09.03.1960

DER TOD KOMMT MIT DER POST - Ein Bericht über Frankreichs „Rote Hand“

Europa ist zum Nebenkriegsschauplatz des Kampfes in Algerien geworden: 14 Mordanschläge, zwölf Tote zählt die registrierte Strecke von Frankreichs Terroristen im unterirdischen Krieg gegen die algerischen FLN -Rebellen, die in Europa Waffen und Verbündete für ihren Aufstand suchen. Die Mehrzahl der Attentate ereignete sich in der Bundesrepublik. Nachdem zwei Sprengstoffanschläge gegen den Hamburger Jagdwaffenhändler Schlüter zwei Tote gefordert hatten, der FLN-Delegierte Ait Ahcene vor der Tunesischen Botschaft bei Bonn über den Haufen geschossen und der vom französischen Abwehr-Obersten Marcel Mercier wiederholt gewarnte Chefeinkäufer der algerischen Rebellion, Georg Puchert, in Frankfurt mit seinem Auto in die Luft gesprengt worden war, nannte der SPIEGEL im März 1959 erstmalig den Urheber der Mord-Serie: Frankreichs Geheimorganisation "Rote Hand"
1. Fortsetzung
Drei Wochen nach der SPIEGEL-Veröffentlichung übernahm der mit den Ermittlungen im Fall Puchert beauftragte Frankfurter Oberstaatsanwalt Heinz Wolf auf einer Pressekonferenz am 16. April 1959 die SPIEGEL-Vokabel und machte sie für die Historie aktenkundig.
Heinz Wolf ist der Typ des amerikanischen "District Attorney", der kriminalpolizeiliche Ermittlungen selbst intensiv vorantreibt und die Öffentlichkeit durch Pressekonferenzen auf dem laufenden hält. So hielt er es im Fall des Mädchens Rosemarie Nitribitt; so hält er es mit der "Roten Hand".
Da Wolf Beamter der hessischen SPD-Regierung ist und zugleich das freundschaftliche Vertrauen des aus Hessen stammenden CDU-Außenministers Heinrich von Brentano genießt, brauchte er bei seinen Untersuchungen im Fall Puchert weniger außenpolitische Rücksicht auf das Bonner Buhlen um Frankreichs Gunst zu nehmen als etwa die Bonner, Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts bei ihren Ermittlungen im Fall des niedergeschossenen FLN-Delegierten Ait Ahcene.
Der Frankfurter Oberstaatsanwalt verkündete daher unumwunden, daß die "Rote Hand" mit größter Wahrscheinlichkeit in Verbindung oder sogar im Auftrag der militärischen Abwehr Frankreichs arbeite - wie es im SPIEGEL berichtet worden war.
Oberstaatsanwalt Wolf gab auch die Steckbriefe von drei Franzosen heraus, die der SPIEGEL im Zusammenhang mit dem Puchert-Mord genannt hatte:
- Narbengesicht Pedro,
- Killer Viari,
- Milchgesicht Durieux.
So ungeheuerlich die Anschuldigungen Wolfs klangen - ein halbes Jahr später wurden sie in Paris von einem der drei steckbrieflich gesuchten Verdächtigten öffentlich bestätigt und mit Details über die gutgeölte Mordmaschine der "Roten Hand" untermauert.
In den ersten Novembertagen des letzten Jahres wurde dem Pariser Vertreter der konservativen "Daily Mail", (London), Michael Jacobson, durch einen Mittelsmann gegen ein geringes Honorar ein Interview mit Christian Durieux angeboten.
Jacobson hielt damals nicht viel von den Gerüchten über die "Rote Hand", entschloß sich aber nach journalistischem Brauch, den Mann zumindest anzuhören. Er traf ihn am 3. November 1959 abends in einer Kneipe, ganz in der Nähe des "Daily Mail"-Büros, das zusammen mit den Vertretungen der britischen Nachrichten-Agentur Reuter und anderer Londoner Blätter in einer Seitenstraße der Grands Boulevards liegt.
Da Jacobson hier als Stammgast bekannt war, fürchtete er, häufig gestört zu werden, und schlug vor, in sein Büro hinüberzugehen; sein Gesprächspartner war bereit.
Jacobson begann das Interview voller Skepsis, ja ungläubig. Nach ein bis zwei Stunden hatte sich seine Einstellung geändert. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr: Der Mann, der ihm gegenübersaß, sich nie in Widersprüche verwickelte und auch auf die ausgefallensten Zwischenfragen sicher und schnell reagierte, war Mitglied eines wohlorganisierten Geheimbundes.
Zu seiner eigenen Person erklärte Christian Durieux dem "Daily Mail" -Vertreter nur vage, im Departement Oran geboren zu sein und in Paris vier bis fünf Adressen zu haben. Als Beruf gab er - nach einigem Zögern - "Beamter" an.
Dafür klang das, was Christian Durieux dem englischen Zeitungsmann über die Tätigkeit der "Roten Hand" mitteilte, so sensationell, daß Jacobson daraus eine 3000-Worte-Story fabrizierte.
Zwei Tage darauf sprach Durieux noch einmal im "Daily Mail"-Büro vor, um das gegebene Interview zu signieren. Diesmal erschien er in Begleitung eines Mannes, der ihm offensichtlich als Leibwächter diente. Der Gunman behielt den Hut auf, den grünlichen Regenmantel mit Gürtel an und nahm in einer Ecke Platz, ohne je den Mund aufzutun. Seine Beschreibung deckt sich mit der des Puchert-Feindes Pedro: Boxergesicht mit Narben, untersetzte Gestalt, vielleicht 50 Jahre alt.
Durieux, der sich bei der ersten Begegnung mit einem Personalausweis legitimiert hatte, überflog das englische Manuskript, verlangte an zwei oder drei Stellen kleine Änderungen und machte sich dann fertig zur Unterschrift. Er setzte zunächst seinen Namen in Druckbuchstaben unter das Manuskript, strich aber schließlich alles wieder aus.
Ende November erschien das Interview in der "Daily Mail". Stark gekürzt hatte es folgenden Inhalt:
"Ich, Christian Durieux, bin ein aktives Mitglied der 'Roten Hand', einer Geheimorganisation, die in Nordafrika gegründet wurde, um es den Terroristen auf deren Weise heimzuzahlen ...
"Die 'Rote Hand' ist weder eine Komische Oper noch rassistisch. Sie entstand aus dem Vorhandensein des Terrors. Ihr Symbol wurde als eine bewußte Erwiderung auf die 'Hand von Fathme', das Glücksemblem der Moslems, gewählt, das gewöhnlich in Gold oder Schwarz wiedergegeben wird. Unser Emblem ist rot: es steht für Blut ..."
Christian Durieux bestätigte sodann die Verantwortung der "Roten Hand" für sechs Attentate - darunter die Fälle.
Schlüter*, Ait Ahcene und Puchert -
und schloß: "Die 'Rote Hand' ist stolz auf die Morde, frohlockt aber nicht über, sie ..."
Diese Erklärung der "Roten Hand", von Zeitungen in drei Kontinenten nachgedruckt, rief in Paris die "Sureté Nationale" auf den Plan. Der Kommissar für Presseangelegenheiten forderte vorn "Daily Mail"-Vertreter Jacobson eine Photokopie des vollständigen Textes und erklärte, das Ganze sei eine Farce. So etwas wie die "Rote Hand" gebe es nicht. Keine französische Behörde habe jemals einen Paß auf den Namen Durieux ausgestellt. Die Polizei fahnde im Auftrag des Außenministeriums zur Zeit nach Durieux und werde Jacobson informieren, sobald er gefunden sei.
Christian Durieux wurde von der regulären Polizei nicht gefunden. Er nahm statt dessen von sich aus Kontakt zu seinen Freunden bei der französischen Geheimpolizei DST auf, für die er einst selbst gearbeitet hatte, und meldete sich schließlich eine Woche nach Erscheinen seines Interviews in der "Daily Mail", am Sonntag, dem 5. Dezember 1959, noch einmal bei der Presse diesmal im Pariser Büro der "Deutschen Presse-Agentur".
Zu diesem Anruf hatte ihn ein Rat bewogen, den Christian Durieux sich inzwischen eingeholt hatte - bei dem Rechtsanwalt und Parlamentsabgeordneten Jean Baptiste Biaggi.
Biaggi war schon seit Jahren der juristische Schutzpatron französischer Terroristen; unter anderem verteidigte er französische Attentäter, die einen Mordanschlag auf den Ministerpräsidenten Mendés-France geplant und auf den "schlappen" französischen Oberbefehlshaber in Algerien, General Salan, ausgeführt hatten.
Wie Durieux ein Korse, gehört Biaggi zu jenen korsischen "Ultras"-Verschwörern in Mafia-Format à la Arrighi, Battesti und Cathala, die am 13. Mai 1958 entscheidend mithalfen, durch den, Staatsstreich von Algier die IV. Republik zu stürzen und de Gaulle zu inthronisieren.
Inzwischen aus der gaullistischen Staatspartei UNR ausgeschlossen, für die sie nach dem Mai-Putsch in Frankreichs Parlament eingezogen waren, sind diese ehemaligen Steigbügelhalter de Gaulles heute als rechtsextremistische "Ultras" die Todfeinde des Generals und seiner V. Republik.
Biaggi, der auch bei dem zweiten Putsch von Algier Anfang dieses Jahres mitmischte, wurde nach dem Scheitern des Staatsstreichs denn auch von der Polizei de Gaulles als Staatsfeind festgenommen und achtzehn Tage lang in Untersuchungshaft gehalten, ehe ihn die Behörden im vergangenen Monat wieder auf freien Fuß setzten.
Er bewohnt in Paris ein elegantes 16-Zimmer-Appartement, liebt es, sich mit exzentrischen jungen Männern zu umgeben und pflegt Besucher in seinem Schlafzimmer zu empfangen.
Am Kopfende seines Bettes liegt dabei auf dem Nachttisch eine Maschinenpistole; am Fußende steht mit gefalteten Händen ein franziskanischer Hauskaplan, der dem Verschwörer frommen Mut zuspricht.
Biaggi lachend zum SPIEGEL über Durieux: "Er hatte die Sache mit der 'Daily Mail' ganz gut gemacht ... aber plötzlich Angst bekommen."
Der "Ultras"-Abgeordnete riet dem jungen Durieux, das Ganze als einen "Ulk" hinzustellen - genau wie es der Sureté-Beamte dem britischen Korrespondenten Jacobson gegenüber schon prophetisch getan hatte.
Christian Durieux erklärte sich einverstanden und informierte telephonisch die französische Geheimpolizei DST über seine Absicht.
Am Sonnabend, dem 5. Dezember 1959, klingelte Christian Durieux daher im Pariser dpa-Büro in der Rue St. Augustin an. Er schlug ein Treffen außerhalb der Redaktion vor - am Torbogen einer Brücke an der Porte de la Villette im Norden der Stadt. Erkennungszeichen: eine bestimmte Zeitung in der Hand.
Der dpa-Korrespondent Hartmut Stein wartete vergebens unter der Brücke. Dafür erschien Durieux dann am Nachmittag im dpa-Büro. Wiederum legitimierte er sich mit einer Identitätskarte. Seit seinem Treff mit dem "Daily Mail" -Korrespondenten hatte er sich zu Tarnzwecken einen dünnen Bart wachsen lassen.
Durieux erklärte nun, die von ihm gemachten Enthüllungen über die "Rote Hand" seien geeignet, die deutsch-französischen Beziehungen zu verschlechtern. Er gab - getreu den ihm von Biaggi erteilten Instruktionen - an, das Ganze sei ein Studentenulk gewesen. Er habe die Sache nur aufblasen wollen, um hernach die Luft abzulassen ("gonfler l'affaire pour la faire crever ensuite").
Kaum hatte Christian Durieux das dpa-Büro verlassen - die Meldung war noch nicht einmal über den Ticker gelaufen -, da klingelte schon das Telephon: Das französische Innenministerium erkundigte sich, ob Christian Durieux dagewesen sei und sein Ulk-Dementi abgeliefert habe - dasselbe Innenministerium, das den deutschen Ermittlungsbehörden noch wenige Wochen zuvor auf eine vertrauliche Anfrage geantwortet hatte: "Es gibt weder eine 'Rote Hand' noch einen Christian Durieux. Der einzige Durieux, auf den die Beschreibung des Oberstaatsanwalts Heinz Wolf und des SPIEGEL zutrifft, ist während des Indochina-Krieges gefallen."
Unter diesen bizarren Umständen - nachdem Christian Durieux zunächst mit seiner "Daily Mail"-Erklärung sich selbst zu einer Schlüsselfigur der "Roten Hand" ernannt und sich sodann mit seinem Ulk-Dementi als Erfüllungsgehilfe französischer Regierungsbehörden betätigt hatte - schien eine gründliche Prüfung seiner Identität und Rolle angebracht.
Mitte Februar 1960 setzte sich der SPIEGEL mit dem angeblich unauffindbaren Christian Durieux in Verbindung und verabredete für Sonntag, den 21. Februar 1960, eine Begegnung - auf Wunsch von Durieux außerhalb Frankreichs und der Bundesrepublik, auf Schweizer Boden.
Durieux suchte am Vorabend des Treffens seine früheren Arbeitgeber von der französischen Geheimpolizei DST auf und berichtete von dem geplanten Gespräch mit dem SPIEGEL. Nach seinen eigenen Angaben wurde ihm daraufhin von der Reise dringend abgeraten, dazu vorsorglich der Paß und die Identitätskarte abgenommen. Daß er dennoch die französische Grenze überschreiten konnte, verdankte er der Hilfe einflußreicher Freunde.
Am Sonntagmorgen Punkt zehn Uhr stieß ein kleiner, blasser Mann von südländischem Aussehen die Tür zur Gaststube des als Treffpunkt vereinbarten Wirtshauses in einem eidgenössischen Gebirgsdorf auf.
An der linken Brusttasche seines abgetragenen blauen Jacketts prangte ein großdeutscher "Hoheitsadler" in Gold mit Hakenkreuz. Er erhob die Hand zum "deutschen Gruß" und sagte mit leiser Stimme: "Ich bin Christian Durieux."
Der SPIEGEL hatte auf Bitten des Franzosen zu diesem Rendezvous in den Schweizer Bergen das Versprechen deutscher Sicherheitsbehörden mitgebracht, dem seit Monaten Gesuchten freies Geleit zu gewähren, falls er in der Bundesrepublik aussagen möchte. Außerdem waren zwei Funktionäre der algerischen Rebellen hinzugezogen, denen Durieux einen privaten Waffenstillstand anbieten wollte: die Bonner FLN-Delegierten Malek und Kassim.
Zögernd trat Durieux näher. Er war von zwei Landsleuten begleitet. Keinem der Anwesenden konnte das Zittern seiner Hände entgehen, als er seinen ersten Kaffee trank. Durieux: "Das kommt nur von der Kälte." Sein Tarn-Bart war wieder abrasiert.
