25.07.1956

SINCLAIRSchicksal unter Trinkern

Auf seine alten Tage hat sich der unermüdliche amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair, Verfasser von etwa 80 Büchern, die in 47 Sprachen übersetzt worden sind, noch einen neuen Gegner ausgesucht, den Alkohol. Der 77jährige Autor, der bis dahin mit der moralischen Entrüstung des berufsmäßigen Eiferers in seinen zumeist außerordentlich umfänglichen Büchern gegen Justizirrtümer ("Boston"), gegen die kriminellen Zustände auf den Schlachthöfen von Chikago ("Der Sumpf"), gegen Militarismus, Ausbeutung und Korruption gefochten hatte, möchte nun auch dem Whisky zu Leibe gehen, den er als Ursache sowohl für den Vormarsch des Kommunismus als auch für den Niedergang der amerikanischen Literatur ansieht.
In seinem neuesten Buch "The Cup of Fury"* - wörtlich etwa: "Der Trank der Furie" - beklagt sich Sinclair: "Es war mein Schicksal, unter trinkenden Menschen zu leben, unter Romanautoren, Dichtern, Dramatikern und Stars von Bühne und Film. Ich habe mehr als vierzig von ihnen gekannt, die untergingen, elf von ihnen endeten durch Selbstmord." Es sei "furchtbar, wieviel Talent und Genie durch Alkohol zugrunde gerichtet wird".
Wirklich kann Sinclair auf einige Fälle in seinem Bekanntenkreis hinweisen, die deutlich machen, wie begabte Autoren durch ihren Hang zum Alkohol frühzeitig außer Gefecht gesetzt wurden. Sinclair Lewis etwa, der erste amerikanische Literatur-Nobelpreisträger, der in seinem Roman "Babbitt" den Durchschnitts-Amerikaner zum Objekt der Weltliteratur erhoben hat, schrieb mit 44 Jahren sein letztes bedeutendes Buch ("Sam Dodsworth")
- 22 Jahre vor seinem Tode. Eine so lange
Schreibpause ist für den unausgesetzt Bücher produzierenden Upton Sinclair fast ebenso unbegreiflich wie die Tatsache, daß Sinclair Lewis trotz seiner gigantischen Sauferei überhaupt fast 66 Jahre alt geworden ist.
Von Theodore Dreiser, dem Verfasser der "Amerikanischen Tragödie", berichtet Sinclair, daß er in den letzten 21 Jahren seines Lebens nichts Bedeutendes mehr zu Papier gebracht habe. Aber nicht nur dies: Sinclair - der wegen seiner sozialanklägerischen Bücher im Bereich der Sowjets oft als Kronzeuge gegen die Vereinigten Staaten zitiert worden ist - meint, die Kommunisten hätten den Theodore Dreiser mit Alkohol "aufgeweicht", so daß er schließlich Mitglied der Partei geworden sei.
Liebhaber von Enthüllungen mögen über Sinclairs Buch enttäuscht sein, weil darin fast nur von Verstorbenen die Rede ist, also nicht von den lebenden amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgern William Faulkner und Ernest Hemingway, die beide den Whisky ziemlich hoch schätzen, allerdings mit ihrer ungebrochenen Produktivitat dem moralischen Sinclair wohl das Konzept verdorben hätten.
Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" bestätigt dem Sinclair zwar, daß seine mit literarischen Erinnerungen vermischte Polemik "zu den anständigsten und, auf ihre Art, bewegendsten Büchern der Saison" gehöre. Aber der Rezensent konstatiert auch mit sichtlichem Erstaunen, Sinclair könne offenbar nicht begreifen, daß die gleiche Verzweiflung, die einen Mann zum Schreiben bringe, ihn auch zum Trinken verleiten könne.
Tatsächlich bemerkt Sinclair befremdet, daß der amerikanische Kurzgeschichtenautor O'Henry, der doch "einfach nichts Schlechtes schreiben konnte", dennoch fand, Schriftstellerei sei "eine Schinderei". O'Henry - sein bürgerlicher Name war William Sidney Porter - war als Bankangestellter für eine Summe Geld verantwortlich gemacht worden, die in der Kasse fehlte - ob durch seine Schuld oder nicht, ist ungeklärt. Im Gefängnis begann O'Henry zu schreiben, mit so durchschlagendem Erfolg, daß ihm bereits vor seiner Entlassung ein Redaktionsstuhl angeboten wurde. Sinclair lernte O'Henry kennen, als er nur noch dann produzierte, wenn man ihm die Whiskyflasche solange verweigerte, bis er seine Kurzgeschichte fertig hatte.
