25.07.1956

NEUTRAFür die Nerven

Es geht nicht länger an, daß wir stillschweigend
voraussetzen, der Mensch werde sich durch eine verderblich und nachlässig konstruierte Umwelt schon hindurchwursteln", behauptet der 64jährige amerikanische Architekt Richard Neutra. Der gebürtige Wiener, der 1923 in die Vereinigten Staaten emigrierte und - als Schüler von Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright - im Jahre 1925 in Südkalifornien ein Architektenbüro eröffnete, gehört zur ersten Garnitur der internationalen Architektenprominenz und ist unter den avantgardistischen Baumeistern gewissermaßen der Neurologe.
Er verlangt, daß die Architekten der Zukunft in ganz anderem Ausmaß als bisher sich mit den biologischen Bedingtheiten, vor allem aber mit dem komplizierten Nervensystem des Menschen bekannt machen. Die Architekten sollen dem durch seine technisierte Umgebung biologisch gefährdeten Menschen eine Heimstatt schaffen, einen "physiologischen Raum", der die schädlichen unter den zahllosen bewußten und unbewußten Nervenreizungen von ihm fernhält.
In diesem Sommer wird auch das deutsche Lesepublikum durch zwei Bücher mit den Überlegungen, die Neutra als Architekt anstellt, und mit den ersten Resultaten dieser Überlegungen bekannt gemacht. Auf den 320 Seiten des zugleich in Deutsch und Englisch gefaßten Bildbandes "Mensch und Wohnen"*, der jetzt in der Stuttgarter Verlagsanstalt Alexander Koch erschien, sind zahlreiche
Häuser abgebildet, die Neutra gebaut hat: großzügige und weiträumige Gebäude verschiedener Formen und aus wechselnden Materialien, Holz-, Ziegel-, Beton- oder Natursteinbauten mit bis auf den Boden reichenden Fensterfronten, die den Garten oder die umgebende Landschaft in den architektonischen Plan einbeziehen, weite Wohnflächen, kleine Schlafzimmer, sorgfältig geplante Küchen und zweckmäßige Arbeitszimmer mit anregenden Fernsichten.
Der Mann, der diese Häuser gebaut habe, so fand die "Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung" beim Anblick solcher Pracht etwas pikiert, verschwende offensichtlich seine "Feinnervigkeit an eine Kultur für Millionäre und macht es uns recht schwer zu glauben, daß seine Entwürfe, eingerahmt von dem Steingeröll und dem Wüstenkraut der kalifornischen Hochebene, einen Blick auf die Bühne der Menschheit von morgen enthalten".
Genau diesen Anspruch - Hinweise darauf zu geben, wie die Bühne der Menschheit von morgen zu bauen sei - erhebt Neutra freilich im Textteil seines Bildbandes und in einem Essayband unter dem nicht eben bescheidenen Titel "Wenn wir weiterleben wollen..."*, den der Journalist Dr. Ernst Lewalter kurz vor seinem Tode für den Hamburger Claassen Verlag übersetzte,
Neutra nennt sich einen "alten Missionar im Innern Amerikas", obwohl er der nicht zu Unrecht weit verbreiteten Meinung frönt, daß die Menschheit, kaum dem Urwald entronnen, bereits wieder im Dschungel gelandet sei, diesmal aber im "Dschungel eigenen Fabrikats", den städtischen Dschungeln der Fabriken, technischen Anlagen, Straßenschluchten, Fassaden und Hinterfronten, der schrillen Geräusche und ständigen, zerreibenden Nervenreizungen. Neutra: "Man braucht wirklich kein eingefleischter Milieu-Theoretiker zu sein, um sich über den unheilvollen Einfluß solcher von Menschen hergestellten Umgebungen ernstliche Gedanken zu machen."
Von den nicht gerade dünn gesäten Analytikern, die sich von der Medizin oder Soziologie her ähnlichen Ergebnissen nähern, unterscheidet sich Neutra nun aber dadurch, daß er der Analyse ein mindestens theoretisch brauchbares Programm zur Abhilfe folgen läßt:
Aufgabe der Architekten sei es, Wohnräume zu schaffen, die den Menschen vor möglichst vielen unangenehmen, oft unbewußten Reizen schützen. "Nur jene Mahlzeit ist unsere Mahlzeit, welche wir verdauen können", sagt Neutra, und auf sein Fach angewendet: "Alle Gegenstände unserer Umgebung können, ja müssen als Nahrung für unseren Nervenkonsum betrachtet werden. Sind sie unverdaulich, unassimilierbar, dann können sie niemals auf funktionale Weise die unseren sein."
