02.03.1960

DER TOD KOMMT MIT DER POST

Ein Mann in geheimer Mission traf
eine Woche nach dem geglückten
Staatsstreich von Algier (13. Mai 1958), aus Tanger über Madrid kommend, auf dem Frankfurter Rhein-Main -Flughafen in Deutschland ein. Nur eine Nacht verbrachte der braungebrannte Deutschbalte Georg Puchert im "Frankfurter Hof"; schon am nächsten Morgen, am 21. Mai 1958, reiste er nach Bonn weiter.
Georg Pucherts Auftrag: den Rüstungsnachschub der algerischen Rebellenarmee aus Mitteleuropa von Grund auf neu zu organisieren. Denn nicht nur für Frankreich bedeutete der Sturz der IV. Republik infolge des Mai -Putsches eine geschichtliche Wendemarke - auch für die Streitkräfte der algerischen "Nationalen Befreiungsfront" (FLN) hatte sich eine neue Kriegslage ergeben:
- Frankreichs Armee in Algerien
kämpfte mit erhöhter Energie und glaubte wieder an ihren Endsieg unter General de Gaulle;
- Frankreichs Terroristen in Nordafrika,
die am Mai-Putsch führend beteiligt waren, sahen sich von der lästigen Aufgabe befreit, gegen Pariser Verzichtpolitiker und schlappe Generäle Mordanschläge zu arrangieren und konnten ihre Terror -Aktionen auf den Kampf gegen die FLN konzentrieren;
- die Waffenlieferanten der FLN -Armee nutzten die wachsenden Schwierigkeiten der Aufständischen aus und ließen sich ihr eigenes erhöhtes Risiko mit Wucherpreisen bezahlen.
Besonders kritisch war die Versorgungslage für die FLN-Einheiten im westalgerischen Grenzgebiet geworden: Die beiden Nachschubwege waren praktisch versperrt. Im Westen blokkierten Frankreichs Zerstörer unter Verletzung des internationalen Seerechts die marokkanischen Häfen gegen alle Waffentransporte. Der Nachschub von Osten her, aus Tunesien und Libyen, führte über endlose Pisten quer durch die Weite der Sahara; jede Karawane war hier das sichere Ziel französischer Jagdbomber.
Diese prekäre Lage in dem selbständigen Operationsgebiet "Wilaja V", dem Militärbezirk an der marokkanischen Grenze, führte zu der Entsendung Georg Pucherts in die Bundesrepublik.
Seine Mission war auf einem Kriegsrat der FLN-Führung im Hotel "Tour Hassan" der marokkanischen Hauptstadt Rabat beschlossen worden. Der starke Mann der Rebellenregierung Krim Belkassim sagte damals zu Georg Puchert: "Sie kennen die Lage, Sie haben alle Vollmachten, jetzt sorgen Sie für raschen, reibungslosen Nachschub. Sie sind dafür der richtige Mann."
Daß der Baltendeutsche Georg Puchert in den Augen des mächtigen Kabylen Krim Belkassim - einst im Zweiten Weltkrieg Kompanieschreiber in der französischen Armee, heute Kriegsminister der seit über fünf Jahren gegen Frankreich kämpfenden Algerier - der "richtige Mann" war, liegt im letzten Jahrzehnt seines bewegten Lebens begründet.
Puchert, der einer baltendeutschen Kaufmannsfamilie aus Libau entstammt, in zweiter Ehe mit einer Verwandten gleichen Familiennamens verheiratet war und im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Kriegsmarine diente, hatte sich 1948 kurz nach der Währungsreform mit Frau und Tochter Marina auf einem seetüchtigen Kutter nach Tanger eingeschifft.
Die Freiheit von Zoll, Steuer, Gewerbeaufsicht und Devisenvorschriften in dem Marokko vorgelagerten, damals internationalen Hafen ermöglichten ihm, mit der Zeit eine angesehene Ex- und Importfirma aufzubauen, deren finanzielle Grundlage - entsprechend dort gesellschaftsfähigem Lokalbrauch - ein schwunghafter Zigarettenschmuggel nach Spanien und Italien war. Die von Puchert bevorzugte US-Marke wurde zu seinem Spitznamen: Captain Morris.
Nach Ausbruch des marokkanischen Unabhängigkeitskampfes 1953 begann Captain Morris mit ungleich heißerer Ware zu handeln: mit Waffen und Munition, TNT-Sprengstoff und Panzerfäusten für die Rebellen Marokkos.
Die Geschäfte florierten. Für 1000 Dollar beschaffte sich Puchert ein Hochseekapitänspatent aus der mittelamerikanischen Republik Costa Rica, und auch seine Kutter, die romantische Namen trugen wie "Bruja Roja" (Rote Hexe), "Sirocco", "Wild Dove", "Thyphoon" und "Flor de Lis", fuhren unter der Flagge des Zwergstaats aus dem Hinterhof Amerikas. Sie waren in Puerto Limón registriert, einem winzigen costaricanischen Fischereihafen an der Karibischen See, den sie nie angelaufen hatten.
Georg Puchert, dessen Schiffe das ganze Mittelmeer durchkreuzten und den Atlantik bis hinunter zum Golf von Guinea befuhren, wurde zum wichtigsten Waffenlieferanten der marokkanischen Rebellion. Es war für ihn nicht nur Geschäft; es war zugleich seine private Rache an Frankreich, dessen Beamte in der internationalen Polizei von Tanger den Deutschen jahrelang gezwungen hatten, mit seiner Familie auf einem Kutter zu wohnen.
Die französische Abwehr revanchierte sich ihrerseits mit der Behauptung, der baltendeutsche Inhaber der Firma "Astramar" in Tangers Rue Erasme, der offiziell Langusten-, Thunfisch- und Anchovis-Fang betrieb und inoffiziell Morris-Zigaretten schmuggelte, sei ein Spitzenagent des sowjetischen Spionagedienstes.
Für diese Behauptung, die wohl geeignet sein konnte, Puchert bei seinen marokkanischen Rebellen - Freunden völlig zu kompromittieren, wurden weder den Marokkanern noch dem deutschen Verfassungsschutz - der sich später dafür interessierte - jemals Beweise vorgelegt. Sie wurde daher nicht geglaubt.
Angesichts dieses Mißerfolgs entschloß sich die französische Abwehr 1957 zur direkten Aktion gegen Puchert. Im Sommer jenes Jahres flogen auf der Reede von Tanger kurz nacheinander zwei seiner Kutter in die Luft. Haftladungen an den Schiffsrümpfen hatten die "Rote Hexe" und die "Sirocco" zerrissen.
