15.08.1956

WELTANSCHAUUNG / ANTISEMITISMUSDer falsche Fünfzehner

Zweiundzwanzig Stunden dauerte die Vernehmung, der sich Guido Roeder, Inhaber des Widar-Verlages in Oberammergau, in seinem schmucken Oberammergauer Holzhäuschen Am Osterbichl 7 hatte unterziehen müssen. Dann reisten die zwei Beamten der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes wieder aus dem Passionsspielort ab. Sie wußten genug über den Mann, der prominenten Adressaten in der Bundesrepublik seit kurzem antisemitische Hetzschriften zusendet.
Seit einigen Wochen finden mehr oder weniger Prominente in ihrem Posteingang ein von Guido Roeder verlegtes schwarz und rot gedrucktes Pamphlet mit der Überschrift: "SOS-Rufe aus den USA! Die kommende rote Diktatur." Der Text des Machwerkes ist in 64 durchnumerierte Absätze aufgegliedert und mit gezeichneten Fratzen durchsetzt, die amerikanische Politiker Militärs und Bankiers jüdischer Abkunft darstellen sollen.
Die 64 Absätze lesen sich so:
- "1. Du wirst erschossen!
- "2. Oder, wenn es gut geht, in die Konzentrationslager kommen, die sie für Dich errichtet haben bei Avon Park. Florida; Allenwood, Pennsylvania; Florence, Arizona; Tula Lake, Florida; und El Reno, Oklahoma.
- "3. Es sei denn, daß Du sofort handelst,
um dieser Verschwörung Einhalt zu tun, welche ständig seit vielen Jahren an Umfang zunimmt und jetzt ihre Führer in den erwünschten Machtpositionen hat, bereit, um die Stricke anzuziehen, welche die christliche Menschheit für immer fesseln sollen.
- "9. Es ist die Verschwörung der Sataniden, um die Christen zu versklaven und über sie als Könige über Sklaven zu herrschen.
- 12. Dieser Plan besteht seit 400 Jahren
auf Grund der Anordnungen durch den großen Sanhedrin von Konstantinopel in seinem Rache-Protokoll von 1492."
Der Leser, dem nicht geläufig ist, was wohl Sataniden sein könnten, muß sich an eine Fußnote auf dem Pamphlet halten, die heißt: "Betr. Sataniden siehe Offenbarung Johannis Kap. 2, 9 und 3, 9."
Wer nun die Bibel zur Hand nimmt, wird immer noch nicht viel klüger. Dort heißt es: "Ich weiß deine Werke und deine Trübsal und deine Armut (du bist aber reich) und die Lästerung von denen, die da sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind des Satans Schule."
Und: "Siehe, ich werde geben aus des Satanas Schule, die da sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, daß sie kommen sollen und niederfallen zu deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe."
Den beiden Beamten des Bundeskriminalamtes hat Guido Roeder, ein 68jähriger Mann, die "Sataniden" näher erläutert: "Ich weiß gut Bescheid in hebräischen Worten und Zahlwerten. Das Wort Jude ist gleich den Zahlen 10 und 5. Die 15 aber bedeutet übersetzt: 'Das Werk ist vollbracht'." Roeder weist auf die Berliner Arbeiter hin, die "Fuffzehn machen, das heißt Pause, weil die Arbeit bis dahin erledigt ist".
Roeder folgerte nun weiter: "Demnach ist der echte Fünfzehner der physisch vollendete Mensch, der gute Jude, und deshalb wurde Christus König der Juden." Er, Roeder, wende sich nicht gegen die echten Fünfzehner, sondern gegen jene Juden, die Christus ans Kreuz geschlagen hätten, gegen die Pharisäer und Geldwechsler, kurz gesagt - und für Roeder gedanklich völlig klar - gegen die Sataniden.
Sataniden seien heutzutage "jene Juden, die den Mißbrauch des Hoheitsrechtes der Geldschöpfung betreiben". Gemeint sind die jeweiligen Mitglieder der Staatsbanken. Nach Roeder wird diese Tätigkeit nur von Juden und fast ausschließlich "von den internationalen Finanzjuden" ausgeübt.