Ebenso wie O'Henry hat auch Jack London, einer der engsten Freunde Sinclairs, Selbstmord verübt. Von diesem zu seiner Zeit wohl populärsten aller amerikanischen Schriftsteller weiß Sinclair zu berichten, er sei bereits im Alter von fünf Jahren an Alkohol gewöhnt gewesen. Jack London, der offenbar später zu keiner Stunde mehr dem Trunk widerstehen konnte, nahm sich im Alter von vierzig Jahren das Leben - für ihn war der Tod der letzte Ausweg aus einem delirierenden Zustand ununterbrochener Trunkenheit.
Thomas Manns ältester Sohn Klaus - auch er nahm sich später das Leben - wird von Sinclair gleichfalls erwähnt. Entrüstet zitiert der eifernde Antialkoholiker eine Bemerkung Klaus Manns nach einem Autounfall, der ihn und seine Schwester Erika beinahe das Leben gekostet hätte: "Wir hatten ziemlich getrunken - Champagner, Bier, Whisky."
Upton Sinclair ist in solche Verlegenheit nie gekommen. Er erinnert sich, in seinem langen Leben nur zweimal etwas Alkoholisches gekostet zu haben: Einmal trank er ein Glas Champagner auf irgendeinem Empfang ("Ich konnte es kaum von Apfelsaft unterscheiden"), und ein andermal nahm er einen Schluck Whisky - nach einer über 50 Kilometer langen Kanufahrt in eisigem Regen.
Sinclair ist allerdings durch das häusliche Milieu, aus dem er kommt, hinreichend voreingenommen: Sein Vater, Vertreter für Spirituosen, starb im Trinkerheim, andere Familienmitglieder waren schwere Alkoholiker. Der junge Upton, der bereits mit vierzehn Jahren zu schreiben begann, betrachtete die Exzesse in der Familie mit Ekel und Verwirrung.
Heute pflegt Sinclair, um als Nichttrinker die Stimmung nicht zu gefährden, auf Gesellschaften ein mit kaltem Tee oder Coca Cola gefülltes Cocktail-Glas in der Hand zu halten. Die amerikanische Sitte, daß sich Geschäftsfreunde der Reihe nach gegenseitig Runden spendieren, ist dem Schriftsteller vollkommen unbegreiflich: Er habe niemals begriffen, schreibt er, wie ein Mensch solche Unmengen von Alkohol in kürzester Zeit zu sich nehmen könne.
Seit sein Bericht über die Zustände in den Chicagoer Schlachthöfen den Kongreß veranlaßte, einen Untersuchungs-Ausschuß zu bilden, und daraufhin 1906 ein "Gesetz über die Reinheit von Lebensmitteln" beschlossen wurde, ist Sinclair davon überzeugt, daß mit guten Büchern die Welt zu verbessern sei. Um so weniger Verständnis hat Sinclair für die Bedürfnisse der mehr künstlerisch als sozialkritisch begabten Autoren, die zuweilen ohne Stimulantia überhaupt nicht schreiben können, oder für die Leute, die den Alkoholrausch gegenüber den Enttäuschungen der Wirklichkeit als das geringere Übel betrachten.
Sein neuestes Buch - die Zürcher Zeitung "Die Tat" nannte es "eine Mischung von Reportage, Predigt und Autobiographie" - wird die Welt allerdings kaum verbessern. Es ist ein wenig penetrant ausgefallen, und ihm fehlt die Aggressivität, die für Sinclairs Prosa sonst kennzeichnend ist. Das hat seinen Grund: Der Moralist ging diesmal nicht gegen seine alten Feinde, die Fleischhacker, Kohlenbarone und Ölmagnaten an; er hatte es mit den Untugenden seiner Freunde zu tun. Das hat den schreibenden Moralisten veranlaßt, nicht nur ungewöhnlich rücksichtsvoll zu sein, sondern auch auf die sonst bei ihm übliche sorgfältige Reporterarbeit zu verzichten.
Immerhin glaubt auch Sinclair nicht, daß die Lektüre seines Buches irgendeinen eingefleischten Trinker von der geliebten Flasche trennen wird. Aber der Enthaltsamkeits-Propagandist hofft, daß es die jungen Leute warnen wird, die noch nicht "die falsche Anregung, die trügerische Sicherheit, das erlogene Glück und die vermeintliche Stärke des Alkohols" schätzen gelernt haben.
Sinclair ließ sich allerdings nicht daran hindern, sein Buch mit einer aktuellen Warnung zu schließen: Er glaubt, daß vor allem Frankreich durch seine Wein- und Absinthfreudigkeit politisch schwer gefährdet sei. Aber nicht nur Frankreich:
"Alkohol arbeitet für die Kommunisten, in Paris wie in New York... Der Schnaps bescherte den Kommunisten bereits die Wasserstoffbombe."
* Upton Sinclair: "The Cup of Fury": Channel Press, Great Neck, New York; 190 Seiten; 3 Dollar.
Schriftsteller Sinclair
"Alkohol arbeitet für die Kommunisten"
Autor London
Selbstmord im Delirium

DER SPIEGEL 30/1956
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