24.02.1960

ABSTRAKTE KUNSTMaler unter Druck

Mit der fettgedruckten Suggestivfrage "Ist die abstrakte Kunst verurteilt?" suchte die angesehene Pariser Wochenzeitung "Arts et Spectacles" ihre Leser darauf vorzubereiten, daß die gegenstandslose Malerei in eine ernste Krise geraten sei - "in eine Krise, die auch die eifrigsten Adepten der abstrakten Kunst eingestehen".
Die Zeitung wähnte sich zu der Diagnose berechtigt, nachdem sie eine Umfrage bei Pariser Kunsthändlern veranstaltet ("Die Nachfrage nach abstrakten Werken sinkt, das Publikum ist unsicher geworden") und von etlichen Kritikern, Sammlern und sogar Auktions-Taxatoren Belege für ihre These eingeholt hatte.
Als Clou ihrer Untersuchung aber trug die Zeitung eine wissenschaftliche Enthüllung vor, die geeignet ist, dem Vorurteil von neun Zehnteln aller Bürger zu schmeicheln. "Medizinische Untersuchungen", so schrieb "Arts et Spectacles", "haben neuerdings einen bezeichnenden Zusammenhang zwischen gewissen krankhaften Zuständen der Blutgefäße, der Nerven und der ästhetischen Entwicklung zahlreicher Künstler ergeben."
Das Blatt bezog sich dabei offenkundig auf die Recherchen des 51jährigen Herz- und Gefäß-Spezialisten Dr. Elie Bontzolakis, eines aus Kreta stammenden Pariser Arztes, der bisher mehr als 70 abstrakte Maler behandelt hat. Auf einem Kardiologen-Kongreß in Royat berichtete der Mediziner über seine Untersuchungen: "Unter den Erscheinungsbildern zahlreicher Gefäß-Erkrankungen haben wir eine Form der arteriellen Hypertension (des krankhaft erhöhten Blutdrucks) isolieren können, von der hauptsächlich Patienten befallen sind, die sich mit abstrakter Malerei beschäftigen."
Dr. Bontzolakis will bei seinen Künstler-Patienten eine psychische Reizbarkeit festgestellt haben, die stets mit arteriellem Überdruck gekoppelt war - ein Umstand, der ihm ursächlich dafür zu sein schien, daß die Patienten die Abstraktion als ausschließliches künstlerisches Ausdrucksmittel wählten. Aufgrund seiner Untersuchungen folgerte der Arzt, daß es sich um eine ganz spezielle Art des arteriellen Überdrucks handeln müsse; er nannte sie "Abstract-Stress". Bontzolakis beschrieb drei Erscheinungsbilder der Krankheit:
- nervöse Überreizung, emotionelle Unruhe und Flatterhaftigkeit;
- krankhafter Juckreiz aufgrund allergischer Störungen;
- dauernde arterielle Hypertension, die zu Arterienverkalkung, Angina pectoris, Herzmuskel-Infarkt oder Gehirnschlag führen kann.
Als Exempel der "Abstract-Stress" -Erkrankung führte Dr. Bontzolakis auf medizinischen Kongressen den Fall eines 42jährigen, aus Mitteleuropa nach Frankreich zugewanderten Malers an, den er als einen "universell bekannten und hochgeschätzten Pionier der abstrakten Kunst" charakterisiert. Der Maler ("Patient H.") litt - laut Dr. Bontzolakis - an arteriellem Überdruck: "Sechs Jahre lang erhöhte sich der Blutdruck ständig ... Kein Medikament konnte ihn herabmindern."
"Patient H.", notierte sich der Arzt, "praktiziert die abstrakte Malerei seit zwanzig Jahren und hat der gegenständlichen Kunst niemals ein Zugeständnis gemacht." Diagnose: "Der ,Abstract-Stress' erscheint hier in der intensivsten und bezeichnendsten Form. Ein Schlaganfall ist bei diesem Maler früher oder später zu befürchten."
Ein anderer Bontzolakis-Patient ("G."), ehemaliger Schüler der Pariser Kunsthochschule, malte zunächst gegenständlich. In seinem Atelier sah der Arzt Stilleben, Figuren - Kompositionen, Landschaften, Porträts. Patient G. erkrankte an einer akuten Nierenentzündung und wurde drei Monate im Hospital behandelt. Dr. Bontzolakis, der ihn nach der Entlassung untersuchte, stellte zwar eine Besserung, aber keine endgültige Heilung fest; der Blutdruck blieb stark erhöht.
Der Patient begann wieder zu malen allerdings in einem Stil, dessen er sich bis dahin nicht bedient hatte. Bontzolakis: "Er hatte aufgehört, auf seiner Leinwand die sichtbare Welt darzustellen; mit Leidenschaft widmete er sich jetzt der abstrakten Kunst." Der Arzt beobachtete "ein phantastisches, unentwirrbares ,Puzzle' von Dreiecken und Kreisen, die sich in allen Richtungen kreuzen und überdecken. Die Farben werden ohne Abstufungen oder Entsprechungen grell und schreiend".
Sichtlich vergnügt setzte der Maler den Arzt in Kenntnis, daß seine "Vision nunmehr das Wesen der Dinge" erfasse. Der Mediziner hingegen vermerkte in der Krankengeschichte des Patienten: "Dieser Zustand geistiger Euphorie ist nichts Ungewöhnliches bei gewissen Hypertonikern und vor allem nicht bei Malern, die an ,Abstract-Stress' leiden... Eine tiefgreifende Veränderung der Persönlichkeit ist eingetreten."