Am Schluß des Sataniden-Pamphlets, das Guido Roeder verschickt, findet sich der Hinweis "an jedermann":
"Das Werk von Eustace Mullins: 'Federal Reserve Conspiracy' ist soeben in deutscher Sprache erschienen. Der Titel lautet: Die Bankierverschwörung von Jekyl Island. Das Werk ist im Widar-Verlag Guido Roeder, (13b) Oberammergau Obb., Postfach 58, erschienen. Bei Vorauszahlung des Preises von 3,45 Mark auf Postscheckkonto 100 96 München erfolgt der Versand portofrei."
Roeders provozierendes Pamphlet, das eine Übersetzung einer amerikanischen Flugschrift ist - in der amerikanischen Fassung steht überall "Jews" (Juden), wo Roeder "Sataniden" setzt -, soll eine Werbung für den Bezug jenes Buches sein.
Das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen hat jedoch 9000 Exemplare (von 10 000 aufgelegten) der "Bankierverschwörung" beschlagnahmt; denn "diese Schrift enthält in tendenziöser Art Äußerungen gegen eine Gruppe von jüdischen Finanzmännern, die geeignet sind, einen Haß gegen jüdische Volksteile hervorzurufen und zu schüren und dadurch eine Gefährdung der Öffentlichkeit herbeizuführen".
Obwohl diese Formulierung Irrtümer nicht ausschließt, wurde dem Roeder klar, daß ihm nun ein Prozeß droht. Nach Artikel I des Bayerischen Gesetzes Nr. 14 wird nämlich mit Gefängnis bestraft, "wer durch Äußerungen oder Handlungen des Rassenwahnes oder Völkerhasses die Bevolkerung beunruhigt und dadurch die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet".
Diese Aussicht ficht den Guido Roeder aber nicht an. Im Gegenteil, er lechzt nach Publizität. Nur so kann er sich der Vorstellungen, die er von sich selber hat, würdig erweisen. "Wir sind ein uraltes, gutes Geschlecht", pflegte er, der Sohn eines Gutsbesitzers aus Berlin-Lichtenberg, oft und gern zu betonen und Körners "Genealogisches Handbuch" vorzulegen, dessen Band 14 der Familie Roeder gewidmet ist.
In der Schule hatte es Guido Roeder freilich trotz seiner vielversprechenden Abkunft und trotz gut bezahlten Privatunterrichtes nur bis zur Obersekunda-Reife gebracht. Dann steckte ihn sein Vater zur kaufmännischen Lehre in den Getreide - und Futtermittelhandel, schickte ihn als Volontär auf ein Gut bei Braunschweig und schließlich in die Rheinische Bank nach Essen.
Als königlich-preußischer Leutnant der Reserve, mit welchem Titel er noch heute Briefe unterschreibt, kehrte Guido Roeder aus dem ersten Weltkrieg heim, sah, wie das Vaterland im argen lag und gründete 1919 den Widar-Verlag in Berlin, "denn wie Widar in der Götterdämmerung die bösen Mächte siegreich bekämpfte, kämpfte ich fortan gegen den Wucher, genauer gesagt gegen den Notenbankwucher".
Wer in der germanischen Mythologie nicht bewandert ist, muß nun wieder nachschlagen, um zu erfahren, daß Widar der Schweigsame aus dem Geschlecht der Asen ein Sohn Odins und der Riesin Grid war, der beim Weltuntergang als Rächer Odins den Fenriswolf tötet und die schreckliche Katastrophe überlebt
In der von ihm selbst in den zwanziger Jahren verfaßten und im eigenen Verlag herausgegebenen Broschüre "Im Morgenrot der Weltrevolution" schreibt Roeder von sich selbst: "Herr Roeder teilte uns mit, daß er bereits während des Krieges 1914-18 Mitglied des Alldeutschen Verbandes sowie des 'Verbandes gegen Überhebung des Judentums' war. Als Mitglied des Verbandes gegen überhebung des Judentums' war er an der Herausgabe des Buches 'Die Geheimnisse der Weisen von Zion' insofern beteiligt, als er den Fries am Hause Walther Rathenaus in Berlin, Victoriastraße, entdeckte, der aus etwa 30 Schalen bestand, auf denen sich enthauptete Königsköpfe, an den Kronen zu erkennen, befanden. Eine photographische Wiedergabe des Frieses befand sich in der ersten Auflage der Weisen von Zion."