Am kariert gedeckten Wirtshaustisch verkündete er sodann: "Ich bin gekommen, um der Wahrheit zu dienen ... aber ich muß mich an das (von Terroristenanwalt Biaggi vorgeschlagene und von der französischen Geheimpolizei gutgeheißene Studentenulk-)Dementi halten."
Dieses Bemühen, zwei Herren - dem Biaggi und der Wahrheit - zu dienen, führte zu folgendem Satz: "Ich bin ein Mitschöpfer und Organisator der 'Roten Hand', aber ich bin kein Killer. Außerdem habe ich mich von meinen Freunden losgesagt und spreche nur noch für mich selbst. Ich bin enttäuscht von den Attentats-Resultaten, enttäuscht, enttäuscht."
Durieux fuhr fort: "Nach wie vor bin ich der Ansicht, daß den Waffenhändlern, die sich am Algerien-Krieg bereichern, das Handwerk gelegt werden muß - auch und gerade in Deutschland, das ich liebe und bewundere."
Wer ist dieser seltsame Deutschenfreund? Roger, genannt Christian, Durieux wurde am 11. Mai 1929 in Tlélat im Departement Oran (West-Algerien) als Sohn eines Gendarmen geboren. Die Familie rühmt sich ihres korsischen Ursprungs, auf den Christian Durieux auch seine auffällige Ähnlichkeit mit dem jungen Napoleon zurückführt.
Vater Durieux, inzwischen verstorben, versah seinen Gendarmeriedienst in Thiersville, einem kleinen Ort zwanzig Kilometer südlich von Mascara im Departement Oran. In diesem kleinen Ort wohnen Mutter und Geschwister des Christian Durieux heute noch.
Seine Schulzeit verlebte der kleine Christian zunächst in Thiersville, dann auf dem Gymnasium von Oran, der stark spanisch beeinflußten Departementshauptstadt an der westalgerischen Mittelmeerküste.
Das Ende seiner Schulzeit fiel in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Gymnasiasten von Oran sich mit roten Ohren immer neue Heldentaten der französischen Maquisards während der deutschen Besetzung erzählten. Zu dieser Zeit beschloß Christian Durieux, ähnliche Husarenstreiche zu vollbringen, sobald er das Abitur in der Tasche haben würde.
Seine praktischen Übungen verlegte er zunächst auf das amouröse Gebiet: So kletterte er nachts über die hohe Mauer eines ängstlich gehüteten Mädchenpensionats im Herzen der Stadt und stieg nach halsbrecherischer Fassadenkletterei in ein im zweiten Stock gelegenes Zimmer.
Das Abenteuer endete mit einem kläglichen Rückzug: Die hellhörigen Schwestern vom "Heiligen Herzen Jesu", deren Obhut das Pensionat anvertraut war, entdeckten den Eindringling und trieben ihn in die Flucht.
Nachdem Durieux auf der Schule in Oran einmal in der Abschlußprüfung durchgefallen war, verließ er 1950 die Stadt und begab sich nach Paris, wo ein zweiter Versuch an einer anderen Schule schließlich den gewünschten Erfolg hatte.
Damals noch keineswegs araberfeindlich eingestellt, betrachtete Durieux die Nordafrikaner mit dem üblichen Gemisch von Verachtung und Paternalismus, wie es bei Algerien-Franzosen üblich ist. Hingegen entwickelte er sich frühzeitig zum Judenfeind und änderte seinen Vornamen Roger in Christian: "Roger klingt so jüdisch."
Seinen Militärdienst leistete er in Deutschland ab, zunächst bei einem französischen Artillerie-Regiment in der Pfalz, später auf einer Offiziersanwärter-Schule in Idar-Oberstein. Sein Antrag auf Versetzung nach Algerien wurde abgelehnt. Nach Ablauf seiner Dienstpflicht jedoch erfüllte sich sein Wunsch, gegen die arabischen Nationalisten zu kämpfen, in nichtmilitärischer Form: Er wurde Mitarbeiter einer Spezial-Brigade der Geheimpolizei DST für Nordafrika.
Auf Einladung eines jungen Mannes mit künstlerischen Neigungen, den Durieux in Saarbrücken kennengelernt hatte, reiste das napoleonische Milchgesicht im Sommer 1954 nach Hamburg. Schon bald sprach er recht geläufig Deutsch.
Er trug mit Vorliebe schwarze Reitstiefel, dazu einen Mantel im Schnitt eines Offiziers-Capes, und pflegte die Arme in so klassischer Imperator-Pose über der Brust zu verschränken, daß er allgemein "der kleine Napoleon" gerufen wurde.
Seine Ähnlichkeit mit dem großen Korsen nutzte er gelegentlich auch zum Broterwerb. In dem Kellerlokal "Im Versteck" (heute: "Enfant terrible") an der Rutschbahn in Hamburg gab er ein kurzes pantomimisches Gastspiel in der Rolle Napoleons.
Auch dem deutschen Film stellte er seine mimischen Fähigkeiten zur Verfügung: Im "Wunschkonzert" der Jungen Film Union (Hamburg) trat er als Komparse auf.
Bis auf wenige Wochen, die er unentgeltlich bei einer älteren Dame an der Alsterterrasse verbrachte, wohnte Christian Durieux bei einer Witwe vorgeschrittenen Alters im Malerwinkel Hamburg-Großflottbek.
Das Tagewerk des ärmlichen, aber stets charmanten und lebenslustigen Christian Durieux bestand lange Zeit vornehmlich darin, die Backfische der Nachbarschaft zum Tanz zu führen; sein Stammlokal war das "Barett".
Schließlich gab er dem Drängen seiner Freundin nach und ließ sich als Ferienvertretung für Französisch an der wohlrenommierten Hamburger "Berlitz School" engagieren.
Wieder erfreute sich Christian Durieux besonderer Beliebtheit bei unreifen und vollreifen Jahrgängen - bis sich im Oktober herausstellte, daß der "Professeur" Durieux seine Teenager -Schülerinnen nach Schulschluß zu pornographischen Aufnahmen heranzog.
Das Photoatelier, in dem die Aktaufnahmen der Sprachschülerinnen hergestellt wurden und zu Hunderten lagerten, befand sich im Keller einer Photoschule an der Rothenbaumchaussee.
Eine damals 16jährige Vorzugsschülerin, die zu ihrem Napoleon hatte ziehen wollen, von der Wirtin im Malerwinkel aber nicht aufgenommen worden war, hatte im Photo-Keller auch eine Zeitlang ohne Wissen der übrigen Hausbewohner logiert. Als sie von ihrem Vater in das gutbürgerliche Heim zurückgeholt wurde, beendete Durieux seine Tätigkeit als Französisch-Lehrer.
Christian Durieux wurde fristlos entlassen. Bei der Schlußszene im Direktionszimmer des Sprach-Instituts drohte er unter Hinweis auf den von Deutschland verlorenen Krieg und seinen Siegerstatus, Möbel und Schreibmaschinen durch das Fenster auf die Straße zu werfen, falls ihm nicht ein ordentliches Zeugnis ausgestellt und mindestens ein weiteres Monatsgehalt ausgezahlt werde. Die Schulleitung fügte sich seinen Wünschen.
Noch ein paar Monate lang durfte Christian Durieux bei seiner Wirtin im Malerwinkel wohnen. Dann war die alte Dame seine zahlreichen Backfisch-Gäste leid. Anfang 1955 reiste Christian Durieux nach Schweden, dem sagenhaften Frauenland.
