25.07.1956

SCHMERZLOSE GEBURTEntbindung auf der Platte

Vierzehnhundertmal ist der wimmernde Schrei, mit dem der Knabe David Usill das Leben begrüßte, für die Nachwelt festgehalten worden: So hoch ist die Erstauflage der eigenartigsteh Schallplatte der Welt, die soeben in England auf den Markt gekommen ist. Die beiden Seiten der Langspielplatte geben akustisch die Einzelheiten einer Entbindung wieder, auf die sich die Mutter nach den Lehren des englischen Gynäkologen Dr. Grantly Dick Read (SPIEGEL 23/1955) vorbereitet hatte.
Dr. Read lehrt, daß eine seelisch und körperlich entsprechend vorbereitete Frau ohne große Schmerzen und meist ohne Betäubungsmittel niederkommen kann, ja, daß die Niederkunft der Mutter ein Hochgefühl vermittelt, um das eine Narkose sie betrügen würde.
Die Schallplatte, die bald für 28,50 Mark in den englischen Plattenläden zu kaufen sein wird, ist das Werk von Enthusiasten, die alle potentiellen Mütter von den Vorzügen der auch in Deutschland angewandten Methode überzeugen wollen. Hauptperson war die 33jährige Dillon Usill, die ihr erstes Kind erwartete und Dr. Reads Buch "Mutter werden ohne Schmerzen" gelesen hatte. Mit der Welt des Grammophons war sie durch ihren Gatten Harley verbunden, den Generaldirektor der Argo-Schallplattengesellschaft.
Die Eheleute vereinbarten mit Dr. Read, der Mrs. Usill entbinden sollte, den Geburtsvorgang auf Tonband festzuhalten. Insgesamt dauerte die Erstgeburt, die infolge des Alters der Mutter etwas schwieriger als üblich war, zwölf Stunden. Mit drei Mikrophonen wurden alle akustisch wahrnehmbaren Szenen eingefangen. Das Ergebnis war ein Tonband von sechsstündiger Spielzeit, das dann von den Schallplattenleuten auf eine Spieldauer von fünfzig Minuten zusammengeschnitten und auf Schallplatten übertragen wurde, ohne daß
- so versichert Dr. Read - irgend etwas
Wesentliches wegfiel.
Für einen Uneingeweihten klingen manche akustischen Szenen dieser Entbindung leicht schreckerregend, besonders die Atemgeräusche der Gebärenden. Was jedoch bei dieser "schmerzlosen Geburt" völlig fehlt, sind die Schmerzensschreie, die lauten Klagen, die hysterischen Ausbrüche, von denen Entbindungen oft begleitet sind.
Mrs. Usill erklärte, daß sie ihre Niederkunft - übereinstimmend mit den Thesen Dr. Reads - als Schwerarbeit, aber nicht als Schlimmeres empfunden habe. Das ihr vorsorglich angebotene Trilen-Gas hatte sie ausdrücklich abgelehnt. "Eigentlich ist es sehr friedlich", hört man sie während der Entbindung sagen.
Der akustische Höhepunkt der Schallplatte ist der Moment, in dem Dr. Read anderthalb Stunden vor dem Austritt des Kindes aus dem Mutterleib - sein Stethoskop ansetzt: Man hört die Herzschläge des noch nicht geborenen Kindes.
Immer stärker wird von da an das Interesse der Mutter für den großen Augenblick. "Können Sie schon etwas sehen?" fragt sie den Arzt. "Welche Haarfarbe hat es denn?" Sie freut sich, als sie erfährt, die Haare seien schwarz. Enttäuscht ist sie darüber, daß man ihr immer noch nicht sagen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.
Etwas später: "Es ist ein Junge!" Man hört den ersten Schrei des Knaben, und noch bevor die Entbindung vollendet ist, zeigt Dr. Read der Mutter schon ihr Neugeborenes.
Sie weint fast vor Glück. Dann hört man ihre Rufe: "Ach, wie schön er ist... Er öffnet die Augen. Seine Nase ist ja genau die von Harley!"
Die Ekstase der Seligkeit ist die ergreifendste Szene der Platte, die der Dr. Read am liebsten jeder Frau - "und vielleicht jedem jungen Mädchen vor Verlassen der Schule" - vorspielen möchte, damit sie nicht überflüssige Angst vor dem Vorgang der Entbindung empfinde.
"Viele primitive Volkerstämme im afrikanischen Busch sind bei der Entbindung viel fortschrittlicher als wir", sagte Dr. Read in der vergangenen Woche. "Die Platte wird vielleicht helfen, daß wir sie wieder einholen."
Frauenarzt Dr. Read, Mutter Dillon Usill mit Sohn David: Niederkunft vor Mikrophonen

DER SPIEGEL 30/1956
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1956
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHMERZLOSE GEBURT:
Entbindung auf der Platte

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen