die Polizei schätzt, daß der Umsatz der illegalen Buchmacher dreimal so hoch ist wie der Umsatz der lizenzierten.
Die beiden Banden des Jack Spot und des Billy Hill kämpfen nun seit Jahren erbittert um die Vorherrschaft auf den Rennplätzen der britischen Insel. Den Jahresumsatz beider Banden schätzt die Londoner Polizei auf eine Million Pfund oder 11,7 Millionen Mark. Im Laufe der Jahre sind Comer und Hill durch diese Geschäfte zu Millionären geworden.
Für beide aber gilt, was Frau Comer jetzt einem Londoner Untersuchungsrichter sagte: "Glauben Sie mir, wir haben Geld genug. Wir haben nur einen Wunsch, uns zurückzuziehen und mit den schmutzigen Geschäften nichts mehr zu tun zu haben."
Scotland Yards Detektive untermauerten Frau Comers Sentimentalität mit umfangreichen Berichten, in denen sie ihre monatelangen Recherchen in der Londoner Unterwelt so zusammenfaßten:
Der Streit um die Märkte wird vorwiegend von kleinen Gruppen der einzelnen Banden ausgetragen. Die Art der meisten Aktionen dieser Gruppen läßt darauf schließen, daß Jack Comer und Billy Hill daran unbeteiligt sind.
Die Tatsache, daß sowohl Billy Hill als auch Jack Comer in zwei Messerstechereien verwickelt waren, erklären sich Scotland Yards Kommissare so: Durch die unüberlegten Handlungen ihrer Bandenmitglieder werden die Chefs gegeneinander aufgehetzt - und wenn die Situation völlig verfahren ist, müssen sie reinen Tisch schaffen und dem Gegner einen Denkzettel erteilen.
Sooft beide Gangsterchefs auch vor Gericht standen: Niemals konnte man sie in wichtigen Anklagepunkten schuldig sprechen, weil das entscheidende Beweismaterial fehlte.
Dieses Beweismaterial haben jedoch die Unterführer, und beide Bandenchefs werden von ihren alten Mitarbeitern mit diesem Beweismaterial erpreßt. Denn seit sich Comer und Hill offensichtlich entschlossen haben, dem Gangsterdasein Lebewohl zu sagen, fürchtet das Heer ihrer alten Bandenmitglieder um seine Existenz. Nur einer straff geführten Organisation ist es möglich, legalen und illegalen Buchmachern Geld aus den Taschen zu ziehen. Wenn die Organisation ohne Kopf ist, bricht sie zusammen.
Eine ähnliche Ansicht über die "Soziologie" der Verbrecherbanden vertritt auch Charles Siragusa, ein leitender Beamter der amerikanischen Zentrale für Rauschgiftbekämpfung, der zur Zeit sein Hauptquartier in zwei Räumen der US-Botschaft in Rom aufgeschlagen hat.
Siragusa meinte: "Für einen Gangsterchef gibt es keinen ruhigen Lebensabend. Solange er auf der Höhe seiner Macht steht kann er vertuschen und verschleiern. Sobald er aber sein ergaunertes Vermögen benutzen will, um einen ruhigen Lebensabend zu verbringen, entgleiten ihm die Fäden - und die Schatten der Vergangenheit machen ihn dann reif für das Zuchthaus."
Siragusas Theorie scheint sich in London inzwischen zu bestätigen. Jack Comer wurde am letzten Mittwoch zwar von der Anklage der Messerstecherei freigesprochen, aber die Verhaftung Billy Hills wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, nachdem die schöne Rita Comer ausgepackt hat, weil sie das aufregende Leben an der Seite eines Bandenchefs nicht mehr länger erträgt und Sehnsucht nach häuslichem Frieden hat.
Familie Comer: Gangster haben keinen Lebensabend

DER SPIEGEL 30/1956
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