Nicht weniger sonderbar, wenn auch - nach Ansicht des Pariser Arztes - beweiskräftig für die provokante These, daß zwischen arteriellem Überdruck und dem Hang zu, abstrakter Ausdrucksform ein Zusammenhang besteht, ist der Fall eines 57jährigen Pariser Kellners, der als Sonntagsmaler abstrakte Bilder produzierte. Er beklagte sich über Schwindelanfälle und Krämpfe in den Beinen; Röntgenaufnahmen zeigten ein vergrößertes Herz und eine erheblich erweiterte Aorta. Sein Blutdruck war stark erhöht.
Dr. Bontzolakis verschrieb dem Kellner zunächst ein Beruhigungsmittel, ein Rauwolfia-Präparat. Nach sechswöchiger Behandlung besserte sich der Zustand des Patienten, der Blutdruck sank allmählich. Gleichzeitig änderte der Patient seine Mal-Manier: Erging zum Expressionismus über. "Ich verstärkte die Dosierung des Medikaments", berichtete der Arzt nach seinen Aufzeichnungen, "drei bis vier Tabletten täglich. Nach drei weiteren Wochen ... war der Herzschlag wieder regelmäßig. Der Patient hatte den Expressionismus aufgegeben; er malte jetzt im Stil der Naiven."
Zwei Jahre später suchte der Sonntagsmaler den Arzt wieder auf. Dr. Bontzolakis notierte: "Der Patient ist kaum wiederzuerkennen; er ist erregt, verängstigt, sein Gesicht ist schmerzverzogen ... Der Blutdruck ist wieder so hoch wie zu Beginn des ,Abstract-Stress'. Der Kranke ... beschäftigt sich von neuem mit abstrakter Malerei."
Aus derartigen Beobachtungen, die er über Jahre hinweg aufzeichnete, glaubte Bontzolakis schließlich eine Art Kausalbeziehung zwischen gewissen pathologischen Zuständen und künstlerischen Ausdrucksformen ableiten zu können - eine These, die in letzter Konsequenz die gegenstandslose Kunst als Krankheitssymptom entlarven müßte. Nichtsdestoweniger wurden die absonderlichen Erkenntnisse des Dr. Bontzolakis zumindest von einigen Medizinern ernst genommen, etwa von dem Pariser Neurologen Dr. Held, der die "Abstract-Stress"-Theorie auf dem letzten internationalen Kongreß der Psychiater in Genua vortrug.
Dr. Held definierte die gegenstandslose Kunst summarisch als die Umkehrung
des Rorschach-Tests": Beim Persönlichkeitstest à la Rorschach haben die Prüflinge die Aufgabe, abstrakt-strukturlosen Formen, die wie Tintenkleckse aussehen können, einen Sinn zu unterlegen - während laut Held umgekehrt "der abstrakte Künstler durch sein Werk einen inneren Konflikt zum Ausdruck bringt, der ihm intellektuell nicht bewußt ist".
Als Parallele zu den Fällen seines Kollegen Bontzolakis führte Neurologe Held einen nicht näher identifizierten "berühmten Maler" an, der an Schüttellähmung litt. "In dem Maße, wie sich seine Krankheit verschlimmerte", berichtete der Arzt, "veränderte sich auch sein Stil. In seinen letzten Lebensjahren war er fast gelähmt. Er malte dennoch; aber diese Anstrengung kam in seinem extrem angespannten Stil zum Ausdruck." Einschränkend bemerkte der Mediziner, die von Bontzolakis registrierte Hypertension sei "nur eine Seite des Problems".
Bontzolakis selbst macht kein Hehl daraus, daß ihm die realistisch-darstellende Malweise eher zusagt als die abstrakte Kunst, die er als abwegig empfindet. Seine ästhetische Voreingenommenheit äußert sich denn auch in apodiktisch-verdammenden Urteilen über die gegenstandslose Malerei. Für Matisse, den Schöpfer des modernen dekorativen Flächenstils, bei dem das Abstrakte nur eine bedingte Rolle spielt, vermag er sich beispielsweise nicht zu erwärmen. "Womit", höhnt der Stress-Forscher, "hat sich Matisse in seinen letzten Jahren beschäftigt? Mit dem Zerschneiden von bunten Papierschnitzeln, wie Kinder."
Solche Auslassungen erleichtern es den Kritikern, die medizinischen Thesen des Dr. Bontzolakis als fragwürdige Konstruktionen einzustufen. Unstreitig ist hingegen, daß der Pariser Arzt seit vielen Jahren namhafte Künstler zu seinem Patientenkreis zählt - was vornehmlich darauf zurückzuführen sein dürfte, daß er selbst mit einer Malerin verheiratet ist: mit Colette Bonzo, die bei Pariser Kunstkritikern eine - wenn auch bescheidene - Reputation genießt. Sie malt streng gegenständlich.
Klebebild von Matisse (1952): Krankhafter Juckreiz?
Mediziner Bontzolakis, Gattin, Sohn: Arterienverkalkung?

DER SPIEGEL 9/1960
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