Mit einer französischen Wanderbühne gastierte er auf schwedischen Schlössern, vornehmlich dort, wo es keinen Schloßherrn gab. Später gab er auch in Stockholm französische Privatstunden und verdiente sich nebenher etwas Geld mit Porträtzeichnungen in Cafés der schwedischen Hauptstadt.
Seine politischen Ansichten steigerten sich im "Land der Wikinger" (Durieux) ins Extreme. Er bezeichnete sich als Faschist, was er durch das Tragen schwarzer Hemden äußerlich zu dokumentieren suchte.
Dennoch geriet er im Sommer 1957 nicht aus politischen Gründen mit der Polizei in Konflikt, sondern wieder wegen Sittlichkeitsdelikte.
Nach Aushebung eines geheimen Klubs, "Bango", in dem Schülerinnen Stockholmer Lyzeen und mädchenhafte Knaben aus gutem Hause älteren Herren zugeführt wurden, konnte dem Christian Durieux zwar keine Beteiligung an den Erträgen des Unternehmens nachgewiesen werden, aber er wurde aufgefordert, Schweden zu verlassen.
Dazu Durieux heute: "Ich bin unschuldig mit einigen meiner Schauspiel-Freunde in einen Topf geworfen worden, die den Unwillen der Sittenpolizei erregt hatten."
So kehrte "der kleine Napoleon", um Sprachkenntnisse und Erfahrungen bereichert, im Herbst 1957 nach Paris zurück, wo er - nach Angaben des linksoppositionellen Pariser Wochenblattes "L'Express" - noch im selben Jahr von der Geheimpolizei DST als Inspektor "ohne Bezüge beurlaubt" Wurde.
Feststeht, daß er im Winter 1957/58 in Paris, in der Rue Solférino Nr. 7, lebte, in einer Privat-Schule außerhalb von Paris Sprachunterricht erteilte und in den Cafés des Quartier Latin, vor allem in der "Capoulade" am Boulevard St.-Michel, mit Rechtsradikalen aller Kreise zusammentraf und beim Aperitif Putschpläne schmiedete. Seine Freunde nannten ihn "Romeo" oder "Zazou", den wirren Bruder Leichtfuß.
Im Mai 1958, als die Armee in Algier putschte, organisierte Christian Durieux für seinen hohen Gönner, den rechtsextremen Politiker und Anwalt Biaggi, wilde Demonstrationen vor der Nationalversammlung, mit denen die Parlamentarier der IV. Republik in Furcht und Schrecken versetzt werden sollten.
Im Herbst desselben Jahres begann die Deutschlandmission des DST-Mitarbeiters. Er diente als Kurier zwischen rechtsextremistischen "Ultras"-Verschwörern, die für den französischen Endsieg in Algerien mit allen Mitteln streiten, und den in der Bundesrepublik stationierten Liquidations-Kommandos. Er überbrachte Instruktionen und Geld.
Zu seinen Treff-Lokalen gehörte die Bonner "Igel"-Bar. Dort wurde er wenige Tage vor der Ermordung Georg Pucherts wiederholt mit jenen zwei Franzosen in trauter Runde erblickt, nach denen die deutsche Kripo heute ebenfalls fahndet:
- dem Narbengesicht Pedro, von dem Georg Puchert im Dezember in Frankfurt wiederholt bedroht worden war und der sich im "Igel" rühmte, den FLN-Delegierten Ait Ahcene in Bonn niedergeschossen zu haben;
- dem ehemaligen Polizei-Inspektor, "Killer" Jean Viari, der schon von marokkanischen Sicherheitsbehörden wegen Beteiligung an mehreren Attentaten in Marokko (1953 bis 1956) gesucht wird.
Am 14. März 1959, elf Tage nach der Ermordung Pucherts, als bereits eine Großfahndung nach dem Terroristen-Trio begonnen hatte, saßen Durieux, Viari und Pedro in dem Nachtlokal "China-Bar", Köln, Im Klapperhof, ein letztes Mal in Deutschland zusammen.
Der Mitarbeiter des Presseattaches der Französischen Botschaft in Bonn, Louis Hirn, dessen Name bald darauf in Verbindung mit der "Roten Hand" von Pariser Zeitungen genannt wurde, befand sich an jenem Tage zwar auch in Köln, aber - wie er dem SPIEGEL bekundete - auf einem Empfang des "Rettet die Freiheit" - Gründers Otto Stolz.
Allerdings endete der Empfang der "Freiheitsretter" ungleich eher als die Party in der China-Bar, die erst in den frühen Morgenstunden auseinanderging. Frankreichs Diplomat Louis Hirn leugnet entschieden, für den Rest der Nacht den
Terroristen Jean Viari in seinem Heim, Bad Godesberg, Denglerstraße 50, untergebracht zu haben.
Und Frankreichs Botschafter Seydoux bezeichnete in einer Presse-Erklärung die Verdächtigungen gegen Louis Hirn als "völlig aus der Luft gegriffen". Trotzdem sucht Louis Hirn heute eine neue Stellung; sein unmittelbarer Vorgesetzter, Botschaftsrat Morizet, wurde mit Wirkung von 1. Januar dieses Jahres nach Paris zurückgerufen.
Bleibt also der Abzug des "Killers" Jean Viari aus der "China-Bar" ungeklärt, so ist der Fortgang des Christian Durieux belegt: Er benutzte einen Lieferwagen der Cognac-Firma "Camus", einen Citroen mit der Nummer 691 AT 16. Der Wagen ist unter dieser Nummer in Nizza auf den Namen des dortigen Vertreters der Cognac-Firma zugelassen. Ob Durieux in ihm die ganze Rückreise bis nach Frankreich unternahm, ist umstritten. Durieux lächelnd zum SPIEGEL: "Ich habe die deutsche Grenze nicht in diesem Wagen überquert. Im übrigen muß ich mich an mein Dementi halten."
Wenn Frankreichs Regierung jedoch im Dezember letzten Jahres gehofft haben sollte, mit diesem "Ulk-Dementi" des Christian Durieux die "Rote Hand" als Fama abgetan zu haben, so sah sie sich getäuscht. Noch binnen Monatsfrist erhielt der mit den algerischen FLN-Rebellen sympathisierende SPD -Bundestagsabgeordnete Hans Jürgen Wischnewski am Neujahrsmorgen dieses Jahres von der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts eine offizielle telephonische Warndurchsage: "Die 'Rote Hand' ist wieder am Werk."
Die "Rote Hand" hatte sowohl kurz vor als auch kurz nach der Durieux -Affäre in Deutschland zugeschlagen; wiederum markierten Tote und Verstümmelte die Fährte dieses "Studentenulks".
Diese Konzentration des Mord-Terrors in der Bundesrepublik hat vielschichtige Ursachen: In Deutschland hat die FLN ihre europäische Nachschubzentrale aufgeschlagen, weil sie von hier aus ihre Aktionen zentral steuern kann und deutsche Ressentiments gegen Frankreich für die algerische Sache mobilisieren zu können hofft.
Außerdem bestehen seit Großmuftis Zeiten zwischen arabischen Nationalisten und ehemaligen NS-Kreisen personelle Beziehungen, die auch heute noch gepflegt und genutzt werden; von den deutschen Militärexperten unter dem Ex-Wehrwirtschaftsführer Voss in Ägypten führt ein gerader Weg zu deutschen Waffenlieferanten mit NS-Vergangenheit, die den algerischen Aufstand mit Nachschub versorgen.