Die Attentate ketteten Puchert nur noch enger an den nordafrikanischen Unabhängigkeitskampf. Als Marokko 1956 selbständig wurde und der inzwischen entflammte Aufstand in Algerien auf seinem Höhepunkt stand, war aus Marokkos Captain Morris der Nachschub-Führer Puchert des westalgerischen FLN-Unabhängigkeitskampfes geworden. Herkunft, Schicksal und Erfahrung ließen Georg Puchert im Mai 1958 zum "richtigen Mann" für die Reorganisation des algerischen Waffennachschubs aus Europa werden. Es war ein Himmelfahrtskommando.
Georg Puchert konnte sich über das Risiko seines Auftrags keinen Illusionen hingeben. Eine seiner ersten Kontakt -Adressen war die Firma "Otto Schlüter GmbH" in Hamburg, auf deren Inhaber Otto Schlüter unbekannte Täter bereits zwei Mordanschläge verübt hatten.
Der gefährlich lebende Herr Schlüter war im selben Währungsreform-Jahr 1948, als das Schicksal Georg Puchert nach Tanger verschlug, aus dem ostzonalen Rostock kommend, im holsteinischen Kreis Lauenburg aufgetaucht. Dort hatte der Büchsenmacher auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsfabrik Mölln eine Halle gepachtet und seine Firma "Hubertus-Metallwerke" eröffnet. 30 Arbeiter fabrizierten in dieser Sportwaffenfabrik Handfesseln, Armbrüste und Luftgewehre, bis Otto Schlüter 1954 Konkurs anmelden mußte; ein Verfahren wegen Betrugs und betrügerischen Bankrotts in Höhe von 360 000 Mark aus der damaligen Zeit läuft heute noch.
Mit Lizenz des Hamburger Amts für Wirtschaft und Verkehr eröffnete Schlüter bald darauf in der Hansestadt die "Otto Schlüter GmbH". Diese Firma florierte lautlos, bis ihre Geschäftsräume in Hamburgs Osterbekstr. 43-45 am 28. September 1956 um 19.18 Uhr von einer Detonation erschüttert wurden: Eine Fünf-Kilo-Bombe mit Säure -Zeitzünder war, als Feuerlöscher getarnt, im Vorraum zur Toilette angebracht worden. Im unmittelbar angrenzenden Zimmer konferierten zur Zeit der Explosion der Firmeninhaber Otto Schlüter, dessen Mutter und drei Geschäftsfreunde. Schlüter wurde leicht; seine Mutter schwer verwundet; der Geschäftsfreund Wilhelm Lorenzen, 62, erlag wenig später in einem Hamburger Krankenhaus seinen Verletzungen.
Als die Explosion in seiner Firma, die in einem Wohnhaus untergebracht war, öffentliche Besorgnis erregte, bagatellisierte Schlüter: "Ich habe nur mit Jagdwaffen gehandelt."
Wer mit Schlüters Waffen jagte, konnte mit Sicherheit ein großes Halali blasen. In Auszügen aus seinen Geschäftsbriefen spiegelte sich Otto Schlüters "Jagdwaffen-Handel" noch nach dem ersten Attentat so wider:
- In zwei Schreiben an das Bankhaus Martin Friedburg und Co., Hamburg 1, Mönckebergstraße 22, offerierte Otto Schlüter zwischen "Sehr geehrte Herren" und "vorzüglicher Hochachtung" am 8. November 1956 Maschinengewehre des Typs MG-42 zum Stückpreis von 260 Dollar und 200 Maschinenpistolen (9 mm Parabelium) aus finnischer, schwedischer und belgischer Produktion zum Stückpreis von 34 Dollar.
- In zwei Rechnungen "nach den Instruktionen des Herrn El Gharbi"
forderte Otto Schlüter am 6. Mai 1957 für Handgranaten, Maschinengewehre, Mausergewehre und Patronen von dem "Chef der nationalen Gendarmerie von Tunesien" 44 011,50 Dollar und von der "Direktion des nationalen marokkanischen Sicherheitsdienstes, Tanger" 23 900 Dollar.
- Im März 1957 bot Otto Schlüter tunesischen Behörden seinen größten Posten an: elf Millionen Patronen und 3300 Karabiner und Maschinenpistolen für 3,3 Millionen Mark.
Als Verbindungsleute zwischen Otto Schlüter und den algerischen Rebellen fungierten zeitweise der etwa 50jährige Ahmed Bioud aus Kairo mit einem französischen Paß, Generalvertreter der "Africa Asia Trading Company" (Los Angeles) in Libyen, und der 1914 in Colorado (USA) zur Welt gekommene Ahmed Kamal. Beide sorgten dafür, daß die über die Schweiz an die tunesische Gendarmerie, an die marokkanische "Sureté" oder an die Zweigstelle der "Africa Asia Trading Co." in Tripolis gelieferten Waffen des Otto Schlüter ihren Weg in die Gebirge und Eingeborenenviertel Algeriens fanden.
So geartete geschäftliche Betriebsamkeit Otto Schlüters hatte ihm außer dem Bombenattentat im September 1956 auch eine drastische Warnung eingetragen: Er erhielt per Post eine etwa zehn Zentimeter lange Sarg-Attrappe, in der ein menschliches Miniatur-Skelett lag.
Otto Schlüter schlug alle Drohungen in den Wind - die Folgen zeigten sich am Morgen des 3. Juni 1957. Kurz nach acht Uhr detonierte vor den Augen seiner Tochter Ingeborg unter dem Mercedes 220 des Waffenhändlers eine Haftladung. Schlüter hatte zusammen mit seiner Mutter in dem wie stets am Bürgersteig gegenüber seiner Wohnung in }Hamburg-Eppendorf, Loogestieg 10, abgestellten Wagen (Kennzeichen HH KM 437) Platz genommen und war gerade angefahren. Diesmal wurde die Mutter tödlich, Tochter Ingeborg leicht verletzt; Schlüter kam abermals fast unversehrt davon.
Die Täter der beiden Anschläge gegen Otto Schlüter wurden nie gefaßt. Obgleich die untersuchende Hamburger Kriminalpolizei aufgrund der Geschäfte Otto Schlüters mögliche Zusammenhänge zwischen den Bomben in Hamburg und dem Aufstand in Algerien witterte, verloren sich bald alle Spuren im nordafrikanischen Wüstensand.
Als Georg Puchert im Frühsommer 1958 in Hamburg eintraf, fand er einen zweimal davongekommenen Otto Schlüter vor, der zwar nachts nur noch mit einem Remington-Schnellfeuergewehr zu Bett ging, aber unentwegt zu neuen Geschäften bereit war.
Über Otto Schlüters Bankhaus Martin Friedburg & Co. erhielt Puchert die symbolträchtige Adresse des am Kugelfang 22 residierenden Hamburger Kaufmanns Niels Erik Wilhelmsen und vergab den ersten Großauftrag: 40 Tonnen TNT aus Dänemark.
Diese Lieferung, von der außer dem Einkäufer und seinem Anwalt nur die unmittelbar Beteiligten wußten, war an die französische Abwehr schon verraten, noch ehe das Transportschiff "Granita" die Anker gelichtet hatte. Es wurde vor der marokkanischen Küste von französischen Zerstörern aufgebracht.