Es war klar, daß sich Verleger Roeder vor allem völkischem Schrifttum zuwandte. Das Hauptwerk des Widar-Verlages jener Jahre wurde der Doppel-Prachtband "Sönne Sonnings Söhne auf Sonnensee", den ein Ellegard Ellerbeck ersonnen hatte.
Es ist auch fast selbstverständlich, daß Roeder damals zum "Münchner Beobachter", dem späteren "Völkischen Beobachter", drängte. Von 1919 bis 1920 schrieb er im "Münchner Beobachter" fünfzehn Artikel, die sich sämtlich mit der Zinsknechtschaft befaßten.
Der Lehrsatz vom Gegenwert
1920 beschloß Roeder, dem deutschen Volke in der Form einer "Königsbotschaft" vor Augen zu halten, in welchem Zustand des Verfalles es sich befinde und wie dem abzuhelfen sei. Die Botschaft, unterschrieben "Der deutsche König" - das war Roeder -, enthielt Sätze wie: "So sende ich Dir, Mein deutsches Volk, die erste Botschaft ... Jüdisches Geldwesen untergrub Deine Freiheit und Freude am Schaffen, indem es Dich in die Netze der Wucher-, Steuer- und Zinswirtschaft verstrickte ... Ein Opfer sehe ich Dich der Raubgier jener schwarz, rot, goldenen Internationale: Jesuitentum, Demokratie und Kapitalismus."
Bald gelang es Roeder nicht mehr, weitere Artikel über diesen verwerflichen Zustand im "VB" zu veröffentlichen. So gab er sich dem Privatstudium der Astrologie und des Okkultismus hin. Außerdem trat er in Berlin dem "Bund der Guoten" bei.
Trotz ihrer völkischen Gesinnung und ihrer Abneigung gegen Zinsknechtschaft und jüdische Bankiers schlossen die Nationalsozialisten den Widar-Verlag; Guido Roeder war ihnen zu absolut. Roeder zog sich ins Kleine Walsertal zurück und wurde von einer tiefen Abneigung gegen die Nationalsozialisten erfaßt.
Diese Abneigung teilte er im Sommer 1942 der Musikstudentin Charlotte Barth im "Sporthotel" in Baad ausführlich mit - er gab der Ansicht Ausdruck, Adolf Hitler stamme von Ostjuden ab -, was zur Folge hatte, daß er wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde.
Dort sei er, berichtet Roeder, als "Reichsfeind Nr. 1" behandelt worden, mit Einzelhaft und ohne Spaziergang im Hof. Daß es nicht zu schlimmerem kam, ist für Roeder einfach zu erklären: "Ich war bei Himmler als Astrologe geschätzt, da ich - ohne den Auftraggeber zu kennen - über 30 Horoskope für ihn berechnete und dazu Charakteranalysen lieferte."
Roeders nie rastender Geist fand auch in Dachau ein weites Feld: "Ich entdeckte das Geheimnis der gotischen Kathedralbaukunst und vollendete meinen Lehrsatz vom Gegenwert." Dieser Lehrsatz lautet: "Der Gegenwert der Nutzung ist die Erhaltung."
In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg betrieb Guido Roeder in Schachen
am Bodensee zunächst das "Septentrio", ein "Institut für Kosmosophie". "Ich bin", sagt Roeder von sich selbst, "ein bekannter, seriöser Astrologe." In dieser Eigenschaft arbeitete er am Bodensee von morgens bis abends Horoskope aus, das Stück für 100 bis 150 Mark. Das waren Roeders fette Jahre, in denen er viel Geld verdiente.
1952 konnte der Widar-Verlag endlich wieder gegründet werden, nachdem Roeder für erlittene KZ-Haft als Opfer des Nationalsozialismus entschädigt worden war und sich ein Holzhaus in Oberammergau gebaut hatte.