Seelenverwandtschaften neuerer Art konnten die Algerier in ihrem Kampf gegen den französischen Erbfeind mit der SPD herstellen, die nicht nur traditionell das Unabhängigkeitsstreben aller Kolonialvölker fördert, sondern in ihrem Kampf gegen Adenauer besonders bereit war, sich sofort mit jedem Gegner von des Kanzlers französischem Verbündeten zusammenzutun.
Die rege FLN-Tätigkeit in Deutschland und die daraus resultierenden Attentats-Serien haben allerdings auch noch einen höchst profanen Grund: Nirgendwo in Europa läßt sich so leicht und so reichlich mit Kanonen und Panzerfäusten schieben, wie in dem Staat, der für jede Jagdflinte einen Waffenschein verlangt - in der Bundesrepublik.
Nach Kriegsende untersagten zunächst der Kontrollrats-Befehl Nummer 2 sowie das Kontrollrats-Gesetz Nummer 43 und später das alliierte Gesetz Nummer 24 (vom 30. März 1950) generell "Herstellung und Erzeugung, Einfuhr, Ausfuhr, Beförderung, Lagerung oder die Verwendung sämtlicher Waffen ... sämtlicher Geschosse ... sämtlicher eigens für militärische Zwecke ausgerüsteten Fahrzeuge ... Kriegsschiffe aller Arten ... Luftfahrzeuge jeder Art".
Das alliierte Gesetz Nummer 38 vom 5. Mai 1955 hob diese umfassenden Verbotsvorschriften auf, so daß der Artikel 26 Absatz 2 des Grundgesetzes rechtswirksam wurde: "Zur Kriegführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz."
Bundeskabinett und Bundestag hatten mit dem vom Grundgesetz geforderten Kriegswaffengesetz allerdings keine Eile. Die Regierung behilft sich seit nun bald fünf Jahren mit vier einander ergänzenden "Bekanntmachungen".
Im "Bundesanzeiger" stand dazu: "Bis zum Erlaß des laut Artikel 26 Absatz 2 des Grundgesetzes vorgesehenen Gesetzes sind Anträge auf Herstellung, Beförderung und das Inverkehrbringen von Kriegswaffen an den Bundesminister für Wirtschaft zu richten."
Die Verfassungsvorschrift einschränkend, fügte das Wirtschaftsministerium hinzu: "In Artikel 26 Absatz 2 des Grundgesetzes sind die Einfuhr, die Ausfuhr und die Durchfuhr von Kriegswaffen nicht als genehmigungspflichtige Tatbestände aufgeführt."
Den algerischen Rebellen, die um Maschinenpistolen bitten wie gute Christdemokraten um das tägliche Brot und Atombomben, konnte diese Lücke im Gesetz nicht entgehen. Die erlaubte "Einfuhr, Ausfuhr und Durchfuhr von Kriegswaffen" ließen Westdeutschland zur wichtigsten Etappe der nordafrikanischen Aufständischen und ihrer Waffenhändler werden - und damit zum Schlachtfeld der "Roten Hand".
In ihrem jammernden Lamentieren über den "Dschungelkrieg" in der Bundesrepublik übersehen westdeutsche Politiker und Gazetten geflissentlich diesen Punkt - daß eine schlampige deutsche Gesetzgebung Rebellen und Terroristen nach Westdeutschland eingeladen hatte.
Mehr als das: Deutsche Behörden beteiligten sich an diesem Waffenhandel noch, als die Mordserie bereits lief. So offerierte ausgerechnet eine Dienststelle der unter Leitung des CDU-Innenministers Dufhues stehenden Polizei Nordrhein-Westfalens im Herbst 1959 interessierten Nordafrikanern einen Lager-Posten von 1500 amerikanischen Mauserpistolen, mit denen die amerikanische Besatzungsmacht nach dem Krieg die deutsche Polizei ausgerüstet hatte.
Erst Ende vergangenen Jahres hat der Ministerialrat Dr. Heinze vom Bundeswirtschaftsministerium schließlich doch noch den Entwurf eines "Ausführungsgesetzes zum Artikel 26 Absatz 2 des Grundgesetzes (Kriegswaffengesetz)" fertiggestellt, in dem das "Herstellen, Befördern und Erwerben von Kriegswaffen" in Deutschland ohne Lizenz des Bundeswirtschaftsministeriums endlich für strafbar erklärt wird.
Vier Jahre zuvor verabschiedet, hätte ein solches Gesetz genügt, um zumindest die meisten der vielbeklagten "Rote Hand"-Attentate in Deutschland zu verhindern. Da es ein solches Gesetz nicht gab, wurde Westdeutschland zum Stadion tödlicher Spiele.
Eine Verhaftung Ende Januar dieses Jahres in Frankfurt beweist, daß zumindest die Kriminalpolizei auch für das Jahr 1960 mit dem Fortgang dieser Spiele und einer neuen Anschlag-Serie rechnet: Am 22. Januar, morgens um sieben Uhr, wurde in seiner Wohnung, Telemannstraße 4, der Bulgare Kanio Tontscheff-Loseff verhaftet, dessen vielseitige Vermittlungsgeschäfte im Telephonbuch mit der Bezeichnung umschrieben sind: "Internationale Relationen".
Als offizieller Vorwand für die Verhaftung diente eine vor Jahren ausgesprochene Verurteilung wegen Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe, die Tontscheff nun endlich antreten solle. Tatsächlich aber erfolgte die Verhaftung auf Veranlassung der Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts.
Die Sicherungsgruppe hatte entdeckt, daß Tontscheff mit dem FLN-Funktionär Abd el-Kader Noassri befreundet gewesen war, der nach der Ermordung Pucherts die europäische Koordinierung algerischer Waffenkäufe überwachte.
Der Bulgare Tontscheff hatte diese Freundschaft dazu benutzt, insgesamt etwa 30 Waffenhändler zu photographieren, die mit seinem Bekannten Noassri Geschäfte machten. Diese Bilder bot Tontscheff im Januar interessierten Stellen meistbietend zum Kauf an.
Unter Frankfurts Waffenhändlern brach eine Panik aus. Pucherts Geschäftsfreund Helmuth Müller, der bereits 1958 vom französischen Abwehr -Oberst Marcel Mercier gewarnt worden war, seine Finger aus dem algerischen Geschäft zu lassen, erbat Polizeischutz.
Um - wenn noch möglich - den Verkauf der Waffenhändler-Porträts an die "Rote Hand" zu verhindern, entsann sich die Polizei der alten Verurteilung Tontscheffs und setzte ihn hinter Schloß und Riegel.
Tontscheffs Photoversteigerung war durch das Verschwinden seines Freundes Abd el-Kader Noassri von der Frankfurter Szene ausgelöst worden. Dieser neue Chefeinkäufer der algerischen Revolution hatte das Feld ebensowenig freiwillig geräumt wie sein Vorgänger Puchert. Am letzten Tag des vergangenen Jahres, zehn Monate nach der Ermordung Pucherts, war auch auf dessen Nachfolger Abd el-Kader Noassri, 28, in Frankfurt ein Sprengstoff-Attentat der "Roten Hand" verübt worden.
Noassri war vier Tage vor Pucherts Tod der Empfänger der letzten Puchert -Botschaft gewesen: "Bin sehr beunruhigt, werde verfolgt. Hatte eine unangenehme Überraschung (Mercier). Muß Dich unbedingt sprechen."
Da Noassri selbst bereits 1956 von demselben Oberst Mercier aus der Schweiz verjagt worden war, wußte er, daß dieser Abwehr-Oberst nicht gern mit sich spaßen läßt. Er verhielt sich daher nach Pucherts Ermordung im März 1959 womöglich noch vorsichtiger als sein Vorgänger. Er benutzte kaum ein Taxi - wenn, dann nur eines, das an einem Stand in längerer Reihe parkte -, und ständig wechselte er seine Wohnung.