Mit solchen Rückschlägen mußte Georg Puchert rechnen. Gegenspionage und Blockade zur Verhinderung von Waffennachschub über See gehören zu den wichtigsten Kampfmitteln Frankreichs im Algerien-Krieg.
Wöchentlich wurden seit 1957 von der französischen Marine bis zu 60 Schiffe, Kutter und Schaluppen aufgebracht, die vom Geheimdienst verdächtigt wurden, Waffen an Bord zu haben.
Zuweilen war es ein Schlag ins Wasser - wie im Herbst 1959 die Aufbringung der deutschen "Bilbao" vor Cherbourg; zuweilen war ein besonders fetter Bissen darunter, der Frankreichs Diplomatie schwer im Magen lag - wie 1958 die Aufbringung der "Athos II" vor der algerischen Küste.
Die Affäre der "Athos II" wird noch heute von algerischen Rebellen und dem französischen Generalstab mit gleicher Sorgfalt geheimgehalten, um internationale Weiterungen zu vermeiden:
Das Schiff war eine schwimmende Ausbildungsstätte für Froschmänner und Führer von Ein-Mann-Torpedos. Italienische Fachleute, die im Zweiten Weltkrieg diese Marinewaffen gebaut und ihren Einsatz überwacht hatten, sollten auf der "Athos II" eine Reihe ausgesuchter Freiwilliger der algerischen Rebellenarmee ausbilden.
Der Verrat der "Athos II" und ihre anschließende Aufbringung bedeuteten einen schweren Verlust für die Rebellen, die von dem Schiff aus sowohl Überraschungsangriffe auf die Häfen von Algier und Biserta führen als auch ihren Küstenstützpunkt Collo (Ostalgerien) versorgen wollten.
Wo die französische Marine nicht zuschlagen konnte, bediente sich Frankreichs Abwehr jener Kräfte, die schon in Nordafrika auf eigene Faust Mord - und Sabotage-Aktionen gegen algerische Rebellen und gegen Defätisten im eigenen Lager durchgeführt hatten.
Am 1. Oktober 1958 wurde das im Hamburger Hafen liegende Motorschiff "Atlas" mittels einer Sprengladung auf Grund gesetzt; fast gleichzeitig explodierte auf der Reede von Ostende der ägyptische Dampfer "Alkahira". Beide sollten Waffen für Algerien an Bord nehmen.
Polizeiliche Ermittlungen ergaben, daß sowohl die "Atlas" als auch die "Alkahira" in Antwerpen von Froschmännern mit Zeitzünder-Haftminen versehen worden waren.
Allein, Georg Puchert, der den algerischen Nachschub neu organisieren, die Preise drücken und die Waffen - wenn möglich - standardisieren sollte, hatte bei seinem gefahrvollen Auftrag nicht nur die französische Abwehr und deren Terrorgehilfen zu Gegnern, sondern auch neidische
Waffenhändler, denen er die Preise verdarb.
Puchert hängte alte Lieferanten ab, nahm Kontakt zu neuen Waffenhändlern auf und
verschärfte die Lieferbedingungen. Seine wichtigsten Treffen fanden in den großen Hotels von Frankfurt, Bad Godesberg, Köln, Hamburg und München statt. Daneben machte er einige Abstecher ins Ausland, nach Wien, nach Zürich und nach Kopenhagen.
Am 16. Juni 1958 traf Puchert im Rheinhotel "Dreesen" in Bad Godesberg, unmittelbar neben der Französischen Botschaft gelegen, die Bonner Vertreter eines belgischen Waffenkonzerns, Dr. Erwin Muermann und Hans -Joachim Seidenschnur.
Während sich Dr. Muermann, einst Reichsministerialbeamter in Berlin, betont zurückhaltend verhielt, hatte der hochgewachsene, sonnengebräunte Seidenschnur
gleich ein Millionengeschäft in der Nase.
Wie erbittert die damaligen Verhandlungen geführt wurden, geht daraus hervor, daß Puchert später behauptete, Seidenschnur habe ihm vorgeschlagen, ein fingiertes Millionengeschäft abzuschließen. Puchert
ging jedoch auf verfängliche Vorschläge nicht ein, sondern bestand darauf, daß alle Ware erst sieben Tage nach Anlieferung bezahlt würde, was Gelegenheit zur gründlichen Prüfung bot.
Zur Auflockerung der Atmosphäre lockte Seidenschnur darum unter einem harmlosen Vorwand seine scharmante, längst von ihm getrennt lebende und inzwischen glücklich geschiedene Ehefrau aus Frankfurt am Main zur Waffenhändler-Konferenz in das Hotel "Dreesen". Dieses Manöver erwies sich als Bumerang. Georg Puchert fand an Frau Els Seidenschnur zwar Gefallen, aber sie auch an ihm. Im Gästeregister
des Hamburger Hotels "Atlantic" an der Außenalster ist die Gegenseitigkeit der Zuneigung Dokument geworden. Bei Übernachtungen in diesem Hotel gab Puchert noch im Juli 1958 als Adresse das Hotel "Majestic", Casablanca, an; am 2. Oktober 1958 schrieb er in die Wohnsitz-Spalte: "Frankfurt, Lindenstraße 3" - die Adresse des Appartements von Frau Els Seidenschnur.
Der doppelt-geschäftlich und privat - gescheiterte Waffenhändler Seidenschnur revanchierte sich mit einer Denunziation. An die Frankfurter Kriminalpolizei, die Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts, die Marokkanische Botschaft in Bonn und andere interessierte Stellen versandte er Schreiben, in denen er detailliert über Pucherts Geschäfte berichtete:
"Georg Puchert, auch Morris genannt, wohnhaft Tanger/Marokko, 7 Rue Vermeer, verheiratet, ein Kind... beschäftigte sich im Laufe der letzten Jahre mit Tabakschmuggel von Tanger über Malta nach Italien. Er besorgte auch Waffen und Munition für die algerischen Aufständischen ...
"Seit Ende Juli 1958 befindet sich Puchert alias Morris in Deutschland*. Bis dahin war er... Waffen- und Munitionsaufkäufer für die FLN in Südeuropa gewesen, von jetzt an war er dasselbe in Deutschland.
"Puchert ... unterhält seit seiner Ankunft in Deutschland Beziehungen zu dem Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter... Puchert alias Morris kauft überall, wo er Ware erhält, folgendes zu folgenden Preisen: Pistolen, 9 mm, Verkaufspreis an die FLN 40 US-Dollar; Munition, 9 mm, je 1000 Schuß 65 US-Dollar. Er hat ferner Angebote eingeholt für Phosphor-Patronen, für Signalpistolen, Sprengkapseln mit und ohne elektrische Zünder, Zündschnüre, Handgranaten aller Art und sonstiges Sprengmaterial.
