25.07.1956

WAS NÖTIG IST: AUSBILDUNG!

Professor Leo Brandt, Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium, hielt auf dem Münchner Parteitag der SPD eine viel beachtete Rede über Probleme der Atomwirtschaft und der Automatisierung, In der er auf die Kalamitäten der Forschung und der Ausbildung technischen Nachwuchses in der Bundesrepublik hinwies Professor Brandt sagte unter anderem:
Die Förderung der Forschung in Deutschland ist unzureichend, freundliche Verbeugungen bei Jahresveranstaltungen, Mäzenatentum mit kleinen Summen tun es nicht. Die Aufwendungen der anderen Völker sind ein Vielfaches, denken wir an die Zahl 360 Millionen Mark für Atomforschung in England. Für die Forschung auf dem Gebiet der Kernverschmelzung sollen die Forschungsaufwendungen in den Vereinigten Staaten genauso groß wie auf dem gesamten übrigen Atomgebiet sein; allein für den Zusammenklang zwischen Atomforschung und Biologie stellt Amerika 200 Millionen Mark jährlich zur Verfügung. Ein einziges kernphysikalisches Gerät, herausgegriffen aus der gewaltigen Breitenarbeit Rußlands auf dem Atomgebiet, kostet eine halbe Milliarde Mark. Die Professoren Bagge und Gentner, die mit 100 westlichen Kernphysikern in Moskau waren, schildern eindrucksvoll die dortigen Anstrengungen; jährlich bildet man 2000 Kernphysiker aus, bei uns 50.
Der Ansatz für Forschungsmittel zur Durchführung von konkreten Forschungsaufgaben im Bundeswirtschaftsministerium beträgt 2,5 Millionen Mark.
Welch unverständliche, unwahrscheinlich lebensfremde Entscheidung des Bundestages; der Antrag der SPD -Fraktion, diese Mittel auf 50 Millionen Mark zu erhöhen, der sich mit dem sorgfältig fundierten Antrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft deckt, wurde abgelehnt. Warum? Das zeigt eine wahre Begebenheit aus dem genannten Ministerium, Als ein Oberregierungsrat vor einigen Jahren, als der Ansatz 1 Million Mark betrug, eine Erhöhung auf 10 Millionen Mark, auch im Hinblick auf die Anstrengungen Nordrhein-Westfalens in dieser Hinsicht, beantragte, wurde ihm von höheren Vorgesetzten eröffnet: "Sie verkennen den Geist des Hauses. Zurverfügungstellung von Forschungsmitteln ist Staatsdirigismus, forschen soll die Industrie. Sie werden verwarnt. Die Null wird gestrichen, seien Sie froh, daß wir die Eins nicht streichen." Das Ergebnis dieser Einstellung im Wirtschaftsministerium war die Schaffung eines besonderen Atomministeriums. Müssen auch ein Forschungsministerium und ein Produktionsministerium vom Bundeswirtschaftsministerium abgespalten werden?
Wo kommen die Menschen her, die in all den Laboratorien tätig sein werden, wenn wir uns den Ruck geben, den wir erstreben, unsere Zukunft entscheidend auf Forschung, geistige Arbeit und Planung aufzubauen, um nicht völlig gegen andere Nationen, insbesondere den Osten, zurückzufallen, der nach
englischen Quellen schon heute 15 Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Welt, in zehn Jahren wahrscheinlich 40 Prozent publiziert?
Einige sehr kennzeichnende Zahlen: England, in der Gefahr gegen Rußland zurückzubleiben, beschloß dieses Jahr, für eine dreijährige Periode für Neubauten für den technischen Studienbetrieb 1,2 Milliarden Mark aufzuwenden, dazu jährliche öffentliche Stipendien in Höhe von 133 Millionen.
Die russische Ausbildung der Armee der technischen Talente wurde durch einen zum Unterrichtsminister ernannten General, S.A. Boubnow, organisiert. Schrecklich.
Das Ergebnis: Rußland lieferte 1950 28 000 Universitätsingenieure, augenblicklich jährlich 60 000 Universitäts- und 70 000 Fachingenieure, 1960 200 000. Die Vereinigten Staaten weisen nur noch einen jährlichen Zugang von 22 000 Universitätsingenieuren auf, 1950 waren es noch 50 000, die Zahl der anderen Ingenieure und Techniker ist unbekannt. Dr. Schairer, in der Weimarer Republik Begründer des Deutschen Studentenwerkes, jetzt in London, veröffentlichte vor sechs Wochen sein dramatisches Büchlein Technische Talente" mit diesen und ähnlichen aufsehenerregenden Zahlen.
Immerhin, die Menschen, die wir jetzt brauchen, wären in Deutschland da. Die Zahl der Weißbekittelten wird in gleichem
Maße zunehmen, wie die der Männer in blauen Arbeitsanzügen abnimmt. Die Intelligenz der Angehörigen unseres Volkes reicht völlig aus. Was nötig ist: Ausbildung, nochmals Ausbildung, Reform des Schulwesens von unten bis oben. Hilfe für den Nachwuchs, Heranziehen auch des letzten begabten jungen Menschen aus den minderbemittelten Schichten. 70 Prozent der englischen Studenten erhalten Stipendien, in USA und Rußland kann jeder studieren.
Sehen Sie sich gegenüber den Anstrengungen anderer Völker für Ihren Nachwuchs einmal die Not, Überbürdung und nutzlose Werkstudentenarbeit in deutschen Universitäten an.
Nur noch rund ein Drittel der Studierenden der Universität Frankfurt wurden 1955 voll von den Eltern erhalten. Weitere 26 Prozent erhalten jedenfalls noch Unterstützung von ihren Eltern. Ein volles Fünftel der Studentenschaft war dagegen ausschließlich auf eigenen Erwerb angewiesen, um das Studium zu finanzieren. 25 Prozent der Studenten standen während der Semester in laufender Arbeit, davon arbeitete der dritte Teil im Semester über 55 Wochenstunden. Woher sollten diese jungen Menschen noch die Kraft zum Studium haben?
Das Problem ist so ernst und gleichzeitig traurig wie kaum eines in Deutschland.
Professor Leo Brandt

DER SPIEGEL 30/1956
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