Seine gesamte Post ließ Noassri aus Sicherheitsgründen an das Postschließfach 2721 in der Frankfurter Innenstadt adressieren und meist von einem Beauftragten abholen.
Kurz vor Weihnachten 1959 ging Noassri jedoch einmal selbst zum Schließfach, sortierte gleich dort die eingegangene Post aus, warf Reklame und ähnliche Drucksachen fort, steckte wichtige Briefe ein und prüfte den Rest.
Darunter befand sich an jenem Tage ein Taschenkalender der Hamburger Bank für Gemeinwirtschaft, bei der er ein Dollarkonto unterhielt. Noassri steckte den Kalender ein, beging aber die Unvorsichtigkeit, die Verpackung unzerstört in den Papierkorb des Postamts zu werfen.
Die Rothände, die Noassri ständig überwachten und auch das Postamt unter Beobachtung hielten, fischten diese Kalenderverpackung nach dem Fortgang des Algeriers aus dem Papierkorb, fertigten eine Imitation an und verwendeten sie als Hülle für ein Weihnachtsgeschenk ihrer Art: eine Höllenmaschine.
Wenige Tage später - Noassri war inzwischen in das Frankfurter Hotel "Palmenhof" umgezogen - brachte am Silvestermorgen gegen zehn Uhr ein Briefträger dem Algerier seine Tagespost aus dem Schließfach ins Hotel, denn Noassri wollte mit dem Vormittagsflugzeug vom Rhein-Main-Flughafen nach Nordafrika abfliegen.
Der Postbote trat ein, als Noassri schon in Hut und dickem Wintermantel abfahrbereit, den Koffer in der Hand, in der Halle wartete.
Der Algerier steckte die an ihn adressierten Briefe, darunter ein kleines, schmales Päckchen, ungeöffnet in die Manteltasche, sah auf die Uhr und stellte fest, daß der bestellte Mietwagen, der ihn zum Flugplatz bringen sollte, nicht pünktlich zur Stelle war.
Er benutzte die unvorhergesehene Wartezeit, sich noch einmal von seinem engsten Mitarbeiter zu verabschieden, einem im selben Hotel logierenden Algerier. Dieser algerische Langschläfer lag noch im Bett - ein Umstand, den er nicht bedauern sollte. Denn während Noassri, im Zimmer auf und ab gehend, seinem Freund noch einige belanglose Dinge erzählte und dabei abwechselnd auf die Uhr und durch das Fenster sah, ob der Mietwagen wohl eingetroffen sei, öffnete er achtlos, fast automatisch die Post, die er eigentlich erst während des Fluges in Ruhe hatte durchsehen wollen.
Das kleine Päckchen - Noassri mußte es nach Absender und Verpackung für einen zweiten, versehentlich abgeschickten Taschenkalender der Hamburger Bank halten - öffnete er ohne jeden Argwohn.
Als Abd el-Kader Noassri den Bindfaden abriß, krepierte die im Päckchen verborgene Sprengstoffladung. Die Explosion war so heftig, daß sie Noassri beide Hände abriß, das Zimmer verwüstete und die Fenster samt Rahmen auf die Straße fliegen ließ. Nur dem Umstand, daß er das Päckchen stehend und im Schutze eines dicken Wintermantels geöffnet hatte, verdankt der FLN-Agent sein Leben.
In einem von Polizisten bewachten Krankenzimmer wieder zum Bewußtsein gelangt, knurrte Noassri: "Allah sei Dank, daß es hier in Deutschland passiert ist. Hier gibt es gute neue Hände zu kaufen."
Nach welchen Händen Frankfurts Polizei und Staatsanwaltschaft unterdessen suchten, wurde am Morgen nach dem Attentat, am Neujahrsmorgen 1960 offenbar, als der sozialdemokratische Algerier-Freund und Bundestagsabgeordnete Wischnewski die telephonische Kripo-Warnung erhielt, seine umfangreiche Neujahrspost, darunter zahlreiche Päckchen und Taschenkalender, nicht ohne sorgsame Vorprüfung zu öffnen: "Die 'Rote Hand' ist wieder am Werk."
Der Anschlag auf den algerischen Waffeneinkäufer Abd el-Kader Noassri ist zwar das bisher letzte Sprengstoff -Attentat der "Roten Hand", war aber keineswegs die einzige Ursache für die Kripo-Warnung: Seit dem Tod Pucherts, nach dem die Vokabel von der "Roten Hand" in Deutschland zum erstenmal geprägt wurde, hatten sich weitere Zwischenfälle und Morde ereignet, die den Verdacht der Kripo zur Gewißheit werden ließen, es mit einer machtvollen politischen Geheimorganisation zu tun zu haben.
Auch diese Anschläge wurzelten direkt in dem algerischen Konflikt. Hatten aber die Attentate gegen Otto Schlüter (Hamburg), Georg Puchert und Abd el-Kader Noassri (Frankfurt) in erster Linie dem Rüstungsnachschub der Rebellenarmee gegolten, so richtete sich die zweite Mordserie - wie schon das Attentat gegen den FLN-Delegierten Ait Ahcene vor der Tunesischen Botschaft bei Bonn - gegen politische Funktionäre der FLN-Rebellen. Die Drehscheibe dieser Anschläge ist Belgien.
Kurz nach Mitternacht in der ersten Morgenstunde des 3. Oktober 1959 hielt vor dem belgischen Zollhaus am französisch-belgischen Grenzübergang Bleharies ein mit drei Männern besetzter Ford Versailles.
Obgleich der belgische Zöllner Fernand Dorchies in dem Fahrer den Dentisten Andre Kuarez aus dem nahegelegenen Saint-Amand erkannte, stellte er die Routinefrage, was denn in dem Paket sei, das einer der beiden Beifahrer mit ostentativer Harmlosigkeit als Kopfstütze benutzte. "Cognac", war die Antwort.
Zöllner Fernand Dorchies verlangte, daß die nächtlichen Grenzgänger das Paket öffneten. Zum Vorschein kam kein Schnaps, sondern mehr als ein Kilogramm jenes plastikartigen Sprengstoffs, von dem zwei Fingerhüte voll genügen, um ein größeres Zimmer mit allen darin befindlichen Personen und Gegenständen wirksam zu zerlegen.
Die anschließende Durchsuchung des Wagens förderte noch eine Maschinenpistole und dazugehörige Munition zutage. Widerstandslos ließen sich die drei Sprengstoff-Transporteure verhaften. Es waren
- der ehemalige Algerien-Fallschirmjäger und Zahnarzt Andre Kuarez aus Saint-Amand, 36,
- der Schlosser Claude Housseaux, 36, aus Cambrai, und
- der ehemalige Abgeordnete der französischen Nationalversammlung (1956 bis 1958) und Tapezierer Jean -Claude Berthommier, 37, ein Poujadist aus Etampes.
Die verhafteten Terroristen versuchten zunächst, sich mit völlig unglaubhaften Angaben herauszureden: Das Paket stamme von einem ihnen unbekannten Anhalter, den sie mitgenommen hätten.
Später bequemten sie sich zu dem Geständnis, der Sprengstoff sei für ein Attentat gegen den ehemaligen Berufsboxer und algerischen Eigentümer des Cafés "Le Progrès" im belgischen Charleroi, Chérif Attar, bestimmt gewesen.
So unangenehm diese Erklärung dem belgischen Justizminister war, der noch kurz zuvor Berichte über Aktivitäten der "Roten Hand" in Belgien als "Phantasie" bezeichnet hatte, so zweifelhaft ist ihr Wert.