Der Architekt soll seiner Kundschaft ein Haus bauen, das nicht nur deren individuellen Gewohnheiten angepaßt ist - Neutra verlangt zum Beispiel, daß ihm alle Familienmitglieder seines Bauherrn ein Tagebuch aushändigen, in dem sie acht Tage lang jeden ihrer Schritte registriert haben -, sondern es sollen vor allem schädliche Nervenreizungen ausgeschlossen werden. Eine Tür im Rücken des Schreibtisches zum Beispiel widerspricht der atavistischen Geborgenheitssehnsucht des Menschen, der sich jahrtausendelang in Höhlen verborgen hat. Einem unter dem Pantoffel der Hausfrau stehenden Ehemann wird Neutra listig ein Zimmerchen einräumen, das so beengt ist, daß es die Hausfrau nur selten betreten wird.
Eine Reform müßte aber, nach Neutra, bereits bei der Stadtplanung beginnen. Das Problem des Menschen sei nicht, sich - wie das Tier - seiner Umgebung anzupassen, sondern umgekehrt die "Anpassung seiner endlosen Erfindungen und technischen Neuheiten an die eigene... Natur". Dazu gehöre vor allem der Bruch mit der mittelalterlichen Tradition, Häuser direkt an den Straßen anzusiedeln. Die modernen Wohngebiete müßten von Lärm und Gestank der überlasteten Straßen möglichst weit entfernt werden.
Der kalifornische Architekt schlägt daher vor, künftig Fabriken nicht an die Stadtränder zu verweisen, sondern ins Zentrum zu legen. Sie sind dort nicht nur von allen Vororten aus bequem zu erreichen, sie blockieren dann auch nicht mehr - wie jetzt üblich - die "wünschbare Ausdehnung von Wohngebieten in die freie Natur". Eine Massierung der Produktionsstätten "entlang der Mittelachse" einer Stadt würde zum Beispiel verhindern, daß sich die Arbeiter, wie jetzt, "eingelocht" fühlen, weil sie in der Nähe der am Rande liegenden Fabriken wohnen, "etwa die Aluminium-Arbeiter hier und die Buna-Arbeiter
an der diametral entgegengesetzten Seite der Stadt".
Während durch solche Planungen die Städter vor Nervenreizungen geschützt werden sollen, deren Schädlichkeit jeder Laie sofort erkennt, kommt Neutra durch seine neurologischen Forschungen aber auch zu Resultaten, die überraschend klingen: Er plädiert zum Beispiel strikte dafür, Geh - und Fahrwege völlig voneinander zu trennen, und zwar nicht nur wegen der hohen Unfallziffern oder wegen der ungesunden Auspuffgase.
Durch das bisherige Nebeneinander des "Verkehrs auf Gummireifen und von Fußgängern", findet Neutra, werde auch "das gute und gesunde Gehen" entwertet: "Wenn der Gehende sich (von hinten) alle paar Sekunden von einem schnellen Fahrzeug überholt sieht, kann er nicht über den Ärger hinweg, daß dieses seinen Bestimmungsort... in wenigen Minuten erreichen wird, während er selbst auch in einer halben Stunde immer noch darauf zuschreiten soll."
Einstweilen können sich allerdings nur Millionäre Häuser mit "physiologischen Räumen" leisten, die möglichst viele schädliche Reizungen des komplizierten menschlichen Nervensystems ausschließen - ein "Neutra-Haus" zu bewohnen, gilt in Kalifornien als legitimer Ausweis der Zugehörigkeit zur Gesellschaft.
Dennoch glaubt der optimistische Neutra, daß eine genaue Ausforschung des "physiologischen Raumes" viele Gemeinsamkeiten ergeben wird, die es ermöglichen, eine auf Schutz vor "irritationen" gestimmten Bauweise auch bei billigeren Objekten anzuwenden.
* Richard Neutra: "Mensch und Wohnen"; 372 Abbildungen, 48 Grundrisse, 34 Handskizzen des Autors; Verlagsanstalt Alexander Koch, Stuttgart; 320 Seiten; 68 Mark.
* Richard Neutra: "Wenn wir weiterleben wollen"; Claassen Verlag; Hamburg; 462 Seiten; 19,50 Mark.
Neutra-Haus in Kalifornien: "Blick auf die Bühne von morgen"
Architekt Neutra
"Fabriken gehören in die Stadtmitte"

DER SPIEGEL 30/1956
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