Er veröffentlichte eine zweite Auflage von "Jim Morgenrot der Weltrevolution". 1955 erschien die Broschüre "Sowjet-Agenten überall". Darin kommen Sätze vor wie: "Ausländische Historiker, an der Spitze amerikanische Archivare, haben wiederholt darauf hingewiesen, daß die Zahl der Juden, die in deutschen-KZ-Lagern umkamen, tausendfach (!) übertrieben wurde. Heute leben in Israel und Westdeutschland genau soviel Juden wie vor dem Kriege in dem von Deutschland während des Krieges besetzten Raum ... Während des ganzen Krieges sind Juden aus dem deutschen Raum scharenweise entkommen!"
Für diesen Text fühlt sich Roeder allerdings nicht verantwortlich. Auch sein enger Freund, der als Herausgeber dieser Broschüre zeichnende Rittmeister außer Diensten Dietrich von Kuenheim, sei ebenfalls nicht verantwortlich, sagt Roeder. Das photokopierte Manuskript habe ihm der Düsseldorfer Innenarchitekt Dieter Klingelhöller eines Tages gebracht. Klingelhöller wiederum habe es von dem "russischen Finanzjuristen Zöllner" erhalten. Den Kern dieses sonderbaren Heftes aber habe ein heute in Freiburg lebender Dr. Kurt Seesemann geschrieben.
Unbefangen druckte Roeder am Schluß der Broschüre einen Briefwechsel ab, den er mit der Kanzlei des Bundespräsidenten gehabt hatte. Roeder hatte der Kanzlei vor den Bundestagswahlen 1954 schriftlich geraten, Gerüchten entgegenzutreten. Heuss sei ein "Vierteljude". Hans Bott, persönlicher Referent des Bundespräsidenten, antwortete dem Roeder, des Präsidenten Familiengeschichte sei allgemein bekannt, man brauche nichts zu dementieren.
Als Roeders Broschüre "Sowjet-Agenten überall" mit dem angehängten Präsidialamts-Briefwechsel im Februar dieses Jahres vorlag, schrieb Heuss-Referent Bott wütend an Roeder, man müsse glauben, der damals so besorgt klingende Brief habe provokatorischen Charakter gehabt. Roeder antwortete, dies sei eine Beleidigung der verantwortlichen Herren, "die ausnahmslos Offiziere sind".
Theodor Heuss machte seinem Ärger über den Guido Roeder in einem kräftigen Brief nach Oberammergau Luft. Diesen Brief mit der eigenhändigen Unterschrift des Bundespräsidenten zeigt Roeder heute nicht ohne Stolz herum.
Zu einem öffentlichen Ärgernis wurde Guido Roeder jedoch erst, als er vor kurzem die "Bankierverschwörung von Jekyl Island" durch seine Flugblattversendungen propagierte.
Weil sich Empfänger des "Sataniden" -Pamphlets beim Bundesinnenministerium darüber beschwerten, daß der Druck derartiger Texte heute in Deutschland schon wieder möglich sei - Druckerei W. Heimberg, Stade -, wies Innenminister Gerhard Schröder das Bundeskriminalamt an, Ermittlungen anzustellen.
Als Astrologe sieht Guido Roeder aber voraus, daß ihn die Gerichte vorläufig nicht behelligen werden. Erst im Januar werde die Konstellation etwas ungünstig.
Daß Guido Roeder sein Flugblatt nicht mit Photographien amerikanischer Politiker und Militärs illustrierte, sondern mit gezeichneten Fratzen in der Manier des nationalsozialistischen "Stürmer", will er ernsthaft damit erklären, die Klischees der Photographien seien nicht rechtzeitig eingetroffen.
Der Künstler, der die Fratzen für 15 Mark das Stück ganz offensichtlich mit Lust am politisch Bösen zu Papier brachte, ist der Schnitzlehrer Hans Schwaighofer aus Oberammergau, der bei den berühmten Passionsspielen den Judas Ischariot darstellte.
"Sataniden"-Verleger Roeder, Freund von Kuenheim: Beschwörung des groben Sanhedrin
"Sataniden"-Zeichner Schwaighofer
Im Passionsspiel Judas Ischariot

DER SPIEGEL 33/1956
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