Der Cafébesitzer und Berufsboxer Chérif Attar ist zwar Algerier und sympathisiert mit den Rebellen. Er ist jedoch weder Führer noch Funktionär der FLN.
"Ich weiß nicht, warum sie mich umbringen wollten", gestand Attar ganz verstört; inzwischen ist er nach Tunesien ausgewandert.
Die erste Warnung, die der Algerier erhalten hatte, war bei ihm denn auch erst nach Verhaftung der Terroristen eingetroffen, augenscheinlich, um die Aussagen der Verhafteten nachträglich zu bestätigen. Die Drohung war typisch für den Stil der "Roten Hand". Sie hatte folgenden Wortlaut:
"Herrn Attar Chérif, Chef der FLN -Buschräuber, 'Café du Progrès', Charleroi. Wer hat Dir die Aufenthaltserlaubnis gegeben, um hier gegen Frankreich Komplotte zu schmieden, Du alter Wilder aus dem arabischen Busch? Geh nach Tunesien kämpfen, das wäre mutiger, Du Verräter. In Frankreich riskierst Du die Todesstrafe, denn Du bist ein FLN-Rebell und Buschräuber. Du hast hier in Belgien nichts zu suchen, wir wollen in Belgien keine dreckigen Araber. Wir werden in Paris dafür sorgen, daß Frankreich Deine Auslieferung verlangt. Es lebe Französisch-Algerien! Tod den Fellaghas! Wie schade, daß es den dreien nicht geglückt ist, Deinen Laden in die Luft zu sprengen, diesen Unterschlupf von Fellaghas und Gesetzlosen. Die Rote Hand."
Allerdings steht zu vermuten, daß der nach Belgien transportierte Sprengstoff nicht für den Barbesitzer Attar bestimmt war, sondern für Attentate in Deutschland verwendet werden sollte. Denn schon für den 4. Oktober, einen Tag nach der nächtlichen Grenzverhaftung, hatte die "Rote Hand" in Bonn ein neues Attentat auf den Wagen eines durchreisenden FLN-Emissärs geplant.
Sprengstofflos mußten die Terroristen diesmal auf die übliche Hafthohlladung verzichten. Sie probierten eine neue Methode: Am Morgen des 4. Oktober umstellten sie, sieben Mann hoch, in der Bonner Innenstadt die Limousine des algerischen Kuriers, als der mit seinem Fahrer gerade in das Auto geklettert war.
Die neue Methode erwies sich als Fehlschlag. Im selben Augenblick, da die Rothände auf den Wagen zutraten, löste sich aus dem Gewühl der Bonner Sonntags-Kirchgänger ein gutes halbes Dutzend muskulöser, dunkelhäutiger Gestalten. Die FLN-Algerier hatten Unheil gewittert und Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Verblüfft ließen die Kidnapper der "Roten Hand" von dem Kurier -Wagen ab und gaben Fersengeld, ehe die Keilerei beginnen konnte.
Noch im gleichen Monat schlug die "Rote Hand" am Rhein abermals zu - diesmal wieder erfolgreich, wieder tödlich, und wieder führte die Spur nach Belgien:
Am Abend des 22. Oktober 1959 wurde in Köln der FLN-Funktionär Ahmed Nesbah, 28, erschossen, einst jahrelang Organisationschef des "Mouvement National Algérien" (MNA), einer Konkurrenzgruppe der FLN.
Es war nicht das erste Mal, daß der Name dieser Rivalenorganisation der algerischen FLN-Rebellen im Zusammenhang mit der "Roten Hand" genannt wurde.
Der MNA-Generalsekretär Moulai Merbah war 1956 von dem französischen Geheimdienstobersten und Puchert-Jäger Marcel Mercier mit Hilfe des später durch Selbstmord geendeten Bundesanwalts Rene Dubois aus der Schweiz ausgewiesen worden; Moulai Merbah residierte dann mehrere Jahre in Köln und verließ die Stadt erst wenige Tage vor der Ermordung seines ehemaligen Freundes Ahmed Nesbah im Oktober 1959, um sich nach Oberbayern abzusetzen.
Das zweite Mal tauchten die drei Buchstaben MNA bei der Ermordung des FLN-Delegierten Ait Ahcene im November 1958 in Bonn auf: Jener Ben Ali Mahdani, der den dunkelgrünen Mercedes gemietet hatte, aus dem Ait Ahcene von dem Narbengesicht Pedro niedergeschossen wurde, war - wie der stellvertretende Chef des Bundeskriminalamts, Regierungskriminaldirektor Dickopf, in Paris hatte feststellen können - ein Funktionär des MNA.
Beide Zusammenhänge, in denen das MNA erwähnt wurde, zeigen bereits, wie seltsam doppelbödig das Verhältnis des MNA zu französischen Behörden ist; gemeinsam ist dem MNA und der französischen Abwehr samt ihrer "Roten Hand" jedoch zweifellos der tödliche Haß gegen die FLN.
Das MNA lehnt die Terrormethoden der FLN in Algerien ab. Ihr Führer, der bärtige Messali Hadsch, der seit 40 Jahren mit demokratischen Mitteln für die Unabhängigkeit Algeriens streitet, lebt schon lange unter französischer Polizeiaufsicht in einem Landhaus zu Chantilly bei Paris.
Obgleich das MNA in den von der FLN-Armee kontrollierten Bergen Algeriens nie Fuß zu fassen vermochte, beherrschen MNA-Partisanen weite Gebiete der südlich Algeriens gelegenen Sahara. Zu Tausenden strömen Algerier in Frankreich auf Lkw zu den sonntäglichen Versammlungen des MNA -Führers Messali Hadsch nach Chantilly.
Der im Oktober 1959 in Köln erschossene ehemalige MNA-Organisationschef, Ahmed Nesbah, war zwischen Weihnachten und Silvester 1958 von dem MNA zur FLN übergelaufen: Unter Mitnahme seiner elf engsten Mitarbeiter, einiger Zentner Akten und einer wohlgefüllten Kriegskasse, mehrerer Autos und eines kleinen Waffenarsenals reiste er damals über Saarbrücken und Bonn nach Tunis, dem Sitz der algerischen FLN-Rebellenregierung.
Überläufer Ahmed Nesbah behauptete, die finanzielle und politische Abhängigkeit des MNA von der französischen Abwehr sowie die Beteiligung des MNA an mehreren Attentaten der "Roten Hand" hätten ihn zu diesem Frontwechsel veranlaßt.
Er und das Fähnlein seiner elf Überläufer wurden von der FLN nach gründlicher Vernehmung und Gehirnwäsche Anfang 1959 nach Europa zurückgeschickt, mit dem risikoreichen Auftrag, im Saargebiet und in Belgien verbliebene MNA-Anhänger für die FLN abzuwerben.
Wie lebensgefährlich diese Mission war, sollte sich alsbald erweisen: Die zwölf waren kaum in Europa angelangt, da wurde am 19. Januar 1959 auch schon der erste, mit Namen Soualem, auf der Treppe des Hauptbahnhofs von Saarbrücken zusammengeschossen. Die Täter, frühere Freunde des Ermordeten aus den Reihen des MNA, entkamen nach Frankreich.
In den folgenden Monaten verschwanden nach und nach fünf weitere Überläufer, teils in belgische Gefängnisse, teils ins Leichenschauhaus.