"Das von Puchert . . . aufgekaufte Material wird abgeliefert an die in Deutschland tätige Sondergruppe der FLN ...
"Puchert hat angegeben, es sei ihm gelungen, eine deutsche Firma zu finden, die unter Umgehung von Zoll- und Grenzpolizei belgische Maschinenpistolen nach Deutschland bringt, zu einem Preis von 42 US-Dollar das Stück."
Solche Angaben Seidenschnurs - der inzwischen in Westberlin als Versicherungsagent tätig ist - erschienen der deutschen Kriminalpolizei nicht gravierend genug, um ein Eingreifen zu rechtfertigen.
Ein Denunziations-Exemplar gelangte in die Hände der französischen Abwehr. Auch dort wurde es zu den Akten gelegt. Denn der französische Geheimdienst bereitete in diesem Herbst (1958) bereits eine Aktion gegen Puchert vor.
Georg Puchert, ein Geschäftsfreund namens Helmuth Müller aus Frankfurt und der in Deutschland tätige norwegische Waffenhändler Lie erhielten dringende Warnungen, ihre Geschäfte mit der algerischen Rebellenarmee aufzugeben. Die Warnungen stammten von der französischen Abwehr. Ihr Übermittler war der Oberst im französischen Geheimdienst Marcel Mercier, der damals unter einem Decknamen westdeutsche Großstädte bereiste und alle wichtigen Waffenlieferanten der Algerier kontaktierte.
Der elegante Oberst Marcel Mercier - Manieren eines Weltmanns, Schultern eines Catchers - kann auf eine Vergangenheit zurückblicken, die den Waffenhändler-Schicksalen hinsichtlich abenteuerlicher Affären in nichts nachsteht.
Als Mitglied der französischen Resistance und in der Rolle eines Kellners hatte er sich seine Spionage-Sporen in der Kollaborations-Hauptstadt Vichy verdient. In die Hände der Gestapo gefallen, überstand er tapfer alle "verschärften Verhöre" von Himmlers Schergen, ohne irgendeinen Mitkämpfer aus dem Maquis preiszugeben.
Nach Kriegsende in den französischen Geheimdienst übernommen, wurde der Oberst zum Experten für die Bekämpfung kommunistischer Subversion und arabischer Nationalisten.
Im Juni 1952 verließ der Geheimdienst-Oberst Marcel Mercier erstmals das Zwielicht der Untergrund-Arbeit und tauchte - als Handelsattaché getarnt - bei der französischen Botschaft in Bern auf. Denn die Schweiz war in jenen Jahren zur Drehscheibe sowohl kommunistischer Subversion als auch arabischer Unabhängigkeitsbestrebungen geworden.
Hier leistete Marcel Mercier exzellente Arbeit. Er erwarb die Freundschaft des Schweizer Bundesanwalts Dr. Rene Dubois, des höchsten Sicherheitsbeamten der Eidgenossenschaft. Bei ihm erreichte Mercier 1956 die Verhaftung und Ausweisung eines Moulai Merbah, der in der Schweiz als Generalsekretär des "Mouvement National Algerien", einer Konkurrenzorganisation der FLN, lebte. Mit Merbah wurde auch der FLN-Waffeneinkäufer Abd el-Kader Noassri ausgewiesen, der später in Frankfurt Mitarbeiter Pucherts war.
Auf dem Höhepunkt der Suez-Krise, im November 1956, reiste Marcel Mercier mit Bundesanwalt René Dubois nach Paris, um ihn "mit den technischen Einrichtungen des französischen Nachrichtendienstes vertraut" zu machen.
Mit einem Schuß aus einer Armeepistole setzte an einem Sonntagmorgen im März des nächsten Jahres, 1957, der Bundesanwalt René Dubois, 48, auf dem Dachboden seiner Wohnung in der Berner Schloßhaldenstraße seinem Leben ein Ende: Es war herausgekommen, daß in seinem Auftrag der einige Zeit zuvor verhaftete Inspektor der Schweizer Bundespolizei Max Ulrich alle Gespräche zwischen Kairo und der Ägyptischen Botschaft in Bern abgehört und deren Inhalt an den französischen Geheimdienst-Obersten Marcel Mercier weitergegeben hatte.
Neben der Selbstmordwaffe des Bundesanwalts lag eine Nachricht für seine Frau: "Verzeih, ich bin unschuldig." Der schuldige Oberst Mercier wurde kurz darauf von der Schweizer Regierung ausgewiesen.
Marcel Merciers neues Tätigkeitsfeld waren die Bundesrepublik und Westberlin. Schon von der Schweiz aus hatte er Beziehungen zum Hauptquartier des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes unter General Gehlen angeknüpft. Die gemeinsame antibolschewistische Arbeit verband den ehemaligen französischen Widerstandskämpfer und den ehemaligen Chef der Abwehr-Abteilung "Fremde Heere Ost" in Hitlers Wehrmacht.
Diese Verbindung besteht auch heute noch. Mercier, bis Ende 1958 dem französischen Stadtkommandanten von Berlin offiziell als Bolschewisten-Bekämpfer attachiert, besuchte den General Gehlen zuletzt Ende November 1959 in München; andere Kontaktgespräche führte er mit einem Hamburger Verbindungsmann des Bundesnachrichtendienstes.
Oberst Marcel Mercier, der im Winter 1958/59 unter dem Decknamen Jean-Paul Mesmer durch Deutschland reiste, hat sich in wischen für die Saison 1959/60 zwei neue französische Pässe für seine Rosen durch die Bundesrepublik zugelegt. Sie sind ausgestellt auf die Namen:
- Jean Rousseau und
- Jean Walleck.
Ließen es die vielfältigen Verdienste und Verbindungen des Geheimdienst -Obersten Mercier schon verständlich genug erscheinen, daß die Kaufleute Puchert, Müller (Frankfurt am Main), Lie (Norwegen) und Konsorten beunruhigt waren, als sie im Herbst 1958 von Mercier aufgefordert wurden, ihre Geschäfte mit Algerien gegen angemessene Entschädigung aus dem französischen Staatshaushalt aufzugeben, so trug ein anderes Ereignis jenes Herbstes dazu bei, zumindest bei einem der gewarnten Waffenhändler die Nervosität in blanke Furcht zu verwandeln.
Am 5. November 1958 wird der Chef der halboffiziellen Bonner FLN-Vertretung, der 27jährige Rechtsanwalt Ait Ahcene aus dem algerischen Constantine, am hellichten Tag in Bonn nach Chicagoer Gangsterart über den Haufen geschossen.
Wenige Tage vor dem Attentat, am 31. Oktober, ist Oberst Marcel Mercier zuletzt in Bonn von einem französischen Lobbyisten für "Mirage"-Jagdbomber gesichtet worden. Am selben Tag fühlt sich Ait Ahcene auch im Bonner Hansa -Café intensiv von zwei Männern fixiert, in denen er später seine Attentäter wiederzuerkennen glaubte.
Fünf Tage nach Merciers Eintreffen und Ait Ahcenes Erlebnis im Hansa -Café fährt am Morgen des Attentatstages der FLN-Delegierte vor der Wohnung seiner reizvollen Sekretärin, der 24jährigen Studentin Fadelia Sahavoni, am Bonner Rosenplatz vor. Während die zwei Tage zuvor in Paris getraute Fadelia oben noch eine Tasse Kaffee herunterstürzt, hockt ihr Chef unten ungeduldig in seinem Peugeot 203.
Es soll sein letzter Tag in Bonn sein. Bereits morgen will Ait Ahcene, der schon 1957 mit einem Bevollmächtigten des damaligen französischen Ministerpräsideniten Bourgès-Maunoury verhandelt hat, nach Tunis abreisen, als Staatssekretär
in die dort residierende algerische Exilregierung eintreten und mit Kurieren de Gaulles Geheimverhandlungen über einen möglichen Waffenstillstand führen.
Die französischen Terroristen, für die jede Verhandlung mit den Rebellen schon Verrat bedeutet, haben von dem geplanten Unternehmen Wind bekommen. In einem dunkelgrünen Mercedes 180 wartet schon ein Mordkommando am Bonner Rosenplatz. Doch die Attentäter verschmähen die Gelegenheit, den FLN -Funktionär in dieser stillen Seitenstraße buchstäblich todsicher zu liquidieren. Sie planen etwas Besseres.
Fadelia tritt aus dem Haus, steigt zu ihrem Chef Ait Ahcene, der Peugeot 203 fährt los, gefolgt von dem dunkelgrünen Mercedes 180. Auf der Koblenzer Straße, an der Bundeskanzler-Palais und Auswärtiges Amt liegen, klemmt sich ein VW mit belgischem Kennzeichen vor den Peugeot. Ait Ahcene hupt und blinkt. Doch der VW macht keinen Platz. Mühelos kann der Mercedes Anschluß halten.
Ait Ahcenes Ziel ist die Tunesische Botschaft an der Verbindungsstraße zwischen Bonn und Bad Godesberg, im Volksmund Diplomaten-Rennbahn genannt. Er will dort seinen Abschiedsbesuch machen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Als sein Peugeot in die Botschaftseinfahrt einbiegt, zerbirst die rechte hintere Scheibe unter einer MP -Garbe aus dem vorbeirollenden Mercedes.
Die Schüsse sind gut gezielt. Zwei Kugeln treffen Ait Ahcenes Hals, eine dritte durchschlägt seinen Kiefer. Der Algerier sackt auf den Schoß seiner unverletzt gebliebenen Begleiterin. Führerlos prallt der Peugeot gegen die Mauer des Botschaftsgebäudes.
Auch in übertragener Bedeutung haben die Schüsse gesessen. Die geplanten Waffenstillstandsverhandlungen sind zumindest hinausgeschoben. Ein von der Bundesrepublik trotz französischer Einwände in Aussicht gestellter 150-Millionen-Kredit für Tunesien ist plötzlich wieder gefährdet, da das Attentat vor dem Botschaftstor zu beweisen scheint, daß sich der nordafrikanische Staat offenbar doch nicht aus dem algerischen Aufstand gegen den französischen Nato-Verbündeten Deutschlands heraushalten kann.
Außerdem bilden die nun einsetzenden Untersuchungen den Auftakt zu behördlichen Kontrollmaßnahmen gegen rund 4000 bis dahin unbelästigt gebliebene Algerier, die in der Bundesrepublik vor dem Bürgerkrieg Asyl gesucht haben.
Die polizeilichen Ermittlungen lassen sich diesmal höchst erfolgversprechend an. Ein Milchhändler hatte die Nummer des grünen Mercedes notiert. Ihm war der Wagen aufgefallen, da er an den Vortagen wieder und wieder vor der Tunesischen Botschaft auf und ab gefahren war.
Innerhalb weniger Stunden stellt der Bonner Hauptkommissar Heuchert vom 14. (politischen) Kommissariat fest, daß nach dem Mercedes aufgrund einer Anzeige des Besitzers - eines Frankfurter Autoverleihers - schon seit zwei Tagen gefahndet wird. Der Autoverleiher hatte das Fahrzeug am 30. Oktober für vier Tage an einen Ausländer vermietet, aber nicht fristgemäß zurückerhalten.
Der Mieter hatte einen Internationalen Führerschein auf den Namen Ben Ali Mahdani vorgelegt, geboren in Algerien, wohnhaft in Paris.
Auf eine Anfrage bei Interpol (Zentralarchiv der Internationalen Kommission der Kriminalpolizei) in Paris wird dem Hauptkommissar Heuchert mitgeteilt, die Papiere des Algeriers Ben Ali Mahdani seien gefälscht, der Name sei erfunden. Bald darauf lehnt Interpol unter berechtigtem Hinweis auf ihre Statuten jede weitere Mitarbeit ab: Der Fall sei politisch, Interpol daher nicht zuständig. Nur durch einen Zufall stößt
die deutsche Kriminalpolizei einige Zeit später noch einmal auf die scheinbar ergebnislose Spur: Bei einem Routinebesuch in Paris benutzt der stellvertretende Präsident des Bundeskriminalamts, Regierungskriminaldirektor Dikkopf, die Gelegenheit, in den Akten der "Sureté" überraschend und ohne Einschaltung höherer Stellen nach dem angeblich nicht existierenden Ben Ali Mahdani zu forschen.
Trotz der Pariser Dienstmeldung, der Name sei erfunden, findet Regierungskriminaldirektor Dickopf, was er sucht: Ben Ali Mahdani ist in den Archiven der Sureté als Mitglied des "Mouvement National Algerien" (MNA) ausgewiesen, der algerischen Rivalen-Organisation der FLN.
Kaum hat Dickopf in Paris die MNA -Spur im Mordfall Ait Ahcene entdeckt, da türmen sich neue Hindernisse auf: Entgegen den internationalen Gepflogenheiten weigert sich die Sureté, dem hohen deutschen Kriminalbeamten ein Photo des Tatverdächtigen zur Verfügung zu stellen.
Vier Tage nach dem Attentat auf den FLN-Delegierten Ait Ahcene, der im folgenden Frühjahr nach langem Krankenhausaufenthalt in Tunis stirbt, sitzt am 9. November 1958 im fashionablen Bonner Hotel "Königshof" ein athletischer Mann beim Cognac: Geheimdienst -Oberst Mercier.
Marcel Mercier kann mit der Entwicklung der Dinge zufrieden sein. Seine Warnungen an die Waffenlieferanten der algerischen Rebellen - Puchert, Müller und Lie - haben nach dem Mord an Ait Ahcene einen sichtbaren Erfolg gezeitigt:
Der norwegische Waffenhändler Lie hat eingewilligt, im Dezember 1958 zu einem Treff mit einem Agenten des französischen Geheimdienstes nach Paris zu kommen, um seinen Rückzug aus dem Algerien-Geschäft zu besprechen. Nur der vorgeschlagene Treffpunkt, das Pariser Hotel "George V.", erscheint ihm zu riskant. Er bittet um Verlegung des Rendezvous in die neutrale Schweiz, nach Genf oder Zürich.
Unvorsichtigerweise unterrichtet Lie seinen Geschäftsfreund Puchert von der geplanten Verabredung. Puchert gelingt es, von Lie die Pariser Telephonnummer zu, erfahren, die Lie von Mercier genannt worden war: Maillot 9181. Oberst Mercier ist in diesem Fall unter dem Decknamen Jean-Paul Mesmer aufgetreten
Während Lie in die Schweiz fährt, spielt ihm Puchert einen bösen Schabernack: Er ruft die Pariser Nummer an und teilt "im Auftrag von Herrn Lie" mit daß dieser verhindert sei, zu kommen
In der Schweiz wartet Lie daher vergebens auf den Agenten der französischen Abwehr Seine Nervosität steigert sich: Ist es schon zu spät zum Absprung? Erst noch seiner Rückkehr erfährt er vom grinsenden Puchert die Wahrheit.
Pucherts Verzögerungsmanöver bleibt ohne Erfolg. Lie ist entschlossen, auszusteigen. Ohne Puchert diesmal zu informieren setzt er sich wieder mit Paris in Verbindung, verrät Pucherts Trick, trifft sich mit Merciers Abgesandten im "Schweizer Hof" in Zürich und zieht sich bald darauf in eine Traumvilla im Tessin zurück, die "Casa Olivetti".
Sein Ruhestand ist aber nur von kurzer Dauer. Ende 1959 wird er aus der Schweiz ausgewiesen; heute ist er wieder in Frankfurt tätig, im alten Metier.
Im Gegensatz zu seinem Lieferanten Lie verlor Georg Puchert im Herbst 1958 die Nerven nicht. Trotz Verrat, Drohungen und Attentaten waren seine Nachschub-Geschäfte gut angelaufen, und er dachte nicht daran, sie aufzugeben und sich von den Franzosen abfinden zu lassen
Auch sein erstes und einziges Rencontre mit der deutschen Polizei war reibungslos
verlaufen. Vier Tage nach dem November-Anschlag auf den FLN-Delegierten Ait Ahcene in Bonn - am selben 9. November, an dem der Colonel Mercier im Bonner "Königshof" so selbstzufrieden cocktailte - hatte der Tankwart einer Bonner Garage beim Waschen von Pucherts sandgrauem Mercedes mit der Zollnummer 140 Z 32-74 in der Türtasche einen geladenen Revolver aufgestöbert und die Polizei unterrichtet.
Der Waffengroßhändler, der keinen Waffenschein besaß, wurde von Hauptkommissar Heuchert vorgeladen und mit einer Ordnungsstrafe von 50 Mark wieder entlassen. Puchert ersetzte daraufhin
den von der Polizei beschlagnahmten Revolver durch eine Maschinenpistole, die er fortan in einer Aktentasche bei sich trug.
Am Abend des 6. Dezember 1958 läßt Puchert ausnahmsweise Vorsicht und Maschinenpistole zu Haus. An diesem Abend unternimmt er mit Frau und Tochter seines abgehalfterten Geschäftspartners Seidenschnur einen vorweihnachtlichen Schaufensterbummel durch die Frankfurter Innenstadt.
Sie haben die Westend-Wohnung in der Lindenstraße erst wenige Schritte hinter sich gelassen, da lösen sich aus dem Schatten eines Hauseingangs zwei Gestalten, und Sekunden später spürt Puchert die kalte Schnauze einer Automatic im Genick.
"Geh schon vor, ich komme gleich nach", flüstert der Waffenhändler seiner Begleiterin zu. Die Dame im Naturpersianer und ihre Tochter folgen der Anweisung widerspruchslos.
Mit steifem Genick sucht Puchert seine Advents-Bekanntschaft zu fixieren: Der eine ist unsichtbar; nur die Revolvermündung zwischen Hemdkragen und Haaransatz verrät seine Anwesenheit. Der andere, ein mittelgroßer, vierschrötiger Geselle, von dessen rechtem Jochbein sich eine Messernarbe fast bis zum Mundwinkel hinzieht, hat unterdessen vor Puchert Aufstellung genommen.
"Pedro", so stellt sich das Narbengesicht höflich vor. Dann kommt er zur Sache: Dies sei die letzte Warnung, falls Puchert seine Geschäfte nicht einstelle.
Um Zeit zu gewinnen, erkundigt sich Puchert, was ihm denn dafür geboten werde. Prompt läßt der kühle Druck im Nacken nach. Georg Puchert alias Captain Morris reibt sich den Hals; Pedro beginnt zu verhandeln. Man einigt sich auf einige Tage Bedenkzeit.
Schon am nächsten Tag, am Sonntag, dem 7. Dezember, setzt sich Puchert auf die Bahn und fährt nach Bonn, um seine dort residierenden algerischen Rebellen -Freunde zu unterrichten und um Schutz zu bitten.
Als er am Dienstagabend wieder auf dem Frankfurter Hauptbahnhof eintrifft, erwarten ihn dort bereits Pedro und sein Revolvermann. Noch einmal gelingt es Puchert, die beiden zu vertrösten.
Doch von nun an mehren sich die Anrufe in Pucherts Wohnung in der Lindenstraße. Die Drohungen werden massiver und deutlicher. Einmal deutet Pedro an, daß auch die damals 17jährige Tochter Pucherts, Marina, die bei der Mutter in Tanger lebt, gefährdet sei. Puchert kabelt sofort in die internationale Stadt und bittet Marina, nach Frankfurt zu kommen.
Noch ehe die Tochter Ende Januar auf dem Rhein - Main - Flughafen eintrifft, begegnet der Vater - wieder in Damenbegleitung - dem Pedro noch einmal:
Puchert hat nach Geschäftsverhandlungen im Godesberger Rhein-Hotel "Dreesen" eines Abends - Mitte Januar 1959 - seinen Wagen vor der Bonner Igel-Bar, Fürstenstraße 4, gestoppt und das Lokal durch die Glastür betreten, als eine französisch tuschelnde Tischrunde grell-elegant gekleideter Kavaliere, die gerade zu einem dröhnenden Gelächter ansetzt, jäh verstummt.
Puchert blickt hinüber und erkennt "Pedro". Stumm nicken die beiden einander zu.
Narbengesicht Pedro, Sohn einer algerischen Mutter und eines französischen Vaters, ist Ende 40, etwa 1,73 Meter groß und hat eine Boxer-Visage. Selbst angetrunken ist er mißtrauisch und zurückhaltend. Dennoch hat er sich in diesem Monat, in dieser Bar, in diesem Kreis seiner Treffsicherheit gebrüstet, mit der er am Morgen des 5. November 1958 vor der Tunesischen Botschaft bei Bonn dem FLN-Delegierten Ait Ahcene aus dem vorbeirollenden dunkelgrünen Mercedes drei Stahlmantelgeschosse in Kopf und Nacken gejagt habe.
Neben Pedro sitzt in der Igel-Bar an diesem Abend der ehemalige französische Polizeiinspektor Jean Viari - den Puchert schon im marokkanischen Casablanca kennengelernt hat. Viari, 37 Jahre alt, 1,82 Meter groß, ist von athletischer Gestalt und besitzt mit seinem schwarzen Haar und dunklen Augen eine gewisse Ähnlichkeit mit Elvis Presley.
Er wird "Le Tueur" (Der Killer) genannt und von den marokkanischen Sicherheitsbehörden wegen mehrerer Attentate in Casablanca zur Zeit des marokkanischen Unabhängigkeitskampfes gesucht.
Als Verbindungsmann zwischen Narbengesicht Pedro und dem Killer Viari einerseits und ihren Geld- und Auftraggebern in Paris andererseits diente damals der Igel-Bar-Besucher Roger (genannt Christian) Durieux, ehemals Beamter der französischen Geheimpolizei DST, seit 1957 ohne Bezüge beurlaubt, der ein wenig wie der junge Napoleon aussieht.
Dieses Terroristen-Trio hat im Januar 1959 in der Igel-Bar vor gleichgesinnten Zechkumpanen in vorgerückter Stunde damit geprahlt, "die nächste Aktion mit Hilfe
einer Autobombe todsicher gelingen" zu lassen.
Georg Puchert weiß diese Einzelheiten nicht. Aber er wittert die Gefahr. Kaum sind Narbengesicht Pedro, Killer Viari und ihre Zechkumpane aufgestanden und gegangen, da zieht er einen Zettel aus der Tasche, reicht ihn seiner Begleiterin und sagt: "Das ist die Abschußliste dieser Jungens. Auf dem Papier stehen Namen von Waffenhändlern - an der Spitze: Captain Morris - Puchert selbst.
Einen Monat später spürt Georg Puchert, wie sich das Netz um ihn zusammenzieht. Am Abend des 27. Februar 1959 schreibt er eine Drei-Zeilen-Mitteilung an seinen algerischen Freund und Mitarbeiter Abd el-Kader Noassri, der einst von Oberst Mercier aus der Schweiz verjagt wurde. Ihre deutsche Übersetzung lautet: "Bin sehr beunruhigt, werde verfolgt. Hatte eine böse Überraschung (Mercier). Muß Dich unbedingt sprechen."
Wie wohlbegründet die Besorgnis Pucherts ist, zeigt sich drei Tage danach. Am Abend des 2. März 1959 fühlt er sich elend und grippekrank. Um Zeit zu sparen, verzichtet er darauf, seinen Mercedes wie gewöhnlich in die verschließbare Box einer Großgarage der Frankfurter Innenstadt zu fahren. Immerhin parkt er ihn aus Sicherheitsgründen - fünf Minuten Fußwegs von seiner Wohnung entfernt - in der Guiollettstraße inmitten zahlloser in und ausländischer Fahrzeuge, deren
Besitzer zu der gerade eröffneten Messe nach Frankfurt geströmt sind.
Als Puchert am nächsten Morgen um 9.12 Uhr seinen Wagen besteigt und den Motor anläßt, reißt eine Detonation den schweren Mercedes auseinander. Im Umkreis von 70 Metern zerspringen die Fensterscheiben. Passanten werden zu Boden geworfen. Puchert sinkt über dem Lenkrad blutüberströmt zusammen. Sein Oberkörper fällt auf den Hupring und löst einen quäkenden Dauerton aus, der erst verstummt, als man den tödlich Verletzten - mit abgerissenem Bein und zerfetztem Unterleib - aus den Trümmern zerrt. Waffenaufkäufer Georg Puchert alias Captain Morris hat sein 43jähriges Leben auf standesgemäße Art abgeschlossen.
Bereits die Figuren der vier Gegenspieler, denen Georg Puchert in dieser letzten Phase seines abenteuerlichen Daseins begegnete, geben darüber Aufschluß, daß es sich bei seinem gewaltsamen Tod
nicht um einen Einzelfall handelt. Da ist Narbengesicht Pedro, der sich selbst des Mordes an dem algerischen FLN-Delegierten Ait Ahcene bezichtigte. Da ist der Killer Viari, dessen blutige Spuren bis nach Nordafrika zu verfolgen sind. Da ist das napoleonische Milchgesicht Christian Durieux, Mitarbeiter einer gefürchteten Spezialabteilung der französischen Geheimpolizei DST. Und da ist schließlich der legendäre Oberst Marcel Mercier von der französischen Abwehr.
Völlige Gewißheit aber, daß es sich bei dem Attentat auf Georg Puchert nur um ein Glied in einer sorgsam geplanten Mordserie handelt, erbringt eine Untersuchung der Hafthohlladung, die Puchert am Morgen des 3. März zum Himmel auffahren ließ.
Denn mit Bomben gleichen Modells wurden bisher folgende Auto-Attentate verübt:
- am 3. Juni 1957 in Hamburg gegen den Waffenhändler Schlüter, wobei dessen Mutter ums Leben kam;
- am 23. November 1958 im marokkanischen Rabat gegen den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Marokkos, den liberalen Franzosen Auguste Thuveny, der kurz vor seinem Tode einer weitverzweigten Organisation französischer Terroristen in Nordafrika und ihren hochgestellten Hintermännern in der französischen Armee, Diplomatie und Verwaltung auf die Spur gekommen war. Der Mordanschlag gelang;
- am 5. Juli 1959 in Rom gegen den dortigen Vertreter der algerischen FLN-Rebellen, Tajeb Boulahrouf. Bevor der FLN-Delegierte (genannt "Mabrouk", Glückspilz) an jenem Sonntag seinen Wagen bestieg, trudelte der Ball spielender Kinder
unter das Auto und löste den Zünder aus. Ein sechsjähriger Junge wurde in Stücke gerissen; sechs weitere Passanten wurden verletzt.
Alle drei Bomben waren nicht nur genauso konstruiert wie die Haftladung, die Georg Puchert tötete, sie stammten auch aus ein und derselben Werkstatt.
Der marokkanische Sicherheitsdienst fand ein unversehrtes, noch nicht explodiertes Exemplar der Serie im Kofferraum des Wagens eines in Marokko stationierten französischen Pionier -Stabsoffiziers. Dieser französische Pionier war allerdings nicht als Opfer ausersehen, sondern führte die Höllenmaschine in seinem Gepäck mit.
Farb-, Material- und Konstruktionsvergleiche dieser Bombe mit den Resten der in Hamburg, Frankfurt, Rom und Rabat verwendeten Sprengkörper ergaben einwandfrei die Gleichartigkeit aller dieser Hafthohlladungen.
Damit war die Beweiskette - ähnlich wie durch die personelle Verfilzung - auch durch den materiellen Zusammenhang der oft Tausende Kilometer voneinander entfernt explodierten Mordbomben geschlossen.
Auch das Motiv war in allen Attentats-Fällen erkennbar das gleiche: Frankreichs Kampf gegen den Aufstand der Farbigen Nordafrikas. Der algerische Krieg hatte nach Mitteleuropa übergegriffen.
In den Unabhängigkeitskämpfen der östlich und westlich von Algerien liegenden früheren französischen Protektorate Tunesien und Marokko - beide erlangten 1956 die Souveränität - wurde der französische Gegenterror geboren, ursprünglich zur Abwehr des Terrors der arabischen Nationalisten, später zur Beseitigung französischer Exponenten einer Verzichtpolitik, darunter so hohe Persönlichkeiten wie: Ministerpräsident Pierre Mendès -France, der zweimal mit dem Leben davonkam; sein Duzfreund, Industrie -Millionär Lemaigre-Dubreuil, der ins Gras beißen mußte; der "schlappe" Oberkommandierende in Algerien, General Salan, dessen Adjutant von dem Geschoß getötet wurde, das dem General gegolten hatte.
Mit zunehmender Dauer und Härte des algerischen Kampfes sprang der Untergrund-Kampf auf Europa über. Anders als die Aufstände in Tunesien und Marokko hatte sich die Auseinandersetzung in Algerien zu einem regulären Krieg entwickelt.
Der Nachschub der algerischen Rebellenarmee konnte nicht mehr in den arabischen Hauptstädten, aus zurückgelassenen Rüstungsbeständen in Nordafrika und durch Vermittlung kleiner Waffenschmuggler in den Spelunken der Levante gedeckt werden. Panzerfäuste und Dynamit, Schnellfeuergeschütze, Maschinengewehre und Granatwerfer waren rentabel nur auf dem europäischen Markt zu beschaffen.
Hinzu kam, daß die inzwischen von 17 Staaten diplomatisch anerkannte Regierung der algerischen FLN-Rebellen den Kampf auch auf politischem Gebiet begann und Europa mit einem Netz halbdiplomatischer FLN-Missionen überzog. Wieder reichten die staatsrechtlichen Mittel Frankreichs nicht aus, das bedrohte Terrain zu verteidigen.
Bis heute sind auf dem Nebenkriegsschauplatz Europa - außer in der Bundesrepublik - folgende Attentats -Opfer französischer Terroristen zu registrieren (siehe Graphik Seite 46):
- Henriette Tremeaud, Gattin des ehemaligen französischen Präfekten von Algier und damaligen (1957) Präfekten von Straßburg. Sie öffnete ein für ihren Mann bestimmtes Päckchen, das eine Sprengladung enthielt, und wurde getötet.
- der Tunesier Chikhaoui. Er wurde
- im Juni 1958 - in Marseille entführt,
gefoltert und erschossen.
- der aus Algerien stammende Rechtsanwalt Ould Aoudia, Verteidiger verhafteter algerischer Studentenführer in Paris. Er wurde - 1959 beim Verlassen seines Büros niedergeschossen.
- der FLN-Chef für Belgien. Er wurde
1957 in Charleroi erschossen.
- die spanische Sekretärin der FLN -Delegation in Madrid. Sie wurde 1957 erschossen.
- der römische FLN-Delegierte Tajeb Boulahrouf. Er kam mit dem Leben davon. Der Anschlag auf seinen Wagen tötete ein Kind.
- der Waffenhändler Marcel Leopold. Er wurde im September 1957 in Genf durch einen Schuß mit einem vergifteten Pfeilbolzen aus einem Spezialgewehr getötet (möglicherweise allerdings nicht von französischen Terroristen, sondern von Algeriern, denen er Kasein als Sprengstoff verkauft hatte).
Die zahlreichsten und schwersten Attentate, mit der höchsten Todesquote, ereigneten sich indes in Deutschland. Außer den Attentaten auf Schlüter, Ali Ahcene und Puchert wurden im Jahre 1959 in der Bundesrepublik noch drei weitere Mordanschläge verübt.
- Die FLN-Funktionäre Soualem und Nesbah wurden in Saarbrücken und Köln erschossen;
- der FLN-Waffeneinkäufer und Nachfolger Pucherts, Noassri, verlor bei einem Sprengstoffattentat in Frankfurt beide Hände.
Obgleich unmittelbar nach Pucherts Tod das Beweismaterial über diese Zusammenhänge zwischen Tätern, Motiven und Mordwaffen bei allen Attentaten noch nicht in seinem jetzigen Ausmaß vorlag, konnte der SPIEGEL schon damals, am 25. März 1959, erstmalig die Urheber der Mordserie bezeichnen: eine französische Geheimorganisation, die Gegenstand internationaler Verhandlungen zwischen Bundeskanzler Adenauer und Frankreichs Staatschef de Gaulle war und die seit der SPIEGEL -Veröffentlichung weltweite Publizität errang: Die "Rote Hand".
Nächste Woche :
Mord am Dom - Täter entkommen im Taxi - Die Rolle des Capitaine Serrano - SPIEGEL -Treff mit der "Roten Hand".
* Waffenhändler Seidenschnur datierte hier bewußt die Mai-Ankunft Pucherts auf Juli um, da er noch im Juni selbst mit Puchert ins Geschäft zu kommen gehofft hatte.
Waffenverkäufer Puchert: Unter der Flagge Costo Ricas...
Abwehr-Oberst Mercier alias Mesmer alias Rousseau alias Walleck: Servierte für Frankreich
Waffenhändler Schlüter
... Maschinengewehre für Nordafrika
Gesunkene "Atlas": Haftladungen unter Wasser...
...stoppen Nachschub über See: Gehobene "Rote Hexe"
Seidenschnur
Belkassim
Zerstörtes Schlüter-Büro: Der Sarg kam mit der Post
Bundesanwalt Dubois
Selbstmord am Sonntag
Demi-Diplomat Ahcene
Feuer frei ...
.. am Botschaftstor: Zerschossener Ahcene-Peugeot
Heuchert
Lie-Villa im Tessin: Lohn der Angst
Marina Puchert
Waffenhändler Lie, Freundin: Manche mögen's heiß
Durieux
Schlüter-Auto (Hamburg): Mutter tot
Boulahrouf-Auto (Rom]: Kind tot
Puchert-Auto (Frankfurt): Fahrer tot

DER SPIEGEL 10/1960
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