Ein siebter wurde in Trier denunziert und von der deutschen Polizei verhaftet. Ein achter, Hamidouche Mokhtar, der vor dem Frontwechsel jahrelang im Saargebiet gelebt und sich danach in Köln niedergelassen hatte, wurde von der Kölner Polizei, ohne daß ein Auslieferungsverfahren stattgefunden hätte, Mitte September morgens aus dem Bett geholt und an die französische Gendarmerie in Saargemünd ausgeliefert. Er befindet sich zur Zeit im Pariser Gefängnis Santé
Am 22. Oktober 1959 hatten sich Ahmed Nesbah und zwei der ihm gebliebenen drei Mitarbeiter - Outaleb Ramdane, einst Generalsekretär der MNA-Gewerkschaft USTA, und Khaldi Boussef - mit zwei noch dem MNA anhängenden Algeriern in der Schenke des Kölner Hotels "Neunzig" am Dom bei Kaffee und Limonade drei Stunden lang mit Abwerbungsgesprächen die Zeit vertrieben.
Dann hob Ahmed Nesbah die Tafel auf und zahlte; allgemeine Wangenküsserei nach heimatlichem Brauch schloß die Begegnung.
Nesbah und seine beiden Mitarbeiter schlenderten zu dem neben dem Hotel "Neunzig" gelegenen Parkplatz. Die beiden MNA-Männer folgten in kurzem Abstand. Wenige Sekunden später knallten Pistolenschüsse. Ahmed Nesbah brach tot zusammen. Outaleb Ramdane erhielt einen Bauchschuß, und nur Khaldi Boussef konnte sich mit einem Hechtsprung hinter eine Limousine retten.
Vier Stunden dauerte es, bis die Kölner Kriminalpolizei aus dem verstörten Boussef in arabisch-französischem Kauderwelsch Tatumstände und Personalbeschreibung der Täter herauslocken konnte. Inzwischen hatten sich die Mörder in Seelenruhe auf die Flucht gemacht.
Nach getaner Arbeit stärkten sie sich zunächst in einer anderen Gaststätte, telephonierten dann ein Taxi herbei und traten so - noch am 22. Oktober ihren Rückzug ins Ausland an.
Gegen 22.15 Uhr trafen sie an der deutsch-belgischen Grenze bei Aachen -Bildchen ein; die deutsche Grenzkontrolle schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, und auch der belgische Zoll ließ sie passieren.
Die beiden Algerier fielen dem belgischen Grenzer zwar durch ihre große Erregung auf, die er aber dem Umstand zuschrieb, daß sie ihren Kölner Taxifahrer nicht voll hatten bezahlen können. Anstelle der geforderten 80 gaben sie ihm nur 65 Mark und versprachen, den Rest per Postanweisung zu schicken. Da sie französische Personalausweise neueren Datums vorzeigen konnten, ließen Taxifahrer und Zöllner sie ungehindert nach Belgien hinein.
Das "Blitz"-Fernschreiben der Kölner Kripo mit Festnahme-Ersuchen und Personalbeschreibung der beiden mutmaßlichen Mörder traf an der Grenzstation erst in den frühen Morgenstunden des 23. Oktober ein. Um diese Zeit waren die beiden Algerier schon über alle Berge.
Die beiden Attentäter, die der deutschen Polizei so in gemütlicher Taxifahrt entkamen, waren:
- Idir Boudjemer, genannt "Farid", geboren 1933, Personalausweis Nummer 4602, Mitglied eines Rollkommandos des MNA nahe von Jeumont, zuletzt in Lüttich wohnhaft, und
- Rabah Chittabi, genannt "Si Rabah",
geboren 1932, Personalausweis Nummer 21 169, Chef eines MNA -Rollkommandos in Valenciennes, zuletzt in Lüttich wohnhaft.
Lüttich, wohin die beiden Mörder des Ahmed Nesbah entwichen, ist in der Tat ein Außenposten der "Roten Hand", in dem zahlreiche Fäden von französischer Abwehr und MNA zusammenlaufen. Mit dem von Lüttich aus gesteuerten Mord am Dom zu Köln hat die "Rote Hand" in Deutschland ihre auch in anderen Ländern erprobten Attentatsmethoden komplettiert:
- Der Waffenhändler Georg Puchert
wurde in Frankfurt durch eine Haftladung am Auto in die Luft gesprengt, wie sie auch bei den Attentaten gegen Otto Schlüter (Hamburg), den französischen Rechtsanwalt Thuveny (Rabat) und den FLN-Delegierten Boulahrouf (Rom) verwandt wurde.
- Der Nachfolger Pucherts, FLN -Funktionär Noassri, erhielt per Post ein ähnliches Sprengstoff -Päckchen wie die Frau des Präfekten von Straßburg, Henriette Tremeaud, und ein Apotheker in Meknès (Marokko), die beide beim Öffnen der Sendung starben.
- Der FLN-Delegierte Ait Ahcene
wurde in Bonn durch eine MP -Garbe aus einem fahrenden Auto umgelegt, wie 1955 der Duz-Freund des ehemaligen Ministerpräsidenten Mendès-France, Millionär Lemaigre -Dubreuil, in Marokko.
- Der MNA-Überläufer Ahmed Nesbah wurde in Köln durch simple Revolverschüsse getötet, wie 1952 das erste prominente Opfer der "Roten Hand"; Tunesiens Freiheitskämpfer Ferhat Hached.
Damals, vor nunmehr acht Jahren, begann in Nordafrika der inzwischen auf Europa übergesprungene Verzweiflungskampf französischer Terroristen gegen Frankreichs kolonialen Niedergang. Damals - 1952 in Tunesien - wurde die erste "Rote Hand" gegründet.
* Der Hamburger Büchsenmachermeister Otto Schlüter, der nach Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft niemals Kriegswaffen nach Nordafrika geliefert hat, zog sich nach dem zweiten gegen ihn gerichteten Sprengstoffattentat endgültig aus dem Nordafrika-Geschäft zurück. Der Waffenaufkäufer der algerischen Rebellen, Georg Puchert, der ihn Ende 1958/Anfang 1959 zweimal aufsuchte, wurde daher zweimal von ihm abgewiesen. Die Konkursverbindlichkeiten aus dem Jahre 1953 von Otto Schlüters "Hubertus-Metallwerke KG" in Höhe von DM 360 000 sind inzwischen bis auf DM 80 000 von ihm bezahlt worden. Das im Zusammenhang mit dem Konkurs schwebende Strafverfahren ist von 23 Anklagepunkten auf zwei reduziert worden, über die in der Hauptverhandlung entschieden wird.
"Kleiner Napoleon" Durieux: Terrorist oder Spaßvogel?
Terroristenanwalt Biaggi
Erst aufgeblasen ...
Oberstaatsanwalt Wolf
... dann Luft abgelassen
Kuarez, Housseaux, Berthommier: Im Schnapspaket Sprengstoff
Kriminaldirektor Dickopf
Mörder im Mercedes
Brief-Empfänger Attar
"Du alter Wilder ...
... riskierst den Tod": Drohbrief der Roten Hand
MNA-Organisator Merbah
Ausgewiesen
MNA-Chef Messali
Eingefangen
Polizisten, Opfer Nesbah: Nach der Limonade ...
... Wangenküsse und Pistolenschüsse: Parkplatz, Hotel "Neunzig"

DER SPIEGEL 11/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DER TOD KOMMT MIT DER POST - Ein Bericht über Frankreichs „Rote Hand“

  • Spektakulärer Arbeitsplatz: Die Fensterputzer von Dubai
  • Weltrekord: Die Welt hat eine neue steilste Straße
  • E-Auto in der Ukraine: Klein, elektrisch, selbstgebaut
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel